23.03.1987

SPANIENKein Pardon

Ein Gesetz aus dem vergangenen Jahrhundert sieht Haftstrafen bei Moralverstößen vor - spanische Richter bemühen es noch heute. *
Es war ein ruhiger Sonntagnachmittag in der südspanischen Kleinstadt Azuaga. In der Kneipe "Las Conchas" küßte sich ein Liebespaar, ein paar Kinder ließen die Figuren eines Tischfußballspiels rotieren, an der Theke stand die übliche Trinkerrunde.
Da fühlten sich der 20jährige Diego Sanchez und die 16jährige Maria Dolores Munoz wie zu Hause und wagten mehr Zärtlichkeiten. Das Mädchen legte ein Bein über die Schenkel des Freundes, und sie begannen mit heftigem Petting.
Ein Gast fand das ganz und gar nicht normal: Der Distriktrichter Antonio Navarro Castillo, ein 53jähriger Familienvater, hatte die beiden über den Rand seiner Sonntagszeitung beobachtet und sah sich berufen, einzuschreiten, denn "es waren doch Kinder in der Nähe". Der Richter winkte zwei Polizisten in Zivil, die ihren Drink an der Bar nahmen, zu sich, trat herrisch vor das Paar und verlangte Diegos Ausweis.
Der junge Mann, der den Richter nicht kannte, reagierte grob ("Du kannst
mich mal") - und wurde auf der Stelle festgenommen, wegen Beleidigung der Staatsgewalt und anstößigen Verhaltens in der Öffentlichkeit. Auch Diegos Entschuldigung stimmte Navarro nicht um.
So begann im Februar 1986 eine Affäre, die vor wenigen Wochen mit dem Selbstmord des jungen Mannes endete. In ganz Spanien entzündete sich daran eine Kontroverse um überholte Moralbegriffe und eine unzeitgemäße Gesetzgebung, die auch heute noch willige Richter findet.
Der junge Spanier aus der armen Bauernregion Extremadura kam zunächst acht Tage in Untersuchungshaft. Diese kurze Zeit genügte, ihn völlig zu verändern, wie seine Freundin erzählte: "Er wollte mit allem Schluß machen." Von Zellengenossen gequält und sexuell bedrängt, versuchte Diego schon damals, seine Pulsadern aufzuschneiden.
Während der Monate bis zum Prozeßbeginn brachte der sittenstrenge Richter Navarro die Familie des Jungen dazu, auf einen Wahlverteidiger zu verzichten. Dem angeklagten Paar redete er ein, keine Zeugen zu benennen. Aus Angst vor harter Bestrafung habe Diego die Ratschläge befolgt, so seine Freundin.
Das Urteil des Provinzgerichts von Badajoz fiel dennoch wenig milde aus: Haftstrafen von fünf und zwei Monaten für Diego und Maria Dolores, Geldbußen von 30000 Peseten (430 Mark) und 20000 Peseten sowie auf mehrere Jahre das Verbot, ein öffentliches Amt auszuüben. Die beiden, hieß es in der Urteilsbegründung, hätten "gegen die guten Sitten verstoßen, indem sie als obszön geltende Aktivitäten, die normalerweise intimeren Orten vorbehalten sind, unerwünscht zur Schau stellten".
Das Gericht stützte sich auf Artikel 431 des spanischen Strafgesetzbuchs, der 1848 abgefaßt und seither nicht verändert wurde. Demnach steht es allein im Ermessen des Richters, welche Handlungen "öffentliches Ärgernis" erregen.
So kann man auf Ibiza unbehelligt nackt baden. Noch 1983 aber landeten in Galicien 14 Nudisten vor Gericht, weil sie - an einem entlegenen Strand - "gegen die Moral und die guten Sitten verstießen". Im vergangenen Dezember wurde ein 24jähriger Madrider in Pamplona zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt, weil er während des Volksfestes zu Ehren des Stadtpatrons betrunken mit einem Mädchen im Park "alle möglichen Grapschereien und Vorstufen zum Fleischesakt" vorgenommen und damit "die Feierlichkeiten des heiligen Fermin entehrt" habe.
Solch verklemmte Rechtsprechung steht in der Tradition der 40jährigen Franco-Diktatur. Bis zum Tod des Generals 1975 waren Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit tabu. Den Kindern wurde die puritanische Sittenlehre der katholischen Kirche in der Schule eingeimpft: Alles, was mit körperlicher Liebe zu tun hatte, war Sünde und Teufelswerk.
Doch mit der Befreiung von der Diktatur vor elf Jahren setzte eine Sexwelle ein, die schlagartig die Moralvorstellungen revolutionierte. "Destape", Enthüllung, war das Zauberwort; an den Kiosken lockten Pin-up-Photos auf allen Titelblättern, in Film, Fernsehen und Theater zogen sich die Schauspieler unbekümmert aus.
Auf dem Land aber hielt sich der Muff - und es gibt dort auch noch genug Richter wie Navarro die für strenge Strafen sorgen. "Man muß einige veraltete Gesetze ändern", fordert jetzt dessen Vorgesetzter, der Präsident des Oberlandesgerichts von Extremadura, Jesus Gonzalez Jubete, weil sie "manchmal die richterlichen Entscheidungen in ein zu enges Korsett pressen". Navarro jedenfalls werde nie wieder in Extremadura Recht sprechen.
Der Distriktrichter, der sich gern als "Vollstrecker der Gerechtigkeit" versteht, kennt kein Pardon, wenn es um Ordnung und Moral geht. Er ließ sogar gegen seine vier- und achtjährigen Söhne ermitteln, als diese einmal ein Verbotsschild mißachteten und auf dem Rasen eines Parks Fußball spielten. "Erotisches ist für Kinder psychisch schädlicher als Darstellung von Gewalt", vertritt er weiterhin.
Mit der Gewalt, die Diego Sanchez im Gefängnis von Badajoz erlebte, wurde der junge Mann nicht fertig. Er litt seit seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft unter Depressionen, löste die Beziehung zu seiner Freundin, jobbte nur gelegentlich in einer Diskothek.
Die Angst, daß ihn jederzeit die Aufforderung zum Antritt seiner Haftstrafe erreichen könnte, ließ ihn nicht mehr los.
Als er Anfang Februar im Fernsehen eine Reportage über die Zustände in Spaniens Gefängnissen gesehen hatte, hängte er sich nachts in seinem Elternhaus auf.

DER SPIEGEL 13/1987
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