23.03.1987

„Hoch das Bein und lobt den Herrn“

SPIEGEL-Reporterin Valeska von Roques über Amerikas religiöse Rechte im Elektronik-Zeitalter *
Einem Oberstleutnant der US-Marineinfanterie widerfuhr Wundersames, und er erzählt gern davon, sogar wildfremden Menschen beim Friseur:
Ein schmerzhaftes Rückenleiden habe ihn gequält. Eines Tages sei ein fundamentalistischer Offizierskollege vor ihm niedergekniet und habe Gott angefleht, er möge den Kameraden von seinen Schmerzen befreien. Schmerzfrei sei der dann aufgestanden, schmerzfrei sei er bis heute.
Der Allerhöchste tat dieses Wunder an Oliver North, jenem Offizier im Nationalen Sicherheitsrat des Weißen Hauses, der Anfang Oktober vorigen Jahres Vertretern der iranischen Regierung die wahrscheinlich absonderlichsten Geschenke der jüngeren Diplomatiegeschichte überreichen ließ: eine Bibel, einen Kuchen in Schlüsselform und ein paar Colts, das Sinnbild individueller amerikanischer Manneskraft.
Die Bibel, in die Ronald Reagan handschriftlich einen neutestamentlichen Vers aus dem Brief an die Galater gemalt hatte, sollte den iranischen Ajatollahs zu verstehen geben, daß auch der amerikanische Präsident "ein Mann Gottes ist" - so der damalige Sprecher des Weißen Hauses, Larry Speakes.
Mit dem Schlüssel aus Biskuit-Teig wiederum wünschten die Spender zu signalisieren, daß nunmehr eine neue Phase in den gequälten iranisch-amerikanischen Beziehungen eröffnet werde.
Die Colts standen für das politische Instrument des Wandels durch Annäherung: Waffen gegen Geiseln.
Sich derlei auszudenken, braucht es eine spezielle politische Phantasie, und über die verfügt Oliver North in reichlichem Maß. Zwar wurden seine Gaben in Teheran eher belächelt - als besonders plumper Trick der amerikanischen Teufel, Gemeinsamkeiten zu setzen, wo es keine gibt. Oliver North sah das sicher ganz anders: Als er den Ajatollahs die Bibel übergeben ließ, versuchte ein christlicher amerikanischer Fundamentalist, islamische Fundamentalisten im Iran gnädig zu stimmen.
Denn Oliver North, der Haudegen der "Cowboy" aus dem Nationalen Sicherheitsrat, ist ein tiefreligiöser Mann, ein "wiedergeborener Christ" und Anhänger der neuesten amerikanischen Erweckungsbewegung.
North wurde als Katholik geboren. Heute gehört er zur "Kirche der Apostel" in Fairfax, Virginia, deren "pfingstgläubige" Mitglieder zuweilen "in Zungen reden" und an göttliche Wunderheilungen glauben.
In seinem kleinen Büro im Nationalen Sicherheitsrat, wo er seine weltpolitischen Intrigen spann, stellte North seine Frömmigkeit nicht zur Schau. Gleichwohl trägt sein politisches Handeln deutlich Spuren jenes außenpolitischen Messianismus der USA, der versucht, einer gefallenen Welt, vor allem aber dem gottlosen Kommunismus mit einer amerikanischen Version von Gottgefälligkeit entgegenzutreten.
