01.06.1987

BÜCHERWarnung vor Gilead

Die kanadische Romanautorin Margaret Atwood beschreibt eine zukünftige Machtergreifung christlicher Eiferer in den USA. *
Zu viele Menschen ihrer Umgebung seien zu "sorglos", warnt Margaret Atwood, zu oft bekomme sie zu hören "so etwas könne bei uns nicht passieren" - so etwas wie in Chomeinis Iran zum Beispiel.
Im neuen Roman der 47jährigen Kanadierin, "Der Report der Magd", ist es passiert, mitten in den USA, irgendwann in gar nicht so ferner Zukunft: Religiöse Fundamentalisten haben den Präsidenten erschossen, den Kongreß liquidiert und ein totalitäres Regime errichtet. Es will der permissiven Amüsiergesellschaft vom Ende des 20. Jahrhunderts den Garaus machen und gibt sich einen biblischen Namen: "Republik Gilead".
Auf den ersten Blick könnte dieser Staat nicht nur als Verwirklichung ultrafrommer, sondern auch radikalfeministischer Wünsche erscheinen. Die Medien werden von allem Sexismus gesäubert "Pornozentren" geschlossen, Vergewaltiger hingerichtet. Doch tatsächlich herrscht im neuen Gilead, dessen oberstes Staatsziel die Bekämpfung des galoppierenden Geburtenschwunds ist, ein System neuartiger Frauen-Versklavung.
Die weibliche Bevölkerung ist in Kasten unterteilt. Staatsfunktionären mit Ehefrauen "Marthas" genannt, die sich als unfruchtbar erweisen, stehen zwecks Fortpflanzung gebärfähige Nebenfrauen zur Verfügung. Diese "Mägde" werden in klosterähnlichen Anstalten von "Tanten", älteren Aufseherinnen, gehegt und diszipliniert. Mägde, die als Gebärerinnen versagen, müssen in entlegenen "Kolonien" Gift- und Atommüll entsorgen. Für die niederen Hausarbeiten ist die Kaste der "Ökonofrauen" da. Universitäten werden geschlossen, Lesen ist verboten, und überall wachen die "Augen", die Polizisten der christlichen Zeloten-Diktatur.
Schreckliche Schöne neue Welt - mit ihrer negativen Utopie vom Großen Bruder Gilead hat sich Margaret Atwood in die Nachfolge Aldous Huxleys und George Orwells hineingeschrieben.
Die in Ottawa als Tochter eines Insektenkundlers geborene, heute in Toronto lebende Autorin hatte bisher mit kühlrealistischen Geschichten über zeitgenössische Frauen-Leiden ("Die Unmöglichkeit der Nähe", "Verletzungen") Beachtung gefunden. Mit ihrem sechsten Roman, jetzt auch deutsch zu lesen, ist sie international auf Erfolgskurs. _(Margaret Atwood: "Der Report der ) _(Magd". Deutsch von Helga Pfetsch. ) _(Claassen Verlag, Düsseldorf; 400 Seiten; ) _(36 Mark. )
"Der Report der Magd" wird derzeit unter der Regie von Karel Reisz verfilmt.
Margaret Atwood, Schachspielerin und Absolventin eines Hochschulkursus über Kriegsstrategie im Altertum, bezeichnet das Buch als "speculative fiction". Sie betont aber, daß sich ihre Zukunftsspekulation aus genauer Gegenwartsbeobachtung speise: "Es gibt darin nichts, was es nicht schon gibt" - wenigstens tendenziell.
Drei Jahre, sagt die Schriftstellerin, habe sie gewartet, ehe sie die Gilead-Idee auszuführen begann; sie sorgte sich anfangs, der Roman könne "zu paranoid" wirken. Sie sammelte Zeitungsnachrichten und Zeitschriftenbeiträge, die ihre Fiktion faktisch abstützten: Berichte etwa über eine fundamentalistische Katholiken-Sekte in New Jersey, die von Frauen als "Mägden" spricht, und über die Massenwirkung amerikanischer TV-Prediger, Nachrichten allgemein über die erstarkte "religiöse Rechte" in Amerika.
Hinzu kamen Erinnerungen an frühere Studien über die puritanische Vergangenheit
Nordamerikas und neuere Eindrücke von Reisen durch den Iran und Afghanistan. Zu schreiben begann sie den "Report der Magd" in West-Berlin, wo sie Gast des Deutschen Akademischen Austauschdienstes war. Gewidmet hat sie ihn, unter anderem, einer Atwood-Ahnin namens Mary Webster, die einst in Connecticut als Hexe verfolgt wurde.
