23.03.1987

BRASILIENRomantik zerstört

Durch millionenteure Werbung will das Land mehr Touristen anlocken. Doch die Traumziele sind dem Ansturm nicht gewachsen - die Copacabana erstickt im Schmutz. *
Palmenblätter rauschen in sanfter Brise. Kaffeebraune Körper, in winzigen farbenfrohen Tangas zur Schau gestellt, räkeln sich auf glitzernd weißem Sand. Kristallklares Wasser zerstäubt am Ufer zu Wolken kühlen Schaumes. Und darauf brennt unablässig die Sonne vom azurblauen Himmel.
Copacabana: "Dazu war das Leben bestimmt" steht unter dem Werbephoto des "vielleicht berühmtesten Strandes der Welt", wie der Dichter Stefan Zweig vor bald 50 Jahren fand.
Rund 50000 Deutsche machten sich im letzten Jahr auf, um in Brasilien den Traum von tropischen Stränden und exotischen Schönheiten zu erleben, beflügelt durch günstige Wechselkurse und Tiefpreisangebote der Fluglinien. Nun sollen es noch viel mehr werden. Mit massiver Werbung will Brasilien die Touristen aus Übersee locken und die Deviseneinnahmen aus dieser Branche von bisher etwa 1,5 Milliarden Dollar vervielfachen.
Um jene, die noch nicht von sonnigen Stränden und sambatanzenden Mulattinnen träumen, zu gewinnen, marschiert Edson Arantes do Nascimento als "Botschafter des Tourismus". Denn "Pele", "König des Fußballs und Sportler des Jahrhunderts" (so die staatliche Tourismus-Behörde Embratur), kennt wirklich jeder."Sogar mit Bundeskanzler Kohl hat er schon einen Termin", versichert ein Embratur-Sprecher.
Der Traum geht oftmals nicht in Erfüllung. Copacabana, Postkartenbild tropischer Sorglosigkeit und Aushängeschild der "wunderbaren Stadt", wie sich Rio nennt, wurde längst eingeholt von einer
häßlichen Realität, die in den Reiseprospekten nicht vorkommt.
Als "die Lunge, durch die Rio atmet", konnte Stefan Zweig den Stadtteil Copacabana noch preisen, aber auch als "ein Super-Nizza". Im ersten Hotel, dem barock-weißen Copacabana Palace, trafen sich die Luxusgäste einer Zeit, in der es Tourismus als Industrie noch gar nicht gab. Heute dagegen ist Copacabana nicht nur Strand, sondern ein Stadtteil, voll von Lärm, Verschmutzung und sozialen Konflikten wie jeder andere Bezirk Rios.
Hinter den vier Kilometern Strand wohnen über eine Viertelmillion Menschen. Vorne, an der Avenida Atlantica, lange die schickste Adresse Brasiliens, leben sie in mehreren hundert Quadratmeter großen Wohnungen. Wenige Blocks dahinter hängen Bretterbuden am steilen Felsabhang- hier leben die Portiers, die Putzfrauen und Botenjungen. Aus den Favelas, den Elendsvierteln, hat man oft eine bessere Aussicht als in einem Luxus-Penthouse.
Das Wachstum Rios zu einem Ballungsgebiet von heute über zehn Millionen Einwohnern und der Massentourismus haben die Romantik von Copacabana zerstört.
Wie fast nirgendwo sonst auf der Welt drängen sich die Menschen in Copacabana - 62000 Einwohner pro Quadratkilometer - in bis zu 15 Stockwerken hoch getürmten Häusern. In den Straßenschluchten dazwischen schaffen Staub, Hitze und Lärm eine unerträglich bedrückende Atmosphäre.
Nur einen Häuserblock vom Strand entfernt, in der Avenida Nossa Senhora de Copacabana, dröhnt der Verkehr im Tagesdurchschnitt bei gefährlichen 89 Dezibel, die Höhepunkte liegen über 120.
Nach öffentlichen Toiletten oder einer Mülltonne fahndet man vergebens an diesem angeblichen Nobelstrand Copacabana. Die Duschen in den "Postos", den Wachttürmen der Rettungsschwimmer, sind verdreckt und funktionieren schon lange nicht mehr. Jede Woche schaufeln Arbeiter der Müllabfuhr 120 Tonnen Unrat von der 40 Kilometer langen Küste. Abends wehen dem Spaziergänger auf der Uferpromenade beißende Urinschwaden entgegen.
Intensive Polizeiaufsicht hat jedoch der Copacabana inzwischen den Namen "Schreckensmeile" genommen. Sogar auf dem Sand patrouillieren Beamte in Turnschuhen und mit Revolver. "Wer ein bißchen aufpaßt, braucht keine akute Gefahr zu fürchten in Rio", meint ein Reiseunternehmer, "die Diebstähle laufen meist glimpflich ab."
Manchmal greift eine "Strandratte", wie die jugendlichen Diebe heißen, blitzschnell nach einer Handtasche. Zuweilen blickt ein Tourist auf dem Weg zum Strand oder im Autobus in die Mündung eines Revolvers oder auf ein blitzendes Messer. Sechsmal pro Woche wird ein Safe in einem Luxushotel ausgeraubt.
