23.03.1987

CSURecht hast

Den unbekannten Landrat Wolfgang Gröbl aus Miesbach hat Franz Josef Strauß zum Staatssekretär gemacht - einer von vier Aufpassern des CSU-Chefs in der Kohl-Regierung. *
Paris am Mittwochmorgen voriger Woche: Nahe beim Bois de Boulogne betritt ein Forstmann vom Tegernsee das Gebäude der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) in der Rue de Franqueville im 16. Arrondissement. Wolfgang Gröbl, 46, fünfzehn Jahre lang CSU-Landrat im oberbayrischen Miesbach und seit vorletzter Woche Parlamentarischer Staatssekretär im Bonner Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, hat als Repräsentant der Regierung Kohl Premiere auf internationalem Parkett.
In der Seine-Metropole darf Altbayer Gröbl die Bundesrepublik bei einer Konferenz zur Registrierung, Kennzeichnung und Prüfung chemischer Stoffe vertreten. Derweil lauscht sein Dienstherr Walter Wallmann im Plenarsaal des Bonner Wasserwerkes der Regierungserklärung seines Kanzlers.
Die Karriere des Wolfgang Gröbl - ein Erfolgsstück bayrischer Lobby am Rhein. Entsprechend groß waren Überraschung und Empörung in schwarzen Fraktions- und Regierungszirkeln. Die Unruhe legte sich auch nicht, als durchsickerte, daß CSU-Chef Franz Josef Strauß persönlich diesen Direktflug aus dem Miesbacher Landratsamt ins Bonner Palais Schaumburg, dem provisorischen Sitz des Umweltministeriums, bei Kanzler Kohl arrangiert hatte.
Der Coup der Männerfreunde war besonders peinlich für Walter Wallmann. Er mußte zwei CDU-Abgeordnete, die Baden-Württemberger Paul Laufs und Bernd Schmidbauer, enttäuschen, die sich auf die Berufung zum Staatsmann schon länger gefreut hatten.
Ärger gab es auch mit den Mitgliedern der CSU-Landesgruppe. Kaum waren die ersten Gerüchte über den Blitzstart des Neuen aufgekommen, mußte Fraktionsgeschäftsführer Wolfgang Bötsch aufgebrachte Landsleute beruhigen: "Also, so geht's ja nicht, daß da einer kommt und gleich was wird."
Als Wolfgang Gröbl dann was geworden war, ging der Zoff erst richtig los. Michaela Geiger vom Staffelsee, lange Zeit selbst für ein Staatsamt gehandelt, motzte: Was sollten ihre Anhänger daheim denken, wenn statt ihrer der Nachbar vom Tegernsee Karriere mache.
Der Abgeordnete Hermann Fellner, der sich in der Debatte um Wiedergutmachung für NS-Zwangsarbeiter einen Namen mit antisemitischen Anklängen gemacht hatte, stänkerte: "In Bonn kann man auch ohne Arbeit was werden."
So deutlich artikulierten sich Frust und Neid der Vergessenen, daß sogar Landesgruppenchef Theo Waigel vorsichtig wurde. Die Landesgruppenführung sei für Gröbls Aufstieg nicht verantwortlich, gegen den Neuen seien "Bedenken" laut geworden, wand sich Waigel, Aug' um Aug' mit seinem Parteivorsitzenden.
Der griff in die Trickkiste. Er servierte den weißblauen Bonnern eine Geschichte, an deren Ende einige so irritiert
waren, daß sie den Fall Gröbl nicht mehr Strauß, sondern Kohl ankreideten.
Kernsatz des F.J.S.: Diesen Staatssekretärsposten, den sechsten für die CSU in der neuen Regierung, habe der Bundeskanzler nicht der CSU, sondern "ad personam Gröbl" gegeben. Und er erzählte, wie Kohl auf den Miesbacher Landrat abgefahren sei:
Am Faschingsdienstag letzten Jahres sei er, Strauß, mit Kohl nach einer Wanderung im Tegernsee-Tal bei den Gröbls auf deren "Schäfflerhof" bei Miesbach eingekehrt. Dem Wandersmann aus der Pfalz habe das blitzsaubere Anwesen und sein Besitzer so imponiert, daß er dem Gastgeber, falls er nach Bonn komme, die Staatssekretärsstelle angeboten habe.
