23.03.1987

„Die Spieler sind leitende Angestellte“

SPIEGEL-Gespräch mit Fußball-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder über den idealen Bundesliga-Profi *
SPIEGEL: Herr Mayer-Vorfelder, Sie nannten es unerträglich, daß "Herr Schumacher die deutsche Profi-Elite als Pokerer, Säufer und Hurenböcke darstellt". Viele Fußballspieler pokern, saufen und huren tatsächlich. Wußten Sie das nicht?
MAYER-VORFELDER: Mein entscheidender Vorhalt gegenüber Schumacher ist, daß er aus seiner Funktion heraus solche Äußerungen gemacht hat.
SPIEGEL: Aus welcher Funktion?
MAYER-VORFELDER: Als Kapitän der Nationalmannschaft. Es ist ja ein Unterschied, ob irgendein Journalist, ob die "Bild"-Zeitung oder der SPIEGEL, es sagt oder der Kapitän der Nationalmannschaft, der in einem besonderen Vertrauensverhältnis zu seinen Mitspielern steht. Darüber hinaus, gleichgültig, was stimmt oder nicht, hat Schumacher es ja nicht getan, um endlich Sauberkeit in den Fußball zu bringen, sondern um die Verkaufsziffer seines Buches zu erhöhen.
SPIEGEL: Was hat denn Schumacher eigentlich so Schlimmes geschrieben?
MAYER-VORFELDER: Jetzt gehe ich mal davon aus, Sie würden ein Enthüllungsbuch über den SPIEGEL schreiben. Inhalt unter anderem: Der Herausgeber schläft mit seinen Sekretärinnen, der Verlagsleiter säuft und der Finanzchef pokert von morgens bis abends - da würde ich mal schauen, wie lang Sie Ihr Amt ausüben würden.
SPIEGEL: Haben Sie Schumachers Buch gelesen?
MAYER-VORFELDER: Ich hab'' es gelesen. Das ganze Buch ist ein seichtes Produkt, mit Sicherheit ohne eine literarische Bedeutung.
SPIEGEL: Immerhin ist es offenbar bedeutend genug, daß Sie und die Funktionäre im Deutschen Fußball-Bund Schumacher aus der Nationalelf warfen. Läßt es sich so schwer mit der Wahrheit leben?
MAYER-VORFELDER: Es kommt mir gar nicht auf den Wahrheitsgehalt an. Ich will nicht bestreiten, daß irgendwo über den Durst getrunken wird oder dies und jenes mal vorkommt. Es sind junge Menschen keine Trappistenmönche. Die Frage ist, ob ich in einer Gemeinschaft, in der ich eine bestimmte herausgehobene Funktion, nämlich das Amt des Kapitäns, ausübe meine merkantilen Privatinteressen über gewisse Grundsätze, die eine Gemeinschaft mit sich bringt, stellen kann.
SPIEGEL: Der Nestbeschmutzer also. Die Scheinheiligkeit unter Deutschlands Fußball-Bossen ist immer wieder amüsant. Warum wollen Sie der Öffentlichkeit partout ein Bild des Profis vorsetzen, das nicht der Realität entspricht?
MAYER-VORFELDER: Nun müßten Sie mir mal zunächst erklären, was Sie sich unter dem Bild eines Profis vorstellen.
SPIEGEL: Einen halbwegs normalen Menschen, der nach Feierabend ein Bierchen trinkt oder ein Glas Wein, eventuell mal zur Zigarette greift und bisweilen den Drang zum Weibe verspürt. Gerade das war während der längeren Kasernierung bei einer Welt- oder Europameisterschaft immer ein Problem, das die Funktionäre nicht wahrhaben wollten. Schumacher hat diese Dinge jetzt einmal angesprochen.
MAYER-VORFELDER: Was mich stört und aufregt, das ist die maßlose Verzerrung und Überzeichnung. Früher sollen die Fußballer alle Heilige gewesen sein, und heute sind es üble Leute.