Die Nobelhotels von Rio verdienen ihre fünf Sterne nur noch selten. Vom Rio Palace bis vor dem Turm des Hotels Meridien hat sich ein babylonischer Liebesmarkt breitgemacht: Mädchen ab zwölf Jahren, Mulattinnen mit Strich-Erfahrung in Frankfurt oder Paris, Transvestiten und Schwule. Copacabana ist ein Paradies der Sex-Touristen.
Die Mädchen schlafen in Pritschenbetten, drei übereinander, ein Dutzend pro Zimmer, und vermieten sich Nacht für Nacht vor allem an Ausländer. "Sie halten es nur aus, weil sie Kokain schniefen und unbedingt in Copacabana leben wollen", sagt Gilberto, ein Schlepper, der gegenüber dem Hotel Meridien an der Avenida Princesa Isabel steht. Ob Tanz-Show mit einfachem Striptease oder Geschlechtsverkehr auf der Bühne - er bietet den nach Sex hungernden Urlaubern schlicht alles.
Gleichzeitig aber gibt Copacabana Tausenden Brasilianern eine Chance, aus der Misere aufzusteigen: nicht nur den Prostituierten und Schleppern, auch Kellnern, Liftboys und Souvenirverkäufern.
Längst ist Rio vom Massentourismus abhängig. Doch es scheint, als könnte die Riesen-Kommune, die 1960 ihre Rolle als Hauptstadt an Brasilia abgeben mußte, ihre wahre Identität nicht erkennen. Ein Mief von Provinz durchzieht die oberen Schichten, die sich als Verwandtschaft von Monte Carlo oder Hollywood wähnen.
Da muß schon die Frau eines Botschafters, die in farbenfrohem Kleid vor der Karnevals-Tribüne tanzt, als Beweis für die Anwesenheit von "High-Society" herhalten. So fein ist diese Gesellschaft, daß viele bei der Eröffnung des (inzwischen wieder geschlossenen) "Maxim's", Ableger des Pariser Edelrestaurants, das silberne Besteck mitgehen ließen.
Der Traum vergangener Größe ist noch nicht ausgeträumt, die Ansprüche des Massenreisenden aber werden nicht erkannt. "Die touristische Struktur Rios ist blockiert", meint Embratur-Chef Joao Doria junior. Er fordert einen Investitionsplan für die Stadt, dazu aber auch eine Bewußtseinsänderung der Einwohner nach dem Modell der Kampagne "I love New York".
Trotz Schmutz und schlechtem Service - noch immer gilt das Panorama Rios vielen aus Übersee als Traumziel. Der Karneval, hoch kommerzialisiert, aber dennoch ein einzigartig farbenfrohes
Fest, das die Einwohner aller sozialen Schichten begeistert feiern, zog in diesem Jahr 70000 ausländische Touristen an und brachte 35 Millionen Dollar ins Land.
Vor allem die tiefen Preise locken den Besucher aus Übersee. Der Cruzado sank mit dem Dollar - ein einfaches Hotelzimmer mit Bad und Klimaanlage gibt es schon für 25 Mark. So waren die Flüge aus Europa und den USA 1986 im Durchschnitt zu 70 Prozent ausgelastet.
Rennfahrer Niki Lauda, der seit vergangenem Dezember Recife mit seiner Boeing 737 anfliegt, um wöchentlich rund 140 Touristen von Wien an die Strände Nordostbrasiliens zu bringen, will bald auch Rio im Linienverkehr ansteuern.
Die fünfeinhalb Millionen Dollar teure Werbekampagne der Embratur hat in den USA bereits einen Anstieg der Brasilien-Reisenden von 15 Prozent bewirkt. Dasselbe Resultat erhofft sich Embratur-Chef Doria auch in Europa, das 1986 rund 440000 devisenbringende Urlauber lieferte. Bis 1990 wollen die Brasilianer ihren Anteil am Welttourismus von 1,4 auf drei Prozent erhöhen - und somit über vier Milliarden Dollar einnehmen.
Dazu sollen neue Hotels gebaut und die Dienstleistungen verbessert werden. Der Bürgermeister von Rio versprach, die Frage der Mülltonnen am Strand von Copacabana "zu untersuchen".
Trotz Schmutz und Kriminalität bietet Copacabana noch einiges - am ehesten freilich den Einheimischen, denen der Strand trotz hoher Wellen und oft verschmutzten Wassers ein Treffpunkt ist.
"Unser Wohnzimmer", sagt ein junger Angestellter. "Hier sieht man seine Freunde am Wochenende, spricht über dieses und jenes, spielt Strandtennis, Volleyball oder das neue Futevolei, eine Mischung von Fuß- und Volleyball." Ins Wasser zu gehen, daran denken ohnehin nur die Touristen und ein paar Surf-Fanatiker.
Sogar einen Professor trifft man hier, der versichert, den einzigen Surfbrett fahrenden Papagei der Welt zu besitzen. Die farbenfrohe Arara schwingt sich auf das von ihrem Herrchen in die Wellen geworfene Minibrett und gleitet elegant den Strand entlang.

DER SPIEGEL 13/1987
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