Die "Magd" des Romantitels, Margaret Atwoods Heldin und Ich-Erzählerin dient als Zwangskonkubine des Gilead"Kommandanten" Fred - daher, nach gileadischem Brauch, ihr Name "Desfred". In eine Art rote Nonnenkutte gewandet, wird sie einmal monatlich ihrem Herrn zugeführt. Die Begattung vollzieht sich im Beisein der Ehefrau und ohne jede Zärtlichkeit. Mit sarkastischer Phantasie beschreibt die Atwood den nach Vorschrift lustfreien Pflicht-Akt malt sie die Verhältnisse und Reglements ihres Zukunftsstaates aus.
Wie es sich für das Genre der "cautionary tale", der utopischen Warngeschichte, gehört, ist jedoch auch Gilead nicht perfekt, sorgen Abweichler für Aufweichung und die dramaturgisch erforderliche Spannung.
Die Magd Desfred, die in der Fundi-Revolution ihren Mann, ihre Tochter und ihren bürgerlichen Namen verloren hat, beginnt, sich an die prärevolutionären als an bessere Zeiten zu erinnern. Verstohlen genießt sie die Lektüre einer alten "Vogue"-Nummer, die den Scheiterhaufen der frommen Eiferer entgangen ist. Kommandant Fred will eines Tages von Desfred mehr als immer nur das eine und trifft sich mit ihr zu heimlichem Küssen und Scrabblespiel.
Das Staatsfernsehen meldet, daß gileadische Truppen, die "Engel der Apokalypse", in den Appalachen "ein Nest von baptistischen Guerrilleros ausräuchern". Aber mit wachsendem Interesse empfängt Desfred Signale einer im Untergrund operierenden Widerstandsbewegung.
Nach einer leidenschaftlichen Affäre mit einem "Auge" namens Nick ist Desfred für das System verloren. Doch das Ende ihres Berichts läßt offen, ob die Polizisten, die sie abführen, nicht Widerständler sind, die sie erretten.
Trost bietet schließlich auch die Fiktion, mit der Margaret Atwood dem
Report der Magd am Ende noch eine Wende gibt: Aufgezeichnet auf 30 Tonbandkassetten, sind Desfreds Bekenntnisse im 21. Jahrhundert aufgefunden worden, im Jahre 2195 diskutieren Historiker in England die Bedeutung des Dokuments. Gilead, so wird aus ihren nachgereichten "Anmerkungen" klar, ist längst untergegangen - glücklich überwunden wie ein anderes Übel jener vergangenen Zeit, die "berüchtigte Aids-Epidemie".
Die Autorin nutzt diese ironische Science-fiction zu Einlagen eines eher deftigen Humors. So zitiert sie eine Historiker-Studie mit dem Titel "Der Begriff des ''Samens'' im frühen Gilead". Darin wird die Vermutung geäußert, daß viele der Gilead-Kommandanten "mit einem Sterilität verursachenden Virus in Kontakt gekommen waren, das bei geheimen vorgileadischen Genspleiß-Experimenten mit Mumps entwickelt worden war und das dem von den höchsten Moskauer Funktionären bevorzugten Kaviar zugesetzt werden sollte".
In Amerika fand "Der Report der Magd" überwiegend freundliche Kritiker, wenn das Buch auch beim naheliegenden Vergleich mit Huxleys "Schöne neue Welt" und Orwells "1984" manchmal weniger gut abschnitt. Einigen Betrachtern fiel sein irritierendes Changieren zwischen feministischen und antifeministischen Aspekten auf: Der Gilead-Staat, schrieb "Newsweek", "ist gewiß von Männern entworfen, aber es sind die Frauen, die ihn funktionieren lassen". Die "International Herald Tribune" sah im Atwood-Roman "eine sado-masochistische Phantasie".
Die Schriftstellerin Mary McCarthy tadelte, der Utopie ihrer Kollegin fehle es an Plausibilität, am nötigen warnenden "Wiedererkennungs"-Effekt - so stark und gefährlich, wie es "Der Report der Magd" suggeriere, seien weder der reale christliche Fundamentalismus in Amerika noch die Auswüchse feministischer Radikalität und moralischer Freizügigkeit, gegen die sich heute die "religiöse Rechte" wende.
Margaret Atwood widerspricht: "Mein Buch handelt von Macht und davon, wie sie funktioniert. Die fundamentalistische Rechte ist das Banner unter dem am ehesten sich irgendwelche Leute formieren könnten, die eine solche Machtergreifung anstreben."
Margaret Atwood: "Der Report der Magd". Deutsch von Helga Pfetsch. Claassen Verlag, Düsseldorf; 400 Seiten; 36 Mark.

DER SPIEGEL 23/1987
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