SPIEGEL: Durchaus nicht. Wer mal ein Bier trinkt oder Karten spielt oder Frauen liebt, ist doch kein übler Mensch.
MAYER-VORFELDER: Der Profi ist, zumindest wenn er beginnt, ein junger Bursche mit 18, 19, 20 Jahren, der _(Mit Redakteuren Kurt Röttgen und Hans ) _(Borchert im Stuttgarter ) _(Kultusministerium. )
nun plötzlich relativ viel Geld verdient. Das ist kein fertiger Mensch. Es ist doch ganz logisch, daß nicht automatisch die Persönlichkeitsentwicklung mit dem Geldverdienen Schritt hält. Wenn ich mir vorstelle, daß ich in dem Alter plötzlich 150000 Mark im Jahr verdient hätte, wie ich mit dieser Problemstellung fertig geworden wäre, wenn ich mir das real überlege, dann muß ich sagen, daß unsere Profis das noch relativ gut meistern.
SPIEGEL: Wie sieht Ihr Idealbild eines Profis aus?
MAYER-VORFELDER: Ich erwarte von ihm, daß er so lebt, wie es den Anforderungen seines Berufes entspricht, daß er sich seine Leistungsfähigkeit erhält und sie bringen kann, wenn sie von ihm gefordert wird, daß er nicht - das halte ich für ein Stückchen Berufsethos - um einer Schlagzeile willen das Podest worauf er seinen Beruf ausübt, pausenlos mit einem Beil angeht.
SPIEGEL: Hinweise auf Mißstände in seiner Branche hätte er sich also gefälligst zu verkneifen?
MAYER-VORFELDER: Sie können auch nicht nach außen gehen und mit irgendwelchen Dingen, ob sie nun stimmen oder nicht, über Ihre Mitarbeiter oder Vorgesetzten herziehen, ohne die Konsequenzen, die daraus erwachsen für sich zu akzeptieren.
SPIEGEL: Ministerpräsident Lothar Späth würde Sie entlassen, falls Sie Interna aus dem Kabinett ausplaudern oder über einen Minister-Kollegen sagen, er sei ein bißchen dumm?
MAYER-VORFELDER: Ja, und zwar vollkommen zu Recht, wie Sie auch vollkommen zu Recht entlassen würden, wenn Sie so etwas über den SPIEGEL-Herausgeber oder Ihre Kollegen sagten.
SPIEGEL: Profi-Fußball ist ja auch Showgewerbe, er lebt von seinen Reizfiguren, und die sind in der Bundesliga nach Schumachers Rausschmiß noch rarer geworden. Im Gegensatz zu Ihnen hat der Medienmanager Beierlein das erkannt. "Fußball ist Entertainment", sagte er vor einigen Monaten, der "prachtvolle Toni Schumacher" sei eine Figur, "die regelrecht nach Entertainment schreit".
MAYER-VORFELDER: Ich bin der Meinung, gleichgültig ob ich Fußball jetzt als Entertainment bezeichne oder nicht, daß es gewisse Grundregeln des menschlichen Anstands geben muß im Miteinander. Die Auflösung des Anstandsgedankens halte ich für unmöglich.
SPIEGEL: Ihr ehemaliger Nationalspieler Karl Allgöwer hat zwar kein Buch geschrieben, ein "Nestbeschmutzer" ist er nach Ansicht Ihres Trainers Egon Coordes trotzdem. Allgöwer leistet sich eine von der Mehrheit abweichende eigene Meinung.
MAYER-VORFELDER: Ich habe nie von Nestbeschmutzung gesprochen. Was Allgöwers politische Grundhaltung anlangt,
so ist sie nicht die meine. Er kann seine politische Meinung wie jeder Bürger draußen äußern, nur kann er nicht dafür in der Mannschaft durch bestimmte Aktionen werben.
SPIEGEL: Allgöwers Aufruf gegen SDI war ja nun nicht gleichbedeutend mit der Werbung für eine Partei.
