23.03.1987

Der Zocker und seine stillen Partner

Wie Devisenspekulanten den Volkswagen-Konzern um fast 500 Millionen Mark betrogen Viele Geschäfte wurden nur vorgetäuscht, die erforderlichen Belege gefälscht: Das 500-Millionen-Ding bei VW ist mit Raffinesse geplant und ausgeführt worden; die Kontrollen bei dem Autokonzern griffen nicht mehr. Der Betrug, der offensichtlich über Frankfurt lief, wäre ohne einen Helfer in Wolfsburg nicht möglich gewesen. *
Er besitzt ein Chalet in St. Moritz, einen Mercedes 500 mit Telephon, ein Haus und eine Segeljacht in Olbia auf Sardinien. Seine Mitarbeiter verwöhnt er mit Hummerkrabben und Champagner aus Magnumflaschen, seine Frauen mit teuren Geschenken. Geld ausgeben kann er.
Joachim (Achim) Schmidt, 38, weiß auch, wie es zu holen ist. Er ist Devisenmakler - er kennt die Tricks des Gewerbes. Zu erzählen hätte er genug, und er könnte den Beamten des Bundeskriminalamts sicher auch erklären, warum sie den Tresor in seinem Büro Anfang vergangener Woche leer fanden.
Doch Joachim Schmidt ist nicht in Frankfurt, auch nicht in St. Moritz, vielleicht auf seiner Jacht vielleicht auf den Malediven. Seine Mitarbeiter haben ihn seit Tagen nicht mehr gesehen, der Staatsanwalt und das Bundeskriminalamt suchen ihn: Schmidt ist offensichtlich auf der Flucht.
Der Frankfurter Devisenmakler ist eine der Schlüsselfiguren in dem Verwirrspiel um verschwundene Millionen, das ein angesehenes deutsches Unternehmen fast einen ganzen Jahresgewinn gekostet hat. Der Volkswagen-Konzern verliert durch einen gewaltigen Devisenschwindel rund 480 Millionen Mark. Europas führender Autohersteller ist das Opfer von Spekulanten geworden, die sich an ihren eigenen betrügerischen Geschäften verhoben haben.
Das 500-Millionen-Ding traf die Manager um Firmenchef Carl Hahn wie einen Tritt in den Unterleib. Am Montag dieser Woche wollten sie in Wolfsburg feiern: 50 Millionen Personenkraftwagen liefen bisher vom Band, ein alpinweißer Golf wird das Jubiläumsauto sein. Die Feier wurde abgesagt. Statt stolze Zahlen zu verkünden, müssen die Manager nun unangenehme Fragen abwehren.
Wird im VW-Konzern waghalsig spekuliert? Werden die fixen Jungs im Devisenhandel nicht hinreichend kontrolliert? Hat der Vorstand die Risiken falsch eingeschätzt?
VW-Finanzchef Rolf Selowsky hat inzwischen auf Drängen der Konzernspitze seinen Job aufgegeben. Chefdevisenhändler Burkhardt (Bobby) Junger, 39, wurde fristlos entlassen, drei weitere Devisenhändler sowie zwei leitende Mitarbeiter wurden beurlaubt.
Mit Verbitterung sieht Konzernchef Hahn, daß durch die peinliche Affäre wieder Zweifel an der Führung des Unternehmens laut werden - gerade als er meinte, der sichtbare Erfolg decke jede Schwäche zu. Unvermeidlich, daß so mancher auch gleich an das Bankhaus Herstatt denkt, das 1974 an den kühnen Spekulationen seiner Devisenhändler zerbrach.
Volkswagen wird den Millionen-Schwindel überleben, die Dellen und die Kratzer im Lack beseitigen, weil das Erfolgsmodell Golf zieht und der Erfolg
des Unternehmens nicht allein vom Devisenhandel abhängt.
Aber die Blamage schmerzt: Die Aktionäre, die erst im Herbst eine Kapitalerhöhung mitmachten, murren; die Mitarbeiter fürchten, daß nun bei ihnen gespart wird; der Finanzminister kann sein VW-Paket nicht wie geplant verkaufen und muß auch noch Abstriche bei den Steuerzahlungen von VW hinnehmen.
