23.03.1987

VEREINEDynamo Windrad

Grüne gründen alternative Sportvereine - Konkurrenz für die etablierten Klubs? *
Wir wollen ein Forum für nette Leute sein", verspricht der Stuttgarter Grünen-Landtagsabgeordnete Winfried Hermann, 34, "keine Lauf- und Schwitzgemeinschaft."
Hermann ist Initiator eines in Stuttgart gegründeten "alternativen Sportvereins", in dem nicht Leistungs-, sondern Freizeitsport, nicht Wettkampf, sondern geselliger Zeitvertreib angesagt ist.
Dem Grünen, derzeit beurlaubter Teilzeit-Studienrat für Deutsch und Sport an einem Stuttgarter Gymnasium schwebte schon lange eine "aktive und attraktive Initiative für Sport- und Bewegungskultur" vor, deren erster Ableger auch schon einen Namen hat- "VfvB", Verein für vielfältige Bewegungskultur.
Überall in der Bundesrepublik sollen wenn es nach den Grünen geht, solche Organisationen den etablierten Vereinen Konkurrenz machen, offen zwar für jedermann, vor allem aber für Grüne und ihre Sympathisanten, für Umweltschützer und Friedensbewegte.
"Ohne Gängelung durch Übungsleiter", sagt der alternative Turnvater Hermann, sollen die Freizeitzirkel "zwischen traditionellem Verein und kommerziellen Fitneß- und Sportstudios" angesiedelt sein, "demokratisch offen" und keinesfalls "hierarchisch".
Bei einem Treffen in Stuttgart waren vor der Gründungsversammlung schon mal Erwartungen und Vorschläge potentieller Mitglieder erörtert und gesammelt worden. Beispiel: Spiel und Sport gemeinsam mit Asylbewerbern und sonstigen Ausländern.
Als Zielgruppe soll, so Hermanns Mitstreiterin Karin Wurth, ein "alternatives Sammelsurium" angesprochen werden - "ein bißchen links", aber ohne ideologische Festlegung, auch nicht "für die grüne Seite": "Wir wollen das nicht als grünen Verein verkaufen."
Im Bundesvorstand der Grünen wird der Stuttgarter Start gleichwohl "mit Wohlwollen" verfolgt. Die Partei sei froh, erklärt der Bonner Partei-Sprecher Michael Schroeren, "daß sich da etwas bewegt", weil der Sport leider "ein bisher unterbelichtetes Feld" sei.
Die Grünen wollen den Sportlern und Spielern "möglichst jeden Abend etwas anderes und an einer anderen Stelle" (Hermann) anbieten- Hockey und Yoga, Badminton und Jonglieren, auch "Afrikanischen Tanz".
Der Verein soll, wie Hermann definiert, eine "Initiative sein, die sich auch in die Politik einmischt - wenn es beispielsweise um die ökologische Umgestaltung
einer Stadt oder ganz simpel um Verkehrsberuhigung geht". Im Juni wollen sich VfvB-Läufer an der Stafette "Sportler und Sportlerinnen für den Frieden" beteiligen.
Solche Aktivitäten erinnern entfernt an die Epoche des 1893 entstandenen Deutschen Arbeiter-Turnerbundes (ATB), der sich nach dem Ersten Weltkrieg in Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB) umbenannte. Diese Organisation, getragen vor allem von den Sozialdemokraten, wurde im April 1933 von den Nationalsozialisten verboten und nach 1945 nicht mehr wiederbelebt.
Verbände wie der ATSB, der "Freie Seglerverband" oder der "Arbeiter-Radfahrerbund Solidarität" waren vor allem als Gegenmodell zur bürgerlichen Deutschen Turnerschaft gedacht, der die Arbeitersportler Hurra-Patriotismus und Deutschtümelei vorwarfen. Ähnlich wie einst die Arbeitervereine betrachten die grünen Verbandsgründer von heute den Sport nicht als Selbstzweck, sondern als Teil einer alternativen Kulturbewegung.
Modell für das geplante grüne Netzwerk sind die Reutlinger "Grashopper", ein 1978 gegründeter Verein, der seinen rund 130 ständigen Mitgliedern und etwa fünfzig wechselnden Anhängern Fußball, Badminton, Volleyball, Gymnastik, Schwimmen und Langstreckenlauf anbietet, aber auch Aktionen für die Dritte Welt veranstaltet. Außerdem bereiten sich auch die "Grashopper" für die "Friedensstafette" (von Flensburg bis zur Zugspitze) vor.
Wie schon der Reutlinger Verein soll auch der VfvB Mitglied des Württembergischen Landessportbundes werden, um in den Genuß von Fördermitteln zu kommen. Die drei erforderlichen Voraussetzungen sind leicht zu erfüllen: Sportförderung, Gemeinnützigkeit und ein Vereinsname ohne Werbetouch.
Die Satzungen der regionalen Landessportbünde schreiben allerdings auch vor, daß Mitgliederverbände parteipolitisch, konfessionell und rassisch neutral sein müssen. Als etwa ein Fußballverein mit dem Namen "Freizeit-Sport-Club Dynamo Windrad Kassel" 1982 in die Fußball-Kreisklasse und in den Landessportbund Hessen aufgenommen werden sollte, wurde er abgewiesen.
Die Vereinsoberen bestritten nicht, daß der Name "ein bißchen links" und "ein bißchen alternativ" gemeint war, politische Aktivitäten gab es indes nicht. Die Fußball-Funktionäre lehnten "Dynamo" dennoch ab: Der Begriff ähnele "zu sehr den Gepflogenheiten der Vereine in der DDR bzw. in den Ostblockstaaten".
Die "Windrad"-Kicker klagten dagegen, unterlagen aber am Ende vor dem Oberlandesgericht Frankfurt. Schon früher hatte der Bundesgerichtshof entschieden, daß der "Deutsche Segler-Verband" die Aufnahme eines Berliner "Segler-Kollektivs Roter Anker" wegen dessen "politischer Zielsetzung" ablehnen durfte. Deshalb lehnen sich die alternativen Gründer bei der Namensgebung jetzt an gängige Traditionsbezeichnungen an.
Zumindest die CDU ist schon hellhörig geworden. Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesinnenministerium Horst Waffenschmidt hat die rund 63000 deutschen Sportvereine aufgefordert, sich auf "neue Trends" einzustellen, etwa auf die beginnende Loslösung vom "traditionellen Sportleben": Die "neue Entwicklung", appelliert der Christdemokrat an die Sportfunktionäre müsse von den bestehenden Organisationen aufgefangen werden.

DER SPIEGEL 13/1987
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