29.12.1986

„Sag's doch, es war Menschenfleisch“

SPIEGEL-Redakteurin Swantje Strieder über den Prozeß gegen den zentralafrikanischen Ex-Kaiser Bokassa *
Das schwere Eisentor zur kaiserlichen Villa öffnet sich. Ein kleiner alter Palastwächter in verwaschenem T-Shirt und Plastiksandalen schlurft durch den verwilderten Park voller leuchtendgrüner Bäume und Schlingpflanzen.
Vor dem einst vergoldeten Thron Seiner Majestät nuschelt der Wächter: "Stellen Sie sich vor, Madame, Sie hier auf den Knien vor dem Kaiser und um Gnade flehend." Hier hat Bokassa I., ein kleiner Hauptmann der französischen Kolonialarmee, der sich selbst zum Kaiser von Zentralafrika krönte, über mißliebige Untertanen zu Gericht gesessen, dabei seine Hausmarke Chivas Regal in sich hineinlaufen lassen und schlimmer geflucht als Richard Nixon.
"Sie flehen um Gnade, aber er trinkt noch mehr Whisky und lacht böse", phantasiert der Führer. "dann kommen die Wachen und zerren Sie hinüber zu den Löwenkäfigen."
Die Raubtiere warteten wirklich in Eisenkäfigen hinter dem kleinen, mit Duftwässern parfümierten Bach. Das Opfer litt stundenlang in einer kleinen Zelle auf Tatzenweite neben den Bestien, bis der verrückte Herrscher endlich die Hand hob, das Zeichen gab, die schweren Trenngitter hochzulassen - Nero in Afrika.
Das alles ist erst sieben Jahre her. 1979, als in der Welt ruchbar wurde, daß in Bokassas Gefängnissen über 100 einheimische Schulkinder erstickt oder erschlagen worden waren, jagten die Franzosen das kaiserliche Monster davon, das sie lange genug an der Macht gehalten hatten. Heute huschen Eidechsen zwischen den Gitterstäben der sandigen Grube durch, und es ist, als hänge immer noch ein Faulgeruch in der Luft.
Von der einst pompösen Hofhaltung der Villa Kolongo in der Hauptstadt Bangui, berühmt für viel Marmor und schlechten Geschmack, ist nicht viel übriggeblieben. Nach dem Sturz des Potentaten plünderte das wütende Volk den Herrensitz, riß allen Dekor von den Wänden, zerdepperte die französischen Lüster über der sternförmigen Tanzfläche, wo nur Seine Majestät sich mit Kaiserin Catherine, einer seiner insgesamt 17 Ehefrauen, drehen durfte.
So richtig freien Lauf ließen die Untertanen ihrem Zorn in Bokassas Schlafzimmer, das sich zum Swimming-pool und den Gemächern seiner Mätressen hin öffnet. Von "Papa Boks" legendärem Rundbett zeugt nur noch ein halbzersplitterter Holzrahmen. Die Kabel für die Videokameras, über die Bokassa, unter Verfolgungswahn leidend, das gesamte Terrain von seiner Schlafstatt aus überwachte, hängen aus der Wand. Nur eine Galerie schöner nackter Skulpturen aus Rotholz blieb unberührt - wie Fetische in einer Welt des Bösen.
In der kaiserlichen Hofküche öffnet das Faktotum eine dunkle, leere Kammer, dahinter eine zweite Tür: der berüchtigte Kühlschrank, in dem die französischen Paras beim Aufräumen in Bokassas Gruselschloß im September 1979 die Leichen fanden.
Der Wächter watschelt zurück in die Küche und zeigt auf Vertiefungen im gefliesten Boden. "Das waren die Blutrinnen, denn wenn Majestät ein Festessen gaben, wurde hier ''quelquechose'', irgend etwas halt, geschlachtet." Da johlen drei Studenten los, die mitgelaufen sind, die Bokassa-Hinterlassenschaft zu besichtigen. "Irgend etwas, irgend etwas", kichern sie, "sag''s doch, es war Menschenfleisch." Wütend geht der Wächter auf die Jungen los und raunt: "Er ist wieder da."
