23.03.1987

UNTERNEHMERBreit und blauäugig

Keine andere Computerfirma wird von den Managern des Computer-Giganten IBM so gefürchtet wie der US-Konkurrent Digital Equipment des Ingenieurs Ken Olsen. *
Amerikas Wirtschaftsmagazin "Fortune" hat den erfolgreichsten Unternehmer seit Menschengedenken ausgemacht. Wallstreet seine heißeste Aktie und der Computer-Goliath IBM seinen David.
Die dreifache Heiligsprechung gilt dem US-Elektronik-Unternehmen Digital Equipment Corporation (DEC) und seinem Chef Kenneth Harry "Ken" Olsen, 61, in Maynard bei Boston, Bundesstaat Massachusetts.
Olsen, so "Fortune", habe seine 1957 gestartete Firma aus dem Nichts in unvergleichliche Höhen geführt und dabei stets den Spitzenstand der Technik gehalten. Nicht einmal Amerikas sagenumwölkte Industrie-Barone Andrew Carnegie (Stahl), John D. Rockefeller (Öl) und Henry Ford (Auto) hätten es bis zu ihrem Abgang auf vergleichbare Größe und Qualität gebracht.
Digital Equipment hat in den vergangenen 14 Jahren durchschnittlich mehr als 30 Prozent jährlichen Wachstums geschafft und dabei meistens acht bis elf Prozent Umsatzrendite eingefahren.
Im Geschäftsjahr 1985/86 setzte die Firma 7,6 Milliarden Dollar um, mehr als eine Milliarde Mark davon über die deutsche Niederlassung. Hinter IBM und der Gemeinschaftsfirma von Sperry und Burroughs (Unisys) steht DEC auf Platz drei der Welt-Computerbranche.
Den Riesen IBM hat DEC gegenwärtig auf einem der wichtigsten Märkte, dem der vernetzten Geschäftscomputer klar ins Abseits gebracht. Bei DEC lassen sich sämtliche firmeneigenen Software-Programme auf sämtlichen DEC-Computertypen verarbeiten. IBM-Computer dagegen verarbeiten nicht jede IBM-Software.
Während IBM-Aktien lahmten, verdoppelte das DEC-Papier seit vergangenem Frühjahr seinen Wert. Selbst deutsche Anleger machten trotz des steilen Dollar-Sturzes noch einen Schnitt dabei.
Für DEC-Chef Olsen, der gerne in ausgebeulten Hosen und mit Schuhen von der Breite eines Surfbrettes herumläuft, ist der Triumph total: "Vor vier Jahren haben sie alle geschrien, ich hätte die Gründerkrankheit und wäre nun alt. Jetzt ist nur noch IBM ein ernsthafter Konkurrent für uns."
Vor vier Jahren hatten Redakteure des "Wall Street Journal" und des Magazins "Business Week" bei Olsen die Gründer-Krise ausgemacht. Um 32 Prozent waren damals die DEC-Gewinne geschrumpft, der Umsatz war nur noch knapp gewachsen. In der allgemeinen Elektronik-Hausse lag DEC neben dem Markt.
Gründer Olsen hatte das Unternehmen wie eine Denkfabrik geführt, mit vielen kleinen Arbeitsgruppen, sonst aber selbstherrlich. Trotz rasanten Wachstums hatte er sich dabei stets mehr auf seine Ingenieure als auf Kaufleute oder Betriebsorganisatoren verlassen. An der daraus folgenden Konfusion und einigen zu teuer geratenen Maschinen war DEC 1982 ins Schleudern geraten.
Olsen zeigte sich lernfähig. Er verminderte die Zahl der autonomen Arbeitsgruppen, straffte die Führung und schmiß die mißratenen Produkte aus dem Programm. Gleichzeitig trimmte er
die Technik seiner Apparate mit dem Namen Vax (Virtual Address Extension) auf kundenfreundliche Handhabung.
DEC-Maschinen brauchen nur in eine besondere Steckdose gestöpselt zu werden und arbeiten ohne neue Software gleich mit. "Bei IBM", so Olsen, "muß für den Anschluß einer neuen Maschine oftmals das ganze Netz vorübergehend stillgelegt werden."
An IBM reibt Olsen sich, seit er 1950 beim renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Ingenieurstitel erworben hat. Als Projektleiter für Computergestaltung beim MIT kam Ingenieur Olsen auch mit IBM-Technikern zusammen.
Der junge Ingenieur war sofort überzeugt, daß den marktbeherrschenden Herren erst noch gezeigt werden müsse, wie kundenfreundliche Geräte auszusehen haben: In einer alten Textilspinnerei, 40 Kilometer von Boston, gründete Olsen zusammen mit ein paar Getreuen seine eigene Firma.
Mit preiswerten und praktischen Ingenieurs-Computern kamen die Neulinge schnell in den Markt. Der billige Minicomputer PDP-8 ließ 1965 die Umsätze explodieren, zwecks weiterer Wachstumsfinanzierung mußte Olsen 1966 an die Börse. 1977 schaffte DEC die erste Umsatzmilliarde, 1986 lag der Gewinn mit 617,4 Millionen Dollar höher als 1975 noch der gesamte Umsatz.