Amerikanische Fundamentalisten glauben, dazu sei ihr Land berufen. Lange Zeit galten sie als der schlafende Riese der amerikanischen Politik - jene Heerscharen religiöser Ultras in den Vereinigten Staaten, die unter dem Sammelnamen "wiedergeborene Christen" oder "Evangelikale" bekannt sind. Inzwischen ist der Riese aufgewacht. Während die traditionellen protestantischen Kirchen insgesamt nur etwa 15 Millionen Mitglieder haben, wuchsen die Wiedergeborenen zu der schier unübersehbaren Menge von 50 Millionen heran. Sie gebärden sich laut, fanatisch und intolerant: Die Vereinigten Staaten, die überall auf der _(Oben: bei der Vereidigung vor seiner ) _(Aussage über "Irangate" im Dezember ) _(1986; ) _(unten: bei der Vorstellung der von ) _(Reagan übersandten Bibel im Januar. )
Welt den Terror islamischer Fundamentalisten bekämpfen - wenn sie ihnen keine Waffen verkaufen-, haben ihre Ajatollahs im eigenen Land.
Sie wollen Amerika endlich zu dem Gottesstaat machen, den die Pilgerväter in der Neuen Welt zu gründen wünschten - und sie schrecken dabei auch vor Bombenlegen nicht zurück: Eine Serie von Anschlägen auf amerikanische Abtreibungskliniken seit 1982 beweist ihren Fanatismus.
Sie betreiben ihren eigenen "Heiligen Terror" - so die amerikanischen Soziologen Conway und Jo Siegelmann über den "Kreuzzug der religiösen Rechten gegen die amerikanische Freiheit".
Im hochtechnisierten, wissenschafts- und fortschrittsgläubigen Amerika schufen sich diese religiösen Eiferer eine radikal biblische Gegenkultur. Vor den turmhohen Abschußrampen der Nasa für die US-Weltraumraketen oder den gläsernen Wolkenkratzergebirgen von Manhattan entfaltet sie sich wie eine naive Fabelwelt.
Gemeinsam ist allen, daß sie ihr Heil außerhalb der etablierten Kirchen suchen. Ihr religiöser Eifer kommt aus einem persönlichen Erweckungserlebnis, in dem sie sich von Jesus gerettet und durch das sie sich wiedergeboren fühlen.
Sie glauben an die wortwörtliche Wahrheit der Bibel, und in diesem Sinn können sie allesamt Fundamentalisten genannt werden. Aus der Bibel lesen sie, daß demnächst, womöglich noch in diesem Jahrhundert, nach einer Zeit der Prüfungen und der endzeitlichen Schlacht von Harmagedon, das tausendjährige Gottesreich, das Millennium, anbrechen werde.
Fürwahr, es klingt wunderlich.
Noch wunderlicher, daß die naive Bibelgläubigkeit sich in einzigartiger Weise mit futuristischer Technologie verbunden hat.
Denn der Kreuzzug der Wiedergeborenen in Amerika fiel mit der großen Revolution des Kommunikationswesens zusammen: mit der Ausbreitung von Video, Kabel und der Computerbriefwerbung - neuen hochtechnischen Mitteilungsmöglichkeiten, deren sich die fundamentalistisch-religiöse Propaganda bemächtigte.
Die bizarre Verbindung hatten Mitte der 70er Jahre die Führer und Institutionen der amerikanischen Neuen Rechten hergestellt, die Wegbereiter und -begleiter Ronald Reagans, Männer wie Paul Weyrich, Mitbegründer der rechten Denkfabrik "Heritage Foundation", oder Richard Viguerie, der das System der elektronischen Briefkastenwerbung in den USA perfektionierte.
Mit den Computerkünsten der Neuen Rechten konnte die "Moral Majority" des Fernsehpredigers Jerry Falwell zu einer Millionenbewegung anschwellen, entstanden ganze Geschwader von rechtsreligiösen Interessenverbänden, wurden aus unbedeutenden Fernsehstudios einiger Provinzprediger mächtige Videokirchen, die inzwischen mehr als 60 Millionen Amerikaner erreichen.
Zu allen Tages- und Nachtzeiten, über Kommerz-TV oder Kabel, dröhnen, untermalt von süßem Gospelgesang, fast allgegenwärtig Amerikas Fernsehprediger von den Bildschirmen.