Bei einigen Zuhörern im Bonner Bayernhaus kamen Zweifel auf: Damals im Fasching 1986 habe niemand an Tschernobyl gedacht, geschweige an ein eigenes Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Und trotzdem sollte Kohl dem Gröbl Wolfgang damals schon diesen Job versprochen haben? Doch keiner wagte es, Franz Josef Strauß zu stellen.
Der Ober-Bayer hätte sich auch Widerworte verbeten. Denn diese Personalie hatte er besonders sorgfältig geplant, raffiniert eingefädelt und konsequent durchgesetzt.
Bloß die entscheidenden Details verschwieg Strauß. Bereits im Advent 1985 hatte Strauß seinen Kanzleisekretär Edmund Stoiber auf Gröbl mit dem Ziel angesetzt, den Landrat für den Wechsel nach Bonn zu gewinnen, als Statthalter spezifisch Münchner Interessen. Gröbl bis dahin als Favorit für die Nachfolge Gerold Tandlers als CSU-Generalsekretär gehandelt, fügte sich wie erwartet.
Dann rief Strauß Anfang '86 bei Gröbl an, ob er am Faschingsdienstag mit "einem Gast" zur Brotzeit auf dem Schäfflerhof einkehren dürfe. Er durfte - und brachte den Kanzler mit. Bei Brezeln und Speck fragte Strauß den Pfälzer, ob er seinem Freund Gröbl wohl raten solle, den Traumjob in Bayern aufzugeben und nach Bonn zu wechseln. Gröbl komme wohl nur, wenn er in Bonn die Chance habe, "darüber hinaus noch was zu machen". Kohl verstand.
Nun gehört Gröbl zu einem Quartett aus der Garde jüngerer CSU-Politiker die Strauß auf Bonner Positionen gehievt hat, die ihm am Herzen liegen.
Bei der Regierungsbildung 1982 hatte er bereits den früheren Geschäftsführer der CSU-nahen Hanns-Seidl-Stiftung, Siegfried Lengl, als Staatssekretär und starken Mann im Entwicklungsressort plaziert und damit für amtliche Absicherung seiner Spezialinteressen im südlichen Afrika gesorgt. Jetzt drängte er Kohl den CSU-Spezi Erich Riedl als Parlamentarischen Staatssekretär für das FDP-geführte Wirtschaftsministerium auf.
Dort soll der als Präsident des Sportvereins 1860 München gescheiterte Oberpostdirektor a.D. den Luft- und Raumfahrtambitionen des Airbus-Aufsichtsratsvorsitzenden und Schutzherrn der bayrischen Flugzeugindustrie dienlich sein. Riedl hatte im Haushaltsausschuß des Bundestags stets offene Ohren für die Bedürfnisse seines Münchner Herrn, dem er - wie es in der CSU-Landesgruppe heißt - auch Vertrauliches aus der Geheimdienstkommission des Bundestags gesteckt habe.
Mit seinem Ex-Büroleiter Holger Pfahls schließlich, der vom Verfassungsschutzamt ins Verteidigungsministerium einrückt, weiß Strauß seine Anliegen in einem Ressort vertreten, das Milliarden an die Rüstungsindustrie verteilt und im Bundessicherheitsrat zum sensiblen Thema Waffenexport ein wichtiges Wort mitzureden hat (siehe Kasten Seite 50).
Von Gröbl verspricht sich Strauß im Wallmann-Ressort dreifachen Effekt: Pluspunkte für die CSU bei bayrischen Umwelt- und Naturschützern; dazu Sympathien bei Alpenbauern, die der Strauß-Partei die Gefolgschaft aufgekündigt haben. Zudem hat Strauß den "engen Freund der Familie" (ein Strauß-Vertrauter) als Aufpasser in die Bonner Landesgruppe entsandt. Den anderen CSU-Bundestagsabgeordneten kreidet Strauß an, oft zu willfährig gegenüber Kanzler Kohl und der Schwesterpartei aufzutreten und zu häufig die Konfliktbedürfnisse ihres Münchner Regenten zu mißachten.
