23.03.1987

Der Presse-Frühling im Sowjetland

Ob die Schrecken der Stalin-Zeit oder die Schattenseiten der Sowjetgesellschaft: Die Sowjetmedien durften solche Themen bis vor kurzem nicht anrühren. Jetzt aber gibt die Partei ihnen neue Rechte, werden die ehemaligen Agitprop-Leute munter. Die Presse ist die Avantgarde von Generalsekretär Gorbatschows „Umbau“ geworden. Doch einige Tabuzonen sind geblieben - und etliche Parteigenossen wehren sich.
Der große Lenin hatte die Devise für kommunistischen Journalismus ausgegeben. Eine Zeitung, verkündete er, müsse "Beispiel", "Leuchte" und "kollektiver Organisator" sein. Nicht Kritik sei die Hauptaufgabe der Journalisten, sondern Agitation für die Partei.
Die Praxis, auch noch Jahrzehnte danach, war entsprechend: Kommuniqué-Journalismus. Heldenverehrung und Agitprop machten die KP-Blätter in Moskau - und später von Havanna bis Hanoi - zu Druckwerken staatstragender Langeweile und geistiger Verödung.
In endloser Folge meldeten die Medien Siege an der Produktionsfront, präsentierten sie Arbeitshelden und Best-Arbeiter, rühmten sie Friedensliebe und Selbstlosigkeit der Sowjetmacht.
Berichte über Ernteerfolge im Fernsehen waren stets so dröge wie die kasachische Steppe: Melkerinnen schlenderten fröhlich durch den Stall, und dann, Schnitt, ließ der Kolchos-Vorsitzende nachdenklich Korn durch die Finger rieseln. Zwischenfragen in Interviews gab es nicht.
Negatives fand nur in Maßen seinen Niederschlag - und dann war es mit den Genossen in der Parteiführung abgestimmt oder von ihnen gar angeregt. So entlarvte die Presse schon mal einen korrupten Funktionär oder prangerte eine Wohnungsverwaltung an, die sich nicht um die Sorgen der Mieter kümmerte.
Den Presseleuten war Jahrzehnte hindurch eingebleut worden, daß Objektivität eine bürgerliche Illusion sei und sie sich nicht etwa als Kontrolleure der Herrschenden zu verstehen hätten, sondern Helfer bei der Durchsetzung von Parteibeschlüssen.
Nun können die Journalisten freier atmen im Sowjetland. In der Reformära des Generalsekretärs Michail Gorbatschow sind die ehemaligen Befehlsempfänger zur Avantgarde beim "Umbau" (russisch: "perestroika") der Gesellschaft geworden.
Denn der Reformer im Kreml braucht für diesen Umbau vor allem Offenheit (russisch: "glasnost"), also eine Presse, die nicht mehr den alten Verhaltensmustern folgt und dennoch voll hinter ihm steht. Nur mit ihrer Hilfe hat er eine Chance, den Widerstand konservativer Kader wie eingefleischter Bürokraten zu überwinden und das noch zurückhaltende Volk von seinem Kurs zu überzeugen. "Die Partei", so verkündete das Leitblatt "Prawda", "sieht in der Presse einen aktiven Partner beim Umbau."
Und nur mit kritischen Medien kann Gorbatschow seine Forderung nach mehr Transparenz glaubwürdig machen. Deshalb erweiterte die Parteispitze den Spielraum für die Journalisten: Örtliche KP-Größen bis hin zu ZK-Mitgliedern auf Republikebene genießen nicht mehr journalistische Immunität.
Gorbatschow: "Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ohne Kritik Demokratie geben kann."
Wie vorher schon bei Künstlern, Schauspielern und Schriftstellern breitet sich nun auch unter Journalisten Aufbruchstimmung aus. Auf dem Journalistenkongreß vorige Woche in Moskau forderte der TV- und "Iswestija"-Kommentator Alexander Bowin, fortan müßten der Standpunkt der Regierung und die Meinung des Journalisten "klar voneinander abgegrenzt" werden - vor Monaten noch undenkbar. Laut Bowin, der unter Parteichef Breschnew noch treu Propagandaformeln gestanzt hatte, muß der Leser jetzt lernen, daß der Journalist nicht unbedingt die Meinung des Kreml wiedergibt.
Sein Kollege Jurij Schukow, 80, bis vor kurzem noch ein Monument des statischen, durch keine Realität zu erschütternden Staatsjournalismus, hatte eine wundersame Wandlung durchgemacht. Im Säulensaal des Gewerkschaftshauses beklagte er die zu knappe Auslandsberichterstattung und forderte, die Zeitungsseiten nicht mehr mit ellenlangen offiziellen Verlautbarungen zu blockieren, sondern dafür spezielle Blätter herauszugeben.
Und Michail Leschtschinski, TV-Reporter in Afghanistan, der mit der Pistole am Gürtel Gefechte zwischen Armee und Rebellen kommentiert, beschwerte sich öffentlich über Redakteure, die eigenmächtig Berichte von Autoren änderten.
Dankbar nehmen die Sowjetbürger zur Kenntnis, daß die Medien munter Enthüllungsjournalismus betreiben. Die Zeitungen sind morgens schon an den Kiosken ausverkauft, mehr Bürger als sonst sitzen abends vor dem Bildschirm.