Der prominenteste unter ihnen heißt Pat Robertson, und er ist sich des Anklangs seiner christlichen Mission beim Volk der USA so sicher, daß er sich jetzt, allen Ernstes, in der Republikanischen Partei um die Kandidatur für die Präsidentschaftswahl 1988 bewirbt.
Auch Robertsons Fernsehstation Christian Broadcasting Network (CBN) arbeitet mit allen Finessen der elektronischen Revolution.
Wenn etwa Mrs. Adelaide Smith aus Kalamazoo, Michigan, die Nummer des Fernsehpredigers anwählt - 18004460700 -, steht ihr alsbald Post von ihm ins Haus.
Fürsorglich erkundigt sich Robertson darin nach der Angina, über die sie geklagt hat. Auch habe er, wie gewünscht, für die Rückkehr ihres untreuen Gatten gebetet - ob das schon genutzt habe?
So seelsorgerlich privat klingt der Brief, als hätte sich der Pastor selbst in einer ruhigen Stunde vor seine Schreibmaschine gesetzt, um Mrs. Smith zu antworten.
Den Seelsorgebrief verfaßte natürlich ein Computer. Er wählt die vorgefertigten Versatzstücke von Trost und Zuspruch, druckt sie aus und versieht sie schließlich mit der täuschend echten Unterschrift von Pat Robertson.
Die nötigen Informationen bezieht der Computer aus einem gelben Formular, auf das Freiwillige die Nöte der Mrs. Adelaide Smith eingetragen hatten, einschließlich selbstredend ihrer Adresse. Und wenigstens soviel war echt an der Unmittelbarkeit der elektronischen Fürbitte: Robertson hatte über dem Formular gebetet. Allerdings eher pauschal,
denn es steckte in einem Stapel von mehreren tausend Stück.
Für genau 30 Minuten ruhten die Formulare auf einem schlichten weißen Altar in einer runden Kapelle in der riesigen Sendezentrale von CBN.
Im Sockel des Altars stecken auf Mikrofilm die Namen von Menschen, die besonders großzügig für CBN Geld gaben, nebst sieben ihrer wichtigsten Herzenswünsche. Auch sie werden mitbedacht.
Freilich kann der Prediger die Sorgen seiner Mitmenschen dem Himmlischen Herrscher nur gleichsam in Megabytes darbieten: Immerhin gehen jährlich vier Millionen Gebetsanfragen bei CBN über Telephonleitungen ein, deren Benutzung für den Anrufer kostenlos ist. Nur die Fluggesellschaft American Airlines hat für ihren profaneren Gebrauch des Himmels noch mehr Betrieb auf ihrer unentgeltlichen Buchungsleitung.
Für CBN notieren 4000 Helfer in sechzig Beratungszentren gewissenhaft was die Menschen auf Erden so plagt: ob Arthritis oder der Teufel Alkohol, die Anorexie einer Halbwüchsigen oder ein Anfall von Glaubenszweifel. Für alles ist Robertsons Video-Kirche zuständig.
Ihr Chef zählt wie Oliver North, zu den etwa drei bis fünf Millionen "pfingstgläubigen" Christen in den USA.
Kein Wunder also, daß nun Pat Robertson in seinen Sendungen häufig für den gefeuerten North betet. Ein "Opferlamm" hat er ihn genannt und ihn derart in die Nähe Jesu gerückt.
Mehr als 10000 unterstützende Briefe amerikanischer Glaubensgenossen will North schon erhalten haben.
Solche Kampagnen lassen sich leicht organisieren mit den täglich anwachsenden Computer-Adressenlisten von Robertsons mächtiger Fernsehkirche. Derart unterstützte sie Feldzüge gegen die Abtreibung, organisiert Robertson die Vorstufe seiner Präsidentschaftskampagne.
Als er im September vorigen Jahres auf einer Großveranstaltung in Washington seine hochfliegenden politischen Pläne bekanntgab, stellte er nämlich eine Bedingung: Binnen eines Jahres müßten "drei Millionen Gläubige einen Aufruf unterzeichnen, in dem sie versichern, daß sie für mich beten, arbeiten und spenden wollen".
