23.03.1987

KARLSPREISKron' und Ehre

Die Aachener Jury hat sich gespalten - wegen des nächsten Preisträgers Henry Kissinger. *
Der Mond verfinsterte sich, tagelang trug die Sonne schwarze Flecken, Blitze zuckten.
Die Zeichen des Himmels, befand ein Hofschreiber zu Aachen, deuteten wohl auf ein baldiges Ende des großen Karl. "Beständig", so berichtete der Chronist auch über irdische Vorboten im Jahre 814, "knackten die Dächer der Gebäude, in denen er sich gerade aufhielt."
Jetzt hat''s wieder im Aachener Gebälk gekracht, schuld war diesmal des Kaisers Geist. Über das 14köpfige Direktorium, das alljährlich mit dem Karlspreis eine "Persönlichkeit oder ein Gremium" für Verdienste um Europas Einheit zu ehren sucht, sind Hader und Zwist hereingebrochen - wegen eines Nicht-Europäers.
Am Himmelfahrtstag Ende Mai erhält der frühere US-Außenminister Henry Kissinger, 63, den Karlspreis, der von Ehrenden und Geehrten oft als eine Art Friedensnobelpreis zweiter Klasse betrachtet wird. Zwei Mitglieder des Direktoriums sind wegen Kissingers Nominierung zurückgetreten. Der Preisträger habe so die Begründung der Ratsherrn Bernhard Schlag (Grüne) und Peter Schmidt (SPD), schon 1957 "die Idee vom auf Europa begrenzten Nuklearkrieg geboren und sich damit doch selbst diskreditiert". Auch die Verleihung des Friedensnobelpreises an Kissinger 1973 sei "ein Flop" gewesen.
Hinter der Kritik an der Person steckt mehr. Art und Form der Preisverleihung, meinen die Skeptiker, hätten sich längst überholt. Das ganze werde, tadelt Ex-Juror Schmidt, schon seit einiger Zeit "vom städtischen Presseamt zu einem Tourismus- und Wirtschaftsförderungsfaktor" degradiert.
An Weihnachten 1949, die Bundesrepublik war erst 215 Tage jung, hatten der Aachener Textilkaufmann Kurt Pfeiffer und einige Geschäftsfreunde die Stiftung im Namen Karls des Großen proklamiert, der den Beinamen "Vater Europas" trug. Die Stifter erweckten einen antiquierten Begriff zu neuem Leben: Die "abendländische Kultur", die "abendländische Einigung", der "abendländische Raum" bedürften nun wieder besonderer Pflege.
Pfeiffer und Anhang dotierten den Preis mit schmalen 5000 Mark. Weil jedoch die Aachener Stadtverwaltung für die Kosten von Festakt und Bankett aufkommen sollte, wurden der Oberbürgermeister und der Verwaltungschef in die Jury berufen - als "geborene" Mitglieder des Direktoriums neben dem Aachener Dompropst und dem Rektor der Technischen Hochschule.
Diesem Quartett ist eine Stifter-Riege von "Vertretern des Wirtschafts- und Geisteslebens" attachiert - ein rechter Geheimzirkel: Über seine Verhandlungen, bestimmt Paragraph 10 der Satzung sei "strengstes Stillschweigen zu bewahren".
Obgleich die Auszeichnung im Namen der Stadt vergeben wird, hat sie nie die Weihe einer Abstimmung im Stadtparlament erfahren. Erst seit 1974 gehört dem Direktorium auch "ein Mitglied jeder Fraktion des Rates" an - wobei damals noch niemand an die Grünen gedacht hat. Sprecher des Gremiums ist - Stifter Pfeiffer starb 93jährig im Januar - der Bankier und Konsul Hugo Cadenbach.
Zwar dürfen bei der Kür der Preisträger "parteipolitische Gesichtspunkte nicht ins Gewicht fallen". Doch bisher blieb der Zirkel, dem auch ein emeritierter Geschichtsprofessor, der Handwerkskammerpräsident, ein Philips-Direktor ein Glas-Industrieller und ein Versicherungs-Manager angehören, auf Konservative fixiert wie Konrad Adenauer, den Briten Edward Heath oder den früheren _(Mit dem Mainzer Ministerpräsidenten ) _(Bernhard Vogel und Außenminister ) _(Hans-Dietrich Genscher bei einem ) _("rheinland-pfälzisch-amerikanischen ) _(Verbundenheitstag" 1983 in Worms. )
