23.03.1987

„Wo die eigene Schludrigkeit liegt“

Aus der Presse der Sowjet-Union Im Zeichen von „Glasnost“ und „Perestroika“, der von Michail Gorbatschow verkündeten Offenheit und Umgestaltung, behandelt die Sowjetpresse freimütig Themen, die bisher tabu waren - wie etwa die Wahl eines Fabrikdirektors in Lettland, abweisendes Restaurant-Personal oder die Prostitution in Moskau. Auszüge: *
"Sind wir denn selbst so schlecht?"
Aus der Zeitschrift "Dzimtenes Balss", Riga:
Um die Jahreswende erschien in der Zeitung "Komsomolskaja prawda" ein Interview mit dem Ersten Sekretär des ZK der Kommunistischen Partei Lettlands, Boris Pugo. Eines der Gesprächsthemen war der Demokratisierungsprozeß, der sich im Leben der Arbeitskollektive immer stärker abzeichnet. Die Journalisten erwähnten das Industriewerk RAF, das schon längere Zeit ohne Direktor sei. Es wurde angeregt, einen Wettbewerb zu organisieren, um einen Direktor zu finden. Die Idee fand auch gleich Beifall.
Die Zeitung veröffentlichte die Bestimmungen des Wettbewerbs sowie einen Coupon zum Ausschneiden, der von den Bewerbern um den Direktorenposten ausgefüllt und dann der Redaktion eingesandt werden sollte.
Die Redaktion wollte bei der Gelegenheit sozusagen in die Jugend hineinschauen: wie groß das Streben junger Menschen ist, sich schneller, ohne die langwierige Kletterei über Dienstgrade, im Kollektiv und in der nicht leichten Leitung eines Unternehmens zu bewähren. Wie groß ist der Wille dazu?
Das Alter der angesprochenen Bewerber wurde auf 45 Jahre begrenzt, erwartet wurde Praxis in der Leitung von Kollektiven mindestens auf der Ebene eines Zweigwerks.
Der Wettbewerb umfaßte das gesamte Territorium der Sowjet-Union. Die "Komsomolskaja prawda" beschrieb kurz die vielen Probleme, die sich im Kollektiv angesammelt hatten, auch daß dem von der Fabrik in Mitau hergestellten Kleinbus die Auszeichnung "Qualitätsprodukt" abgenommen worden sei. Jeder Bewerber mußte ein Programm einsenden, wie in seiner Sicht das Werk seinen früheren Ruhm zurückgewinnen könnte.
Der Strom der Anmeldungen stieg mit jedem Tag. Bei den Korrespondenten in mehreren Städten der Sowjet-Union liefen die Telephonapparate heiß, weil die Bewerber über diese oder jene Nuance der Bestimmungen Konkreteres wissen wollten. Die Zahl der Bewerber erreichte das zweite Tausend und kletterte weiter.
Einer speziellen Bewertungskommission stellte sich nun die Aufgabe, aus dieser riesigen Menge der Bewerber die allerbesten, die allerstärksten auszusuchen und diese zu einer Aussprache mit dem Kollektiv und zum Kennenlernen des Betriebes zu bestellen und schließlich zur Abstimmung zu bringen. Das entscheidende Wort würden dann die Werksangehörigen von RAF sprechen. Sie mußten ihn ja wählen. Aber die vorherige Bewertung, die Auslese, das war von der Kommission zu bewältigen - man konnte doch nicht alle Bewerber in das Werk zitieren.
23. Januar. Im Unternehmen RAF haben sich 14 Teilnehmer des Wettbewerbs "Ich will Direktor werden" eingefunden, die nach der Auslese zu einem Treffen mit den Leuten des Werkes eingeladen worden waren. Über 4000 Kandidaten hatten sich an dem Wettbewerb beteiligt. Soziologen und Psychologen machten die Bewerber nun mit dem Kollektiv bekannt. Sie sollten die schwersten Probleme des Werkes erkunden und Wege zur Stabilisierung der Arbeit des Kollektivs finden.
Sandkastenspiele ermöglichten es, die Tätigkeit des einzelnen Bewerbers zu bewerten, sein Wissen, seine Erfahrung. Nach einigen Tagen schmolz die Zahl der Bewerber auf fünf. Sie gingen in die Werkhallen, zu den Brigaden (Arbeitsgruppen), in die Abteilungen. Sie redeten mit den Leuten: Sagt, schaut, beurteilt - so sind wir, so sehen wir die Probleme eurer Arbeit, so werden wir sie lösen, wenn ihr uns wählt.
Die RAF-Leute beobachteten, werteten, verglichen - die eigenen Kandidaten, die aus dem Industriebetrieb selbst "ausgeguckt" worden waren, und die Fremden. Langsam schmolz das Mißtrauen, den RAF-Leuten wurde vieles klar, was sie bisher-für nicht mehr verbesserungsfähig gehalten hatten.
