23.02.1987

INDONESIENKollaps abwenden

Die Insel Java ist hoffnungslos übervölkert. Deshalb sollen 65 Millionen Menschen umgesiedelt werden - die gewaltigste Völkerwanderung der Geschichte. *
Mitten in der Dschungel-Wildnis Sumatras lebt der Bauer Muljadi mit seiner Frau und vier Kindern in einer armseligen, wetterzerzausten Hütte. Er hat sie selbst gebaut: 35 Quadratmeter Grundfläche, Wohn- und Schlafraum sowie eine Feuerstelle.
Elektrischen Strom gibt es hier nicht, kein Radio im Haus, keine Uhr. Der Weg zum nächsten Marktflecken ist weit und beschwerlich. Und doch ist Muljadi zufrieden. Er lebt gut - verglichen mit früher, als er noch mittelloser Landarbeiter in einem Dorf auf der indonesischen Hauptinsel Java war. Damals, erinnert sich der Bauer, hatte seine Familie "nie genügend zu essen". Seit zehn Jahren bewohnt und bearbeitet Muljadi sein eigenes Land - karge zwei Hektar zwar nur, die er eigenhändig gerodet hat. Doch die kleinen Reis- und Gemüsefelder ernähren seine Familie.
Der Bauer Muljadi steht beispielhaft für Millionen von Indonesiern, die als Neusiedler in den unwegsamen Dschungelweiten des indonesischen Archipels hoffnungsloser Armut zu entrinnen suchen.
Der Massenexodus in die Randprovinzen des Inselreiches wird staatlich gefördert, mit materiellen Anreizen der Regierung ins Gigantische gepusht. Präsident Suharto will um jeden Preis sein Volk zerstreuen - sonst könnte er der schieren Zahl nicht mehr Herr werden.
Die Republik Indonesien, die Land- und Wasserflächen von der Größe etwa der USA umfaßt, besteht aus 13677 Inseln mit einer Gesamtfläche von rund zwei Millionen Quadratkilometern. Scheinbar Land genug also, den derzeit gut 165 Millionen Indonesiern Heim und Nahrung zu geben. Doch Indonesiens Bevölkerung wächst - trotz aufwendiger Kampagnen zur Geburtenkontrolle - in einem Tempo, das vernünftige Langzeitplanung illusorisch erscheinen läßt.
Nach vorsichtigen Schätzungen wird es zu Beginn des nächsten Jahrhunderts
mehr als 200 Millionen Indonesier geben. Manche Demographen sehen gar schon die 300-Millionen-Grenze in naher Zukunft erreicht.
Hinzu kommt: Zwischen einzelnen Territorien des Riesenreichs besteht ein nahezu unüberwindbares Siedlungsgefälle. Weist etwa die große Insel Kalimantan, das frühere Borneo, eine Bevölkerungsdichte von nur zwölf Personen pro Quadratkilometer auf, müssen in Java auf gleicher Fläche über 700 ihr Auskommen finden.
Auf der Zentralinsel Java, gut halb so groß wie die Bundesrepublik, Sitz auch der Millionen-Städte Jakarta (sieben Millionen) und Surabaya (drei Millionen Menschen), drängen sich rund 60 Prozent (100 Millionen) der Gesamtbevölkerung. Sie leben auf nur sieben Prozent der Landfläche.
Schlimmer noch: Vier von fünf Indonesiern leben in und von der Landwirtschaft, oft als Tagelöhner, die weit unter dem Existenzminimum dahinvegetieren. Eigentümer ihres Bodens sind weniger als die Hälfte der Landbewohner. Und nicht mal sie können sich und ihre Familien vom Ertrag ihrer Krume ernähren: Durch Erbteilung ist die Durchschnittsgröße javanischer Äcker auf 0,1 Hektar geschrumpft.
Gemessen an seinen natürlichen Ressourcen - Zinn und Kupfer, Nickel und Bauxit, vor allem aber ein Fünftel aller weltweit bekannten Erdölvorkommen -, ist Indonesien das drittreichste Land der Erde. Und doch ist mindestens jeder dritte Indonesier selbst nach landesüblichem niedrigem Maßstab bettelarm, hat oft genug nicht mehr als acht Dollar im Monat zum Leben.
Eine trostlose Lage, in der die Flucht in die Großstadt nur scheinbaren Ausweg bietet. Krebsgeschwürartig wuchern die Slums von Jakarta. Jährlicher Zustrom auf Java: zwei Millionen Menschen.
Die Regierung in Jakarta hofft, den drohenden Kollaps noch abwenden zu können. "Transmigrasi" heißt das Zauberwort, Umsiedlung, Verpflanzung von Familien und ganzen Dorfgemeinschaften in die bislang unerschlossenen Dschungel- und Mangrovensumpf-Weiten auf Sumatra, Kalimantan, Sulawesi (Celebes) und vor allem auch Irian Jaya (Westpapua), Indonesiens größte und gleichzeitig am wenigsten entwickelte Provinz mit mehr als einem Fünftel des Staats-Areals aber nur 0,8 Prozent der Bevölkerung.