Der Chef konzentrierte die Produktion auf eine einzige Computerarchitektur (Vax) und eine einheitliche Software (VMS). Mit dem Vax-11/780 Super-Mini-Computer kam 1977 der bislang größte Wachstumsschub. Auf der Grundtechnik dieses Computers baute DEC alle anderen Serien, etwa den MicroVax und den Vax 8600 Supermini.
Olsens Maschinen wurden auch in Europa ein Erfolg. Dort macht DEC inzwischen rund 30 Prozent seines Weltumsatzes. Die deutsche Tochter legte im vorigen Geschäftsjahr sogar mehr dazu als die Mutter in den USA.
Dabei hat es DEC in Deutschland mit etablierter Konkurrenz zu tun. Firmen wie Nixdorf oder Siemens beackern seit langem den Bereich der mittleren Datensysteme, der in den USA nahezu unbesetzt war. Die deutschen DEC-Manager geben zu, daß sie "da noch einige Hausaufgaben zu machen haben".
Im letzten Halbjahr stieg der Umsatz von DEC-Deutschland nur noch um zehn Prozent. Im angestammten Beritt der Labors und Universitäten verkaufen sich Olsens Geräte noch immer fast wie von selbst. Doch in die deutschen Büros, die DEC mit seinen neuen Systemen ansteuert, kommt die Firma nur mit aufwendigen Überredungskünsten.
In Europa wie daheim in den USA blieb Olsen stur dabei, Technik über Verkauf zu stellen. Die Außendienstler erhalten feste Gehälter und keine Provisionen. Sie sollen nicht verlockt werden, der Kundschaft sinnlose Geräte anzudrehen. Dienstwagen gibt es nicht. Olsen selbst kommt, weil er im Verwaltungsrat der Ford Motor Co. sitzt, mit einem Ford zum Büro - im schneereichen Winter 1987 mit einem vierradgetriebenen Geländewagen Bronco II.
Der stilprägende Eigensinn des Chefs macht auch vor den eigenen Marketing-Strategen nicht halt. Das von den Experten empfohlene Firmenkürzel DEC ignoriert er beharrlich und nennt seine Firma strikt "Dijjitall".
Auch die eleganten Glasbeton-Büros der Konkurrenz aus Kalifornien lehnt Olsen ab. Statt dessen kaufte er 1974 die riesige Textilspinnerei, in der er einst auf 300 Quadratmetern angefangen hatte, und ließ sie zum Verwaltungsgebäude seines Konzerns umbauen.
Dort sitzt die Creme der 100000 DEC-Werker hinter Backsteinmauern, zwischen alten Holzsäulen und -trägern, unter offenen, aber lackierten Rohrleitungen. Außer zum WC gibt es keine Türen. Olsen selbst waltet türlos in einem größeren Eck-Verschlag.
Ingenieur Olsen, breit und blauäugig wie ein norwegischer Harpunier, hält sich allein 10000 Forschungs- und Entwicklungsingenieure die ähnlich arbeiten wie an einer Universität.
Olsen ist, wie viele Gründerunternehmer, ein Autokrat. Und wie die meisten seiner Spezies bestreitet er, jemals einsame Entschlüsse verkündet zu haben. Stets hätten sich die DEC-Entscheidungen aus der Logik der Dinge entwickelt. Olsen wäre aber nicht Olsen, käme nicht gelegentlich der Satz heraus: "Ich bin der Leader."
Sein bärenstarkes Selbstgefühl holt der Gründer, ein strenger Anhänger neu-puritanischer Lehrsätze aus einem kleinen Kreis Gleichgesinnter, mit dem er sich jeden Monat zwecks philosophischer und religiöser Gespräche trifft.
Mit Ehefrau Aulikki, Tochter eines früheren finnischen Ministers, bewohnt Olsen seit 25 Jahren das gleiche Haus. Ohne Ehefrau Aulikki begibt er sich jährlich zwei Wochen lang auf Kanu-Tour an der herben Hudson Bay.
An DEC besitzt Olsen nur noch zwei Prozent der Aktien. Noch nie sind auf
DEC-Aktien Dividenden gezahlt worden. Verdient haben die Aktionäre, darunter viele DEC-Werker, allein am Kursgewinn.
Banken haben daher an der Computerfirma keine rechte Freude. Olsen finanzierte alles bis zu einer jährlichen Wachstumsrate von 20 Prozent aus den Unternehmensgewinnen, den manchmal ebenso großen Rest aus der Neuausgabe von Aktien.
Bis ins Unendliche, das weiß Ingenieur Olsen, wird dieser Weg nicht gehen. Irgendwann wird auch DEC ein normales Großunternehmen mit Pensionskasse und Dividenden. Für Olsen selbst wäre das ein Greuel. Originalton des Gründers: "Wenn wir Dividende zahlen, haben wir keine Ideen mehr."
[Grafiktext]
FIX MIT CHIPS Entwicklung der Digital Equipment Corporation (DEC) Angaben in Millionen Dollar Umsatz: 1972 188 1974 422 1976 736 1978 1437 1980 2368 1982 3881 1984 5584 1986 7590 Geschäftsjahre Gewinne: 1972 15,3 1974 44,4 1976 73,4 1978 142,2 1980 249,9 1982 417,2 1984 328,8 1986 617,4
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 13/1987
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