30. Januar. Vor den RAF-Leuten im überfüllten Saal stehen noch zwei Kandidaten, die in das Finale des Wettbewerbs gelangt sind: Sergej Gorbunow aus Pskow und der Omsker Wiktor Bossert. Der Erfolgreichste aus Lettland war nur unter die ersten zehn gekommen.
Zur offenen Abstimmung hatten sich 444 Betriebsmitglieder versammelt. Sie, nur sie sprechen das letzte Wort. Vorher hielten beide Kandidaten noch programmatische Ansprachen, in denen sie darlegten, was sie vorhaben, wenn sie gewählt werden.
Ich fragte die RAF-Leute nach ihrem Urteil. Antworten: "Der Eindruck von beiden ist gut. Schade, daß nur einer davon in unserem Werk bleiben wird." Oder: "Gebildete Leute, gleichzeitig haben sie sich über alle Fragen gut informiert. Man merkt den Stil der Leitenden." Oder: "Warum wir sie zuerst mit Mißtrauen aufnahmen? Vor allem, weil wir sie nicht kannten. Warum brauchen wir Leiter von auswärts, Seiten-Einsteiger? Sind wir denn selbst so schlecht?"
Allzuviel Verschulden hat sich das Kollektiv im Laufe der Jahre geleistet. Das bekräftigte in seiner Ansprache auch Wiktor Bossert, der - ausgelost - als erster zu sprechen hatte. Äußerlich verschlossen, beherrscht, wie es scheint: ein Mann weniger Worte, (ein Sowjetbürger) deutscher Nationalität. Er besteigt die Tribüne, drückt sich präzise treffend, sogar farbig aus, ordnet alles richtig ein, scheut sich auch nicht, den RAF-Leuten ins Gesicht zu sagen, wo die eigene Saumseligkeit, Flüchtigkeit, Schludrigkeit liegt. Nach jeder Schlußfolgerung applaudiert der Saal.
Für Wiktor Bossert stimmten 387 von 444 Anwesenden.
"Ich mußte einen Geldschein lockermachen"
Aus der Zeitschritt "Neues Leben", Organ der Sowjetdeutschen:
Mit einem Journalistenkollegen aus der DDR, Gast unserer Redaktion, fuhr ich nach Kiew. Am Abend gingen wir in das Restaurant unseres Hotels, um zu essen. Die Restaurantleiterin aber empfing uns kühl: "Wir haben eine Hochzeitsgesellschaft. Alle Plätze sind reserviert." Und sie fügte hinzu: "Unser Restaurant ist vorwiegend für Hotelgäste da." "Entschuldigen Sie bitte", wandten wir ein, "wir sind doch Hotelgäste!" Und brachten unsere Zweifel zum Ausdruck, daß Dienstreisende oder Touristen, die im Hotel "Moskwa" wohnen, im Restaurant Hochzeit feiern.
Dieser Einwand rief stürmische Gegenreaktionen hervor: "Wir können Sie sowieso nicht bedienen. In unserem Restaurant hat man nur in Anzug und Krawatte Zutritt, nicht aber in Jeans und Pullover."
Wir beschlossen, uns die Laune nicht verderben zu lassen, und gingen einfach in ein anderes Restaurant. Auch im "Metro" wurde Hochzeit gefeiert. Im Restaurant "Dnjepr" des gleichnamigen Hotels wollte uns der Portier nicht einmal anhören. Wir baten um ein Gespräch mit dem Leiter, der Portier aber empfahl uns, selbst zum Leiter zu gehen, wobei ihm durchaus klar war, daß man uns ohne Hotelkarten nicht ins Hotel lassen würde.
Wir suchten unser Glück woanders. Im Restaurant "Stolitschny" zuckte ein freundliches junges Mädchen als Antwort auf unsere traurige Geschichte mit den Schultern und sagte lächelnd den uns schon bekannten Spruch auf: "Bei uns wird Hochzeit gefeiert."
Wir waren bereit, uns über die Hochzeiten anderer Leute zu freuen. Doch eine Frage ließ uns keine Ruhe: Warum alle Hochzeiten ausgerechnet heute und in jedem Restaurant? Ich versuchte, an das Gefühl der Gastfreundschaft zu appellieren, dessentwegen unsere Menschen so gerühmt werden.
Ich versuchte zu erklären, daß sich in meiner Begleitung ein Gast aus einem Bruderland befinde, daß es nicht schlecht wäre, wenn man uns trotzdem erlaube, zu Abend zu essen. "Was geht mich das an", sagte das hübsche Mädchen aus tiefster Überzeugung, "meinetwegen könntet ihr aus Paris sein. Ich habe doch deutlich gesagt, daß keine Plätze frei sind."
Am Eingang dieses und der anderen erwähnten Restaurants standen Menschen. Es waren nicht sehr viele. Nach dem sie erkannt hatten, daß hier nichts zu machen war, gingen einige mit einer hoffnungslosen Handbewegung davon. Andere verschafften sich dennoch Zutritt zum Restaurant. Letztlich mußten wir uns mit einem kalten Essen, belegten Brötchen im Buffet des Hotels "Moskwa" zufriedengeben, in dem wir zu unserer Freude untergekommen waren.