Er ist wieder da? Der "King of Kongs", wie der "Quotidien de Paris" ihn einst hämisch betitelte, ist zurückgekommen. Am 23. Oktober gegen sechs Uhr morgens stand er plötzlich majestätisch lächelnd auf der Gangway der Air-Afrique-Maschine aus Europa. "Ich bin und bleibe Kaiser dieses Landes", hatte Bokassa der Zeitschrift "Jeune Afrique" zuvor anvertraut, "ich möchte bei den Meinen sterben, eines natürlichen Todes, bitte schön."
Heimlich hatte Bokassa sein Schlößchen in Hardricourt bei Paris verlassen, wo der erlauchte Asylant ein karges Leben fristen mußte. Ungastlich hätten die Franzosen sich gegenüber ihrem treuesten Diener gezeigt, klagte er, der doch für sie gegen Nazi-Deutschland und in Indochina zu Felde gezogen war.
Mit seiner mageren Offizierspension von 2000 Mark (plus zehn Mark Sold von der Ehrenlegion), der ihm als höchstdekoriertem Afrikaner in der französischen Kolonialarmee zustand, konnte der arme Exilant nun nicht mehr seine Strom- und Wasserrechnung bezahlen. Seine 15 Kinder (40 weitere ließ er in Afrika) äßen in ihrer Not "wilde Früchte und Pilze aus dem Park", lamentierte der Mann, der einst mit Koffern voller Banknoten und Diamanten gereist war.
Und schuld an alledem, so Bokassa, sei sein früherer Freund und "Verwandter", Valery Giscard d''Estaing, einst Finanzminister, dann Staatspräsident.
Wahr ist, daß die Franzosen Bokassa so lange unterstützten, wie er "Frankreichs bester Freund in Afrika" (Giscard) war. Paris sah dem schwarzen Ziehsohn jede Marotte nach: seinen Putsch von 1966 und die Präsidentschaft auf Lebenszeit; seine kurze sozialistische Laufbahn anläßlich eines politischen Flirts mit der DDR; seine Konversion zum Islam. "um meinem ausgezeichneten Freund Gaddafi zu gefallen"; _(In Bangui am 15. Dezember 1986. )
schließlich seine bombastische Kaiserkrönung 1977, bei der Napoleon-Fan Bokassa 30 Millionen Dollar französischer Staatsgelder verpulverte.
Schließlich hatte er dem Mutterland auch etwas zu bieten: Heim und Horst für 3000 französische Soldaten, Zentralafrika als geostrategische Festung in Frankreichs einst riesigem afrikanischen Kolonialreich. Und großzügig war der schwarze Mann auch. Dem seinerzeitigen Finanzminister Giscard verehrte er ein Diamantengebinde im Wert einer halben Million Mark.
Noch als Präsident erholte sich der kultivierte Franzose Giscard zweimal im Jahr auf Elefantenjagd bei Kaiserfreund Bokassa. Der ließ ihm auch öfter "was junges Knuspriges", so Diplomaten in Bangui, auf die Suite schicken.
Betrüblich für den Diamanten-Kaiser, der im Exil seine Krone zerhämmern und die kostbaren Steinchen verscherbeln lassen mußte: Weder Giscard noch dessen Nachfolger haben ihm seine Gefälligkeiten gedankt.
Und so ergriff den alten Mann, dem Geschichte und Gloire ("de Gaulle, Napoleon und ich") ein ernstes Hobby waren, das große Heimweh. Seinen Koffer packten ihm angeblich andere - drei geheimnisvolle weiße Männer-, die ihm auch einen falschen Paß besorgten.
Waren es Handlanger belgischer Diamantensyndikate, die sich von Bokassas Rückkehr eine neue Geschäftsblüte in der maroden Republik erträumten, wie es am Pariser Quai d''Orsay hieß?
Oder waren es gar unzufriedene, miteinander konkurrierende französische Geheimdienstleute, die in einer Art Tropenkoller neue Intrigen ersannen?
