23.03.1987

KULTUR„Ein Touch des Absurden“

Karl May, mit einer Gesamtauflage von schätzungsweise 80 Millionen Büchern, hat als populärer Klassiker nicht seinesgleichen - ein Phänomen, das immer neue Studien zu erforschen versuchen. Bei Greno erscheint jetzt, 75 Jahre nach Mays Tod, eine auf 99 Bände geplante „historisch-kritische Ausgabe“ der May-Werke.
Sieg, großer Sieg! Ich sehe alles rosenrot!" So phantasierte er 1912 auf dem Sterbebett - es waren prophetische letzte Worte.
Vom Kaiserreich bis in die Gegenwart hinein hat Karl Mays riesiges Trivialwerk alle Zeitläufe glorios überdauert, hat es Generationen halbwüchsiger und reiferer Leser zur Gedankenflucht beflügelt in die abenteuerlichen Traumwelten des Orients und fernen Westens, und "wenn man ein deutsches Normalhirn zu öffnen sich die Mühe machte", meinte einmal Arno Schmidt, dann würde man, unter anderen "wunderlichen Bildungsbröckchen" wie Goethe, Schneewittchen, den alten Römern und dem Alten Fritz, "unweigerlich auch Hadschi Halef Omar darin vorfinden" samt der ganzen "Old Shatterhand AG".
Karl May, gewürdigt endlich auch in der DDR als illustrer Sohn Sachsens, erstrahlt im Longsellerruhm einer deutschen Gesamtauflage von schätzungsweise 80 Millionen Büchern, ein populärer Klassiker ohnegleichen, und stetig wächst die Sekundärliteratur, die dieses einzigartige Phänomen biographisch, literarhistorisch, soziologisch, psychoanalytisch, wirkungsgeschichtlich zu erforschen versucht.
Seit 1970 veröffentlicht die Karl-May-Gesellschaft (rund 1250 Mitglieder) ihre Jahrbücher. Neue Studien zu Leben und Werk erscheinen in diesem Frühjahr bei Metzler, Athenäum und Fischer; Kröner legt im Sommer ein "Karl-May-Handbuch" vor; Georg Olms und die Edition Leipzig publizieren gemeinsam eine erste umfassende "Karl-May-Bibliographie".
Daß die Bundespost seines 75. Todestags am 30. März mit dem edlen Winnetou auf einer inzwischen schon gesuchten Briefmarke gedenkt, diese Huldigung hat er redlich verdient. Daß ARD und Südwest 3 am Wochenende zu Karl-May-Memorials vor die Bildschirme laden, ist nur recht und billig.
Eine wahrhaft monumentale Ehrung aber wird ihm im Nördlinger Verlag des pfiffigen Buchmachers Franz Greno zuteil. Dort nämlich, mit dem Kolportageroman "Scepter und Hammer" (als Taschenbuch für 20, in schönem Halbleinen und marmoriertem Einbandpapier zum Liebhaberpreis von 48 Mark zu beziehen), beginnt soeben eine auf 99 Bände geplante "historisch-kritische Ausgabe" der Werke Karl Mays. Als Herausgeber empfehlen sich zwei bewährte May-Forscher: der Antiquar
Hermann Wiedenroth aus Langenhagen-Krähenwinkel und der Schriftsteller Hans Wollschläger, Arno-Schmidt-Preisträger und Autor einer unter Kennern allseits gerühmten Karl-May-Monographie.
Und so empfängt denn nun der Fabulierer aus dem Erzgebirge die höchsten Weihen der Philologie, die manchem klassischen deutschen Dichter bis heute versagt blieben - ein Unternehmen, dem auch Wollschläger "einen Touch des Absurden" nicht absprechen will. Zudem ist ihm sehr wohl bekannt, daß eine "historisch-kritische" May-Edition ihrem ehrgeizigen Anspruch nur bedingt gerecht werden kann. "Man weiß nie sicher, wie authentisch die meisten der Texte sind", bestätigt der May-Experte Ekkehard Bartsch; "diese Einschränkung muß man immer machen."