Der Staatsanwalt soll klären, was den Managern unerklärlich ist. Der Schock ließ die Aktienkurse purzeln, und aus jedem noch so leisen Gedanken wurde schnell ein Börsengerücht. Selbst Daimler-Benz sah sich gezwungen, eilig zu dementieren, das Unternehmen sei in einer Devisenschieflage.
Es wird weitere Gerüchte geben und weitere Dementis. Denn je mehr über den Schwindel bei VW ans Licht kommt, um so mehr wird sich zeigen, daß es nicht nur um ein paar Betrüger geht. Es sind Fehler im System, die den Kriminellen locken.
Industrieunternehmen und vor allem Banken werden Anlaß genug haben, ihren eigenen Devisenhandel zu prüfen. Das Beben, das VW in der deutschen Wirtschaft auslöste, wird noch lange nachwirken.
Das VW-Management trat am 10. März die Flucht nach vorn an und teilte mit, daß es wegen Betruges, Untreue und Urkundenfälschung Anzeige gegen Unbekannt erstattet habe. Doch welches Desaster sich da über mehrere Jahre angebahnt hatte, war einigen Eingeweihten in Wolfsburg schon seit Wochen klar.
Bereits Ende Oktober vergangenen Jahres kursierten unter Devisenhändlern Gerüchte, daß VW mit seinen Geldgeschäften schiefliege. Der SPIEGEL meldete dies - zeitgleich mit dem Platow-Informationsdienst - am 3. November, einschließlich des obligaten Dementis aus Wolfsburg.
In der VW-Zentrale wurden die Devisenpositionen geprüft. Risiken wurden nicht entdeckt, die Belege des Devisenhandels gaben keinen Grund zur Besorgnis. Offenbar unterrichtete der Vorstand deshalb auch nicht den Aufsichtsrat des Unternehmens.
Selbst bis Bonn war damals die Nachricht gelangt, daß VW Hunderte von Millionen Mark in Devisengeschäften verloren habe. Der SPD-Abgeordnete Fred Zander erfuhr davon durch einen anonymen Telephonanruf aus Frankfurt.
Zander verlangte Auskunft vom Bundesfinanzministerium. Der Parlamentarische Staatssekretär Hansjörg Häfele gab ihm Anfang November die schriftliche Antwort: "Der VW-Vorstand hat mir mitgeteilt, daß das Unternehmen keine Termin- bzw. Kurssicherungsgeschäfte tätigt."
Die Auskunft war im Prinzip korrekt: Das Unternehmen betreibt keine Kurssicherung. Die Dollars beispielsweise, die VW aus dem Verkauf seiner Wagen in den USA erwartet, werden nicht jetzt schon auf Termin verkauft, zu einem künftigen Datum und einem bereits heute vereinbarten Kurs. Sie werden verkauft, wenn sie in die Firmenkasse fließen. Darin steckt ein Kursrisiko.
Andere Unternehmen, etwa Daimler oder BMW, sichern künftige Einnahmen durch Termingeschäfte ab. Ob sie dabei besser zurechtkommen, ist nicht sicher. Sie können zwar mit genauen Mark-Beträgen kalkulieren. Aber es hängt von der Kursentwicklung ab, ob sie mit einem Termingeschäft mehr Mark für ihre künftig eingehenden Dollars erhalten.
Unter Finanzchef Friedrich Thomee wurden auch bei VW künftige Einnahmen gegen Kursschwankungen gesichert. Thomee verließ das Unternehmen
1981. Hahns neues Management verzichtete bewußt auf Kurssicherung.
Die Entscheidung war umstritten. Mehrfach machten Mitarbeiter - so auch Chefdevisenhändler Burkhardt Junger - einen Vorstoß für Kurssicherungsgeschäfte. Der Vorstand lehnte jedesmal ab.
Bei steigendem Dollar-Kurs brachte der Verzicht auf Kurssicherung Gewinne denn dann waren die Dollars von morgen mehr wert als die von heute. Bei fallendem Kurs gab es für die Dollar-Einnahmen immer weniger Mark. Im vergangenen Jahr büßte VW dadurch eine Menge Geld ein.
