23.03.1987

„Die Lust ist da, aber ich verkneif's mir“

SPIEGEL-Autor Wilhelm Bittorf über die Geschlechtsliebe in den Zeiten von Aids (III)
Doch welch ein feindlicher Gott hat uns im Zorne die neue Ungeheure Geburt giftigen Schlammes gesandt? Überall schleicht er sich ein, und in den lieblichsten Gärtchen Lauert tückisch der Wurm, packt den Genießenden an... Heimlich krümmet er sich im Busche, besudelt die Quellen, Geifert, wandelt in Gift Amors belebenden Tau.
Johann Wolfgang Goethe hat das geschrieben, in einer der "Römischen Elegien", die sich im Nachlaß des Dichters fanden. In grandiosen Hexametern verflucht und beklagt er in dem schlammgeborenen Wurm leidenschaftlich die Syphilis, die seit dem 16. Jahrhundert den Europäern die Freuden der Geschlechtsliebe vergällte und den zugeschnürtesten Puritanismus nach sich gezogen hatte.
Goethe litt mit seinem sinnenfrohen Freund Karl August, Herzog von Weimar, der sich des öfteren ansteckte und von den Quecksilberkuren, mit denen man damals das befallene Glied behandelte, schlimmer gemartert wurde als von den noch unentdeckten Spirochäten, den Erregern der "Lustseuche".
Der Jammer des Gefährten wirkte abschreckend auf den Dichter strahlender Liebeslyrik. Vieles spricht sogar für die These des New Yorker Psychoanalytikers Kurt R. Eissler, Goethe habe trotz all seiner Verliebtheiten erst als Enddreißiger zum erstenmal mit einer Frau geschlafen - auf seiner Italienreise 1786/88. Wäre dem so - und schon auf der Schule erfährt man ja, daß "der Frauen Günstling" (Goethe über Goethe) in jungen Jahren stets die Flucht ergriff, wenn ein Techtelmechtel ernst zu werden drohte -, dann kann der Leser der "Elegie II" kaum zweifeln, daß die Furcht vor der Syphilis diese Enthaltsamkeit zumindest mitbestimmte.
Mit bewegender Sehnsucht beschwört Goethe die heidnische Antike und ihre noch von keinem Gift zerstörte erotische Freizügigkeit. Und mit erhabener Sprache schildert er die Gemeinheit der Misere, in die das Geschlechtsleiden Männer und Frauen stürzt. Jedes klingende Wort paßt auf die Gegenwart, auf Aids, auf den abermals bedrohten Eros: _____" Selig warst du Properz! dir holte der Sklave die " _____" Dirnen Vom Aventinus herab, aus dem Tarpeischen Hain. Und " _____" wenn Cynthia dich aus jenen Umarmungen schreckte, Untreu " _____" fand sie dich zwar; aber sie fand dich gesund. " _____" Jetzt wer hütet sich nicht, langweilige Treue zu " _____" brechen! Wen die Liebe nicht hält, hält die " _____" Besorglichkeit auf. Und auch da, wer weiß! gewagt ist " _____" jegliche Freude, Nirgend legt man das Haupt ruhig dem " _____" Weib in den Schoß. Sicher ist nicht das Ehbett mehr, " _____" nicht sicher der Ehbruch; Gatte, Gattin und Freund, eins " _____" ist im andern verletzt. O! der goldenen Zeit! da Jupiter " _____" noch, vom Olympus, Sich zu Semele bald, bald zu Kallisto " _____" begab ... O! wie hätte Juno getobt, wenn im Streite der " _____" Liebe Gegen sie der Gemahl giftige Waffen gekehrt ... "
Am Ende seines Trauergesangs bleibt dem selbsternannten "alten Heiden" Goethe nur, auf "Hermes, den heilenden Gott", und sämtliche Grazien zu hoffen, daß sie ihn vor der Plage schützen - so wie viele heute im Angesicht von Aids an ihr telepathisches Talent, ihr "Radar" glauben, das sie vor infizierten Mitmenschen bewahre, oder schlicht darauf vertrauen, daß die medizinische Forschung schon bald ein Heil- und Schutzmittel finden werde. _____" Schützet immer mein kleines, mein artiges Gärtchen, " _____" entfernet Jegliches Übel von mir, reichet mir Amor die " _____" Hand O! so gebet mir stets, sobald ich dem Schelmen " _____" vertraue, Ohne Sorgen und Furcht, ohne Gefahr den Genuß. "
Welcher Fühlende heute könnte all dies nicht ganz unmittelbar und mit der Schärfe einer frischen Wunde nachempfinden? Dabei war die Syphilis zwar eine scheußliche Krankheit, die über lange Zeit in die Verblödung und in den Tod führen konnte. Aber sie war nicht unweigerlich tödlich für die, bei denen sie zum Ausbruch kam. Anders die Immunschwäche Aids, wenn sie virulent wird; dann schwächt sie den Körper des Opfers, zehrt ihn aus, gibt ihn jedweden Krankheitskeimen wehrlos preis.
