23.03.1987

MUSIK-INDUSTRIEPhilips will bald CD-Platten mit TV-Bildern verkaufen.

Ein neuer Milliarden-Markt? *
Jan D. Timmer, Präsident des Schallplattenmultis Polygram, war kein Wort zu groß. Die Verbraucher, schwärmte der massige Musikmanager, stünden vor "einer neuen Dimension des Erlebens". Die Musikindustrie bekomme endlich einen "idealen Träger".
Das neueste Wunderwerk der Unterhaltungselektronik firmiert unter dem Kürzel "CD-Video"; es wurde von der Polygram-Muttergesellschaft Philips entwickelt. CD-Video verbindet die Vorzüge der Compact Disc (CD) mit den Möglichkeiten der Bildplatte und liefert neben exzellentem Ton auch das passende Bild dazu.
Vom Spätsommer an können die Käufer der kleinen, goldglänzenden CD-Video-Scheiben Madonna, die Dire Straits oder Peter Maffay mit ihren neuesten Tophits auf der Mattscheibe des Fernsehers erleben. Auf größeren Platten mit 20 und 30 Zentimeter Durchmesser werden komplette Rockkonzerte, Opern und Spielfilme in Bild und Ton gespeichert sein.
Ein neuartiges Kombigerät wird klaglos die verschiedenen CD Formate schlucken; es ist gleichzeitig in der Lage, alte Bildplatten oder reine Ton-CDs abzuspielen. Auf den bisher verkauften CD-Spielern läßt sich dagegen nur der Ton der Videodiscs abspielen, die größeren Formate passen nicht hinein.
Um nicht wieder, wie bei den Videorecordern, in einen aussichtslosen Systemkampf mit den japanischen Elektronickonzernen zu geraten, haben sich die Philips-Manager vorab mit den einflußreichen Konkurrenten verständigt: Sony, neben Philips Mitinhaber der CD-Patente, signalisierte seine Unterstützung; auch Yamaha und Matsushita wollen beim Geschäft mit der Video-CD dabeisein.
In der Musik- und Filmbranche stießen die Polygram-Manager angeblich auf "spontane und begeisterte Zustimmung" (Timmer). Medienriesen wie EMI, RCA und Warner zeigten angeblich großes Interesse, Videoclips und Spielfilme auf Laserplatten zu veröffentlichen.
Ein neuer Hit also im schwergängigen Geschäft der Unterhaltungselektronik? Europa endlich mal vor den Japanern?
Die Fachleute zeigen sich skeptisch. Ein ähnliches Wunder wie bei der konventionellen CD, das räumen selbst die Promoter der Bildplatte ein, wird sich auf keinen Fall wiederholen.
Mit der CD gelang der Unterhaltungselektronik eine ihrer bislang erfolgreichsten Produkteinführungen. Allein 1987, nur fünf Jahre nach dem Start, werden weltweit voraussichtlich 16 Millionen CD-Spieler und einige hundert Millionen Silberscheiben verkauft. Das wird es bei der Video-CD auf keinen Fall geben. Polygram-Manager wären schon froh, wenn sich in drei Jahren 200000 Kunden in Deutschland zum Kauf eines CD-Videogeräts entschließen.
Doch selbst so vorsichtige Prognosen könnten noch danebenliegen. Die Konzerne werden es schwer haben, ihre eigentliche Zielgruppe, die Jugendlichen, zu erreichen.
Schon wegen des Preises: Die neuen Abspielgeräte kosten zum Start etwa 1400 Mark; ein CD-Spieler ohne Bild ist für 400 Mark zu haben. Um die Geräte voll einsetzen zu können, muß der Käufer über einen guten Fernseher und eine Hi-Fi-Anlage verfügen.
Mit solch teurer Elektronikausrüstung lassen sich dann Videoclips abspielen, die deutlich teurer sind als reine Ton-CDs. Sie sind obendrein eine Art Mogelpackung. Denn bei den sogenannten Videosingles (zwölf Zentimeter Durchmesser) ist es aus technischen Gründen nicht möglich, mehr als sechs Minuten Film unterzubringen; für den Ton ist dagegen 20 Minuten Platz. Nach dem ersten oder zweiten Musiktitel bleibt mithin der Bildschirm dunkel; es kommt nur noch Musik aus der Box.
Wer mehr Bild zur Musik haben möchte, muß auf die größeren Formate mit - 40 beziehungsweise 120 Minuten Spielzeit ausweichen. Doch dann werden die CD-Ableger mit Sicherheit zu teuer, um noch für jugendliche Taschengeldempfänger erschwinglich zu sein. Zwei-Stunden-Platten mit Konzerten oder Filmen werden beim Start voraussichtlich 60 bis 80 Mark kosten.
Neben den Videoclips wollen die Polygram-Manager ein breitgefächertes Angebot an Spielfilmen und Opern herausbringen - ausgerichtet auf kaufkräftige, ältere Kunden. Doch mit dem Versuch, Opern und Spielfilme per Platte unters Volk zu bringen, ist der Philips-Konzern schon einmal gescheitert. Ende der Siebziger, lange vor der CD-Ära, brachten die Niederländer die ersten Bildplattenspieler heraus. Das Produkt wurde vom Publikum geschnitten - sei es, weil man mit den Platten nicht selber Fernsehbilder aufzeichnen kann; sei es, weil das angebotene Film-Repertoire zu dürftig war.
Beim zweiten Anlauf haben es die Videoplatten nicht leichter, sondern eher schwerer. Sie müssen gegen ein riesiges Angebot an Filmen auf Videokassetten ankämpfen, die in jeder Videothek für ein paar Mark auszuleihen sind.
Viele Manager aus dem japanischen Lager der Elektronikindustrie sind daher überzeugt, daß der Philips-Polygram-Vorstoß nur dazu dienen soll, von dem ebenfalls im Herbst zu erwartenden digitalen Tonband (DAT) abzulenken. Dessen Erfolg wollen die Niederländer bremsen. Sie fürchten, der CD-Boom könne rasch abflauen, wenn sich die Musikfreunde ihr eigenes Programm in perfekter Tonqualität auf der Kassette zusammenstellen können.
Große Begeisterung für CD-Video ist denn auch bei den Lizenzpartnern der Niederländer nicht zu spüren. Matsushita will vorerst nur Geräte für die Videosingles anbieten. Und in einem internen Sony-Papier heißt es: "Wir werden die Entwicklung abwarten."

DER SPIEGEL 13/1987
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