23.03.1987

Seh' euch dann

Eine Welle von Teenager-Selbstmorden schockt Amerika. *
Durch die Innenstadt von Los Angeles rollte eine Flotte gelber Schulbusse zum Kongreßzentrum. Zwei Tage lang diskutierten dort rund 2000 Schüler mit Erziehern, Psychologen und Medizinern über ihre Nöte - von Kindesmißhandlung bis zu Drogenmißbrauch und Schwangerschaftsverhütung.
Den weitaus größten Zulauf der 50 Workshops registrierten die Veranstalter in dem Auditorium zum Seminar "Depression und Selbstmord unter Teenagern".
Das hohe Interesse, sagt Frank Nelson, 40, leitender Psychologe am Selbstmordverhütungszentrum von Los Angeles, beruhe auf einem Drama, das 4000 Kilometer vom Konferenzort entfernt 24 Stunden vorher abgelaufen war.
In einer verschlossenen Garage der Kleinstadt Bergenfield im Bundesstaat New Jersey hatte man einen goldfarbenen Chevrolet Camaro mit laufendem Motor entdeckt. Hinter dem Steuerrad saß Thomas Olton, 18, auf dem Rücksitz lehnten die beiden Schwestern Cheryl und Lisa Burress, 17 und 16 Jahre alt, sowie Thomas Rizzo, 19, aneinanderalle tot.
Die Kunde vom Selbstmord der "New-Jersey-Four" verbreitete sich wie ein Buschfeuer über die amerikanische Nation. Innerhalb der folgenden fünf Tage nahmen sich weitere sechs amerikanische Teenager im Alter zwischen 14 und 19 Jahren das Leben, zwei von
ihnen, die Freundinnen Nancy Grannan, 19, und Karen Logan, 17, aus Alsip (Illinois), starben gemeinsam.
Die Gleichartigkeit und die rasche Aufeinanderfolge der Selbstmorde bestätigte eine Erfahrung, die Selbstmordforscher seit geraumer Zeit beobachten: Teenager begehen häufig Serien von Suiziden in kurzen Zeiträumen und begrenzten Gebieten, auch in der Bundesrepublik.
Die selbstmörderische "Cluster"(Bündel-)Theorie beschäftigt US-Forscher seit 1982, als innerhalb kurzer Zeit drei Jugendliche in Milwaukee aus dem Leben schieden. 1983 erlebten die texanischen Städte Houston und Plano eine unheimliche Suizid-Serie: 25 jugendliche Selbstmörder innerhalb eines Jahres.
Bislang fehlt für diese suizidale Dominotheorie eine wissenschaftlich fundierte Begründung. Für denkbar halten Selbstmordexperten wie der Kalifornier Nelson, daß "die schnelle Verbreitung der Nachricht eines jugendlichen Selbstmordes durch Presse, Funk und Fernsehen Teenager, die emotional auf der Kippe stehen, dazu führt, ihre Selbstmordgedanken in die Tat umzusetzen".
Etwa Kevin Pyter, 14, der am vorletzten Sonnabend in der Garage des elterlichen Hauses in Rolling Meadows (Illinois) durch Kohlenmonoxid zu Tode kam. An Selbstmord habe ihr Sohn nie gedacht, versicherte seine Mutter. Die Polizei allerdings fand Zeitungsberichte über die vier Toten von Bergenfield und die zwei von Alsip unter der Matratze.
Die Suizid-Häufung unter amerikanischen Jugendlichen zeigt auch eine Studie, die das US-Seuchenzentrum CDC in Atlanta jetzt veröffentlichte. Danach nahmen sich zwischen 1970 und 1980 fast 50000 Amerikaner zwischen 15 und 24 Jahren das Leben. Im Jahre 1980 lag die jährliche Anzahl um 50 Prozent höher als zehn Jahre zuvor.
Während zu Beginn der 80er Jahre die Selbstmordrate leicht zurückging, erreichte sie im jüngsten Berichtsjahr, 1984, den Rekordwert von 12,5 auf 100000 Jugendliche: Selbstmord war nach tödlichen Verkehrsunfällen die zweithäufigste Todesursache in dieser Altersgruppe geworden.
Die tatsächliche Anzahl der Selbstmorde dürfte nach durchgängiger Expertenmeinung noch weit höher liegen: nicht bei 5000, sondern bei 50000 Fällen pro Jahr. Die meisten würden - für Angehörige und Nachbarn akzeptabler als Unfall ausgegeben.
Das ist oft recht leicht. Denn die Mehrheit der Selbstmörder benutzt Revolver oder Gewehre zur Tat gegen sich selbst. Doch es wäre "zu einfach", sagt Psychologe Nelson, die steigende Zahl der Selbstmorde mit der zunehmenden Verbreitung von Feuerwaffen erklären zu wollen.
Nie zuvor, glaubt der Psychologe, sei es schwieriger gewesen, Teenager zu sein. Die US-Familie zeige "deutliche
Zerfallserscheinungen", leide etwa unter "schweren Kommunikationsmängeln".
Immer mehr Schlüsselkinder wachsen heran, die sich ihre Wertvorstellungen aus TV-Serien holen, ohne dabei zu lernen, wie sie ihre Probleme lösen können. Die Schulen würden in die Elternrolle gedrängt, seien aber dabei, so Nelson, "total überfordert".
Die jüngste Selbstmordserie lieferte ausreichend Beispiele: Die vier von New Jersey zählten sich zu einer Schülergruppe, die sich selbst die "Ausgebrannten" nannte und ihr Schulversagen mit Joints und Alkohol zu kompensieren suchte. Ihre Tat wäre vorhersehbar gewesen. Am Vorabend ihres Freitodes hatten Lisa und Cheryl Burress noch mit mindestens 30 Freunden telephoniert. An Andeutungen habe es, wie sich einige der Angerufenen erinnerten, nicht gefehlt. Doch Bedeutung hätten sie dem nicht beigemessen, auch nicht dem Satz: "Wir wollen Joe besuchen."
So mysteriös sich der Satz ausnimmt, die "Ausgebrannten" verstanden ihn. Joseph (Joe) Major, 18, war Lisa Burress' Freund gewesen und im September letzten Jahres die 60 Meter hohen Steilklippen zum Hudson hinuntergestürzt. Die Polizei erklärte den Tod des Teenagers als "alkoholbedingten Unfall".
Den Todessturz ihres Freundes hatten Lisa Burress und Thomas Rizzo miterlebt und auch dessen letzten Ausspruch gehört: "Seh' euch dann."

DER SPIEGEL 13/1987
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