Und noch einen Unterschied gibt es: Für den großen Goethe lag die verlorene Welt furcht- und gefahrlosen Genusses in mythischer Ferne. Er in seiner Ansteckungsangst wähnte sich nur sicher im "Gärtchen" einer festen Zweierbeziehung (wie mit Christiane Vulpius) - eine heute wieder empfohlene Vorbeugungsmaßnahme gegen die Infektionsgefahr durch Aids-Viren, mag die notwendige Treue auch "langweilig" sein.
Die heute Lebenden, von den bedauernswerten Jugendlichen abgesehen, aber haben eine von unerwünschter Schwangerschaft losgelöste und von Siechtum und Tod unbedrohte Sexualität kennengelernt. Sie als erste in der Generationenfolge des Menschengeschlechts haben die objektive, reale, greifbare Möglichkeit gehabt, so sorgenfrei und unbeschwert zu lieben wie vorher nur Götter und Götterlieblinge in der poetisch verklärten Antike.
Die Schwangerschaftsverhütungspille, das Penicillin und die anderen Antibiotika gaben den Zeitgenossen der sechziger und siebziger Jahre diese Chance, von der ein Goethe nur träumen konnte. Aids aber droht damit nun um so brutaler Schluß zu machen.
"Frauen, war das wirklich alles?" ruft die Zeitschrift "Psychologie heute" in einem Sonderheft desillusioniert in die schwesterliche Runde. War das alles? War mehr nicht drin? Ist es schon wieder vorbei?
Viele, Männer wie Frauen, stellen sich diese Fragen, blicken zurück und denken darüber nach, was sie aus den Möglichkeiten sexueller Befreiung, die ihnen zugefallen waren, eigentlich gemacht - und nicht gemacht - haben. Warum war Sex schon nicht mehr das, was die Propheten des Lustprinzips von Herbert Marcuse bis "Playboy"-Hefner weissagten, noch ehe die Furcht vor der Seuche in die Heteros fuhr? Warum schien von Amor nur noch ein Schatten seiner früheren Verheißung auszugehen, schon bevor der neue liebevergiftende Wurm angekrochen kam? _____" Wir haben uns von der befreiten Sexualität etwas " _____" versprochen, was sie nicht einhalten konnte und was wir " _____" nicht einhalten konnten. Wir haben uns damals zuviel " _____" zugemutet. Wenn ich an Studentenfeten zurückdenke, wo " _____" sich immer einige in andere Zimmer zurückzogen, um " _____" miteinander zu schlafen, auch außerhalb der " _____" Partnerbeziehung - da saß der übriggebliebene Partner, " _____" Mann oder Frau, dann in der Küche und war völlig am Ende. " _____" Wir haben dann versucht, dem oder der Gekränkten die " _____" Eifersucht auszureden, weil wir den Treueanspruch für " _____" bürgerliches " _____" Besitzdenken hielten. Alle die konfliktgeladenen, " _____" schwierigen Gefühle, die in unsere Idealvorstellung vom " _____" sexuell befreiten Menschen nicht hineinpaßten, wurden " _____" wegrationalisiert. "
Tom Ziehe, Pädagogik-Professor und 39jähriger Mitstreiter der Studentenrebellion, erinnert daran, daß der Umsturz der Sitten in jenen Jahren keineswegs nur ein Glückstaumel war. Und doch eroberte sich diese Generation eine Freizügigkeit, "für die du zehn Jahre früher noch als Hure beschimpft worden wärst", wie es eine Stuttgarter Wirtsfrau ausdrückte, die damals mit dabei war an der Sexfront.
