23.03.1987

Ein „General“ beim A-3-Verkehr

Günther Nollau über Martin Walsers Spionagenovelle „Dorle und Wolf“ Günther Nollau, 75, war von 1972 bis 1975 Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, dem auch die Spionageabwehr untersteht. *
Martin Walser erzählt in "Dorle und Wolf" zweierlei: eine Spionagegeschichte und eine komplizierte Dreiecksgeschichte. Wolf ist ein aus der DDR in die Bundesrepublik eingeschleuster "Perspektiv-Agent", seine Frau Dorle, Bonner Sekretärin, hat sich zumindest indirekt zu seiner Komplicin gemacht, aus Liebe, versteht sich. Aber an brisante Unterlagen kommt sie nicht heran. Der Weg zu heißerer Ware führt für Wolf über das Bett einer dritten Person. Sie heißt Sylvia und ist, wie Dorle, Sekretärin im Verteidigungsministerium.
Ein renommierter Schriftsteller also beim Abstieg in die Niederungen der Spionage? Das wäre selten im deutschen Sprachraum. Walser vermeidet jedoch abschüssige Pfade, nutzt das Genre, um über die deutsche Teilung und die deutsch-deutschen Realitäten zu schreiben (siehe Kasten).
Manche Einzelheiten, von denen er erzählt, sind in der deutsch-deutschen Spionagegeschichte verbürgt. Die den Agenten per Funk dargebrachten Geburtstagsglückwünsche etwa gehören zwar der vergangenen kleinbürgerlichen Epoche des "Ministeriums für Staatssicherheit" (MfS) an. Aber es hat sie gegeben, und sie haben die Enttarnung Guillaumes und Dutzender anderer MfS-Agenten ermöglicht. Oder die liebeshungrige Sekretärin, die Zug um Zug Nato-Protokolle gegen Sex liefert: Sie ist keine alltägliche Erscheinung, aber sie hat ihren Platz im Nachkriegsmilieu der Ostspionage.
Andere Details allerdings stimmen nicht. Wenn zum Beispiel Wolfs Vorgesetzter, ein MfS-"General", verständnisvoll sagt, man habe "über den A-3-Verkehr" gehört, daß Wolf seine Leidenschaft, das Klavierspielen, unterdrückt habe, so ist anzumerken: Ein tatsächlicher Agentenführer könnte das nicht gesagt haben, denn beim sogenannten A-3-Verkehr empfängt der Agent Sendungen der Zentrale; die Möglichkeit, Meldungen per Funk zu erstatten, hat er überhaupt nicht. Grund: In heutigen "Friedens"-Zeiten wäre das Risiko der Entdeckung eines Agentensenders durch die Funkbeobachtung zu groß.
Wolf hat eine hohe Meinung von seinem Tun: Er wolle, erklärt er Dorle, "zwischen diesen beiden verrannten Deutsch-Hälften ... den Ernstfall verhindern". Oder: "Solange Ost und West einander nur betrügen, da muß man doch aufklären." Wolf bedient sich hier des sowjetischen Sprachgebrauchs: Ein "Aufklärer" ist demnach kein Philosoph, sondern ein "Kundschafter", ein Spion also. Wolf betreibt, so redet er sich zumindest ein, Spionage um eines humanen Effekts willen. Offenbar meint er, der edle Zweck heilige die Mittel. Der Agent, einst Musikstudent in der DDR, behauptet, sich zur Flucht in den Westen entschlossen zu haben, nachdem er seinen Musikprofessor geohrfeigt hätte. Dann habe das MfS seine Lage benutzt, um ihn anzuwerben. Wolf ist, so will es der Autor, nicht nur darauf eingegangen, sondern auch als Spion erfolgreich gewesen.
Bei seinem Versuch, sich zu rechtfertigen, ist ihm jedoch kaum Erfolg beschieden. Die Person, an deren Urteil ihm am meisten liegt, Frau Dorle, kann er mit seinem Argument nicht überzeugen. So
gelangt Wolf von seinen Rechtfertigungsversuchen zur Selbstablehnung. Um dieser zermürbenden Lage zu entrinnen, will er seine Dienste für das MfS einstellen. Aber bei einem konspirativen Treff mit seinem "General" in Frankreich erfährt er, daß er noch jahrelang "Feindrekognoszierung" betreiben soll. Da reift in ihm der Entschluß, sich den westdeutschen Behörden zu stellen.
Daran ändert auch sein gutes Verhältnis zum "General" nichts. Ihn zieht er den "lackierten Hirschen vor, die in Bonn in solchen Positionen sind". Der Leser fragt sich, wo Wolf BND-Leute kennengelernt hat.
Als ersten Schritt der "Selbstgestellung" - so heißt das auf fachchinesisch - sucht er eine Anwaltskanzlei auf. Schließlich landet er auf der Anklagebank. Wie sich herausstellt, ist Wolf nicht nur seit Jahren von der Spionageabwehr beobachtet worden. Diese hat ihm auch, durch einen ihrer Mittelsmänner, die Apparate beschafft, deren Lieferung das MfS mit Orden und Beförderungen honoriert hat: alles Spielmaterial.
Wolf ist das nicht vorzuwerfen. Er hat den Wert des von ihm beschafften Materials nicht zu beurteilen. Aber seine Auftraggeber hätten alsbald merken müssen, daß die Apparate, die ihnen angedient wurden, nicht funktionierten. Der Autor übergeht diesen Schwachpunkt seiner Geschichte.
Der Reinfall des Angeklagten auf das Spielmaterial trägt im Endeffekt kaum zur Strafmilderung bei, denn Schaden so das Gericht, habe der Angeklagte dennoch verursacht. Die Nato-Protokolle seien kein Spielmaterial gewesen, und die Niedertracht, mit der sie beschafft worden seien, müsse als in höchstem Maße verwerflich gelten, so der Vorsitzende. Urteil: fünf Jahre. Dagegen ist nicht viel zu sagen.
Nur fragt man sich, warum die Lieferung der Nato-Protokolle nicht verhindert worden sei - von einer Abwehr, die längst genügend Beweismaterial hatte um Wolf "aus dem Verkehr zu ziehen".
Wer, wie ich, einige Jahre in der DDR gelebt hat, geflohen ist und später Hunderte von Berichten solcher Landsleute gelesen hat, die vom MfS als Agenten geworben worden waren, der findet den Fluchtgrund Wolfs nicht überzeugend. Als Abwehrmann würde er, mit einer solchen Geschichte konfrontiert, sagen: "Da muß noch was anderes dahinterstecken." Dagegen sind der Führungsoffizier Wolfs, Bergmann, und sein Vorgesetzter, der "General", gut getroffen: Der eine als linientreuer, sowjethöriger Funktionär, der andere als menschlich sympathischer alter Kommunist.
Das Dilemma Wolfs, in das wohl jeder gerät, der nicht als überzeugter Kommunist Spionage betreibt, ist der Widerspruch zwischen Anstand und Verrat, der für Wolf unauflöslich wird und ihn letztlich dazu bringt, sich zu stellen.
Von Günther Nollau

DER SPIEGEL 13/1987
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