Sie erfahren nun offiziell, daß in Lettland ein Betriebsdirektor erstmals von der Belegschaft gewählt wurde; daß es nicht nur im Kapitalismus, sondern auch in ihrem Staat Drogenprobleme und Prostituierte gibt (siehe Seite 145). Kommentator Bowin kritisierte kaum verhohlen die sowjetische Rüstungspolitik: In der in mehreren Sprachen erscheinenden Zeitung "Moskowskije nowosti" fragte er rebellisch, warum sein Land die SS-20-Raketen eigentlich aufgestellt habe.
Der Chefredakteur des Blattes, Jegor Jakowlew, enthüllte Einzelheiten über den bislang geheimgehaltenen Ablauf eines ZK-Plenums: Gorbatschow habe auf dem Januar-Treffen des Gremiums zur Kaderpolitik die Möglichkeit eines Rücktritts angedeutet, falls das Plenum ihm bei seinen Umbauplänen nicht folge.
Beispielhaft für den neuen Journalismus ist die Nummer acht der ehedem streng orthodoxen Illustrierten "Ogonjok" (Flämmchen). Sie zitierte nicht nur verfemte Dichter, sondern meldete zum ersten Mal die Existenz von Pennern in der Sowjet-Union - bislang totgeschwiegen, weil sie nicht in das angeblich vorbildliche Sozialgefüge paßten.
Die verschwiegene blutige Vergangenheit rührte Gastautor Swjatoslaw Fjodorow auf, ein berühmter Moskauer Augenchirurg. Er erzählte, bislang undenkbar, daß sein Vater als Reiteroffizier unter Stalin 1938 während der Säuberung umgekommen war.
Spektakuläres für Sowjetverhältnisse findet sich auch in einem Artikel über die Revolutionärin Alexandra Kollontai, eine Weggefährtin Lenins und spätere Sowjet-Botschafterin in Schweden: Erstmals erwähnte "Ogonjok", daß der erste Mann der Heldin ein zaristischer General war.
Erst recht zeigt sich geistige Freizügigkeit in den Leserbriefspalten, in denen sich früher schon gelegentlich Unmut äußern durfte. Jetzt machen Bürger auch deutlich, auf welche Schwierigkeiten Gorbatschow mit seiner Reform stößt.
Der Parteigenosse Kuschnarew aus Kassimow etwa wetterte jüngst in einem Schreiben an die "Iswestija": "Das einzige, was sich geändert hat, sind die Reden der Stadtoberen. Sie wenden sich von ihren Tribünen aus an das 'Volk', wie von einer Bühne aus. In Wirklichkeit ist es unmöglich, durch ihre Bürotüren zu kommen."
Für manche Genossen sind die Journalisten, die bislang stets ihre Helfer waren, nun eine Gefahr geworden. Der "Prawda"-Chefredakteur Wiktor Afanasjew, 64, vorige Woche wieder zum Vorsitzenden des Journalistenverbandes gewählt, klagte gar: "Wenn ein Korrespondent beginnt, kritisches Material zu sammeln, oder gar dahin reist, kommen die Anrufe. Man versucht zu erfahren, 'wer dies genehmigt hat'. Die Kritiker werden diskreditiert, aus der Partei ausgeschlossen, auch zuweilen hinter Gitter gebracht" - wie der Journalist Wiktor Berschin, der wegen einer offenen Kritik vom KGB festgesetzt wurde.
Auch innerhalb der Medien gibt es Widersacher gegen den neuen Kurs. Leonid Krawtschenko, neuer Erster Stellvertretender Chef des Staatskomitees für Fernsehen und Radio, konnte zum Beispiel eine TV-Diskussionssendung mit Jugendlichen spät am Abend gegen den Widerstand konservativer Genossen nicht durchsetzen. "Viele Kollegen", sagt ein Szenenkenner, "können und wollen sich an die neuen Anforderungen nicht gewöhnen."
Noch immer existieren "verbotene Zonen" der Berichterstattung. Über die Raumfahrt, so Afanasjew vor seinen Verbandskollegen, dürfe ohne Genehmigung der zuständigen Behörde nichts veröffentlicht werden. Und Angaben über die Verschmutzung des Baikal-Sees seien in der "Prawda" nur schwer "durchzudrücken" gewesen.
Andere Tabuzonen nannte Afanasjew nicht. Obwohl sein Blatt in einem Leitartikel erklärte, es dürfe keine Sachgebiete und Personen geben, die nicht kritisiert werden könnten, bleiben Politbüromitglieder und ZK-Sekretäre nach wie vor von jeder Kritik verschont, dürfen Berichte über ihr Privatleben nicht erscheinen. Dies sei nicht sowjetischer Stil, lautet die stereotype Begründung.
Reportagen über besonders brutale Verbrechen oder auch nur über schwere Autounfälle sind in den Medien unter dem weltoffenen Gorbatschow bislang ebenfalls nicht zu finden. "Wir wollen die Bürger nicht beunruhigen", heißt es.
Die Reporter, Moderatoren und Redakteure versuchten bereits, Gorbatschow mit seiner Demokratisierung beim Wort zu nehmen. Am letzten Tag ihres Kongresses meuterten sie, angeführt von "Iswestija"-Journalisten, gegen zu viele Bürokraten in der Verbandsspitze und verlangten zur Besetzung des Vorstands geheime Wahlen.
Die Delegierten wählten zwar mit verdeckten Stimmkarten - aber die von oben vorgeschlagenen Kandidaten.

DER SPIEGEL 13/1987
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 13/1987
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Der Presse-Frühling im Sowjetland

  • Drohkulisse in Shenzhen: Was bedeuten die Militärfahrzeuge an der Grenze zu Hongkong?
  • Trumps Interesse an Grönland: US-Präsident erntet Spott
  • Roboter im All: Russland schickt Humanoiden zur ISS
  • Kalbender Gletscher: Gefährliche Überraschung beim Kajak-Ausflug