Erlebnishungrig und aufsässig, von Beatles-Riffs und Stones-Texten ("Let's spend the night together") angefeuert, stürzte diese Jugend tatsächlich die alte Doppelmoral. Ein immer größerer Anteil der Mädchen und jungen Frauen sammelte immer früher, was die Sexualwissenschaftler "voreheliche Koituserfahrungen" nennen. Nach einer peniblen Umfrage unter deutschen Studenten gab es in der Sex-Erfahrenheit 1981 keinen Unterschied mehr zwischen den Geschlechtern.
Ererbte Hemmungen und Schuldkomplexe schienen sich aufzulösen wie Nachtgespenster in der Morgensonne. "Spontan" war das Zauberwort. Auch Töchter aus gutbürgerlichem Haus übten sich nun in spontanem Sex, in Gelegenheitssex aus der Lust und dem Mutwillen eines Augenblicks, ohne Schamfrist, ohne Liebes- und Treueschwüre. "Spontanfick" hieß das im neuen Tonfall brüsker Offenheit.
In seinem "Letzten Tango in Paris" zelebrierte Filmemacher Bernardo Bertolucci den unverhüllten Trieb als letztes Mysterium des Zivilisationsmenschen: Ein leerstehendes, verstaubtes, halbdunkles Appartement; Marlon Brando, Maria Schneider, die sich dort als Fremde per Zufall auf Wohnungssuche treffen, die einander in jäh hervorbrechender Liebeswut anfallen und sich wie von einer übermächtigen Kraft gelenkt auf dem Fußboden paaren.
Es war der extreme Gegensatz zu einem Aids-gemäßen Verhalten. Doch in solcher Zuspitzung ist enthemmter Sex unter Heteros auch in den wildesten Zeiten eher ein Phantasiegebilde geblieben als Wirklichkeit geworden: fiebrig imaginierter Wunschtraum bei den einen Sodom-und-Gomorrha-Vision der Zügellosigkeit bei den anderen.
Entscheidend für Krisis und Niedergang des Spontanficks schon vor Aids war aber wohl, daß er auf die Dauer gegen Gefühle und Sehnsüchte verstieß, die sich auf keine Weise beiseite schieben, zerreden und "wegrationalisieren" ließen. Die amerikanische Schriftstellerin Erica Jong, die noch 1973 in ihrem Bestseller "Angst vorm Fliegen" den Gelegenheitssex bejubelt hatte, klagte elf Jahre später: "Viele Frauen haben entdeckt, daß die Freiheit, zu jedem Ja zu sagen, in Wirklichkeit nur eine andere Form der Sklaverei sein kann. Bedeutungslose Bettgastspiele ohne Bindung befriedigten nicht ihren Hunger nach Liebe und Zusammenhalt." _____" Ich höre in meinem Unterbewußtsein eine Stimme, die " _____" über Aids dasselbe sagt, was meine Oma gesagt hätte, wenn " _____" sie noch lebte: daß die Krankheit die gerechte Vergeltung " _____" sei für begangene Sünden und sexuelle Verfehlungen. Die " _____" Strafe Gottes für die sexuelle Befreiung. Der Zorn des " _____" Himmels, der uns zu Recht in Schrecken versetzt, all " _____" diesen Irrsinn. Und im Unterbewußtsein glaub' ich das " _____" auch. " _____" Natürlich ist mir theoretisch lange klar, daß diese " _____" archaischen Geschichten alle noch in uns drinstecken. " _____" Auch daß sie sich am stärksten bemerkbar machen, wenn " _____" Sexualität im Spiel ist. Aber was da in Reaktion auf Aids " _____" schon bei mir selber hochkommt - und dann erst bei " _____" anderen -, das haut mich um. "
Das sagte eine linksliberale Professorentochter, die Literatur studiert, in einer festen Beziehung lebt und seit längerer Zeit sogar "reizvolle Gelegenheiten" für Gelegenheitssex ausläßt. Und es stimmt: Aids treibt beim Einzelnen und in der Masse beklemmende Irrationalitäten hervor. Mehr noch: Aids wird dazu benutzt, mit diesen Irrationalitäten Politik zu machen.
