23.03.1987

Betr.: Moskau

Datum: 23. März 1987 Betr.: Moskau
Besuche von SPIEGEL-Redakteuren in Moskau ähnelten in der Vergangenheit mitunter Ausflügen in die Eiszeit. 1960 machte Sowjetbotschafter Semjon Zarapkin ein Visum für Rudolf Augstein davon abhängig, daß sich die Berichterstattung ändere. Noch 1976 brachte bei Ankunft einer vom ZK eingeladenen SPIEGEL-Delegation in Moskau die "Iswestija" die bis dahin schärfste Attacke gegen den SPIEGEL.
Eine Diskussion mit dem Verfasser des Artikels, Albert Grigorjanz, hätte fast zum Eklat geführt: Als die SPIEGEL-Leute die Debatte abzubrechen drohten, ergriff Grigorjanz die Schale mit Süßigkeiten und bat sie mit den Worten "Nehmen Sie noch ein Bonbon!" zu bleiben.
Die Generalsekretäre Breschnew (1981) und Andropow (1983) gaben dem SPIEGEL Interviews, dennoch waren Anschuldigungen gegen den SPIEGEL in der Sowjetpresse und Vermahnungen seines Korrespondenten weiterhin Brauch.
Gorbatschows "glasnost" (Transparenz) hat die Medienlandschaft der Sowjet-Union verblüffend verändert, bisher langweilige Zeitungen zu aufregender Lektüre gemacht. Das erlebten die SPIEGEL-Redakteure Johannes K. Engel, Jörg R. Mettke, Fritjof Meyer und Dieter Wild, als sie jetzt Spitzenleute im ZK und die Avantgarde der Sowjetreformer besuchten: die Redaktionen von "Moskowskije nowosti" und "Literaturnaja gaseta". Dort stellten sich ihnen Journalisten, die sich selbst bislang als Agitatoren verstanden hatten, als Kollegen vor, die manches Tabu nicht länger scheuen, etwa "Litgaseta"-Chef Alexander Tschakowski. Jegor Jakowlew, Chef von "Moskowskije nowosti" antwortete auf die SPIEGEL-Frage, ob Kritik auch einmal den Generalsekretär einschließen könne, er wünsche es sich. Bericht über den Pressefrühling und Auszüge aus der Sowjetpresse, die der SPIEGEL künftig häufiger drucken wird, um Gorbatschows "glasnost" zu dokumentieren, auf Seite 142.

DER SPIEGEL 13/1987
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