MAYER-VORFELDER: Sie können das definieren, wie Sie wollen, aber so blauäugig ist man ja beim SPIEGEL wohl auch nicht. Das ist Werbung für eine bestimmte Auffassung des Karl Allgöwer. Das führt mit Sicherheit innerhalb einer Mannschaft zu Gruppenbildungen und damit auch zu Spannungen, und zwar zu Spannungen, die mit dem normalen Betrieb überhaupt nichts zu tun haben. Deshalb ist es untersagt worden.
SPIEGEL: Es fällt auf, daß Fußball-Profis immer dann Schwierigkeiten in ihren Vereinen bekommen, wenn sie Meinungen äußern, die etwas links von der Mitte liegen. Das war früher bei Paul Breitner so, das gilt für Ewald Lienen, für Allgöwer. Es sind ja sowieso nur wenige, die sich trauen.
MAYER-VORFELDER: Von Allgöwer gibt es einen ungeheuer guten Satz: Er glaube, daß sich die Spieler politisch nicht besonders engagieren, weil sie möglichst viel Geld verdienen und wenig Ärger haben wollen. Bei ihm ist es halt so, er will viel Geld, und es macht ihm nichts aus, wenn er mal Ärger kriegt.
SPIEGEL: Das spricht nicht gegen ihn.
MAYER-VORFELDER: Nein, nein aber es ist für mich in sich nicht ganz logisch, wenn sich einer pausenlos darüber aufregt, daß viel Geld verdient wird, er aber auf die damit verbundenen Annehmlichkeiten nicht verzichten will. Wenn der Allgöwer so sozial denkt, dann kann er doch 50 Prozent seines Gehaltes in ein Entwicklungsland überweisen. Aber das tut er nicht. Und mit dem Fahrrad kommt der grüne Karle auch nicht zum Training.
SPIEGEL: Sie haben erklärt, Sie seien "gegen überzogene Demokratisierung im Profi-Fußball". Können Sie das erläutern?
MAYER-VORFELDER: Sie können nicht, wenn das Spiel läuft, zuerst eine Spielerversammlung einberufen, ob einer nun dribbeln soll oder aufs Tor schießen.
SPIEGEL: Wir nehmen nicht an, daß Sie das gemeint haben.
MAYER-VORFELDER: Doch, doch das habe ich schon so gemeint. Es gibt gewisse Bereiche, über die Sie nicht einfach die Demokratie stülpen können. Ein anderes Beispiel: Ich kann in meiner Familie dort, wo mein Erziehungsauftrag gefragt ist, bei vier Kindern, auch keine demokratische Abstimmung herbeiführen, ob die Kinder um acht oder um neun ins Bett gehen.
SPIEGEL: Kann man auch.
MAYER-VORFELDER: Aber dann werde ich meinem Erziehungsauftrag nicht mehr gerecht. Bei aller Beredsamkeit werde ich mit meiner Frau im Verhältnis 2:4 unterliegen, wenn es darum geht, ob man um acht Uhr ins Bett geht oder nicht. So ähnlich ist das auch im Fußball. Sie können dort nicht demokratisch abstimmen lassen über Fragen, wo der Trainer verantwortlich ist, wo der Trainer Mannschaftsaufstellung und dergleichen entscheidet. Demokratisierung, das geht eben nicht.
SPIEGEL: Es wäre für das Betriebsklima in den Bundesligaklubs womöglich _(Am Montag voriger Woche beim Signieren ) _(seines Buches im Berliner Kaufhaus ) _(KaDeWe. )
von Vorteil, den Spielern ein Mitspracherecht zum Beispiel bei der Einstellung eines Trainers einzuräumen.
MAYER- VORFELDER: Daß die Mannschaft bestimmt wer geholt wird, wer gehen darf und wer nicht? Das ist für mich eine abenteuerliche Vorstellung. Die Spieler sind leitende Angestellte, schon von ihren Gehältern her, aber auch von dem, was sie zu tun haben.