Schon die Jugendrebellion und die Freiheiten, die sie sich nahm, haben sexuell getönte Wut-, Neid- und Haßemotionen vom tiefsten Grund der Kollektivseele hochgewirbelt. Ähnlich die Terroristen; denn wie Bürgerinnen und Bürger über Recht, Ordnung, Autorität, über Andersdenkende und Minderheiten empfinden, hängt immer ganz innig mit ihrer Haltung zur Sexualität zusammen - zur eigenen wie zur fremden.
Der Autoritätsgläubige wird jede Störung der öffentlichen Ordnung unterschwellig immer auch mit seinem Horror vor sexueller Regellosigkeit verbinden - und umgekehrt seinen eigenen Kampf mit den Trieben dem Kampf der Polizei
gegen die Kriminalität gleichsetzen: Er wird ohne weitere Überlegung stets für mehr Polizei, strengere Gesetze, schärferes Durchgreifen sein. Ähnlich die Sauberkeitsfanatikerin, die sich immer auch ihre eigenen schmutzigen Gedanken abwäscht: Sie wird um so heftiger und irrationaler auf Menschen reagieren, die sie für anrüchig oder infiziert hält, je stärker bei ihrem Abscheu der unbewußte Ekel vor sich selbst mitspielt.
Nun aber Aids: eine, wenn sie ausbricht, todbringende Krankheit, die sich zuerst in den verfemten Randgruppen der Homosexuellen und Drogenfixer entwickelt hat; übertragbar unter Heteros zunächst fast nur durch liederlichen untreuen, unsicheren Sex. Da kommt wie nie zuvor in dieser Republik alles zusammen, was es braucht, um die geheimen sexuellen Ängste, Begierden, Obsessionen der ordentlichen Leute aufzureizen und in öffentliche Raserei umschlagen zu lassen: in eine nach härtestem Zugriff schreiende Raserei gegen Aids-Kranke, HIV-Infizierte und alle Überträger, die einer paranoiden Phantasie irgend ausdenkbar erscheinen.
Nie zuvor in der Nachkriegsgeschichte hat sich in diesem Land ein so hochgefährliches irrationales Potential angestaut, wie wenn sich Millionen kleine Sex-Komplexe zu einem gigantischen Aids-Komplex steigern und vereinen. Politiker, die bei Verstand sind, bewegen sich besonnen und wie auf Zehenspitzen rings um dieses explosive Gebräu. Die Bierkeller-Demagogen der CSU in Bayern und ihre Sympathisanten anderswo dagegen schüren mit Vorsatz ein Phänomen, für das der amerikanische Anthropologe Gayle Rubin den Begriff "Moralpanik" geprägt hat.
Wird der Widerwille der Rechtschaffenen gegen Menschen mit ungewöhnlichen und freizügigen Sexualpraktiken "aufgeputscht und in politische Aktion umgelenkt mit dem Ziel, die Gesellschaft restriktiv-autoritär zu verändern", dann, erläutert Rubin, sei das eine "moral panic": "Die Medien geraten in flammende Erregung, die Menge benimmt sich wie ein Mob, die Polizei wird aktiviert, und der Staat erläßt neue Gesetze und Bestimmungen."
Rubin denkt vor allem an das diffamierende Wüten der "Moral Majority" in der amerikanischen Provinz, wo die Anhänger des Jerry Falwell und andere fromme Eiferer wenig unversucht lassen, um ihre Art von frisch geschrubbter Züchtigkeit durchzusetzen. Der Anthropologe erinnert auch daran, wie die Konservativen schon die übertragbare Hautkrankheit Herpes zum Anlaß genommen haben, eine Moralpanik zu stiften, die freilich bald verpuffte.
Aids aber in seinem tödlichen Ernst eröffnet den Falwell und Gauweiler eine Pandora-Büchse voller Möglichkeiten, Angst und Ressentiment in Repression und Hexenjagd umzusetzen. Denn Aids scheint düster zu bestätigen, was die Omas und die raunenden inneren Stimmen schon immer geargwöhnt haben: daß die Sexualität etwas Bedrohliches, Verletzendes, Krankmachendes sei; etwas abstoßend Tierisches, etwas unbeherrschbar Dämonisches.
