03.08.1987

MANÖVERSoldatensender Weiß-Blau

Beim Manöver „Kecker Spatz“ dürfen Bundeswehr-Experten für „Psychologische Verteidigung“ erstmals auf Kanälen des Bayerischen Rundfunks senden. *
Für Gerhard Bogner, Sendeleiter des Bayerischen Rundfunks (BR), war die Sache ganz einfach: "Wenn der Papst kommt, machen wir doch auch Extrasendungen." Warum also nicht auch Sondermeldungen, wenn 80000 deutsche und französische Soldaten im Herbst zwischen Landshut, Regensburg und Nürnberg mit Tausenden von Panzern und Radfahrzeugen ins Manöver ziehen?
Der 60jährige Ex-Luftwaffenhelfer wünschte sich freie Berichterstattung über das Übungsgeschehen und Servicemeldungen für Truppe und Betroffene. Da aber das technische Gerät des Bayernfunks nicht "geländegängig" ist, sei ihm die Idee gekommen, beim Manöver "Kecker Spatz" das mobile Tonstudio der Bundeswehr zu nutzen. Es gehört dem Andernacher Bataillon für Psychologische Verteidigung (PSV) und war mit seiner Techniker-Besatzung auch schon zu anderen Funkanstalten abkommandiert - unter anderem bei Wahlsondersendungen.
Programmdirektor Udo Reiter und Hörfunk-Chefredakteur Gerhard Friedl waren begeistert und entwickelten Bogners Ideen weiter- "in Absprache mit der Bundeswehr". Über den Münchner Mittelwellensender sollen "Spezialsendungen" ausgestrahlt werden, wie der weiß-blaue Sender sie auch während der Urlaubszeit anbietet: Das "Grundprogramm" wird von der Autofahrerwelle "Bayern 3" übernommen, in die dann drei mehrstündige "Fenster" - Manöverberichte, Interviews und Hinweise - eingeblendet werden sollen. Über Inhalte, erinnert sich Jugendfunk-Chef Christoph Lindenmaier, sei mit den Mitarbeitern bisher nicht gesprochen worden.
Was Reiter und Friedl verschweigen: Das Manöverprogramm werden nicht etwa Redakteure aus dem Münchner Funkhaus zusammenstellen, sondern stramme Soldaten der PSV-Truppe Manfred Wörners. Das sei ja gerade, so Friedl, "das Besondere".
Intendant Reinhold Vöth wollte diese Information nicht einmal dem Rundfunkrat geben. Als Ernst Maria Lang, Karikaturist und Präsident der Bayerischen Architektenkammer, bei einer Rundfunkratssitzung fragte, was es mit der Manöverwelle auf sich habe, erhielt er nur nichtssagende Antworten. Lang: "Die haben abgeblockt."
Als Lang schließlich davor warnte, in die Masche der Kriegsberichterstattung der Hitlerschen Wehrmacht zu verfallen, und "unselige Erinnerungen an den Soldatensender Belgrad" beschwor, gab es Zoff mit Edmund Stoiber dem Leiter der Staatskanzlei. Das Projekt, polterte der CSU-Rundfunkaufseher los, sei eine "geradezu klassische Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks". Und außerdem erfülle die Bundeswehr bei dem Vorhaben ihren "gesetzlichen Auftrag" - als ob Rundfunksendungen fürs breite Publikum zum Auftrag der Streitkräfte gehörten.
Die Programmverantwortung, so suchte Programmdirektor Reiter die Rundfunkräte zu beschwichtigen, liege selbstverständlich beim Bayernfunk.
Die Redakteure in Zivil müssen sich allerdings mit einer Beobachterrolle begnügen: Sie sollen nur überwachen, ob die Beiträge der Kollegen in Uniform "rundfunkrechtliche Belange" berühren. Ansonsten dürfen die Militärs Spezialisten für psychologische Kriegführung, nach Belieben schalten und walten.
Regie führt das PSV-Bataillon 850 aus Andernach, dessen Auftrag im Frieden vom Bonner Verteidigungsministerium so beschrieben wird: "Beim Abbau negativer Einstellungen gegenüber der Bundeswehr mithelfen; die Bedrohung der Verteidigungsbereitschaft durch den ideologischen Kampf der Staaten des Warschauer Vertrages bewußtmachen; dem ,anti-militaristischen Kampf linksextremistischer Organisationen und Aktivitäten rechtsextremistischer Gruppen durch geeignete Maßnahmen entgegentreten."
Als "Friedens-Zusatzauftrag" produzieren die psychologischen Verteidiger bisher wöchentlich eine Stunde Hörfunkprogramm, das Kommerz-Stationen in den Vereinigten Staaten und Kanada als "Betreuungssendung" für dort stationierte Bundeswehrsoldaten und deren Familien ausstrahlen: Nachrichten und Musik aus der fernen Heimat. Nun endlich dürfen Manfred Wörners Propagandasoldaten auf öffentlich-rechtliche Kanäle der Bundesrepublik.
Was BR-Redakteure und Rundfunkrat bisher nicht erfuhren: Die "Projektoffiziere" des PSV-Bataillons haben unter dem Motto "Mit Musik ins Manöver" längst ein Konzept für "Inhalte und Image" ihrer Sendungen entworfen - einschließlich Wunschkonzert. Die "Servicewelle für Manöversoldaten" soll Verlautbarungen der Heeresleitung verlesen und Interviews mit prominenten Manövergästen führen - von Wehrminister Manfred Wörner bis hin zu Kanzler Helmut Kohl und Frankreichs Präsident Francois Mitterrand.
Für diesen guten Zweck, so die Andernacher Durchhalte-Offiziere, wird "der Bayerische Rundfunk für voraussichtlich 6,5 Stunden täglich auf Mittelwelle 801 Kilohertz diese Frequenz dem PSV-Bataillon 850 zur Verfügung stellen und mit 550 Kilowatt in den Äther geben... Der BR entsendet einen Chefredakteur, der Unterbau an Studio- und Redaktionspersonal wird durch die Bundeswehr gestellt".
So hatte sich Bogner das nicht vorgestellt. Er wollte Sendungen für Soldaten, aber keine Machtübernahme durch Militärs. Die Vorstellungen der Andernacher Offiziere, so Bogner, offenbarten eine Mentalität, die nicht in seinem Sinne sei.

DER SPIEGEL 32/1987
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