23.03.1987

TENNISTiefe Abgründe

Eine Karriere ohne Rückschläge hat die 17jährige Steffi Graf dem ersten Platz der Weltrangliste greifbar nahegebracht - doch an Boris Beckers Popularität reicht sie noch immer nicht heran. *
Sonne, Palmen, weißer kalifornischer Sand - ein Nachmittag zum Verlieben. Steffi Graf, 17, sitzt am Tag nach einem Turniersieg am Wasser, sieht der rollenden Dünung zu die den Strand glattwalzt, und sagt träumerisch zu dem blonden, netten Mann an ihrer Seite: "Auf diesem Sand könnte man wunderbar Tennis spielen."
Es scheint allein der kleine Filzball zu sein, der bis heute Steffis Herz erreicht. Den schlägt die Nummer zwei der Weltrangliste so wirkungsvoll wie kaum eine andere vor allem mit ihrer präzisen peitschengleichen Vorhand. Martina Navratilova: "Die härteste der Welt."
Selbst ihre erbittertsten Konkurrentinnen Chris Evert-Lloyd und die Weltranglisten-Erste Navratilova, die beide vor zwei Wochen in Key Biscayne glatt gegen sie verloren haben, glauben, daß Steffi Grafs Aufstieg zur weltbesten Tennisspielerin fast unaufhaltsam ist. Evert-Lloyd: "Noch ist Martina die Nummer eins, aber ich möchte nicht vorhersagen, wer es am Jahresende ist. Es gibt keinen Grund, warum Steffi nicht alle großen Turniere wie etwa Wimbledon und Flushing Meadow gewinnen könnte."
Für Tennisexperten ist diese Entwicklung keine Überraschung. Schon als Steffi 14 war, sah etwa der ehemalige Daviscup-Spieler Hans-Jürgen Pohmann in dem Mädchen mit den damals viel zu großen Füßen und der schlaksigen Figur eine "künftige Weltklassespielerin".
Jahr für Jahr kletterte dann der jüngste weibliche Tennisprofi aller Zeiten - ihre professionelle Karriere hat Steffi schon als 13jährige begonnen - mit geradezu unerbittlicher Konsequenz nach oben. Pohmann heute: "Steffi Graf hat viel eher als ihr männliches Pendant Boris Becker das Zeug dazu, die Nummer eins im Welttennis zu werden."
Den Spitzenplatz im Herzen deutscher Tennisfans aber wird das Mädchen aus Brühl bei Heidelberg ihrem Gegenstück aus Leimen - Becker ist bei den Herren zur Zeit ebenfalls die Nummer zwei - nur schwer abspenstig machen können.
Zwar behauptet ihre Sponsorfirma Opel, Steffi sei "ein größerer Sympathieträger als Boris", zwar findet selbst die Boulevardpresse bisher keinen Makel an dem fast immer ausgeglichen und natürlich wirkenden Mädchen, das, anders als "Bobele", weder Schläger zertrümmert noch vor der Steuer nach Monaco flüchtet, doch eine Inbrunstwelle, wie sie über Boris Becker zusammenschlug, hat die "Jahrhundertspielerin" (Tennis-Bundestrainer Klaus Hofsäß) nicht zu befürchten.
"Boris hat einfach den Wimbledon-Bonus", sagt Claus Stauder, der Präsident des 1,8 Millionen Mitglieder starken Deutschen Tennis-Bundes. Da das deutsche Tennis trotz der Erfolge eines Wilhelm Bungert jahrzehntelang auf einen echten Champion warten mußte, war der Jubel über den unerwarteten Sieg des "17jährigen Leimeners" 1985 der Tennis-Urschrei, der eine Nation prägte. "Boris Becker" und "Tennis" wurden in Deutschland zu Synonymen. Dieses Urerlebnis ist nicht wiederholbar.
Außerdem erinnert Steffi Grafs Aufstieg zu sehr an die makellose Karriere eines Einser-Diplomaten, als daß ihn das Publikum bedingungslos mitempfinden könnte. Schwächere Spielerinnen schlägt die Deutsche regelmäßig glatt, stärkere ein bißchen knapper. Seit eineinhalb Jahren hat sie kein Match mehr gegen eine Konkurrentin verloren, die schlechter placiert war als die Nummer fünf der Weltrangliste: Da kommt trotz aller Spielkunst leicht Langeweile auf.
Hitzkopf Boris dagegen läßt die Gefühlskurven der Nation seit fast zwei Jahren hysterisch schwanken. Kurz nach seinem ersten Wimbledonsieg etwa verlor er in Kitzbühel gegen einen Diego Soundso aus Uruguay in der ersten Runde.
Drei Wochen nach seinem bisher letzten Grand-Prix-Sieg im amerikanischen Indian Wells, der ihm Platz zwei der Rangliste sicherte, ließ er sich am vorvergangenen Sonntag im Daviscup vom Spanier Sergio Casal, der 50 Ränge hinter ihm geführt wird, wieder einmal schmählich besiegen.
Steffi Grafs Karriereprofil gleiche einem leicht gewellten Hochplateau, meinen professionelle Tennis-Kritiker, das von Boris Becker einem wildgezackten Hochgebirge mit steilen Gipfeln, aber auch tiefen Abgründen. Für den Betrachter sei jedoch "das Hochgebirge der interessantere Anblick".
