23.03.1987

„Ich hab' einen Staatssekretär“

Wie Strauß-Spezi Pfahls nach Bonn geholt wurde *
Immer wenn sich der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, CSU-Mitglied Holger Pfahls nach einem Besuch bei seinem Förderer Franz Josef Strauß in der Münchner Staatskanzlei verabschiedete brachte er noch schnell eine Mahnung an seinen Mann: "Chef, vergessen Sie mich nicht!"
Am Freitag vorletzter Woche funktionierte das Gedächtnis des CSU-Vorsitzenden. Gemeinsam mit Helmut Kohl hörte sich Strauß an, was Verteidigungsminister Manfred Wörner über sein Ressort zu berichten hatte. Der Hardthöhen-Chef klagte über seinen Staatssekretär Günter Ermisch, der den Apparat der Mammutbehörde nicht in den Griff bekomme.
Strauß wurde hellwach: "Was, Sie suchen einen Staatssekretär? Ich hab' einen, Holger Pfahls." Die Personalie war gebucht.
Strauß war bei Pfahls im Wort. Der 44jährige Beamte war der einzige aus der Entourage des Münchner Ministerpräsidenten, der bei Kohls Machtübernahme bereit gewesen war, für seinen Herrn als Späher nach Bonn zu wechseln.
Strauß wollte ihn seinerzeit im Kanzleramt plazieren, doch Kohl blockte ab.
Als 1985 dann die Spitze des Kölner Verfassungsschutzamtes vakant wurde - Heribert Hellenbroich war über den DDR-Spion Hansjoachim Tiedge gestürzt -, schickte Strauß seinen Pfahls als Abwehrchef an den Rhein mit der Zusicherung, daß er dort "nicht pensioniert" werde.
Einer durchschaute das Spiel nicht: Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann (CSU), Dienstherr des Verfassungsschützers Pfahls. Noch am Tage vor der Entscheidung in Kohls Kungelrunde hatte Zimmermann jede Veränderung in Köln dementiert.
Dann aber handelte er rasch. Zimmermann reaktivierte den erst Ende Februar in Pension geschickten Vizepräsidenten des Bundeskriminalamtes, Gerhard Boeden. Als "Polizeivollzugsbeamter" mußte der 62jährige Spezialist für Terroristenbekämpfung und Spionageabwehr in den Ruhestand, als normaler Beamter kann der CDU-Mann bis 1990 das Kölner Amt leiten.
Größere Schwierigkeiten erwarten Zimmermann bei der Besetzung des Vize-Postens. SPD-Mann Stefan Pelny ist bei Zimmermann in Ungnade gefallen. Nachfolger soll nach dem Wunsch des Innenministers der niedersächsische Abwehrmann Peter Frisch werden, der mit seiner Partei - der SPD - auch wegen seiner Mitwirkung am "Celler Loch", dem vorgetäuschten Sprengstoffattentat auf das Gefängnis in Celle, über Kreuz liegt.
Noch allerdings ist die FDP sauer, weil Zimmermann die Liberalen überging. Sie wurden sowohl von Pfahls' Abgang wie auch von Boedens Ernennung überrascht; seit langem klagen sie über mangelnde Vertretung im Sicherheitsbereich. Auch halten sie den Vorschlag, einen Polizisten zum Verfassungsschutz-Chef zu berufen, wegen der notwendigen Trennung von Polizei und Verfassungsschutz für problematisch.

DER SPIEGEL 13/1987
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DER SPIEGEL 13/1987
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