Präsidenten der EWG-Kommission, Walter Hallstein. Nur ganz selten kamen Sozialisten wie der Belgier Paul Henri Spaak oder der Brite Roy Jenkins zum Zug.
Bei den Abstimmungen, meist in Pfeiffers Haus bei einem Glas Wein, schrieb stets ein Protokollant mit - seine Aufzeichnungen aber waren nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. So sollte geheim bleiben, daß schon mal die Bundesregierung Preiswünsche äußerte oder Politiker sich selbst ins Gespräch brachten wie etwa Luxemburgs früherer Ministerpräsident Gaston Thorn.
Auch daß die früheren SPD-Bundeskanzler Helmut Schmidt und Willy Brandt von fortschrittlicheren Direktoriumsmitgliedern wie Sauerbier angeboten wurden, sollte unter Verschluß bleiben. Ratsherr Schmidt: "Brandt, dieser Name war undiskutierbar."
Dafür wurde, fast bei jeder Sitzung, der österreichische Kaisersohn Otto von Habsburg vorgeschlagen, langjähriger Präsident der rechtsgewirkten Paneuropa-Union und seit 1979 für die CSU im Europaparlament. Auch die Nato-Oberbefehlshaber Alexander Haig und Bernard Rogers wurden diskutiert. Schmidt: "Ein wahres Gruselkabinett."
Ernsthafte Schwierigkeiten in der Jury, die zu einstimmigem Votum angehalten ist, gab es erstmals 1984 - als Bundespräsident Karl Carstens geehrt werden sollte. Weil Carstens der NSDAP angehört hatte, stellte sich Ratsherr Schmidt gegen die Nominierung, enthielt sich aber bei der Abstimmung "um des lieben Friedens willen" der Stimme. Carstens nahm den Karlspreis "dankbar und tief bewegt" an.
Sein Nachfolger Kissinger - zwischendurch war mit Luxemburg ein ganzes Volk geehrt worden - löste dann endgültig den Konflikt aus. Stifter Pfeiffer hatte als Vermächtnis offenbar den Wunsch hinterlassen, den amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan auszuzeichnen - das schien dem "provinziellen Honoratioren-Gremium" ("Aachener Nachrichten") denn doch eine Nummer zu groß. So griffen die Preisrichter, spekuliert Schmidt, "eine Etage tiefer".
Die Konservativen im Karlspreis-Direktorium werden künftig wohl unter sich bleiben. Rote und Grüne wollen einen neuen Europäischen Friedenspreis stiften, in dessen Jury auch Belgier und Niederländer sitzen sollen.
Nach solchen Vorgefechten rechnen die Organisatoren des Karlspreises damit, daß es am Verleihungstag zu Demonstrationen kommt. Schon beim Festakt für Carstens war es turbulent zugegangen: Der Lärm protestierender Bürger vor der Tür mußte vom Publikum in der Weihestätte durch Absingen der 800 Jahre alten Karlshymne ("Aachen Kaiserstadt du hehre, aller Städten Kron'' und Ehre") übertönt werden.
Auch 1956, als Britenpremier Winston Churchill geehrt wurde, war die Atmosphäre in der Kaiserstadt wenig feierlich. "Go home!" hatten bombengeschädigte Aachener an die Hauswände gepinselt. Als der Politiker vor seinem Hotel auf eine Gruppe Protestler stieß, sagte er zu seiner Frau: "They don''t like me." Mrs. Churchill darauf entwaffnend: "Wundert dich das, darling?" _(Nach einem Gemälde von Albrecht Dürer. )
Mit dem Mainzer Ministerpräsidenten Bernhard Vogel und Außenminister Hans-Dietrich Genscher bei einem "rheinland-pfälzisch-amerikanischen Verbundenheitstag" 1983 in Worms. Nach einem Gemälde von Albrecht Dürer.

DER SPIEGEL 13/1987
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