Daß sich unter den vielen Millionen Robertson-Bewunderern drei Millionen finden werden, die sich derart für ihn verpflichten, ist kaum zu bezweifeln.
Natürlich bringt ihm das nicht die Nominierung. Um die zu erringen brauchte er mehr als ein Wunder. Doch anzunehmen ist, daß Robertson mit einer stattlichen Anzahl von Delegierten auf dem Nominierungsparteitag der Republikaner antreten und das Parteiprogramm kräftig nach rechts drücken wird.
Ob Robertson-Anhänger oder nicht - spenden müssen Amerikas Fundamentalisten alle, bis hin zur Groteske: Seinem Millionenpublikum kündigte der Fernsehprediger Oral Roberts kürzlich an, seine Gläubigen müßten bis Ende März acht Millionen Dollar für seinen vom Bankrott bedrohten Krankenhauskomplex in Tulsa, Oklahoma, lockermachen. Andernfalls werde der Herr ihn am 1. April heimrufen.
Trotz dieser erpresserischen Zumutung des Predigers spielten die Schäfchen seiner Fernsehgemeinde mit. Knapp zwei Wochen vor dem Tag, an dem Gott angeblich zuschlagen würde, um Oral in sein himmlisches Reich zu entführen, fehlten dem Prediger nur etwa 700000 Dollar an der gewünschten Summe.
Über den Stichtag lasse Gott ja wohl auch noch mit sich handeln, hieß es aus Tulsa.
Obskure Spinner? Hinterwäldlerische Phantasten? Was sie tun und sagen, wirkt so. Doch zugleich leben die wiedergeborenen Christen Amerikas in einer mächtigen amerikanischen Tradition. Sie hat das Selbstverständnis der jungen Nation seit jeher geprägt, ohne sie ist amerikanische Politik auch heute nicht zu verstehen. Mitte März warnte
der Historiker Arthur Schlesinger vor einer "messianischen Außenpolitik" der USA, die darauf ziele, "eine gefallene Welt zu retten".
Eben dieses hatten die Pilgerväter allerdings vor, englische Puritaner, die Anfang des 17. Jahrhunderts in die Neue Welt aufbrachen, um dort einen calvinistischen Gottesstaat zu errichten.
Sie sahen sich als Nachfolger des biblischen Volkes Israel: Gott hatte mit ihnen einen "neuen Bund" geschlossen und ihnen aufgetragen, in der Wildnis die "Stadt auf dem Hügel" zu errichten - ein neues Jerusalem, dessen Gründung die in der Bibel vorausgesagte Endzeit einleiten würde. Die puritanischen Siedlungen an der Ostküste Nordamerikas waren ein Experiment in angewandter Theologie. Doch die Puritaner der ersten Stunde hatten die Mitgliedschaft in ihrer Kirche und den Genuß der Bürgerrechte auf eine Elite begrenzen wollen, auf Gottes Erwählte, die nach der calvinistischen Überzeugung an ihrem auch weltlichen Erfolg zu erkennen sind.
In den schnell wachsenden Kolonien, in denen auch ganz Unfromme bemerkenswert reich wurden, war dieses elitäre Ordnungsprinzip auf die Dauer nicht haltbar - es mußte demokratisiert werden. Das bewirkten die großen religiösen Erweckungsbewegungen, die immer wieder durch die amerikanische Gesellschaft fluteten.
Im ersten "Großen Erwachen" (1730 bis 1760) trugen Wanderprediger ihre frohe Botschaft bis in die entlegensten Siedlungen der Pioniere an der damaligen Westgrenze Amerikas. Sie besagte: Jeder kann zu den Erwählten gehören. Erlösung wird in einem gefühlsgeladenen Bekehrungserlebnis persönlich erfahren, sie muß nicht von kirchlichen Autoritäten bescheinigt und bestätigt werden.