Gröbl dagegen hat es niemals an Einsatz und Ehrerbietigkeit für den großen Vorsitzenden fehlen lassen - und ist damit gut gefahren.
So recht nach Strauß' Geschmack war es, als Gröbl im Wahlkampf 1976 die Sozialdemokraten im Stile seines Vorbilds schmähte: "Sozi hoaßen s', Kommunisten san s'." Und das Grünen-Programm verglich er später mit Hitlers "Mein Kampf". Jetzt träumt er- kaum im Bonner Amt - bereits von Umweltschutzprojekten mit der DDR, Polen und der CSSR. Gröbl: "Das erwartet Strauß von mir."
Wohlgefällig ruhte das Auge des großen Zampano auf dem schmucken Landrat, wenn dieser mal wieder den Franz Josef Strauß und seine Gäste aus der weiten Welt im oberbayrischen Renommier-Landkreis willkommen hieß.
Gefallen hat Strauß auch Gröbls Engagement im Naturschutz. Als junger Referendar war der Sohn eines bayrischen Forstmeisters im Jahre 1969 dem damaligen CSU-Generalsekretär Max Streibl aufgefallen. Er hatte erfolgreich gegen den sogenannten Brillenerlaß der Staatsregierung gestritten, der Brillenträger vom bayrischen Forstdienst fernhalten wollte. Streibl engagierte den Protestler als Persönlichen Referenten. Wenig später durfte Gröbl den Arbeitskreis "Umweltsicherung und Landesplanung" gründen, dem in München bald das erste Umweltministerium mit Streibl als Chef folgte.
Als Landrat von Miesbach kümmerte er sich von 1972 an um den Landschaftsschutz in seiner Heimat. Er half zu verhindern, daß die reizvolle Rotwand am Spitzingsee mit Skiliften und Sesselbahnen erschlossen wurde. Später stoppte er einen Entschluß des Bayrischen Landtags, daß auch die Almbauern aus diesem Gebiet verbannt werden sollten. Strauß damals zu Gröbl: "Recht hast."
Gröbl gewann auch im Clinch gegen den Münchner Baulöwen Josef Schörghuber, der am Wallberg über dem Tegernsee einen Skizirkus eröffnen wollte. Wiederum hatte er Strauß auf seiner Seite.
Jetzt träumt er davon, von Bonn aus solchen "Bauern finanzielle Hilfe des Bundes zukommen zu lassen, die Nutzungsverzicht auf landwirtschaftlichen Flächen üben" (Gröbl). Wie das geschehen könnte, hat er als Landrat in der Heimat ausprobiert.
Doch Gröbls erster Einsatz in Paris hat ihn gelehrt, daß die heimische Idylle schnell vom politischen Tagesgeschäft überlagert wird. Statt Pflege von Streuwiesen mit Borstgrasrasen und der Kultivierung von Enzianauen mit Mehlprimel-Kopfriedgras wird anderes die Arbeit des Strauß-Spezi vom Tegernsee dominieren: Atom und Gift, Alkem und Nukem, der Brüter in Kalkar und nicht zuletzt die umstrittene Wiederaufarbeitungsanlage im bayrischen Wackersdorf.
Daß Parteifreunde dem Staatssekretär dann mit Genuß die Nähe zu Franz Josef Strauß ankreiden werden, das fürchtet Gröbl nicht: "Darauf bin ich sogar stolz." Und überhaupt: "Das Amt eines bayrischen Landrats, der eine 500 Mann starke Verwaltung geleitet hat, ist durchaus vergleichbar mit dem Mandat eines Bundestagsabgeordneten."

DER SPIEGEL 13/1987
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 13/1987
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

CSU:
Recht hast

  • Vor G7-Gipfel in Biarritz: "Die Stadt ist zu einer Festung geworden"
  • Brände im Amazonas: Bolsonaro kündigt Strafen für Brandrodungen an
  • Flaschenpost aus Russland: Nach 50 Jahren in Alaska gefunden
  • Jagdtricks von Delfinen: Die "Hau-drauf-hau-rein"-Technik