Denn von Mays Werken sind nur etwa zehn im Manuskript erhalten, so einige Reise-Erzählungen der ehrwürdigen Fehsenfeld-Ausgabe, so die mystischen Romane der Spätzeit wie "Ardistan und Dschinnistan" und "Im Reiche des silbernen Löwen".
Vielfach jedoch bleiben die Editoren auf erste (zumeist als Serien in Heften und Zeitschriften erschienene) Drucktexte angewiesen, denen sich schwerlich entnehmen läßt, inwieweit sie von fremder Hand in Redaktionsstuben verändert wurden.
Wegen schwerwiegender Eingriffe in den Hundert-Hefte-Kitsch des "Waldröschens", der "Liebe des Ulanen" und weiterer köstlicher Fortsetzungs-Trivialitäten hat May, in verzweifeltem Kampf um Ruf und Ehre, bis zum Tod legendäre Prozesse gegen den Dresdner Kolportage-Verleger Münchmeyer und dessen Rechtsnachfolger geführt. Hinzu kommt, daß er selber seine Schriften zwecks multipler Verwertung häufig neu bearbeitet hat, so daß sich immer wieder die Frage stellt: Was stammt nun wirklich aus Mayscher Feder? Und welche Version wohl käme dem ursprünglichen Geistesprodukt am nächsten?
Für puren "Unsinn" hält der Bamberger Karl-May-Verleger Roland Schmid, was der Nördlinger Kollege Franz Greno im Verein mit den Komplicen Wiedenroth und Wollschläger da treibt. Auch weist er darauf hin, daß, von wenigen Texten abgesehen, Mays gesamtes Werk in Reprints der frühen Fassungen bereits vorliegt, das meiste davon publiziert von Georg Olms, der Karl-May-Gesellschaft, dem Karl-May-Verlag.
Sogar jene ominöse Studie, in der ein verbitterter May seine erste Ehefrau Emma als lesbische Megäre verteufelt, haben die Bamberger, nachdem sie das Pamphlet jahrzehntelang streng unter Verschluß hielten, mittlerweile in photomechanischer Wiedergabe der Handschrift nebst Neudruck und Kommentar herausgebracht.
Doch ob unsinnig oder nicht: Neuer Ärger jedenfalls steht den Brüdern Joachim, Lothar und Roland Schmid bevor, die seit 25 Jahren, seit das Urheberrecht für Mays Werk erlosch, nun schon gegen so manchen Rivalen anzukämpfen versuchten, der eigene May-Bücher zu Markte trug. Und "selbstverständlich", sagt Roland, "ist für uns auch diese Karl-May-Ausgabe zunächst mal eine Konkurrenz - wie ernsthaft, wird sich zeigen".
Die Konkurrenz allerdings haben die Schmids diesmal selbst heraufbeschworen. "Wir haben ihnen ja, bevor wir damit zu Greno gingen, das Projekt mehrmals angeboten", erzählt Wiedenroth. "Sie wollten alle drei nichts davon wissen."
Dennoch, und obwohl sie im Umgang mit den Bambergern schon die denkwürdigsten Erfahrungen sammeln durften, hoffen die Herausgeber nun inständig auf Schmidsche Kulanz, auf Öffnung des Karl-May-Archivs, auf Freigabe der Tagebücher, Entwürfe, Notizen, Arbeitspläne und des gesamten Briefbestands, der allein 6 der 99 Bände füllen soll. "Wir sind auf die Brüder angewiesen", sagt Wollschläger. "Wir müssen in zähen Verhandlungen erreichen, daß sie uns Lizenzen geben. Bisher haben sie noch nicht nein und nicht ja gesagt. Wir setzen auf Zeit. Wir können warten."
Rund zwölf Jahre lang, bis hin zur Jahrtausendwende, werden Wiedenroth und Wollschläger, unterstützt von etwa zehn Texte vergleichenden Mitarbeitern, an ihrem Karl May zu edieren haben. Acht bis zehn Bände sollen alljährlich auf den Markt kommen, in einer Erstauflage von 7000 Taschenbuch- und 1000 Halbleinen-Exemplaren. "Daß die Ausgabe sich nicht nur gerade so trägt, sondern daß es ihr gelingt, einen vielleicht nur dünnen, doch gleichmäßig fortlaufenden Absatz zu erzielen" darauf spekuliert Wollschläger voller Zuversicht.