Emotionen wallten hoch auf diesen ersten Erweckungsversammlungen unter freiem Himmel: Es wurde gestöhnt, gekreischt und geheult, reihenweise fielen Teilnehmer in Ohnmacht. Doch die religiöse Mobilisierung der Massen demokratisierte auch die calvinistisch-elitäre Erlösungslehre.
Zweifellos habe das Große Erwachen die Entfaltung demokratischen Geistes in Amerika beschleunigt, indem es eine Religion des einfachen Mannes schuf, schreibt der Historiker Richard Hofstadter- aber er nennt auch die Kosten dieser Entwicklung.
Die Auflehnung gegen die kirchliche Gelehrsamkeit der Puritaner brachte laut Hofstadter dem "amerikanischen Anti-Intellektualismus" seinen ersten "militanten Erfolg". Damit war eine Tradition begründet, die geradewegs zum kämpferischen Irrationalismus der heutigen Fundamentalisten führt, auch zu den absonderlichen Eskapaden eines Oliver North.
Eingewebt wie ein durchlaufendes Muster taucht dieser Anti-Intellektualismus immer wieder in der amerikanischen Geschichte auf - in Bewegungen, die von Vorurteilen und Haß gegen Fremde, Schwarze oder Andersgläubige lebten und leben. Den Ku Klux Klan, die antikommunistische Willkür des McCarthyismus und die John Birch Society verbindet, wie Hofstadter in einem berühmten Aufsatz bemerkt hat, der "paranoide Stil in der amerikanischen Politik".
Paranoia schimmerte aus dem Denken eines Ronald Reagan, als er die Sowjet-Union zum "Reich des Bösen" dämonisierte, amerikanischer Messianismus lag in seinem rhetorisch unternommenen Versuch, die USA zur "strahlenden Stadt auf dem Hügel", zum christlichmoralischen Vorbild für die ganze Welt hochzujubeln.
Als eine Form anti-intellektueller Auflehnung ist auch der protestantische Fundamentalismus zu verstehen, der Ende des 19. Jahrhunderts in Amerika aufblühte. Er wehrte sich gegen den wissenschaftlichen Umgang mit der Bibel, verwarf Darwins Entwicklungslehre und jede allein naturwissenschaftliche Erklärung vom Ursprung der Welt.
In diesem antimodernistischen Geist erschienen zwischen 1910 und 1915 zwölf Broschüren, die einer ganzen Bewegung den Namen gaben. Sie hießen: "The Fundamentals: A Testimony to The Truth". Als unumstößliches Dogma wurde darin verkündet, daß die Bibel buchstabengenau Gottes Wort sei, unveränderbar, unfehlbar und genau bis ins kleinste Detail.
Daher brachten im Jahre 1925 Fundamentalisten aus Tennessee einen jungen Lehrer namens John Scopes vor Gericht, weil er im Unterricht die Evolutionslehre behandelt und damit ein Gesetz ihres Bundesstaates gebrochen hatte.
Scopes wurde zwar zu hundert Dollar Strafe verurteilt, doch Tennessees Oberstes Gericht hob das Urteil anschließend auf. Mit ihrer wissenschaftsfeindlichen Argumentation hatten sich die Fundamentalisten zum Gespött des aufgeklärten Amerika gemacht.
Für ein paar Jahrzehnte gerieten Amerikas Wiedergeborene in Vergessenheit. Sie hielten sich fern von Politik, die ihnen so kurz vor dem Millennium als sündige Ablenkung galt.
Doch die gesellschaftlichen Turbulenzen der sechziger und siebziger Jahre - Vietnamkrieg, Bürgerrechtsbewegung, Hippies, Drogen - wühlten auch das Lager der Fundamentalisten auf. Der Oberste Gerichtshof erzürnte sie mit Entscheidungen, die sie als Kriegserklärung gegen ihre höchsten Werte verstanden: durch das 1963 erlassene Verbot, Schulkinder in öffentlichen Schulen gemeinsam beten zu lassen, und 1973 durch die Freigabe der Abtreibung.
