20.04.1987

US-KONZERNEZeit gekauft

Texaco stellt sich unter Konkursrecht - das Pokerspiel um Milliarden geht weiter. *
Als Texaco-Chef James W. Kinnear und seine Frau das Waldorf-Astoria Hotel in New York betraten, wurden sie von J. Hugh Liedtke, dem Chef der Ölfirma Pennzoil, bereits erwartet. Liedtke war bester Laune - er erwartete die rasche Beilegung eines lange schwelenden Rechtsstreits, die ihm drei bis fünf Milliarden Dollar bringen sollte.
Doch der Pennzoil-Chef erlebte an diesem Sonntag, dem 12. April, eine böse Überraschung. Kinnear teilte ihm schlicht mit, daß Texaco, drittgrößtes Ölunternehmen der USA, Vergleichsantrag nach dem Pleite-Paragraphen Chapter 11 gestellt habe. "Das habe ich nicht erwartet", sagte Liedtke erschüttert.
Eine Woche lang hatten die beiden gefeilscht, um sich über eine Schadenersatz-Forderung von Pennzoil zu einigen. Ein texanisches Gericht hatte der Pennzoil 10,3 Milliarden Dollar, inklusive Zinsen, zugesprochen. Mit den zwei Milliarden Dollar, die Texaco als Vergleich anbot, war Liedtke nicht zufrieden.
Nun allerdings steht er offenbar schlechter da als zuvor. "Pennzoil hat seine Position überzogen", sagt Texaco-Anwalt James B. Sales. "Ich meine, daß Texaco sich Zeit gekauft hat, um den Fall durch sämtliche Instanzen zu ziehen", analysiert Sanford L. Margoshes von der New Yorker Broker-Firma Shearson Lehman Brothers.
Die Börse spiegelte ähnliche Gedanken wider. Während der Texaco-Kurs sich erholte, fielen die Pennzoil-Aktien vergangene Woche stetig.
Der Fall Pennzoil gegen Texaco geht auf das Jahr 1984 zurück und steht inzwischen für zwei Superlative: den größten Schadenersatzanspruch und das größte Konkursverfahren der amerikanischen Industriegeschichte.
Damals hatte die von Liedtke zusammengebaute Pennzoil ihren Besitzstand durch die Übernahme von 43 Prozent an der Familienfirma Getty Oil arrondieren wollen. Für diesen Anteil wollte Pennzoil den Erben des 1976 gestorbenen Öl-Patriarchen Jean Paul Getty 5,3 Milliarden Dollar zahlen.
Aber dann hintertrieb der damalige Texaco-Chef John K. McKinley die Vertragsverhandlungen und machte dem Getty-Sohn Gordon, den die Erbenschar als Verhandlungsführer eingesetzt hatte, ein höheres Angebot: Er versprach zehn Milliarden Dollar für das gesamte Getty-Imperium. Gordon Getty akzeptierte, Texaco zahlte. Liedtke saß auf dem trockenen.
Ähnlich Texaco nämlich hatte auch Pennzoil den Mangel an Ölquellen durch Erwerb der vielen Getty-Quellen ausgleichen wollen. Liedtke klagte vor einem Gericht in Houston auf Schadenersatz und gewann: 10,53 Milliarden Dollar, samt Zinsen 11,1 Milliarden sollte Texaco zahlen und Schuldscheine in der Gesamtsumme von zwölf Milliarden Dollar als Kaution ausgeben, um damit den Prozeß weiterführen zu können.
Da die Texaco-Manager den der Pennzoil zugefügten Schaden auf allenfalls 500 Millionen Dollar bezifferten, schlugen sie zurück. Vor einem New Yorker Bundes-Gericht erwirkten sie am 17. Dezember 1985 die Rücknahme des Entscheids, zwölf Milliarden Dollar als Kaution bereitzuhalten, bis es zu einer höchstrichterlichen Entscheidung oder zu einem Vergleich komme. Am 8. Januar 1986 überraschte der rabiate McKinley den Pennzoil-Chef mit dem Angebot, den ganzen Fall elegant mit einer Übernahme von Pennzoil durch Texaco zu lösen.
Ergrimmt schlug Liedtke das Angebot aus und suchte seine ursprüngliche Vergleichsforderung hochzutricksen. Texaco begann daraufhin mit dem Konkurs zu drohen und setzte ein neues Verfahren in Gang: Der Oberste Gerichtshof der USA sollte nachprüfen, ob Texaco die volle Zwölf-Milliarden-Summe zu hinterlegen habe. Texaco bemühte außerdem ein texanisches Berufungsgericht, um die Schadenersatzsumme herunterzudrücken.
Beide Gerichte entschieden gegen Texaco. Am 12. Februar reduzierte das texanische Berufungsgericht den 11,1-Milliarden-Spruch der ersten Kammer nur um zwei Milliarden Dollar. Am 6. April verurteilte der Oberste Gerichtshof den Multi, sich an den Beschluß der texanischen Gerichte zu halten. Pennzoil-Chef Liedtke schien nun klar, daß er die Sache im Griff hatte.
Danach pokerte er mit dem neuen Texaco-Chef Kinnear um die Erhöhung der von Texaco angebotenen Vergleichssumme über zwei Milliarden Dollar. Die Drohung des kühlen Kinnear, Texaco unter den Schutz des Konkursparagraphen Chapter 11 zu stellen, hielt Liedtke für einen Bluff.
Das war sein Fehler. Chapter 11 nämlich bedeutet nicht, daß ein Unternehmen liquidiert, sondern daß es saniert wird. Die Bestimmung wäre nach deutschem Rechtsverständnis eher ein Vergleichsparagraph, bei dem die Gläubiger durch Verzicht auf einen Teil ihrer Forderungen das Überleben der bedrängten Firma ermöglichen.
Pennzoil wird offensichtlich noch lange auf Geld warten müssen. Die Auslöser der ganzen Affären dagegen genießen die Milliarden, die sie von Texaco bekommen hatten.
Der inzwischen pensionierte frühere Texaco-Chef McKinley ist vor allem auf Golfplätzen anzutreffen. Getty-Erbe Gordon Getty läßt seine kürzlich fertiggestellte Oper (Titel: "Plump Jack") aufführen. Das mit Getty-Milliarden gespeiste J. Paul Getty Museum in Malibu bei Los Angeles sonnt sich in dem neuen Ruf, alle Kunstschätze der Welt aufkaufen zu können.
Und die Juristen auf beiden Seiten des Konflikts sehen schönen Zeiten entgegen. "Es wird ein langer Prozeß", sagt Pennzoil-Manager Baine P. Kerr, "und eine Menge Anwälte werden reich."

DER SPIEGEL 17/1987
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