Jedenfalls platzte der zurückgekehrte Bokassa wie eine Bombe ins träge, verschlafene Bangui, das den Charme einer in die Tropen verpflanzten französischen Provinzstadt hat. Das aufregendste Ereignis der letzten Jahre war ein bösartiges Nilpferd vor dem Rockhotel, das schnaubend neben den Fischern des Ubangi-Flusses auftauchte und ihre malerischen Piroggen zum Kentern brachte.
Ein bißchen mehr hätten seine Untertanen bei der Rückkehr schon jubeln können. Doch nichts passierte, von ein paar Hochrufen "Es lebe der Kaiser'' und "Bokassa, starker Mann" abgesehen. Nach einer Stunde hatte sich der brave Präsident Kolingba, ein ehemaliger Bokassa-General, auf dringenden Rat seines französischen Beraters, des allmächtigen Obersten Jean-Claude Mansion, ein Herz gefaßt: Er ließ den unerwarteten Gast verhaften.
Mansion chauffierte den Heimkehrer persönlich in sein komfortables Gefängnis im "Camp de Roux, so wie der gutaussehende Geheimdienstoberst eben alles im Lande persönlich erledigt. "Er ist schrecklich", sagt Präsident Kolingba über seinen französischen Schatten. "er weiß alles, sieht alles, macht alles."
Natürlich hat Mansion auch den Bokassa-Prozeß organisiert. Lässig steht der "James Bond aus dem Busch" in seiner Khaki-Uniform vor dem Gerichtssaal, als einzige Waffe den Walkie-talkie in der Hand, im Mundwinkel die Gitane, für die Zentralafrikaner die Inkarnation der Kolonialmacht.
Einmal schon, 1980, war der Mörderkaiser in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Doch vor Gericht in Bangui wirkt Bokassa nicht wie einer, der seinen Kopf schon in der Schlinge sieht. "Er ist gut drauf, der alte Herr, und so überzeugend", sagt einer seiner Verteidiger, Maitre Francis Szpiner aus Paris.
Ja, Majestät kokettieren sogar noch vor den Schranken des hohen Gerichts mit ihren Untaten. "Ich habe schon so viele Verbrechen angehäuft, auch ohne die Morde der letzten 21 Jahre, deren Sie mich anklagen", sagt er den Richtern, den Schalk im Gesicht.
"Er ist grau geworden", murmelt einer der zentralafrikanischen Soldaten. Wann immer der Vorsitzende Richter Edouard Franck einen besonders schwerwiegenden Anklagepunkt erwähnt, knackst der Soldat mit den Fingergelenken, und die Liste ist lang: Landesverrat, Bereicherung, Menschenfresserei, _(Einem Dieb wurde ein Ohr abgeschnitten ) _((Regierungsplakat 1972). )
Ermordung von Schülern. Folterung im Gefängnis, Verschwindenlassen mißliebiger Untertanen.
Bokassa aber spielt Bokassa, besonders vor laufenden Kameras. "Bonjour, ihr Leute von Antenne 2", begrüßt er die Equipe der französischen Fernsehkette, die damals besonders untertänig seine Krönungsfeierlichkeiten in die Welt übertragen hatte, dann "Guten Tag, Monsieur Francois Mitterrand, guten Tag, Monsieur Jacques Chirac".
Doch was seine Person und seine Titel angeht, ist der alte Schreckensherrscher eigen. "Man kann den Kaiser und Marschall von Zentralafrika zum Tode verurteilen, aber man kann ihn nicht einfach ins zweite Glied verweisen", empört er sich, "nein, das ist zu grausam. Man muß mich als Soldaten erster Klasse achten."
Wer es noch nicht weiß, dem macht Bokassa klar, wer hier eigentlich auf der Anklagebank sitzt: Frankreich, die alte Kolonialmacht. "1979 hat Valery Giscard d''Estaing die französische Armee vom Pfad der Tugend abgelenkt, einen Staatsstreich organisiert und die Souveränität meines Landes verletzt." Alors, da liegt das Verbrechen.
Während den drei schwarzen Richtern unter ihren malerischen roten Roben mit Hermelinbesatz bei den tropischen Temperaturen der Schweiß über die Gesichter rinnt, macht Bokassa, 65, im maßgeschneiderten dunkelgrauen Anzug immer noch eine gute Figur.