SPIEGEL: Wie stehen Sie zu der von den Spielern angestrebten Gründung einer Interessengemeinschaft - das Reizwort Gewerkschaft wird ja gar nicht erst benutzt?
MAYER- VORFELDER: Wir haben in unserer Verfassung die Koalitionsfreiheit und diese Koalitionsfreiheit gilt selbstverständlich auch für die Spieler. Die Frage der Mitwirkung und der Mitverantwortung und Mitbestimmung wird aber wohl etwas anders zu sehen sein als im Betriebsrat nach dem Betriebsverfassungsgesetz bei einer Firma wie Daimler-Benz oder dergleichen.
SPIEGEL: Wie könnte Mitbestimmung für Fußball-Profis aussehen?
MAYER-VORFELDER: Über das hinaus, was derzeitig sowieso vorhanden ist - in einem gut geführten Verein werden Maßnahmen, die die Mannschaft betreffen, mit Trainer und Mannschaftsführung besprochen-, sehe ich kaum Mitbestimmungsmöglichkeiten.
SPIEGEL: Wir gehen mal davon aus, daß Sie den VfB Stuttgart für einen gut geführten Verein halten. Ende letzten Jahres sagte allerdings Ihr nach Marseille transferierter ehemaliger Paradespieler Karlheinz Förster, "das Management in Stuttgart hat die Ansichten der Spieler nie ernst genommen". Daraufhin fiel Ihrem Geschäftsführer Ulrich Schäfer auch nichts anderes ein, als von Nestbeschmutzung zu sprechen.
MAYER-VORFELDER: Ich kann nichts dafür, wenn manchmal Spieler plötzlich alles vergessen, den Verstand ausschalten, sondern irgend etwas daherplappern und sich noch freuen wenn sie hinterher eine Schlagzeile haben. Ich habe Förster aus einem Vierjahres-Vertrag freigegeben, weil er ein ungeheures Angebot aus Marseille hatte. Kaum war das geschehen, äußert er sich unbedacht gegenüber irgendeinem Reporter, der ihm ein Mikrophon vor die Nase hält. Das ist für mich menschlich enttäuschend, weil es keinen realen Hintergrund hat.
SPIEGEL: Nun kommt der Karlheinz Förster als braver, angepaßter Junge, der er immer gewesen ist ...
MAYER-VORFELDER: ... was heißt angepaßt? Was ist in Ihren Augen angepaßt? In Ihren Augen ist einer angepaßt, wenn er nicht irgendeinen beleidigt. Was ist angepaßt? Er ist überhaupt nicht angepaßt. Für Sie ist angepaßt, wenn einer eine konservative Grundmeinung hat. Wenn einer eine Linksmeinung vertritt, dann ist er nicht angepaßt. Ich bin ein Konservativer, und ich halte mich für nicht angepaßt. Darauf lege ich Wert.
SPIEGEL: Jedenfalls ist Förster, im Gegensatz etwa zu Breitner oder Lienen, bis vor einigen Monaten nicht als Systemkritiker aufgefallen. Wundert es Sie nicht, daß ausgerechnet er Sie attackiert? Man könnte annehmen, er habe jahrelang die Faust in der Tasche geballt.
MAYER-VORFELDER: Das ist eine lockere, unbedachte und wahrscheinlich in den Konsequenzen gar nicht übersehene Äußerung des Karlheinz Förster, die nicht stimmt, die schlicht und ergreifend nicht stimmt.
SPIEGEL: Die Funktionäre haben die Diskussion über das Schumacher-Buch vom Thema Doping verlagert auf den Begriff Anstand. Ein Nebenkriegsschauplatz, längst nicht so gefährlich.