Religionskritische Verfechter einer aufgeklärt-toleranten Moral waren lange überzeugt, alle diese Phobien hätten ihre Ursache in vielen Generationen christlicher Prüderie und Sex-Verteufelung, in Zwangsmonogamie und lustlos geleisteten Ehepflichten. Liberalisiere man die Sitten, so glaubten viele Reformer, und zerstreue man dumpfe Wahnvorstellungen, dann würden die meisten sexuellen Leiden und Perversionen verschwinden. Dann breite sich eine gesunde Auffassung des Geschlechtslebens aus, das doch die natürlichste Sache der Welt sei.
Noch fröhlicher gab sich die "Playboy"-Philosophie, die in den Wirtschaftswunderjahren zur Heilslehre der Westwelt avancierte: Sex "als etwas harmlos Genußvolles, als lustvoll zu Konsumierendes, als Spaß ohne Ecken und Kanten", wie es Gunter Schmidt, Sexualforscher an der Universität Hamburg, beschreibt. Aber keine Liberalisierung konnte den schmerzenden Zwiespalt heilen, in dem der Mensch mit seinem Geschlecht, weiblich oder männlich, steckt. Gunter Schmidt: _____" Sexualität konfrontiert jeden von uns mit alten " _____" Triebängsten, also mit Gefahren und Enttäuschungen, die " _____" ein Mensch im Zusammenhang mit seinen Bedürfnissen von " _____" frühauf erfährt. Sexualitat konfrontiert jeden von uns " _____" mit Beziehungsängsten, also mit Furcht vor Trennung, " _____" Verlassen-Werden, Vereinnahmt-Werden, Abhängigkeit und " _____" Autonomieverlust. Sexualität konfrontiert jeden von uns " _____" mit " _____" den Unsicherheiten und Brüchen der " _____" Geschlechtsidentität als Mann oder Frau. In der " _____" Sexualität werden also tiefverwurzelte Ängste erlebbar, " _____" sie werden jederzeit durch sie wachgerufen, sind mit ihr " _____" unentwirrbar verknäult. "
Zu gründlich sind die elementarsten und gegensätzlichsten Gemütsbewegungen mit dem Geschlechtlichen verschmolzen, als daß es anders sein könnte - und nicht nur bei Christen und Juden ist das so. Auch die wenigen noch halbwegs ursprünglich lebenden Amazonasmenschen erführen sexuelle Lust als "angsterfülltes Vergnügen" berichtet der amerikanische Anthropologe Thomas Gregor, der den Stamm der Mehinaku ausgeforscht und ein fesselndes Buch darüber verfaßt hat.
Vögeln könne zu "Niederlagen beim Ringkampf, Pech beim Fischfang, Begegnungen mit bösen Geistern, Krankheit und Tod führen", glauben laut Gregor die Mehinaku-Männer. Da ist der Unheilskatalog schon komplett, mitsamt dem Mißtrauen und der Feindseligkeit gegenüber den Frauen. Aber treibt das die Mehinakus in den Zölibat? Reduziert es ihren Sex aufs Kinderzeugen?
Nichts dergleichen. "Geschlechtsverkehr ist eine begehrte Betätigung" für die Indianermänner, konstatiert der Forscher, Verkehr nicht nur mit der eigenen Frau, sondern auch mit anderen über ein "Netz außerehelicher Affären". Denn Angst kann Lust offenbar nicht nur niederschlagen und abschrecken. Sie kann sie auch steigern, ja überhaupt erst spannend machen - und das beschränkt sich nicht auf die wenigen risikosüchtigen Irren, die im Schatten von Aids nun gerade scharf drauf sind, mit drogenfixenden Strichmädchen ohne Kondom anal zu koitieren.
"Wut, Revanchegelüste, Furcht, Beklommenheit, Gefahr und der Wunsch über sie zu triumphieren - all das verdichtet sich zu der komplexen Fieberhitze, die man 'sexuelle Erregung' nennt", erklärt Robert J. Stoller, Psychoanalytiker an der University of California in Los Angeles, der in den letzten Jahren viel Aufsehen provoziert hat. Stollers These: Ohne die unzärtlichen und feindseligen Emotionen, die er oben aufzählt, sei ein starkes sexuell-erotisches Erleben gar nicht möglich.