Gegen diese höchstrichterlichen Urteile mobilisierten sie sich. Mit ihren Stimmen halfen die Evangelikalen 1976 einem der ihren, dem Ex-Gouverneur von Georgia und baptistischen Sonntagsschullehrer
Jimmy Carter, ins Präsidentenamt. Und als er ihren biblischstrengen Maßstäben nicht genügte, trugen sie dazu bei, daß er nach nur einer Amtszeit wieder abgewählt wurde.
Ihre Stimmen haben auch danach vieles bewegt in der amerikanischen Politik. Der überwältigende Sieg Ronald Reagans 1980 wie auch seine Wiederwahl gerieten durch die inzwischen elektronisch gerüsteten Kampagnen von Falwells "Moral Majority" und anderen Gruppierungen der religiösen Rechten zum Fanal nicht nur der politisch Konservativen, sondern auch der Erwecker und Erweckten jeder Art.
Daß 1982 das "Equal Rights Amendment" scheiterte, mit dem die Gleichberechtigung der Frauen in die Verfassung geschrieben werden sollte, war im wesentlichen das Werk der rechtsreligiösen Truppen unter Führung der Anti-Feministin Phyllis Schlafly.
Fundamentalistische Agitation brachte bei den amerikanischen Kongreßwahlen wichtige Vertreter einer liberalen Innen- und Außenpolitik in Repräsentantenhaus und Senat um ihre Mandate, so den Afrika-Spezialisten Dick Clark.
Inzwischen sind amerikanische Rechtsreligiöse tief enttäuscht vom politischen Wirken der Reagan-Administration. Sie haben den Glauben an die ehrwürdigen politischen Institutionen Amerikas verloren, weil sie keine der von ihnen gewünschten Veränderungen - etwa das Verbot der Abtreibung - realisiert haben.
Von daher ist es auch zu verstehen, daß es einen so auf Gehorsam gedrillten, vaterlandsliebenden Mann wie Oberstleutnant Oliver North offensichtlich wenig kümmerte, für seine fromm-patriotischen Ziele Gesetze zu brechen.
Schlimmster Feind nach außen ist für die Fundamentalisten nach wie vor der gottlose Kommunismus. Hinter nahezu allen politischen Strömungen in anderen Ländern, die nicht mit amerikanischen Zielen identisch sind, vermuten sie seine Wühlarbeit. Und daß ihr Präsident jetzt bereit scheint, mit einem Gorbatschow zu paktieren, hat sie ihm nur noch mehr entfremdet.
Der Feind im Innern heißt "säkularer Humanismus". Sein verderbliches Wirken erkennen die Wiedergeborenen am Unterricht in öffentlichen Schulen, die ihren Kindern statt der biblischen Schöpfungslehre eine rational-wissenschaftliche Erklärung des Weltgeschehens beibringen wollen.
Säkularer Humanismus gilt den Fundamentalisten als Religion des Satans, und das hat ihnen jetzt ein aufsehenerregendes Urteil in Mobile, Alabama, sogar gerichtlich bestätigt.
Fundamentalistische Eltern hatten die Schulbehörde verklagt, weil die von ihr genehmigten Bücher die "Religion" des säkularen Humanismus predigten. Das aber sei gegen die amerikanische Verfassung, die Kirche und Staat trennt; Religionsunterricht in öffentlichen Schulen ist in den USA verboten.
Anfang März gab das Gericht in Mobile den Eltern recht - 52 Schulbücher mußten aus dem Verkehr gezogen werden.
In einem anderen Schulbuch-Prozeß im vorigen Oktober gestand ein Bundesrichter in Tennessee fundamentalistischen Eltern das Recht zu, ihre Kinder von Schulstunden fernzuhalten, in denen aus ihrer Meinung nach "anstößigen" Büchern unterrichtet wird.