MAYER-VORFELDER: Was Nebenkriegsschauplatz und was Hauptkriegsschauplatz ist, bestimmen das die Medien? Sie haben das Doping aufgegriffen und das zum Hauptkriegsschauplatz gemacht. Wir haben den anderen Bereich für weitaus wichtiger angesehen, und deshalb ist das für uns der Hauptkriegsschauplatz.
SPIEGEL: Schumacher bekannte, daß er sich ebenso gedopt hat wie ein Teil seiner Mitspieler beim 1. FC Köln. Beckenbauer erklärte schon vor zehn Jahren, in der Bundesliga werde "geschluckt und gespritzt".
MAYER-VORFELDER: Wenn Sie das als Hauptsache ansehen, wieso haben Sie das vor zehn Jahren nicht aufgegriffen, als der Herr Beckenbauer das gesagt hat?
SPIEGEL: Darüber ist immer wieder geschrieben worden, doch die Funktionäre sind seinerzeit genauso auf Tauchstation gegangen wie jetzt. Erstmals hat sich mit Schumacher ein prominenter Spieler selbst des Dopings bezichtigt und was passiert? Er fliegt raus mit der _(Mit seinem Mönchengladbacher Kollegen ) _(Bruns. )
Begründung, er habe schlecht über Kameraden gesprochen.
MAYER-VORFELDER: Meine These ist die: Es wird eine allgemeine Behauptung aufgestellt, die allgemeine Behauptung wird dann als unumstößliche Tatsache genommen, und zwar für den gesamten Bereich, und diese unumstößliche Tatsache wird als Skandal bezeichnet. Dann gehen die Medien hin und sprechen von einem zweiten Bundesligaskandal. Dies ist nicht richtig. Ich lasse mir Handlungsbedarf nicht von einer Public-Relations-Aktion des Herrn Schumacher und seines Beraters Schmitz aufnötigen, wenn kein konkreter Handlungsbedarf besteht.
SPIEGEL: Es gibt nach Ihrer Meinung kein Doping in der Bundesliga?
MAYER-VORFELDER: Das kann ich so nicht behaupten. Ich bin jetzt zwölf Jahre Präsident eines Vereins. Ich bin mit den Spielern vor dem Spiel zusammen und nach dem Spiel, und mir sind noch nie irgendwelche Ausfallserscheinungen in dieser Richtung ad oculos sichtbar geworden. Daraus kann ich mindestens ebenso allgemein sagen: Ich glaube nicht daran, daß dies in einer Ausdauersportart ...
SPIEGEL: ... Mediziner sehen das anders.
MAYER-VORFELDER: Was alles jetzt als Mediziner auftritt in den Medien, also, da kommt ein grüner Sportpsychologe ...
SPIEGEL: ... der ist allerdings schon verdächtig.
MAYER-VORFELDER: Verdächtig nicht, aber durchsichtig, wenn der sofort die Parallelität zur Natur herstellt und sagt, es sei natürlich diese Gesellschaft, die die Natur ausbeutet und düngt.
SPIEGEL: Doping-Experte Professor Donike ist eine unumstrittene Kapazität ...
MAYER-VORFELDER: ... ob er unumstritten ist, das weiß ich nicht, aber eine Kapazität ist er sicher. Es ist nur so, daß der weite Bereich, der im Sportsektor unter Doping einbezogen wird, der ganze Anabolika-Bereich, im Fußball überhaupt keine Rolle spielt. Jetzt sage ich zum Grenzbereich: Wenn Sie heute - das ist für mich schon eine Frage, die geklärt werden muß - zum Beispiel Husten haben und Sie sind interessiert daran, daß Sie Ihren Beruf ausüben, Sie nehmen Hustensaft, da ist Ephedrin drin, sind Sie dann gedopt?
SPIEGEL: Captagon ist immerhin rezeptpflichtig, es ist schließlich kein harmloser Hustensaft. Auch wenn Beckenbauer meint, so eine Pille sei "vielleicht leistungssteigernd, aber doch nicht gefährlich".