Die jetzt bekanntgewordenen Verluste von fast einer halben Milliarde Mark haben damit aber überhaupt nichts zu tun. Sie stammen aus einer ganz anderen Art von Geschäft - dem Arbitrage-Handel mit Devisen. Und den betreibt VW so intensiv wie kaum ein anderes Unternehmen in Deutschland.
Es ist das Geschäft mit kleinen Spannen, der schnelle Handel mit ausländischen Währungen. Dollar, Pfund, Franc oder Lira werden gekauft und verkauft, immer in der Hoffnung, daß durch kleine Preisunterschiede - vier Stellen hinter dem Komma - eine Differenz zwischen Einstands- und Abgabepreis als Gewinn hängenbleibt.
Braucht einer, der gute Autos baut, den Handel mit Geld? Bislang- und da sieht das VW-Management die Rechtfertigung - hat dieses Spiel mit Währungen dem Unternehmen Jahr für Jahr zweistellige Millionen-Beträge eingebracht.
"Es ging darum", sagt Junger, "zusätzliche Gewinne zu erzielen." Nur etwa ein Prozent des gesamten Devisenhandels bei VW habe etwas mit Autoexporten zu tun. Alles andere sei Bankgeschäft gewesen - bis zu 80 oder gar 100 Milliarden Mark wurden jährlich umgesetzt. Die Devisenhändler vom Zonenrand waren eine Firma in der Firma.
In Wolfsburg gibt es seit Anfang der siebziger Jahre eine Devisenhandelsabteilung. Sie ist im zehnten Stock des Verwaltungsgebäudes untergebracht. In einem 30 Quadratmeter großen Raum stehen vier Schreibtische einander gegenüber.
An diesen Tischen, jeder mit drei, vier Telephonen, saßen bis vor kurzem die vier Devisenhändler. Der Chef des Devisenhandels arbeitete im Zimmer nebenan.
Wie in einer Bank verkaufen auch bei VW die Händler ihre Dollars oder Mark per Telephon. Danach füllen sie einen grauen, numerierten Händlerzettel aus, mit Uhrzeit und Unterschrift. Der graue Zettel geht weiter an die Bank- und Kassenbuchhaltung.
Dort werden die Daten des Geschäfts in Computer gegeben. Die Geschäftspartner stimmen sich zur Kontrolle telephonisch ab; sie bekommen überdies ein Telex und nach Tagesablauf einen Brief
zur Bestätigung der abgeschlossenen Geschäfte. Später werden alle Belege zusammengeheftet, die Verträge noch einmal auf Stimmigkeit geprüft.
Kann solch ein System überlistet werden? "Gegen kriminelle Energie", sagt VW-Chef Hahn, "sind wir im Zweifel machtlos." Die kriminelle Energie allerdings, soviel scheint sicher, war wohl auf zwei Seiten vorhanden: im Unternehmen und außerhalb.
Es ist beispielsweise nicht festgelegt, wer wen anruft, um ein Devisengeschäft zu bestätigen. Wer täuschen will, muß also zuerst anrufen und sich als Bankmann ausgeben, ehe VW sich bei der Bank meldet und der Schwindel bereits auffliegt.
Zudem müssen beide Seiten den Vorgang in ihre EDV eingeben. Es wird eine Bestätigung ausgedruckt, die dann per Post ausgetauscht wird. Bei einem Scheingeschäft muß VW also eine gefälschte Bankbestätigung erhalten. Andererseits muß die VW-Bestätigung abgefangen werden, entweder bereits im Unternehmen oder in der Bank, an die sie gehen soll .
Durch Zufall, so sagen die VW-Leute, kamen sie schließlich darauf, daß an den Gerüchten um faule Devisengeschäfte doch mehr dran war, als sie zunächst glauben wollten. Anfang Januar 1987 stieß ein Mann aus dem mittleren Management, als er per Hand Computerausdrucke nachrechnete, auf Ungereimtheiten. Es ging um 95 Millionen Dollar, die einen Verlust von 80 Millionen Mark brachten.
Chefdevisenhändler Bobby Junger wurde zur Rede gestellt. Er bot seine Kündigung an. VW akzeptierte, doch Junger sollte bei der Aufklärung des Falles helfen. Erst später, als sich das Ausmaß der Betrügereien deutlich abzeichnete, wurde Junger entlassen.