Mit Hunderttausenden Mark an Honoraren rechnet er im Lauf der Zeit, doch die sind keineswegs zu eigener Bereicherung gedacht. Denn lediglich den Arbeitsaufwand wollen die Editoren sich und ihren Helfern vergüten. Was ihnen darüber hinaus an Tantiemen zufließt, soll einem hohen Zweck zugute kommen, der Karl Mays Letztem Willen gerecht wird:
In seinem Testament nämlich hat einst May die Gründung einer mildtätigen Stiftung verfügt, der nach dem Tod seiner Witwe alles hinterlassene Vermögen, einschließlich sämtlicher Urheber- und Verlagsrechte, zufallen sollte. Die Stiftung war dazu bestimmt, mittellose "würdige Personen beiderlei Geschlechts" entsprechend ihrer "besonderen Begabung" finanziell zu fördern sowie "in Deutschland wohnenden Schriftstellern, Journalisten und Redakteuren, die durch Alter, Unfall, Krankheit oder andere Ursachen in drückende Notlage gekommen sind, Unterstützung zu gewähren".
Diese Stiftung existiert noch heute in der DDR. Sie untersteht dem Rat des Bezirks Dresden und pflegt unter anderem das Karl-May-Museum in Radebeul; den Willen des Stifters erfüllt sie nicht. Die May-Verleger, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus Sachsen nach Bamberg übersiedelten, haben sich 1960 von der Stiftung losgekauft und fühlen sich seither, rechtlich wie moralisch, entbunden von allen Verpflichtungen, die ihnen aus dem Testament ihres Autors erwuchsen. Nun gedenkt Wollschläger gemeinsam mit Wiedenroth eine in Hamburg tätige "Karl May Gedächtnis Stiftung" ins Leben zu rufen, alimentiert von ihren Herausgeber-Honoraren und dazu bestimmt, im Sinne des lang Verstorbenen zu wirken - vorausgesetzt natürlich, daß sich genügend Kapital akkumuliert.
Da jedoch heutzutage ein Schriftsteller oder Journalist dank sozialer-Absicherung "kaum noch in drückende Not gerät, wenn er sein Leben nicht verfaulenzt", denkt Wollschläger an andere Stiftungszwecke, an ein Kuratorium etwa, das Projektstipendien an Autoren vergibt.
Vor allem aber schwebt ihm ein "Karl May Friedenspreis" in Nobelpreishöhe vor, der "alle fünf Jahre vielleicht" verliehen werden soll, und zwar an Institutionen wie beispielsweise "Greenpeace", "Amnesty International" oder die Cap-Anamur-Ärzte - "so", sagt Wollschläger, "würde das Andenken des pazifistischen alten Karl May wahrhaft geehrt".
Noch sind das kühne Träume. Noch fehlen die 100000 Mark, die als Mindestkapital zur Stiftungsgründung erforderlich sind. Doch Wollschläger ist guter Hoffnung. Auch er sieht alles rosenrot.
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* Martin Lowsky: "Karl May". J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung Stuttgart; 156 Seiten; 18,80 Mark. Helmut Schmiedt: "Karl May". Athenäum Verlag, Frankfurt; 304 Seiten; 78 Mark. "Karl May der sächsische Phantast". Herausgegeben von Harald Eggebrecht. Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt; 316 Seiten; 14,80 Mark. "Karl-May-Handbuch". Herausgegeben von Gert Ueding in Zusammenarbeit mit Reinhard Tschapke. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart; 750 Seiten; 58 Mark. Hainer Plaul in Zusammenarbeit mit Gerhard Klußmeier: "Karl-May-Bibliographie". Edition Leipzig/Georg Olms Verlag, Hildesheim; 484 Seiten mit 436 Schwarzweiß- und 75 Farbabbildungen; 88 Mark.

DER SPIEGEL 13/1987
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