Bereits vor Beginn des Jahrhunderts hatten die damaligen holländischen Kolonialherren erste Versuche unternommen, die Bevölkerungsstruktur Javas und Sumatras neu zu ordnen. Doch erst in den 70er Jahren kam unter Präsident Suharto das Transmigrasi-Projekt so richtig in Fahrt: Bislang wurden über drei Millionen Menschen in die Wildnis geschickt. Das ist erst der Anfang: Nach den ehrgeizigen Plänen der indonesischen
Regierung sollen in 20 Jahren insgesamt 65 Millionen Indonesier umgesiedelt worden sein - die gewaltigste Völkerwanderung der Geschichte.
Gigantisch wie das Projekt selbst sind die Kosten. Jeder Neusiedler kommt die Regierung bis zu 12000 Dollar zu stehen. Allein für den laufenden Transmigrasi-Fünfjahresplan (bis 1990) sind Ausgaben von 3,5 Milliarden Dollar vorgesehen.
Das kann Jakarta allein nicht aufbringen; internationale Hilfe tut not. Die Weltbank hat bisher 600 Millionen Dollar für Transmigrasi lockergemacht. Auch die Bundesrepublik ist dabei: Die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit in München etwa sponsort die Ansiedlung von 250000 Javanern in Ost-Kalimantan. Bis 1988 kostet sie dieses Engagement 73 Millionen Mark. 30 Millionen Mark steuert die Kreditanstalt für Wiederaufbau bei, aus der Kasse der Konrad-Adenauer-Stiftung kommen weitere 1,8 Millionen Mark.
Umsiedlungswillige gibt es in Indonesien genug. Die vage Hoffnung, auf eigenem Grund und Boden ein besseres Leben führen zu können, treibt landlose Bauern zu Tausenden auf die entfernten Inseln. Transmigrasi ist auch kein Zwangsprogramm; die Regierung kann sogar noch aus der Masse der Siedlungsbereiten auswählen.
Nur Familien mit mindestens zwei Kindern dürfen sich um Umsiedlung bewerben. Ihnen teilt das Siedlungsministerium in Jakarta dann ihr Umzugsgebiet zu. Jeder Neusiedler erhält zwei Hektar Land, von denen er die Hälfte meist selbst noch roden muß. Auch die Hütte in Einheitsgröße (zwei Räume mit zusammen 36 Quadratmetern) bezahlt die Regierung, ebenso landwirtschaftliche Geräte und Grundnahrungsmittel für zwölf Monate: Nach einem Jahr muß die Neusiedler-Familie sich selbst versorgen können.
Das Neuland gehört zwar dem Siedler, aber erst nach fünf Jahren erhält er seine Besitzurkunde. Verkaufen darf er das Land dennoch nicht. Die Rückwanderquote enttäuschter und gescheiterter Siedler liegt nach Regierungsangaben nur bei ein bis zwei Prozent. Westliche Beobachter halten diese Angabe für geschönt.
"Wir sind nicht dumm genug zu glauben", sagt Jakartas Transmigrasionsminister Martono, "daß unser Programm perfekt und nicht zu kritisieren sei. Aber die Angriffe gegen uns haben wenig mit der Wirklichkeit zu tun."
Tatsächlich melden sich in jüngster Zeit immer mehr Kritiker des Transmigrasi-Programms zu Wort - in Indonesien selbst, besonders aber im Ausland.
Transmigrasi sei das "größte Kolonialisierungsprogramm der Menschheitsgeschichte", die "fortwährende Unterstützung des Programms durch den Westen unverständlich", erklärte etwa die Umweltschutzorganisation "Friends of the Earth" kategorisch.
Keine Frage: Ein Siedlungsprogramm dieses Ausmaßes bedingt geradezu irreparable Eingriffe in die bis dato weitgehend unangetastete Natur. Die Bauern wollen urbare Felder; die Regierung muß Platz schaffen für die Infrastruktur. In den nächsten vier Jahren allein sollen gebaut werden: 375 Dörfer für je 2000 Familien, 1500 Schulen. 150 Gesundheitszentren, rund 60000 Kilometer Straße. Dabei gehen Jahr um Jahr 660000 Hektar tropischen Regenwaldes unwiederbringlich verloren.
Keine Frage auch: Durch das Transmigrasi-Programm werden Indonesiens Inseln
von Javanern überflutet. In der rassisch-ethnischen Vielfalt des Staates, bestimmt durch den ausgeprägten Tribalismus von insgesamt 360 ethnischen Völkerschaften, führt das zwangsläufig zu Spannungen.
Denn in einem sind sich Polynesier, Chinesen, Melanesier, Molukker und Papuas einig - im Widerstand gegen die althergebrachte Vorherrschaft der malaiisch-islamischen Javaner im Archipel. Bislang hat dieses "Anti-Java-Syndrom"die Entstehung eines Nationalbewußtseins in Indonesien weitgehend verhindert.
Die Regierung hofft nun, die Umsiedlung werde auf die Dauer zur Integration aller ethnischen Gruppen in eine, die indonesische, Nation führen. Minister Martono: "Es wird nur noch einen Menschen geben."
[Grafiktext]
THAILAND Umsiedlungsströme SUMATRA MALAYSIA SINGAPUR Jakarta JAVA Surabaya KALIMANTAN BRUNEI I N D O N E S I E N CELEBES PHILIPPINEN P A Z I F I K PAPUA-NEUGUINEA IRIAN JAYA AUSTRALIEN
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 9/1987
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