06.07.1987

AUTOMOBILEDer Nase nach

Die altehrwürdige Firma Rolls-Royce sucht ihre modernisierten Typen neuerdings mit einer in der Branche unbekannten Werbe-Variante zu vermarkten - Sie reizt den Geruchssinn. *
Wer die neueste Ausgabe des "Architectural Digest" zur Hand nimmt läuft Gefahr, sich Kauflustgefühlen auf ein für die meisten unbezahlbares Auto auszusetzen: einen Rolls-Royce.
Aus einem Rausreiß-Streifen steigt dem Leser ein verführerisches Odeur in die Nase und läßt ihn womöglich andere Automarken augenblicklich vergessen. Was ihn betört, verrät eine Schlagzeile: "Dieser Duft - das ist Rolls-Royce".
Mit dieser olfaktorischen Masche, die nun in der Auto-Reklame erstmals angewendet wurde, sucht Britanniens ruhmvoller Auto-Hersteller potentielle Käufer buchstäblich der Nase nach in die Ausstellungsräume der Händler zu locken. Die Duftstreifen sind mit einer Essenz getränkt, die Leder und Luxus vorgaukeln soll.
Rolls-Royce verfiel auf die nach langwierigen Versuchen sorgsam komponierte Mixtur, weil die klassischen Rolls-Käufer, hochmögende Zeitgenossen mit ererbtem Reichtum, rar geworden sind. Als Käufer neuen Typs haben die Rolls-Royce Manager in den letzten Jahren statusgeile Neureiche ausgemacht, die eigentlich eher zum Erwerb eines Mercedes, BMW oder wenigstens eines Jaguar tendieren: Geschäftsleute, Sportler und Filmstars. Ihnen vor allem gilt die Duft-Kampagne.
Eingeklebter Leder-Sniff als Reklame für Rolls-Royce, Good Lord! Sind sie denn von Sinnen, diese Manager? Dürfen die so umspringen mit einem Produkt, das einst der britischen Romanschriftstellerin Brigid Brophy ein Gefühl vermittelte, als werde "die Seele von Engeln himmelwärts getragen"? Ist das nicht Frevel an einer Institution, die - nach einem Urteilsspruch des "Daily Mirror" - "wie das Nelson-Denkmal, Lord's Kricket-Platz und die Kronjuwelen... einen festen Platz im Panorama britischen Lebens", am Ende, "sogar in unserer Verfassung hat"?
Der eigenwillige Werbe-Gag der in Crewe, mitten in Englands Käse Grafschaft Cheshire ansässigen Firma aus dem Jahre 1906, geht einher mit einer Modernisierung ihrer Typen, die nachgerade ungeheuerlich anmutet. Die technisch stockkonservativen Rolls-Royce-Erbauer haben ihren 87er-Modellen, wie jüngst ein Werksmanager rühmte, "rund 2000 Neuerungen" angedeihen lassen.
Von dieser "Denkmalspflege", wie das Kraftfahrer Magazin "auto, motor und sport" die Operationen in wohlmeinendem Spott genannt hat, ist von außen bis auf einen Frontspoiler an den 2,6 Tonnen schweren Gefährten kaum etwas zu sehen. Doch für das Innere entschlossen sich die Briten, dem bei Konkurrenten schon vor vielen Jahren vollzogenen technischen Fortschritt endlich nachzuschreiten: Sie installierten ihren Autos blockiersichere Bremsen und entfernten ihnen (bis auf die Herrscher-Kalesche "Phantom") die nun wirklich nicht mehr zeitgemäßen, schrecklichen Vergaser, die Rolls-Royce den Ruch eines unersättlichen Schlürfers von über 30 Litern je 100 Kilometer eingetragen hatten.
Die Ingenieure spendierten ihren riesigen V-8-Alumotoren (Hubraum 6750 ccm) zur besseren Futterverwertung nunmehr moderne deutsche Einspritz-Systeme von Bosch. Schnellster von allen ist der Bentley Turbo R der 1931 erworbenen und schon vor Jahren auf Sportcharakteristik getrimmten Nebenmarke des Hauses - seine 323 PS beschleunigen ihn in ganz und gar unbritischer Hast wie einen Sportwagen auf glatte 240 km/h.