Am nächsten Abend wiederholte sich das Ganze. In den gleichen Restaurants wurde Hochzeit gefeiert. Offenbar andere. Ich erinnerte mich an das Lied, in dem die Hochzeit besungen wird und in dem der Platz für die Hochzeitsgesellschaft hinten und vorne nicht ausreicht. Und mit der bekannten Melodie vom hungrigen Magen auf den Lippen dachte ich an diejenigen, die wegen irgendwelcher Veranstaltungen, die der Restaurantleitung vorteilhaft erschienen, in keinem einzigen Restaurant Platz fanden. Dem Gast aus der DDR gegenüber fühlte ich mich wegen unseres "unaufdringlichen Service" sehr unwohl.
Am Eingang eines Restaurants riet uns ein junger Mann, dem Portier ein Trinkgeld zu geben. Ich war empört und sagte zu ihm: "Aber hier findet doch eine Hochzeit statt." "Sie sind ein naiver Mensch", antwortete er, "hier findet möglicherweise auch keine Hochzeit statt. Das ist hier einfach üblich. Wer es glaubt, der geht... Wer aber unbedingt rein will, der weiß, wie man das macht."
Nur dank unserer Journalistenausweise drangen wir an jenem Abend noch in das Restaurant "Moskwa" vor. Im sogenannten Roten Salon wurde tatsächlich eine Hochzeit ausgerichtet. In einem anderen Salon gab es recht viele freie Plätze. Die Restaurantleiterin aber behauptete nach wie vor steif und fest: "Keine Plätze, keine Plätze." Als sie auf die freien Tische hingewiesen wurde, antwortete sie: "Reserviert."
Erneut empörten sich die Menschen baten, gingen fort. Doch nicht alle gingen. Unter den Glücklichen war auch ein Mann, der an unserem Tisch plaziert wurde, obwohl es genug andere freie Tische gab. Als er unsere verwunderten Blicke bemerkte, sagte er gepreßt: "Ich mußte einen Geldschein lockermachen." Und plötzlich ergriff ihn berechtigter Zorn: "Die kann man nicht umgestalten, die sollte man einsperren."
Zuhälter, Taxifahrer, Kuppler als Schlepper
Aus "Sowjetskaja Rossija":
Major Sergej Adschijew vom 69. Polizeirevier in Moskau pflegt seit anderthalb Jahrzehnten ein Hobby - eine Prostituierten-Kartei, die inzwischen auf 3500 Karten, alphabetisch geordnet, angewachsen ist. Eine breite Palette ist das, von 14 bis 70 Jahren. Ein Idealbeispiel ist eine "Dynastie" von drei Generationen: Großmutter, Mutter und Tochter, die alle zusammen "arbeiten".
Es gibt drei Kategorien von Prostituierten:
▷ die "Zentralen" aus besseren Krei sen, die abgesunken sind (Ursachen: das Altern, Verlust der Suff);
▷ die Primitiven, Preis: wenigstens ein Glas Selbstgebrannten, und dann
▷ die meisten - Wandervögel ohne festen Wohnsitz, aber mit festen Plätzen, Bahnhöfe zum Beispiel. Konkurrenz, die neu ankommt, wird nicht gern gesehen.
Die Geschäfte gehen zuweilen ganz gut. So mancher Besucher aus dem Norden, der auf Abenteuer aus war, ist schnell einige ehrlich erworbene Tausender losgeworden.
Um so eine "Dame" auszuweisen (aus der Stadt), muß man sie dreimal im Jahr schnappen. Vor der Olympiade 1980 wurden 70 Prostituierte hinter den 101. Kilometer verbannt. Die meisten kehrten alsbald zurück. Eine Anklage wegen Parasitentums kann nur erhoben werden, wenn Einkünfte aus verbotener Arbeit nachzuweisen sind. Soll eine Flasche Portwein, der Preis für den Verkauf des eigenen Körpers, als Schwarzarbeitsprofit gelten, so ist der Nachweis unmöglich zu erbringen - die Flasche ist längst geleert.
In der Nähe vom Hotel "National" kommt es schon vor, daß in einer Nacht mehrere Kleinbusse voller Damen zum 108. Revier gekarrt werden. Man nimmt die Personalien auf, dann werden sie wieder in die Nacht entlassen.
Das Umfeld der Damen ist bekannt: Mitarbeiter der Hotels und Restaurants, die ihren Obolus für das Aufenthaltsrecht in den Räumlichkeiten kriegen, Ärzte zur illegalen Behandlung von Geschlechtskrankheiten und für fiktive Gesundheitszeugnisse, devisenstarke Kunden, Wohnungsvermieter für die "Arbeit", fiktive Ehemänner, Zuhälter Kuppler, Taxifahrer, welche die Prostituierten nicht nur befördern, sondern auch Kundschaft anschleppen, dazu die Beschaffer von Flugtickets in die Ferienorte ... sowie von Reisegenehmigungen in ausgesuchte Kurorte.

DER SPIEGEL 13/1987
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