MAYER-VORFELDER: Ich richte hier nicht über Äußerungen von Franz Beckenbauer, ich begründe, weshalb wir nicht aus der Hüfte schießen. Aus-der-Hüfte-Schießen sagt an sich schon genug aus: Wir können nicht unüberlegt handeln, wir müssen unserer Verantwortung gerecht werden.
SPIEGEL: Sind die Bundesligavereine für Dopingkontrollen? Ja oder nein?
MAYER-VORFELDER: Wir haben uns darauf verständigt, daß eine DFB-Kommission eine Klärung der technischen und rechtlichen Fragen vornimmt. Wenn dies bis Ende Juni geschehen ist, wird sich der Liga-Ausschuß mit dieser Frage befassen. Ich persönlich stehe der Frage sehr offen gegenüber.
SPIEGEL: Das heißt?
MAYER-VORFELDER: Das heißt, daß ich nichts dagegen habe, wenn Kontrollen eingeführt werden. Der Hauptgrund für mich ist, daß damit dem Gerede, das jetzt durch das Buch von Schumacher aufgekommen ist, Einhalt geboten wird.
SPIEGEL: Schumacher hat in Köln seinen Posten für Nachfolger Illgner räumen müssen, er ist für eine Ablöse von nur 150000 Mark zu haben. Angenommen, Sie bekämen in nächster Zeit Torwart-Probleme: Würden Sie ihn holen?
MAYER-VORFELDER: Mit Sicherheit nicht.
SPIEGEL: Schumacher wäre, jetzt erst recht, für jeden Klub eine Attraktion, er würde zusätzlich Kundschaft ins Stadion locken.
MAYER-VORFELDER: Das überlasse ich anderen Vereinen. Ich sage nur, wie ich die Verantwortlichkeit sehe gegenüber dem VfB Stuttgart, auch gegenüber der Mentalität, wie sie bei uns im Schwabenland Gott sei Dank noch vorherrscht.
SPIEGEL: Schumacher schreibt in seinem Buch: "Im großen und ganzen sind die Klubpräsidenten eitle Obervereinsmeier." Fühlen Sie sich angesprochen?
MAYER-VORFELDER: Nein, von Schumacher, Schmitz und Co. überhaupt nicht.
SPIEGEL: Herr Mayer-Vorfelder, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. _(Am Samstag vorletzter Woche beim ) _(Bundesligaspiel 1. FC Köln gegen Bayern ) _(München; im Hintergrund Schumacher-Fans. )
*KASTEN
Gerhard Mayer-Vorfelder *
ist Vorsitzender des Liga-Ausschusses im Deutschen Fußball-Bund (DFB) und damit Sprecher der Profiklubs. Der 54jährige Jurist gehört dem fünfköpfigen DFB-Präsidium an, er plädierte für die Kaltstellung des Buchautors Toni Schumacher. Mayer-Vorfelder, Präsident des VfB Stuttgart seit 1974, nach eigener Einschätzung ein "nicht angepaßter Konservativer", ist Minister für Kultus und Sport im Kabinett Späth.
Mit Redakteuren Kurt Röttgen und Hans Borchert im Stuttgarter Kultusministerium. Am Montag voriger Woche beim Signieren seines Buches im Berliner Kaufhaus KaDeWe. Mit seinem Mönchengladbacher Kollegen Bruns. Am Samstag vorletzter Woche beim Bundesligaspiel 1. FC Köln gegen Bayern München; im Hintergrund Schumacher-Fans.
Von K. Röttgen und H. Borchert

DER SPIEGEL 13/1987
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 13/1987
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Die Spieler sind leitende Angestellte“

  • Filmstarts: Kinder mit Kanonen
  • Zu viele Verletzungen: NFL-Star Andrew Luck beendet mit 29 Karriere
  • Im Autopilot-Modus: Tesla-Fahrer schläft hinter dem Steuer ein
  • Brände im Amazonas: "Wir verlieren ein wesentliches Ökosystem unserer Erde"