Dazu gehörte nach Auffassung der frommen Eltern das populäre amerikanische Märchen "Der Zauberer von Oz" - weil es angeblich Hexenkunst akzeptiert. Sozialkundebücher, in denen Frauen als Ärztinnen und Technikerinnen auftraten, enthielten verwerfliche Botschaften, weil sie in den Augen der Bibelgläubigen die "traditionelle Rolle der Frau" lädieren.
In anderen Gegenden der USA haben wiedergeborene Christen Bibliotheken von Büchern gesäubert, die sie als moralisch verwerflich ansehen darunter Mark Twains "Huckleberry Finn" oder Herman Melvilles "Moby Dick". "Gottlose" _(In Ramsey, North Carolina. )
Bücher wie "Romeo und Julia", "Das Tagebuch der Anne Frank" oder "Von Mäusen und Menschen" brannten auf fundamentalistischen Scheiterhaufen.
Wenn sie nicht kämpfen und demonstrieren, leben die fundamentalistischen Christen der USA in ihrem eigenen Kosmos. Er ist frei von Nikotin, Alkohol und anderen Giften der modernen amerikanischen Gesellschaft, auch dem der Frauenbefreiung.
Da, wo sich die Frauen aus der religiösen Rechten Amerikas versammeln, weht ein Hauch der fünfziger Jahre. Die Frisuren sind festgesprüht, dickes Mascara mörtelt falsche Wimpern mit den echten zusammen.
Freilich ist sie nicht von gestern, die neue Fundamentalistin. Wie fast jede Amerikanerin möchte sie schlank und fit sein. Sie betreibt Aerobics - im Zeichen des Kreuzes. "Firm up with Jesus" heißt eine Schallplatte, die sie in ihrem christlichen Buchladen kaufen kann, und von der frommen Scheibe jubiliert es dann: "Eins zwei, hoch das Bein, und lobt den Herrn".
Für den Gebrauch im fundamentalistischen Unterricht bot ein Aussteller auf der Messe Christlicher Verleger in Washington einen wundersamen Lehrmittelkasten an. Darin gibt es ein Reagenzglas, in dem sich aus der Verbindung mit Wasser eine tiefrote Flüssigkeit entwickelt: das "Blut Christi". In einem zweiten Reagenzglas entsteht, wenn Wasser eingefüllt wird, eine pechschwarze Tinktur: Sinnbild menschlicher "Sünde".
Gießt nun der Lehrer ein bißchen von dem Blut Christi in das schwarze Gebräu, färbt es sich wieder makellos rein. So kapiert sogar der Dümmste, wie Erlösung passiert. Und auch in ihrer Freizeit kann sich die fundamentalistische Familie lückenlos christlich vergnügen.
Will sie etwa Ferien machen, kann sie dies unter ihresgleichen tun. Selbst einen biblischen Erholungspark, "Heritage USA", mit jährlich rund fünf Millionen Besuchern gibt es inzwischen, gegründet von den Fernseh-Evangelisten Tammy und Jim Bakker.
In der Halle des Grand Hotel von "Heritage, USA", gleich hinter dem Empfang verkündet eine meterhohe Inschrift, wer hier Herr im Haus ist: "Jesus Is The Lord", heißt es in glänzenden Blechbuchstaben.
Auch den Angestellten geht leicht der Mund davon über, wes ihre Seele voll ist:
"Mensch, bin ich fertig", murmelt ein Hausdiener an der Rezeption. "Ich werde für dich beten", verspricht der Portier.
Darauf der Hausdiener: "Danke, Mann, hab ich auch nötig, bin doch erst seit vier Wochen wiedergeboren. Lobet den Herrn."