Während in Wolfsburg noch mühsam recherchiert wurde, welche Geschäfte faul und welche Belege womöglich gefälscht seien, bot in Frankfurt bereits einer der Beteiligten des Coups dezent seine Hilfe an. Rechtsanwalt Egon Geis, der sich gern gestrauchelter Seelen in feiner Bekleidung annimmt, meldete sich für einen Mandanten, der bei dem Gaunerstück um VW eine tragende Rolle gespielt hatte.
Der Geis-Mandant wußte, daß am 18. Februar ein Devisengeschäft zwischen VW und der Ungarischen Nationalbank platzen würde. Die Summe: 50 Millionen Dollar. Weitere acht Geschäfte dieser Größenordnung standen noch aus. Insgesamt ging es um 308 Millionen Dollar und einen Schaden von etwa 400 Millionen Mark.
Der Mann hatte den Schwindel mitinszeniert. Er wollte, ehe er krachend aufflog, noch Pluspunkte sammeln. Geis hatte ein Schreiben in Händen, das einem Geständnis gleichkam.
Doch der sonst so listige Strafverteidiger machte einen Fehler: Er wandte sich an den VW-Aufsichtsratschef Karl Gustaf Ratjen, telephonisch am 10. Februar, per Einschreiben einen Tag später. Er wollte Ratjen das Schreiben seines Mandanten überbringen.
Geis dachte - und das war sein Fehler -, ein Aufsichtsrat sei ein Aufsichtsrat. Nicht so Ratjen: Der wußte zwar seit dem 21. Januar, daß VW im Devisenbereich Probleme hatte, wollte aber mit Geis nicht reden - "weil ich", wie er dem Anwalt mitteilte, "im Begriffe bin, nach Australien zu fliegen, und mein Terminkalender dies nicht zuläßt". Er fühlte sich auch nicht als der "geeignete Gesprächspartner".
Das war Ratjen wohl auch nicht. Seine Liebe zum Terminkalender hat den VW-Konzern viel Schweiß und viel Ansehen gekostet. Denn weil der Aufsichtsratschef nach Australien wollte, konnte der Übeltäter, den Geis vertrat, nicht auspacken.
Als Geis schließlich, am 24. Februar, in Wolfsburg mit Hahn und dessen Vorstandskollegen Peter Frerk sprach, war es zu spät: Das 50-Millionen-Geschäft mit der Ungarischen Nationalbank war geplatzt. Der Mandant wollte seinen Namen nun nicht mehr preisgeben lassen.
Bei den faulen Kontrakten, über die der Geis-Mandant berichten wollte, handelte es sich um die typischen Geldgeschäfte mit den Kursdifferenzen vier Stellen hinter dem Komma, die auch die VW-Händler so erfolgreich betrieben.
Gehandelt wurde Kassa (Kauf und Verkauf von Devisen sofort) und per
Termin, also zu einem bestimmten künftigen Datum und heute vereinbarten Kurs.
VW verpflichtete sich beispielsweise im März 1985, per Termin 1. September 50 Millionen Dollar zu einem festen Kurs an die Bank A zu verkaufen. Gleichzeitig wurde ein zweites Termingeschäft mit einem anderen Partner gemacht - Kauf 50 Millionen Dollar per September.
Dies war bei VW nicht das übliche Geschäft zur Kurssicherung, das andere Unternehmen betreiben. Gehandelt wurde wegen des Handels - weil er Gewinn versprach.
Die kleinen Margen, die dabei im Normalfall anfielen, konnten sich zwar zu ansehnlichen Summen addieren, niemals aber zu der Höhe der jetzt bekannten Verluste. Die entstanden, weil durch Betrug ein Teil eines Termingeschäfts wegfiel.
Der dicke Verlustbrocken kam durch Makler Schmidt. Der war offenbar eines Tages mit der Vermittlungsgebühr (Courtage), die er als Makler verdiente, nicht mehr zufrieden. Rechtswidrig begann er auf eigene Rechnung zu handeln.