Bei einer Firma dieses Rufs, die je Jahr nie mehr als 3000 Autos produziert hat (letztes Jahr verkaufte sie 2603 Stück), mußte derartiger Aufwand gewiß auch für die Kundschaft etwas teurer werden. Der billigste Bentley (Modell "Eight") kostet nun 195510 Mark, ihm folgen der Rolls-Royce Silver Spirit (256500 Mark), der Bentley Turbo R (273600 Mark), der Rolls-Royce Silver Spur (302100 Mark) mit zehn Zentimeter längerem Radstand, und für rund 383040 Mark das in nur wenigen Stücken gebaute Zweitürer Cabrio "Corniche", wie es beispielsweise die Hamburger Modemacherin Jil Sander ihr eigen nennt.
Selten nur und jedesmal erkennbar widerwillig ist Rolls-Royce abgewichen von einer ehernen Maxime, die Henry Royce, einer der beiden Firmengründer, geprägt hat: "Nimm ein bestehendes Teil und mach es besser." Noch heute sind die Crewer Manager stolz, daß, Rolls-Royce nie zur automobilistischen Avantgarde gehört" habe. Wie ein Firmensprecher jüngst wieder bekräftigte.
Schon der erste Wagen, den Royce 1906 zusammen mit seinem 1910 bei einem Flugzeugunglück getöteten Partner Charles Rolls konzipiert und "Silver Ghost" genannt hatte, erwies sich als unverwüstliches Perfektions-Automobil, das auch nach zehnjährigem Gebrauch noch nicht klapperte. Das Modell wurde 19 Jahre lang - länger als das Volks"Modell T" des Fließband-Pioniers Henry Ford - produziert und erst 1925 vom "Phantom" abgelöst.
Mit einem gepanzerten Silber Geist, feuernd aus einem Vickers-MG, half im Ersten Weltkrieg Lawrence of Arabia die Türken aus Mesopotamien verjagen; er war voll des Lobes über die mechanische Güte seines Wüstenautos. Im Zweiten Weltkrieg erwiesen sich die mit Merlin Motoren von Rolls-Royce ausgerüsteten britischen Spitfire- und Hurricane-Jagdflugzeuge den deutschen Messerschmitts und Focke-Wulfs in entscheidenden Flugphasen überlegen und halfen, die "Schlacht um England" zu gewinnen - nahezu 200000 Merlin-Motoren wurden gebaut.
Nach dem Krieg schwärmten die deutschen Motorjournalisten einhellig über den geschmeidigen, geräuscharmen Transport-Luxus im Rolls Royce: "Man begreift, was 'splendid isolation' sein kann - die anderen sind plötzlich gar nicht mehr da" (Autotester Dieter Korp). Minister und Monarchen, Nabobs und Nizams, Scheiche und Schurken fuhren Rolls-Royce, sogar Lenin und Stalin hatten jeder einen.
Erst 1965 nahm auch Rolls-Royce Abschied von der altertümlichen Starrachse und den antiquierten Trommelbremsen - niemand jedoch hatte sich zuvor über das Fahrwerk oder die Bremsen beklagt. Ohne Murren ertrug die Klientel, daß der Zeitgeist Karosserieänderungen erzwang, bei denen aus dem zweiäugigen ein vieräugiges Rolls-Royce-Gesicht wurde und sogar der besonders kostbare, handgehämmerte Kühler schrumpfen mußte.
Daß die Deutschen, insbesondere deren Wirtschaftsbosse, der Marke Rolls-Royce indes nicht so zugetan sind, grämt die Manager in Chesire. Den potentiellen Käufern mißfällt offenbar, daß die auffälligen britischen Prestige-Gefährte von Pornofilm-Produzenten oder mancherlei Macho-Größen der Frankfurter und Münchner Rotlicht-Viertel bevorzugt werden.
"Es ist schon ein Problem", klagte Bernard Tobin, Europadirektor bei Rolls-Royce, "daß unsere Autos in die sen Kreisen so beliebt sind." Letztes Jahr hatten die Briten in der Bundesrepublik je Monat kaum sechs Rolls-Royce verkaufen können. Gerade deutsche Käufer, sinnierte Tobin, müßten den
sportlichen, 240 PS starken Bentley Eight eigentlich als eine Art Sonderangebot des englischen Hauses ansehen. Da sei doch, bei eben unter 200000 Mark, "der Preissprung von der teuersten Mercedes-Limousine gar nicht mehr so hoch".

DER SPIEGEL 28/1987
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