"Amen", entgegnet sein Kollege. Wer sich im Grand Hotel morgens telephonisch wecken läßt, wird von einer gnadenlos munteren Stimme (vom Tonband) aus dem Schlaf gerissen: "Sieben Uhr dreißig. Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat. Lasset uns aufstehn und fröhlich sein."
Eine Einkaufspassage im Hotel zeigt in der Fülle ihres Angebots, daß der fundamentalistische Christ materiellen Überfluß zu schätzen weiß - sofern der Konsum ein christliches Gütesiegel trägt.
Das Spielzeuggeschäft "Noahs Arche" hat laut Inschrift das Ziel gesetzt, Eltern beizustehen, "positive Kinder in der negativen Welt zu erziehen".
Dabei soll etwa die blondgelockte "Lobgesang-Puppe" helfen. Wird sie vom Kind geknuddelt, quäkt sie ihr Plädoyer gegen die Abtreibung: "Der liebe Gott kannte mich schon, als ich in Mammis Bauch war, vom ersten Moment an."
Heritage, USA, erstreckt sich über 10000 idyllische Hektar in South Carolina. Erst geplant ist ein wahrhaftiges biblisches Disneyland auf 300 Hektar. Die Ideen liefert das Buch der Bücher.
In einer Art Achterbahn werden die Besucher die "Geschichte vom Himmel und der Hölle" erleben, schwärmte Backer kürzlich in der Tageszeitung "USA Today" über sein Lieblingsprojekt: _____" Der Himmel wird ein Ort sein, wo das Wasser wie Gold " _____" schimmert. Es wird einen himmlischen Thron geben und " _____" einen Chor der himmlischen Heerscharen im " _____" quadrophonischen Sound. Und dann geht''s den Fluß des " _____" Lebens entlang zum See des Feuers. Da werden Köpfe " _____" herausschauen, denen die Augäpfel in den Augenhöhlen " _____" schmelzen, alles wird rot und feurig sein. "
In buntestem Disney-Kitsch bereits verwirklicht ist ein der Altstadt von Jerusalem nachgebildetes Amphitheater mit 2500 Sitzen in dem sich allabendlich das Drama der letzten sieben Tage im Leben Christi entfaltet. 105 Darsteller wirken mit, auch Pferde, Kamele, Schafe und allerlei Kleinvieh.
Mit diabolischem Gelächter spukt ein spitzbärtiger Satan zwischen den Kulissen hin und her. Er wirft Feuerwerkskörper um sich, die gelbliche, stinkende Nebelschwaden verbreiten.
Zwanzig Minuten nachdem die Lichter im Theater ausgingen, schlendert Mephisto, nun in Jeans und Baseballkappe, aus einem der Tore des nachgemachten Jerusalem.
Er heißt Ralph McLeod, ist ein wiedergeborener Christ und tut sich eben deshalb schwer mit dem höllischen Treiben, das er Abend um Abend vor Tausenden von Zuschauern entfaltet.
Auch Oliver North hat wohl immer noch Schwierigkeiten, den Sinn des Dramas "Irangate" zu ergründen, dessen tragende Rolle er wohl ungewollt spielt.
Reporter, die ihm jetzt täglich vor seinem Heim in Virginia auflauern, verweist North gern auf seelischen Beistand, den ihm die Bibel gibt.
Er sei von vielen Freunden und Kollegen verlassen worden, sagte er zum Beispiel kurz nach seiner schmählichen Entlassung. Trost finde er jedoch in Psalm 7 Vers 1.
Die Reporter, weniger bibelfest als der Fundamentalist Oliver North, mußten das nachschlagen und fanden in der angegebenen Stelle den Satz: "Herr, mein Gott, ich flüchte mich zu dir- hilf mir vor allen Verfolgern und rette mich."
Oben: bei der Vereidigung vor seiner Aussage über "Irangate" im Dezember 1986; unten: bei der Vorstellung der von Reagan übersandten Bibel im Januar. In Ramsey, North Carolina.
Von Valeska von Roques

DER SPIEGEL 13/1987
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