Hormone allein, sagt Stoller, reichten dafür nicht aus. Daran wirkten alle die mit dem Geschlecht verbundenen Seelenkräfte mit, auch die dunklen, auch die bösen: die verborgenen Begierden, von denen sich das Tagbewußtsein erschrocken abwendet; die geheimen Phantasien, die aus dem Hexensabbat des Unbewußten aufsteigen.
Goethes Wort vom "Streit der Liebe" wird schon bei Freud, noch entschiedener aber bei Stoller wörtlich genommen: "Jeder der in Liebe verstrickten Partner kämpft beim Sex zugleich mit seinen eigenen Ängsten und Begierden und mit seinem Gegenüber, Frau wie Mann", erklärt Stoller. "Auch beim äußerlich gar nicht gewalttätigen Geschlechtsverkehr geben die verbotenen feindseligen Emotionen den Ausschlag. Sie sind die Gefahr und das Risiko, das die Erregung erzeugt."
Ohne diese unterschwellig-erregende Feindseligkeit wären Kampf und Sex vorbei. Dann gähnten "Gleichgültigkeit und Langeweile" einander an.
Das klingt frappant und ist doch verwickelter, als es in solcher Kürze erscheint. Ohne Frage aber rückt Aids diese dunkle und dämonische Dimension des Sexuellen von neuem ins Bewußtsein. Mag sein, daß es nun wieder ernster genommen wird als in den Zeiten des Freizeitvergnügungsgevögels, bei dem die leidenschaftlich-bedrohlichen Mächte der Tiefe abgedrängt und ausgeklammert blieben- und das, nicht nur laut Stoller, entsprechend weniger aufregend war.
Denn viel wird auch hierzulande schon seit längerem über fade "Eierkuchensexualität" und "Kuschelsex" gejammert, über schale "Wohngemeinschaftsbumsereien" und, rückblickend, über die Mümmelmann-Minne der Studentenrebellion, wo nur die Genitalien befreit worden seien, nicht der Geist der Erotik. Auch die Feministin Barbara Sichtermann schreibt in ihrem vielgelesenen Buch "Weiblichkeit": _____" Wir sind es gerade als Frauen... gewohnt, von der " _____" Sexualität allein "die Befriedigung", die " _____" Spannungslösung, das Glück, den Spaß zu erwarten - so daß " _____" wir das Bedrohliche, das der"Sturz", der "kleine Tod "... " _____" für das Ich auch immer bedeuten, nicht sehen... Eine " _____" sexuelle Beziehung ohne "Militanz", ohne Schmerz-Lust, " _____" ist etwas Gekünsteltes ein Unding. "
Eine zartknochige, kalte, aufreizende Mulattin macht in Designerkleidern ihre Runde durch Londoner Westend-Hotels, um als Callgirl der gehobenen Preisklasse die erektionsfördernden Sonderwünsche ihrer Kunden zu erfüllen.
Ein vierschrötiger Kleinganove, aus dem Knast entlassen, übernimmt widerstrebend den Job, die junge Frau zu chauffieren und zu beschützen, die er doppelt verabscheut - als Schwarze und als Prostituierte. Doch während er sie fluchend umherkutschiert und angeekelt draußen wartet, wenn sie ihre Kunden abfertigt, bemerkt er zu seinem Entsetzen, daß er dabei ist, sich in "diese dreckige schwarze Nutte" zu verlieben, und nicht mehr zurück kann.
Eine Wahnsinnsliebe aus der Unterwelt, amour fou, die vorhersehbar und unaufhaltsam ihr schauriges Ende nimmt - das ist die Geschichte des Kinofilms "Mona Lisa", zu dem das Publikum sich in jüngster Zeit auch in den bundesdeutschen Städten gedrängt hat. Parallel dazu und unter noch größerem Zustrom lief und läuft "Ein Zimmer mit Aussicht", auch englisch, aber der vollkommenste Kontrast zur galligen Passion zwischen dem Ganoven und der Hure.
Der Film erzählt von der Liebe eines naturverbundenen blonden jungen Mannes vor dem Ersten Weltkrieg, einer Liebe, die mit einem geraubten Kuß und lächerlich geringen Chancen beginnt, doch alle Hindernisse überwindet und das umworbene Jungfräulein durch ihre schiere Leuchtkraft überzeugt, noch ehe es zu weiteren Zärtlichkeiten kommt - denn Beischlaf zur Probe vor der Heirat war damals nicht drin.