Die hochgewachsene schöne Afrikanerin im Zeugenstand neben ihm, Witwe des Ministers Auguste Mbongo, den Bokassa 1973 beseitigen ließ, würdigt ihn keines Blickes. In der Nationalsprache Sango erzählt sie ihre Odyssee durch die Gefängnisse, bis sie ihren Mann gefoltert und verhungert fand.
Mbongo, Mbongo? Bokassa hat so seine Gedächtnislücken, wie mancher ehrenwerte westliche Politiker. Doch er kommt noch drauf: "Mbongo hatte doch sein Haus der ostdeutschen Botschaft vermietet. Ich ließ ihn einsperren", sagt er, Staatsräson, "aber ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist."
Bokassa zeigt auch Herz. "Wirklich", sagt er zu einem Zeugen, "dieses Gefängnis von Ngaragba ist ein Unglücksort." Dann wird er staatsmännisch. "Ich übernehme die globale Verantwortung, Herr Staatsanwalt, aber nicht für die Details. Wollen Sie alle Toten auf das Haupt des armen Bokassa laden?"
Der arme Bokassa! Er mag grausam und verrückt gewesen sein, aber er war der Chef. "Sie finden keinen Haß gegen ihn", sagt ein zentralafrikanischer Journalist, im Gegenteil. Als Bokassas Ex-Polizeichef Kazin den Alten anschwärzt, um sich selber reinzuwaschen, buht das Volk vor dem Gerichtssaal.
Ganz Bangui lauscht dem Gerichtsspektakel im Rundfunk, das Leben der Hauptstadt, schon normalerweise in Zeitlupe, steht dann still. Die Soldaten, die den Gerichtssaal bewachen sollen, räkeln sich unter den blühenden Bäumen und hören andächtig zu.
In Kneipen und Apotheken lauscht das Volk am Transistorgerät, äußerlich unberührt. "Die Leute haben ein kurzes Gedächtnis", sagt ein Baguette-Verkäufer am Straßenrand, "viele haben die Verbrechen des Kaisers vergessen."
Bokassa I. von Frankreichs Gnaden fiel 1979. Das Jahr war ein Overkill für blutrünstige Diktatoren. Mit ihm stürzten Amerika-Freund Somoza in Nicaragua, der Chinesen-Günstling Pol Pot in Kambodscha, niemandes Liebling Macias Nguema von Äquatorialguinea, der Schah und Ugandas Schrecken Idi Amin.
"Man kann einiges gegen Bokassa sagen", gibt ein afrikaerfahrener Diplomat die landläufige Meinung zum besten, "aber er hatte Stil." Die paar hundert Toten, das sind doch Petitessen. "Und was die Menschenfresserei betrifft", fährt er fort, "das ist doch alles maßlos übertrieben. Sicher hat er sich mal ein menschliches Herz oder eine Leber servieren lassen, aber das machen doch viele hier." Wird Bokassa am Ende den Hals in die Schlinge legen? Die Zentralafrikaner gelten als großherzige Menschen, viele Minister von heute sind mit dem Angeklagten verwandt oder haben ihm einst Treue geschworen. Präsident Kolingba versprach seinem Vorgänger einen fairen Prozeß, und fair war das Verfahren bislang.
Aber danach? Eine Begnadigung? Es wäre nicht unafrikanisch, wenn der abgetakelte Herrscher sich gar als Berater seines Nachfolgers mit Frauen und Kindern in seinem Heimatdorf Berengo zur Ruhe setzen dürfte.
Auch Bokassa vergibt gern. Auf der Pressetribune erkennt er Michael Goldsmith, einen nach 26 Jahren in Afrika ergrauten britischen AP-Reporter. 1977 hatte der Tyrann ihn mit seinem Elfenbeinstock niedergeschlagen und ihn einen Monat im Gefängnis schmachten lassen.
Jetzt läßt Hoheit dem Opfer durch den französischen Obersten Mansion Grüße ausrichten und tituliert ihn "mein Bruder".
In Bangui am 15. Dezember 1986. Einem Dieb wurde ein Ohr abgeschnitten (Regierungsplakat 1972).
Von Swantje Strieder

DER SPIEGEL 1/1987
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