Wenn Schmidt beispielsweise den Auftrag erhielt, der Ungarischen Nationalbank 50 Millionen Dollar per Termin zu verkaufen, dann übernahm er die Dollar selbst, um damit zu spekulieren. Die Ungarn blieben draußen, Handelspartner VW erhielt aber eine (fingierte) Bestätigung, daß die Ungarn die Dollars zum vereinbarten Termin und Kurs abnehmen würden.
Schmidt hatte in seinem Computer und in seinen Unterlagen eine interne Kodenummer für die Ungarn: 2100. Eine weitere Nummer, 2105, kennzeichnete nach außen ebenfalls die Ungarn, war aber in Wahrheit die Kennziffer eines eigenen Kontos.
Wenn Schmidt ein Geschäft von VW selbst übernahm, benutzte er Kode einundzwanzignullfünf. Die Orders gab er in den Computer. Der erteilte automatisch den Fernschreibgeräten Befehl, das Geschäft den Partnern per Telex zu bestätigen.
In der Frankfurter Feuerbachstraße stehen vier Fernschreiber. Übernahm Schmidt ein VW-Geschäft mit der Ungarischen Nationalbank selbst, so ging ein Telex auf Computerbefehl als Bestätigung an VW. Ein anderes sollte die Ungarn informieren- jedoch das Schreiben, das angeblich an die Nationalbank ging, tickerte im Nebenraum des Schmidt-Büros als Eingang auf einen der vier Fernschreiber. So funktionierte das Computerprogramm reibungslos.
Ordnungsgemäß bestätigt waren die Geschäfte damit indes nicht. Dazu wäre ein Makler allein nicht in der Lage, er muß Helfer gehabt haben - auf jeden Fall in Wolfsburg, wahrscheinlich auch bei den Handelspartnern von VW.
Im Februar dieses Jahres wußten Hahns Rechercheure in Wolfsburg, daß sie geleimt worden waren. Sie erkannten, daß ihnen die Ungarn am 18. Februar die 50 Millionen Dollar nicht abnehmen würden - der Kontrakt war nicht echt, es war eines von jenen Geschäften, die Schmidt nur scheinbar für die Ungarn abgeschlossen hatte, in Wahrheit aber für sich.
Am 27. Februar flogen Experten aus Wolfsburg nach Budapest, um den Fall zu klären. Sie fanden ihre Erwartungen bestätigt: Die Ungarn erklärten, von einem Terminkontrakt, der sie zum Kauf der Dollars verpflichtete, nichts zu wissen. Die Belege seien eindeutig gefälscht. Wer sie gefälscht hat, soll der Staatsanwalt klären.
Der Verlust für VW entsteht, weil das Unternehmen sich verpflichtet hat, einer US-Bank Dollars zum Preis von drei Mark abzunehmen. Der ergänzende Terminkontrakt mit den Ungarn aber existiert nicht - VW kann die Dollars nicht zum erwartet hohen, sondern nur zum niedrigen Tageskurs loswerden (siehe Graphik Seite 132).
Die 308 Millionen Dollar, um die es hier insgesamt geht, wurden 1985 im Schnitt zum Kurs von gut drei Mark für den Dollar gekauft. Heute steht die US-Währung bei 1,80 Mark. Der Rest ist Multiplikation: 308 Millionen mal 1,20 Mark. Hinzu kommt noch der Schaden von knapp 80 Millionen Mark aus der Fehlspekulation, die Anfang Januar aufgedeckt wurde - macht etwa 480 Millionen Mark.
Chefdevisenhändler Junger, der zum 1. April bei Bankers Trust anheuern wollte, wehrt sich gegen den Verdacht, der seit seiner Entlassung an ihm hängt. Er hat sich einen Anwalt genommen und will VW verklagen: "Die werden", sagt der Devisenhändler, "noch viel Freude mit mir kriegen."
Beamte des Bundeskriminalamtes haben Anfang vergangener Woche Jungers Haus in Wolfenbüttel durchsucht. Junger mußte Paß und Ausweis zunächst abgeben, Kreditkarten und Kontoauszüge wurden mitgenommen. Der Devisenhändler, der immer wieder beteuerte, nichts Unrechtes getan zu haben, wurde acht Stunden lang verhört.
