23.03.1987

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Wer bekommt Fichtel & Sachs? Zwei Große der deutschen Industrie streiten um die Schweinfurter Firma. *
Mannesmann-Chef Werner H. Dieter kannte seinen Kollegen nur "vom Hörensagen". Ernst Pieper, der Vorstandsvorsitzende des Salzgitter-Konzerns, hatte den Mannesmann-Vorsitzer "auf Bildern in der Zeitung gesehen".
Im abhörsicheren Raum der deutschen Botschaft in Moskau standen sich die beiden Konzernführer zum ersten Mal gegenüber. Sie waren mit zehn anderen bundesdeutschen Kapital-Größen einer Einladung Michail Gorbatschows in die Sowjet-Hauptstadt gefolgt.
Es täte ihm leid, begrüßte Dieter den Salzgitter-Manager, daß er ihn nicht früher über die Mannesmann-Pläne mit Fichtel & Sachs habe unterrichten können. Er beabsichtige, für seinen Röhren- und Maschinenbau-Konzern mehr als 75 Prozent des Schweinfurter Familienunternehmens zu erwerben.
Es sei ihm längst hintertragen worden, antwortete der sonst so verbindliche Pieper bissig, daß Mannesmann "hinterrücks" bei dem Eigentümer des Bundesunternehmens tätig geworden sei. Das sei "kein guter Stil".
Pieper hatte sich mächtig über den Kollegen aus dem Rheinland geärgert. Seit Herbst vergangenen Jahres versucht der Mannesmann-Chef, in Bonn Stimmung gegen den Salzgitter-Vorstand zu machen. Denn Salzgitter ist wie Mannesmann lebhaft an Fichtel & Sachs interessiert. Das Bundesunternehmen kann nicht kaufen, weil bislang der Bundesfinanzminister dagegen ist
Stoltenberg für die Bundesunternehmen zuständig, hat politische Gründe für sein Veto. Der Aufkauf einer Privatfirma durch die staatseigene Firma Salzgitter stünde in krassem Gegensatz zu den privatkapitalistischen Glaubenssätzen der Christliberalen.
Interessant ist der Kauf für Mannesmann wie für Salzgitter. Beide Firmen-Managements streben aus der Stahlbranche heraus. Fichtel & Sachs, einer der größten deutschen Autozulieferer, kann der Düsseldorfer Firma wie dem Unternehmen vom Zonenrand helfen, außerhalb der Schwerindustrie Geschäfte zu machen.
Gegenwärtig hat das Schweinfurter Unternehmen noch viele Eigentümer, die so gut wie nichts miteinander gemein haben: 35 Prozent der Aktien gehören der Commerzbank; 37,5 Prozent den drei Erbinnen Monika, Elinor und Carolin Sachs; 25 Prozent Piepers Salzgitter-Konzern (siehe Graphik Seite 85).
Zum Verkauf stehen vornehmlich die Aktien der Sachs-Töchter, die ihre Anteile in der "M.E.C. Sachs Vermögensholding" untergebracht haben. Die Initialen stehen für die Vornamen der Damen.
Das Paket ist, einer Testamentsverfügung zufolge, von November 1988 an verfügbar. Für diesen Zeitpunkt hat Salzgitter-Chef Pieper sich ein Vorkaufsrecht gesichert.
Das Vorkaufsrecht hinderte Dieter von Mannesmann nicht, sich ebenfalls um die Aktien zu bemühen. Schließlich verfügt er über beste Kontakte. Sein Aufsichtsratsvorsitzender ist Friedrich Wilhelm Christians, der Sprecher der Deutschen Bank. Und Deutschlands größtes Geldhaus berät seit vielen Jahren Eleonora Sachs, die Mutter der glücklichen Erbtöchter, und deren Schweinfurter Anwalt Walter Ell.
Zunächst wurden die exzellenten Querverbindungen der Deutschen Bank in Bonn eingesetzt. Als Türöffner bei Finanzminister Stoltenberg betätigte sich Günter Vogelsang, der Multiaufsichtsrat in den Diensten der Deutschen Bank. Vogelsang, welch glückliche Fügung, berät den Bundesfinanzminister in Sachen Bundesunternehmen und deren Privatisierung.