Gebannt schauen sich die jungen Leute diese keusche Romanze an, die ihnen doch maßlos altertümlich erscheinen müßte. Aber nein, sie sind beeindruckt und erhoben von der Unbeirrbarkeit, mit der der junge Mann an seine Liebe glaubt und dafür kämpft. Sie zeigen sich, wenn sie aus dem Kino kommen, verwundert darüber, "daß die aus einem Kuß so ein Drama machen und alles so wichtig nehmen", finden das jedoch "im Grunde sehr schön", wie eine 22jährige Hamburgerin versicherte.
Ein dritter Kinorenner, "Blue Velvet" von David Lynch, stellt in einer biederen US-Kleinstadt beide Seiten der Sexualität brutal gegeneinander - die brave, harmlose, Coke-schlürfende Liebe gutbürgerlicher Nachbarskinder und die wüsten Obsessionen, die sich nachts am Rand der Wohlanständigkeit austoben: Sadismus, Hörigkeit und lästerlicher, doch verlockender Sex, wie er bei Nancy von nebenan nicht zu haben ist.
Jeder dieser Fälle demonstriert, wie groß der Hunger nach starken Gefühlen geworden ist, nach den dunklen Leidenschaften wie nach den hellen, die ihr Feuer wahrscheinlich auch erst durch ihren verborgenen dämonischen Anteil bekommen. Es gibt diesen Hunger nicht erst, seit Aids auch den Heteros droht. Aber Aids hat zu tun mit der sexuellen Gespaltenheit und dem Erlebnisdrang, der sich nicht begnügen will mit dem, was mit einer Gefährtin und einem Gefährten monogam möglich ist.
Am Schluß seines Essays vom "Unbehagen in der Kultur" deutet Sigmund Freud die Hoffnung an, es möge den guten Kräften des Eros gelingen, die feindseligen und verletzenden Triebe in sich einzubinden und ihnen ihre destruktive Wirkung zu nehmen.
"Wenn das glückte", sagt Robert Stoller in seinem schmalen Büro in der psychiatrischen Universitätsklinik in Los Angeles, "dann müßten die dämonischen Kräfte dem Eros dienen. Dann wäre die Gespaltenheit geheilt, und es gäbe nur noch unerhört intensive Zweierbeziehungen voller Spannung und Phantasie, in denen alles geschieht, was Menschen zu erleben vermögen."
Im Schatten von Aids scheint die Sehnsucht nach solcher Intensität zu wachsen und mit ihr der Wunsch, mehr aus monogamen Paarbeziehungen zu machen und die erotische Vorstellungskraft zu kultivieren. Aber nicht nur Robert Stoller bezweifelt, daß ausgerechnet eine tödliche Epidemie dazu beitragen könnte, die Schizophrenie der menschlichen Sexualität zu beheben.
Die beiden deutschen Sexualwissenschaftler Eberhard Schorsch und Gunter Schmidt befürchten eher, daß das Mißtrauen, das Aids und die Gerüchte über Aids zwischen den Menschen säen, am Ende auch die Paarbeziehungen zersetzt. Leute, die in ihrer Unsicherheit glauben, man könne sich, wenn der Nachbar eine feuchte Aussprache hat, auch durch ins Auge dringende Speichelspritzer infizieren, "rücken in ihren tagtäglichen Kontakten weiter auseinander, distanzieren sich körperlich stärker voneinander", schreibt Gunter Schmidt.
Für Eberhard Schorsch liefe das auf "aseptische Vereinzelung" hinaus, in der Männer und auch Frauen zu onanierenden Video-Voyeuren verkümmern. Und Gunter Schmidt hat eine Vision: _____" Endgültig werden Aids und die zwischenmenschlichen " _____" Beziehungen besiegt sein, wenn Geliebte und Geliebter die " _____" Lustzentren ihres Zwischenhirns über ihren Heimcomputer " _____" kurzschließen und mit einem simultanen Tastendruck " _____" simultane Orgasmen auslösen - fernbedient. "
Ende
Von Wilhelm Bittorf

DER SPIEGEL 13/1987
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