Schmidt-Mitarbeiter wollen wissen, daß Bobby Junger Geld von dem Makler bekommen hat, im März 1985 beispielsweise Scheine in vier braunen DIN-A4-Umschlägen, je drei Zentimeter dick, Übergabe im Intercity-Restaurant Braunschweig. "Absoluter Blödsinn", sagt Junger dazu. Er habe nichts genommen, "nicht mal eine Kiste Champagner".
Auf der Schmidt-Jacht vor Sardinien sei er schon mal gewesen. Die Flüge habe er selbst bezahlt.
Die Staatsanwälte in Braunschweig und ihre Kollegen in Frankfurt, die das Verfahren gern an sich ziehen möchten, können sich nicht vorstellen, daß ein Mann allein den Millionen-Betrug an VW geschafft haben könnte. Helfer bei Volkswagen selbst, möglicherweise aber auch in Budapest waren unentbehrlich.
Die Ungarn, die in westlichen Bankenkreisen einen guten Ruf genießen, wollen nichts davon wissen. Er säße doch jetzt nicht mehr am Handelstisch in der Budapester Nationalbank, sagt der stellvertretende Chefdevisenhändler Istvan (Steve) Töröcskey, wenn er Geld von Schmidt bekommen hätte.
Schmidt war öfter in Ungarn. Er hatte auch ein Konto bei der Ungarischen Nationalbank in Budapest.
Der Frankfurter Makler ist ein Zocker, er wettet und spielt gern. Die Geschäfte, die unter seiner Kodenummer 2105 liefen, zeigen daß er gewaltige Summen in der Spekulation mit Devisen bewegt haben muß. Und er machte Verluste, später auch Millionen-Gewinne.
Das war die Zeit, als in der Feuerbachstraße noch der Champagner floß. Inzwischen sieht es dort trauriger aus. Vor ein paar Tagen haben Schmidts Mitarbeiter, weil der Chef nichts mehr von sich hören läßt, die Portokasse unter sich aufgeteilt: Jeder bekam 647 Mark.
Schmidt hat in seiner starken Phase nicht nur mit Budapest und Wolfsburg Geschäfte gemacht, sondern mit mehreren Banken. Immer wieder hat er dabei den guten Namen der Ungarischen Nationalbank genutzt, wenn er mit anderen Partnern ins Geschäft kommen wollte.
Der Devisenschwindel um VW bekommt inzwischen eine neue Dimension. Mehrere Auslandsbanken, vor allem Töchter amerikanischer Institute, haben des öfteren größere Beträge bei VW über Nacht "geparkt", weil sie ihr zulässiges Limit für offene Devisenpositionen (30 Prozent der haftenden Eigenmittel einer Bank) für diesen Tag überschritten hatten. Es waren Gefälligkeitsgeschäfte, an denen Jungers Abteilung kleinere Margen verdiente.
Ein Risiko war es für VW nicht. Die Millionen wurden abends zum Schein an VW verkauft, morgens dann von den gleichen Banken, gegen einen leichten Aufpreis, wieder zurückgenommen. Für die Devisenabteilung eines Industriebetriebes gelten die strengeren Grundsätze nicht, die nach dem Herstatt-Krach für Banken eingeführt wurden.
Die Banken allerdings verstießen damit gegen das Kreditwesengesetz. Die Affäre VW, bitter genug für den Konzern, bringt Aufregung in die Finanzmärkte. Anlaß zur Schadenfreude bleibt den Banken, die schon immer gern das Devisengeschäft für VW übernommen hätten, unter diesen Umständen kaum.
Wolfsburg hält sich unterdessen zurück. Neues, so ein Firmensprecher, gebe es nicht. VW erwartet, daß der Staatsanwalt seine Pflicht tut.
Firmenchef Hahn will offensichtlich einer neuen Diskussion um seine Führungsmannschaft aus dem Wege gehen. Allzuoft hatten ihm die unterschiedlichen Interessen einzelner Vorstandsmitglieder die Arbeit erschwert.
Den jetzt entlassenen Finanzchef hatte Hahn schon früher loswerden wollen.
Vor knapp einem Jahr sollte der seit langem kranke Selowsky auf eine weitere Verlängerung seines Vertrages verzichten. Gleichzeitig wollte Hahn einen Controller ins Haus holen.
