23.03.1987

BURMASchmutziger Kampf

Gifteinsatz wie im Vietnamkrieg: Auf Drängen der USA läßt die burmesische Regierung Opium-Rebellen mit gefährlichen Chemikalien besprühen. *
Zwei Jahre war Khun Sa, 53, der meistgesuchte Rauschgifthändler Südostasiens, verschwunden. Grenzsoldaten hätten ihn im Gefecht getötet, meldeten thailändische Zeitungen.
Nun ist der Totgesagte wieder da. In den Bergen nahe der thailändisch-burmesischen Grenze hielt der Opium-König vor Reportern hof und prahlte mit einer Rekordernte auf den Mohnfeldern: 900 Tonnen Opium, 200 Tonnen mehr als gewöhnlich, werden in diesem Jahr aus dem "Goldenen Dreieck", dem Grenzgebiet zwischen Burma, Laos und Thailand, herausgeschmuggelt - genug, um Millionen Fixer in den USA, Europa und Asien zu versorgen.
Das wollte Khun Sas großer Gegenspieler, der Chef der Staatspartei Burmas, General Ne Win, 75, nicht hinnehmen. Im Februar starteten seine Truppen eine Offensive gegen die Rauschgift-Provinz. Und auch die thailändische Armee zerstörte auf ihrer Seite des Grenzgebiets Opiumdörfer und brannte Mohnfelder nieder.
Seit über 30 Jahren wird Khun Sa gejagt. Er kämpft mit seiner Guerilla, der "Shan United Army" (SUA), für einen unabhängigen Schan-Staat. Sein Reich finanziert er mit dem Erlös aus dem Opiumhandel, dessen Rohstoff die Schan-Bauern anpflanzen. Maultierkarawanen schaffen das Rauschgift nach Thailand, wo oftmals korrupte Beamte den Stoff passieren lassen.
Doch jetzt hat der Drogenkrieg im Goldenen Dreieck ein neues Stadium erreicht. Ausgerechnet die fremdenfeindliche burmesische Regierung in Rangun, die ihr Land gegen technischen Fortschritt abschottet und ihrem Volk einen selbstgenügsamen Bauernsozialismus verordnet, besorgte sich von den Amerikanern eine teuflische Waffe: Burmesische Piloten sprühen das in den USA hergestellte Herbizid 2,4-D aus Flugzeugen der US-Drogenbehörde über die Felder der Mohnanbauer.
2,4-D (Phenoxessigsäure) ist einer der Grundstoffe von Agent Orange, jenem hochgiftigen Entlaubungsmittel, das die US-Luftwaffe im Vietnamkrieg einsetzte, um dem Feind die natürliche Deckung des Dschungels zu nehmen. Noch heute leiden die Vietnamesen unter den Spätfolgen des Giftregens, sind die Felder verseucht, kommen mißgebildete Kinder zur Welt.
Die US-Rauschgiftbehörde hält ihre Gift-Gabe an Burma für äußerst wirkungsvoll. So hätten die Burmesen schon in der vergangenen Saison 9720 Hektar Mohn aus der Luft vernichtet. Das Herbizid zerstört großblättrige Pflanzen - natürlich auch Sojabohnen, Kartoffeln und andere Früchte der Bergbauern, wie US-Chemiker einräumen.
"Das ist eine schmutzige Kampfart im Drogenkrieg", protestierte jetzt die amerikanische Menschenrecht-Aktivistin Edith Mirante und legte Photos von vernichteten Ernten und kranken Bauern vor, die sie für Opfer der Sprühangriffe hält. "Auf die Bergstämme Nordburmas wirkt das Gift genauso verheerend wie die B-52-Bomber in Vietnam", sagt Frau Mirante.
Zwar behaupten US-Chemiker, daß 2,4-D nur eine "mittlere Toxizität" habe und ungefährlich sei, sofern der Stoff in richtiger Dosierung angewendet werde. Doch eine neue Studie des Kansas-Krebsforschungsinstituts belegt, daß amerikanische Farmer, die mit der Chemikalie hantierten, sechs- bis achtmal häufiger an Lymphdrüsenkrebs erkranken als andere Menschen.
Der Gifteinsatz treffe nicht die Drogenmafia, sondern zerstöre nur den Lebensraum der armen Schan-Bauern, befürchtet auch der amerikanische Burma-Spezialist Josef Silverstein. Thailand habe die Sprühaktion als zu riskant abgelehnt; den Burmesen gehe es in Wahrheit weniger um den Kampf gegen die Drogenplage als um die Vernichtung von Aufständischen.
Kaum ein Staat auf der Welt hat sich so vieler verschiedener Rebellenbewegungen zu erwehren wie Burma. Seit 25 Jahren ist Parteichef Ne Win an der Macht und hat es in dieser Zeit nicht geschafft, die ethnischen Minderheiten der Schan, Karen, Katschin oder Mon an den unwegsamen Grenzen seines weiten Landes unter Kontrolle zu bringen.
In diesem Winter nahm seine Armee die Stadt Panghsai an der Grenze zu China ein. 17 Jahre lang war der Ort eine Festung der maoistischen Burmese Communist Party (BCP) gewesen, einer großen Guerillabewegung, die bis 1980 von China unterstützt wurde.
Durch Panghsai verläuft die legendäre Burmastraße, seinerzeit Chinas Lebenslinie im Krieg gegen Japan. Viele Tonnen Kriegsmaterial schafften Briten und Amerikaner über die 1150 Kilometer lange Serpentinenstraße zu ihrem Verbündeten
Tschiang Kai-schek, bis die Japaner im April 1942 die Nachschublinie eroberten.
Für Ne Win ist der Fall Panghsais nur ein Prestige-Sieg; strategischen Wert hat das abgelegene Rebellennest nicht mehr. Viele Bewohner, meist Anhänger der BCP, waren vor den burmesischen Soldaten ins benachbarte China geflohen.
Sie hinterließen Schmuggelgut und Andenken, die dem sittenstrengen, buddhistischen General ein Greuel sind: Videoläden mit Pornofilmen und Massagesalons.
[Grafiktext]
Mohn-Anbau- und Verarbeitungsgebiet in Südostasien ("Goldenes Dreieck") 200 Kilometer INDIEN BURMA THAILAND LAOS VOLKS-REPUBLIK CHINA Mandalay Rangun Wanting Panghsai BURMA-STRASSE Kartenausschnitt
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 13/1987
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