Einen weiteren Popularitätshemmer teilt Steffi Graf mit allen Spielerinnen. Trotz der im Vergleich zum stereotypen Bum-Bum-Tennis der Männer häufig wesentlich attraktiveren Ballwechsel bei den weiblichen Profis hält das- überwiegend männliche - Publikum das Duell auf der Tennispiste im Kern für Männersache.
Boris Becker werde die Nummer eins wohl schon werden, sagt sein Manager Ion Tiriac, "die Frage ist nur, ob er es lange bleibt". Bei Steffi Graf stellt diese Frage niemand. Fast alle Experten erwarten die erst Siebzehnjährige für viele Jahre an der Spitze.
Der wichtigste Grund dafür: ihre außergewöhnliche Konzentrationsfähigkeit. "Wenn Steffi auf den Platz geht, versinkt für sie die Welt rundum", so Klaus Hofsäß. Anscheinend mühelos kann sie bei jedem Match und jedem Spielstand ihre ganze Persönlichkeit auf das eine Ziel fixieren: den nächsten Ball optimal zu treffen.
Auch Boris Becker gilt zu Recht als Konzentrationswunder. Doch der zweimalige Wimbledonsieger plagt sich mental für seine fast schon legendären Superbälle in entscheidenden Situationen. "Boris muß sich unheimlich unter Druck setzen", so sein Ex-Trainer Günther Bosch. Manchmal explodiert der Dampfkessel denn auch, der Mann mit der "Todeskraft" (Becker über Becker) wird dann der "heulende, zerfließende Bub" ("Zeit").
Steffi Graf scheint dagegen ihre Konzentration anschalten zu können wie das Licht. Sie spielt immer mit vollem Einsatz - schwächere Gegnerinnen schlägt sie dann eben 6:0 oder 6:1.
Andere Mädchen in ihrem Alter hätten immer nur Jungs im Kopf, sagt Steffi die in diesem Jahr die mittlere Reife nachholen möchte, sie wolle lieber perfektes Tennis spielen. Außerhalb des Platzes fühle sie sich am wohlsten, wenn "die ganze Familie zusammen ist". Und mit ihrem Vater, der gleichzeitig ihr Manager ist, verstehe sie sich blind, daß "wir oft sogar gleichzeitig denselben Gedanken haben".
Anders als Boris Becker hat das Mädchen die Nabelschnur zur Familie nicht abgetrennt. Becker hatte seine biederen Leimener Eltern schon damals hinter sich gelassen, als er mit Tiriac und Bosch sich aufmachte in die große, weite Glitzerwelt des Profitennis. Vater Becker nicht ohne Wehmut: "Der Boris war uns immer um einen Schritt voraus."
Ersatzvater Günther Bosch kippte der 19jährige, als er anhand von Freundin Benedicte erkannte, daß ein voll durchgezogener Aufschlag nicht das höchste der Gefühle im Leben eines jungen Mannes ist und Boschs Rundum-Betreuung ihm daher zunehmend lästig wurde.
Steffi dagegen will "ganz bestimmt" auch mit zwanzig nicht heiraten und Kinder kriegen, sondern lieber mit Vater und Mutter Tennis spielend um die Welt reisen, wie sie vor Journalisten folgsam und leidenschaftlich zugleich versicherte.
Der Familienkäfig, der Töchterchen Graf vor der bösen Welt bewahrt, aber auch aussperrt, während Pendant Boris sich schon kräftig auf der freien Wildbahn mit ihren Gefahren und Verlockungen tummelt, hat großen Anteil an ihrem steten Erfolg: Nichts dringt zu Steffi durch, was ihre Fixierung auf Tennis stören könnte.
In dieser kleinen Welt schaltet Vater Peter, der den Charme eines Seeigels verbreitet und zielstrebig jedes Fettnäpfchen ansteuert, umsichtig und behutsam. Selbst seine vielen Feinde räumen ein, daß er seine Tochter weder heute mit Turnierstreß überfordert noch sie als Kind zum Tennis gezwungen hat. Nur aus dem Käfig läßt er sie nicht heraus. Vater Graf: "Der Steffi fehlt etwas wenn sie nicht von mir oder meiner Frau die Einwilligung erhält."
Niemand im tratschsüchtigen Profizirkus sagte etwa Steffi Graf je ein Abenteuerchen oder wenigstens einen handfesten Flirt nach, nicht einmal, als ihr ein spleeniger Amerikaner als Belohnung für einen Grand-Prix-Sieg einen neuen Porsche 928 schenkte. Peter Graf: "Den Herrn werden wir in netter Weise auf Distanz halten."
Daß sie in absehbarer Zeit von selbst aus ihrem Käfig ausbrechen könnte, bleibt unwahrscheinlich: Seit zwei Jahren schon wolle sie, so Steffi, in New York das Musical "Cats" ansehen. Doch nicht einmal das schaffe sie, "weil ich doch jetzt so häufig im Halbfinale oder Finale stehe". _(Nach Beckers Daviscup Niederlage gegen ) _(Casal am 15. März in Barcelona; nach ) _(Steffi Grafs Finalsieg gegen Chris ) _(Evert-Lloyd am 7. März in Key Biscayne. )
Nach Beckers Daviscup Niederlage gegen Casal am 15. März in Barcelona; nach Steffi Grafs Finalsieg gegen Chris Evert-Lloyd am 7. März in Key Biscayne.

DER SPIEGEL 13/1987
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