23.03.1987

„Honeckers Weizen blüht“

Der SED-Chef erhofft sich von besseren Westkontakten mehr Devisen *
Kommt er, oder kommt er nicht? Seit September 1984, als Erich Honecker erstmals eine feste Reiseverabredung absagen ließ, beschäftigen sich Deutschlandpolitiker mit dem Abzählvers. Vorletzte Woche steckte der SED-Chef dem saarländischen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine, er wolle dies Jahr, "zur besten Jahreszeit", kommen - Grund für vielleicht voreilige Reaktionen.
Denn die Hoffnungen auf eine Periode neuer Freundlichkeit könnten sich, fürchten Fachleute, schnell verflüchtigen. "Wenn die SED nach langer, durch den Bonner Wahlkampf bedingter Abstinenz beschließt, daß wieder Bewegung in ihre Deutschland-Politik kommt", analysiert ein Kenner der Ost-Berliner Politszene die Lage, "dann macht sie das mit gewohntem sozialistischen Übereifer. Über kurz oder lang pendelt sich das Ganze wieder auf der Ebene der gewöhnlichen deutsch-deutschen Geschäftigkeit ein."
Und die besteht aus DDR-Perspektive in erster (und zweiter) Linie aus Geschäften. Erich Honecker hat seinen westdeutschen Gästen vor allem Projekte schmackhaft zu machen versucht, die seinem Staat hohen Nutzen und den Bonnern hohe Kosten bringen.
So bekundete der SED-Chef größtes Interessen an einer Elektrifizierung der Transitstrecke Helmstedt-Berlin. Geschätzte Kosten: zwischen 1,5 und drei Milliarden Mark, von denen Bonn nach DDR-Vorstellungen den größten Teil übernehmen soll.
Im Gegenzug bot Honecker an, ein Stück seit Jahren brachliegender DDR-Autobahn beim Grenzübergang Herleshausen/Wartha für den Transitverkehr zu öffnen, um Autofahrern aus dem Westen eine halbe Stunde Umweg auf der Landstraße zu ersparen. Die Offerte ist nur scheinbar großzügig: Die Autobahn müßte nicht nur generalüberholt werden, Honecker ließ auch einfließen, die Transitstrecke zwischen Wartha und dem Hermsdorfer Kreuz müsse "grunderneuert" werden. Kosten für Bonn erheblich über 100 Millionen Mark.
Auch bei den beiden Verträgen über Umweltschutz sowie über den Austausch von Wissenschaft und Technik, die Ost-Berlin in den nächsten Monaten mit Bonn abschließen will, spekuliert die DDR auf handfesten materiellen Nutzen: Für den eigenen Umweltschutz erhofft sie sich unter Hinweis auf die vom Ost-Mief geplagten West-Berliner kräftige Investitionshilfen, das Wissenschaftsabkommen soll ihr besseren Zugriff auf dringend benötigtes westliches Knowhow erlauben.
Selbst der politische Köder, den der SED-Obere in Leipzig auslegte, roch vor allem nach Geld. 573000 DDR-Bürger in dringenden Familienangelegenheiten und über 1,5 Millionen Rentner habe er im vergangenen Jahr in die Westrepublik fahren lassen, erläuterte Honecker dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth. Das Unternehmen habe die DDR 150 Millionen Westmark an Zehrgeldern gekostet, weil jeder Reisende aus dem DDR-Staatssäckel pro Reisetag zehn Mark oder, als Rentner, pro Reise 15 Westmark tauschen darf. Die DDR warnte der Staatsratsvorsitzende, stoße allmählich an ihre finanziellen Grenzen.
Der Wink mit dem Zaunpfahl macht deutlich, worum es der SED-Führung bei ihrer jüngsten deutschdeutschen Offensive geht: Die Spitzengenossen rechnen damit, daß sich die angespannte Finanzlage der DDR in den nächsten Jahren verschlechtert.
Erich Honecker selbst hat noch ein anderes Motiv, die deutsch-deutschen Beziehungen gerade jetzt voranzutreiben: Der Staatsratsvorsitzende, der im August 75 wird, möchte, bevor er abtritt, das Verhältnis seiner DDR zu Bonn auf gutem Niveau stabilisieren.
Die Konditionen sind aus seiner Sicht so gut wie nie: Die Entspannung zwischen Sowjets und Amerikanern kommt voran, und auch die Erstarrung zwischen Moskau und Bonn löst sich allmählich. "Erich Honecker hat das Gefühl", so ein Bonner Diplomat, "daß der Weizen der DDR auf deutsch-deutschem Feld im Schatten der Großen blüht."
Der SED-Chef hofft, im Herbst seine Visite in der Bundesrepublik endlich absolvieren zu können, den sentimentalen Abstecher ins heimatliche Saarland inklusive. Und auch die Einladung des Regierenden Bürgermeisters Eberhard Diepgen zur Jubelfeier in West-Berlin will er annehmen.
Ob er beides kann, bleibt ungewiß. Über die Einladung Diepgens haben die Sowjets, so jedenfalls streuen ihre Diplomaten in Ost-Berlin, noch nicht entschieden; und ob sie ihren deutschen Genossen gerne an die Saar fahren sehen, ist auch noch offen.
So geht es auch einigen Genossen des Generalsekretärs im SED-Politbüro. Die fürchten, der 75jährige könnte bei der Reise in die Vergangenheit, von Erinnerungen übermannt, die nötige Distanz zum Klassenfeind im Westen vermissen lassen.

DER SPIEGEL 13/1987
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