Doch andere Vorstandsmitglieder, angeführt von Hahns Hauptwidersacher, Einkaufschef Horst Münzner, stellten sich vor den Finanzmann. Selowsky blieb vorerst, ein Controller kam nicht.
Eine andere Entscheidung allerdings hätte den jetzt geplatzten Schwindel auch nicht verhindert. Die Verlustlawine donnerte bereits zu Tal. Ein Controller im übrigen hat Führungs- und Planungsaufgaben und ist keineswegs - wie das englische Wort nahelegt - ein Kontrolleur, der die Devisenmanipulationen vielleicht schneller entdeckt hätte.
Daß die regelmäßigen Zwistigkeiten im VW-Vorstand das Unternehmen für einen Betrug wie den jetzt entdeckten anfällig machen, will der Vorstandsvorsitzende erst recht nicht gelten lassen. "Ein Einbrecher", sagt Hahn, "sucht sich für seine Tat auch nicht nur die Häuser zerstrittener Ehepaare aus."
Die entscheidende Debatte allerdings, die seine eigenen Entscheidungen und seine Geschäftspolitik betrifft, steht Hahn noch bevor: Die Antwort auf die Frage, ob ein Automobilkonzern sich eine eigene Abteilung für Bankgeschäfte halten sollte, kann der Vorstand nicht dem Staatsanwalt überlassen.
Daß ein exportorientiertes Unternehmen wie VW Experten für den Umgang mit Devisen braucht, ist selbstverständlich. Einkünfte in Dollar oder Peso werden in Mark getauscht, der beste Kurs soll dabei mitgenommen werden. Aber Geld an den Finanzmärkten hin- und herschieben, nur um einen Profit herauszufiltern? Das können die Banken wahrscheinlich besser.
Und genau dies ist der Punkt, wo das Management von VW wirklich angreifbar ist: Wenn ein Unternehmen in branchenfremden Bereichen aktiv wird, in denen andere stärker sind, dann wird es an dieser Stelle anfällig für Leute, die auf die schnelle Mark aus sind.
Es sieht indes nicht so aus, als ob das peinliche Stück um die verlorenen Millionen, bei dem Hahn und seine Männer etwas verlegen auf der Bühne herumstehen, eine Wirkung zeigen wird. Der VW-Vorstand scheint entschlossen, den Devisenhandel, der kleinen Spannen wegen, fortzusetzen.
Noch ist es ruhig an den Händlertischen in der zehnten Etage der Wolfsburger Verwaltung. Doch neue tüchtige Leute werden bereits gesucht.
[Grafiktext]
GEPLATZES GESCHÄFT MIT DEN STELLEN HINTER DEM KOMMA Fiktives Beispiel für einen normalen Devisenhandel und mögliche Verluste durch Betrug Der Normalfall 1. März 1985 Verkauf von 50 Millionen VW Dollar zum Terminkurs BANK A (3,3011) = 165055000 Mark Kauf von 50 Millionen Dollar zum Terminkurs (3,2982) = 164910000 BANK B Differenz aus Kauf zum Terminkurs 164910000 Mark und Verkauf zum Terminkurs 165055000 Mark = Gewinn 145000 Mark Der Betrug 1. März 1985 Verkauf von 50 Millionen VW Dollar zum Terminkurs BANK A (3,3011 ) - 165055000 Mark Kontrakt wegen Be truges nicht vorhanden Kauf von 50 Millionen Dollar zum Terminkurs (3,2982) = 164910000 Mark BANK B Kauf zum Terminkurs 164910000 Mark Die gekauften Dollar können nicht zu dem am 1. März 1985 vereinbarten Verkaufskurs abgegeben werden (dieser Kontrakt war nur vorgetäuscht). Verkauf von 50 Millionen Dollar zum Tageskurs vom 18. Februar 1987 (1,8258) 91290000 Mark = Verlust 73620000 Mark Wert des Dollar in Mark monatlicher Mittelkurs
[GrafiktextEnde]
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Vor der Verschiffung in Emden.

DER SPIEGEL 13/1987
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DER SPIEGEL 13/1987
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