23.03.1987

FILMBedenkliches Lachen

„Bahnhof für zwei“. Spielfilm von Eldar Rjasanow. UdSSR 1983. Farbe; 130 Minuten. *
In einer eisigen, grauen, horizontlosen Landschaft sind vermummte Gestalten mit fahlen Gesichtern auszumachen. Bellende Laute zerreißen die Stille, schneidend ruft ein Offizier Namen auf: Zählappell in einer sibirischen "Besserungs-Arbeitskolonie".
Mit diesen Bildern beginnt ein Film, der nicht etwa den "Archipel Gulag" abendfüllend in Szene setzt, sondern sich als verblüffende Mischung aus Sozialkritik und Komödie, Satire und Melodram entpuppt. In der Sowjet-Union war er das Kinoereignis der Jahre 1983/84 und hat dort nach vorsichtigen Schätzungen 60 Millionen Zuschauer angelockt.
Der Regisseur gehört schon lange zu den populärsten Filmemachern seines Landes. Eldar Rjasanow, 59, den die "New York Times" einmal den "russischen Billy Wilder" genannt hat, dreht vorzugsweise Komödien aus dem sowjetischen Alltag.
Schauplatz ist der Bahnhof des Provinznestes Sastupinsk. Da werden Reisende übers Ohr gehauen, beklaut und mit ungenießbarem Essen traktiert, der Schwarzhandel blüht, Korruption und bürokratische Gleichgültigkeit beherrschen das Feld.
In diesen Mikrokosmos platzt wie Parzival, der reine Tor, ein etwas realitätsuntüchtiger Herr aus Moskau. Der Pianist Platon Rjabinin bringt kultivierte Manieren und eine grenzenlose Arglosigkeit mit und kommt der rüden Bahnhofskellnerin Wera (fulminant gespielt von Ljudmila Gurtschenko, dem sowjetischen Superstar) gerade recht. Wera sorgt dafür, daß Rjabinin seinen Zug verpaßt, und ist, so scheint es, ein ausgesuchtes Prachtexemplar jener Gattung von fauchenden Drachen, die unter dem Pseudonym "Bedienung" den Sowjetbürgern den Feierabend vergällen.
In der Schicksalsgemeinschaft des trostlosen Bahnhofs kommen sich die resolute Kellnerin und der weltfremde Moskauer aber allmählich näher. Unversehens entwickelt sich die Komödie zum (wacklig konstruierten) Melodram. Rjabinin erzählt Wera, er habe die Schuld für einen tödlichen Autounfall auf sich genommen, den nicht er, sondern seine Frau, eine bekannte Fernsehansagerin, verursacht habe. Prozeß und Urteil stünden unmittelbar bevor. Entsetzt über das Karriereweib, das ein derartiges Opfer kühl annimmt, bleibt Wera zurück, als Rjabinin schießlich abreist.
Das Happy-End knüpft an die Rahmenhandlung der Anfangsszene an und führt den hohlwangigen Sträfling Rjabinin und die treue Seele Wera im grimmen Sibirien wieder zusammen.
Nach der DDR-Premiere des - in den Lager-Passagen zensierten - Films rief ein besorgter Kritiker im Ost-Berliner "Sonntag" angesichts der subversiven Komik mancher Szenen zu verschärfter ideologischer Wachsamkeit auf: "Das Lachen erreicht hier bedenklich-fragwürdige Dimensionen." _(Ljudmila Gurtschenko. )
Ljudmila Gurtschenko.

DER SPIEGEL 13/1987
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DER SPIEGEL 13/1987
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