Vier Tage vor der Bundestagswahl hatte Stoltenberg einen Termin frei für Dieter. Der Mannesmann-Chef bat den Minister um Verständnis für die Kaufpläne von Mannesmann. Zu einer festen Zusage, dem Salzgitter-Vorstand die Fichtel & Sachs-Pläne zu verbieten, war Stoltenberg allerdings nicht bereit.
Nach der Wahl suchte Dieter beim kleineren Koalitionspartner Mithilfe. "Nicht nur die Interessenlage von Fichtel & Sachs", schrieb er an den FDP-Wirtschaftsminister
Martin Bangemann spreche gegen Salzgitter. Es stünden, heißt es weiter, "einem solchen Zurückdrängen der Privatwirtschaft auch ordnungspolitische Gesichtspunkte entgegen".
Es könne nicht angehen, argumentierte der Manager in dem Brief weiter, daß "erneut Steuermittel eingesetzt werden, um einem subventionierten deutschen Stahlunternehmen auch im Diversifikationsbereich durch hoheitliche Entscheidungen den Vorzug gegenüber privatwirtschaftlichen Unternehmen zu geben".
Dieter plädierte nicht nur für ein Bonner Veto gegen den Verkauf der M.E.C.-Anteile an Salzgitter; er ging auch, wie selbstverständlich, davon aus daß Salzgitter ihm dann seine 25 Prozent abtrete. Ein solcher Verkauf, schrieb er, überaus verantwortungsbewußt, "wäre nicht nur ein Schritt zur Privatisierung von Bundesbeteiligungen, sondern würde auch eine Verbesserung der Finanzsituation dieses Bundesunternehmens bewirken".
Dem Kartellamt in Berlin vermittelte Dieter unterdes den Eindruck, er sei bis auf Salzgitter mit allen Großaktionären von Fichtel & Sachs handelseinig. In der vorletzten Woche reichte Mannesmann bei der Berliner Behörde einen Antrag auf Fusionsgenehmigung ein.
Erkundigungen der Wettbewerbsbehörde ergaben, daß die Transaktion längst nicht perfekt ist. Dieter hat zwar am 15. Januar mit Anwalt Ell einen Vorvertrag geschlossen. Doch Eleonora Sachs verweigerte die Unterschrift.
Commerzbank-Chef Walter Seipp hat den Verkauf seiner 35 Prozent Fichtel & Sachs-Aktien von der Zusage Bonns zugunsten Mannesmanns abhängig gemacht. Der Bankier will keinen Ärger mit dem Finanzminister; möglicherweise, so kalkuliert Seipp, unterstützt Stoltenberg doch noch Piepers Pläne.
Das ist so abwegig nicht. Die Salzgitter-Manager sind für Donnerstag dieser Woche nach Bonn bestellt. Sie hoffen, Stoltenberg - dort mit ihrem Argument überzeugen zu können - daß die problembeladene Bundesfirma Salzgitter nur dann dauerhaft genesen werde, wenn sie mit Hilfe eines Unternehmens wie Fichtel & Sachs zukunftssichere Produkte herstelle. Ein gewinnträchtiges Salzgitter könne später von Bonn privatisiert werden; ein defizitäres müsse hingegen in Staatseigentum verbleiben.
Salzgitter-Manager Pieper möchte gern so viel für das M.E.C.-Paket bieten wie Mannesmann zuletzt offerierte.
Rund 320 Millionen Mark war Dieter zunächst bereit den Sachs-Mädchen für ihr Aktienpaket zu zahlen. Mit einem Firmenwagen schickte Mannesmann in der vergangenen Woche einen neuen Vertragsentwurf an Anwalt Ell und Eleonora Sachs. Dieter legte noch 20 Millionen drauf.
[Grafiktext]
KOMMT MANNES-MANN? Die derzeitigen Anteilseigner der Fichtel&Sachs AG in Verhandlungen mit Mannesmann: M.E.C. Sachs Vermögensholding Monika Sachs Elinor Sachs Carolin Sachs (Erben von Ernst Wilhelm Sachs) 37,5% 24,98% Salzgitter-Konzern SACHS AG München 96,5% 35,01% Commerzbank 2,5% Fritz Gunter Sachs FICHTEL & SACHS AG Schweinfurt
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 13/1987
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