07.09.1987

HONECKER-BESUCHErste Adresse

Bei der Visite von SED-Chef Honecker soll der deutsch-deutsche Handel vorangetrieben werden. *
Zwei Tage nach der Ankunft von SED-Chef Erich Honecker in Bonn wird auf dem Köln-Bonner Flughafen eine weitere Sondermaschine der DDR-Fluggesellschaft Interflug landen.
An Bord befindet sich die Manager-Elite des östlichen Deutschland: 23 Generaldirektoren von Kombinaten und Außenhandelsunternehmen der DDR.
In der Kölner Handelskammer, wo Honecker nach Abschluß des offiziellen Teils in Bonn den westdeutschen Wirtschaftsführern die Ehre gibt, sollen sich die DDR-Manager unter das westdeutsche Unternehmervolk mischen. Im persönlichen Gespräch sollen die ausgesuchten westdeutschen Unternehmer, vor allem solche aus mittelständischen Betrieben, _(Am 17. März 1986 in Ost-Berlin. )
Gelegenheit bekommen, Kontakte und Geschäfte anzubahnen.
Dns Flugzeug der DDR-Bosse wartet unterdes auf dem Köln-Bonner Flughafen. Die Herren müssen nach ihrem Besuch in Köln sofort zurück nach Leipzig, zur dort laufenden Herbstmesse.
Die aufwendige Unternehmerzusammenführung, von Honecker persönlich eingeleitet, soll die Visite des SED-Chefs auch wirtschaftlich erfolgreich gestalten. Zu tun gibt es einiges: Der deutschdeutsche Warenverkehr zeigte zuletzt deutliche Schwächen.
Nach einer stürmischen Aufschwung-Phase bis in die achtziger Jahre hinein sind die gesamtdeutschen Geschäfte jetzt offenbar an eine Obergrenze gestoßen. Seit fünf Jahren bewegt sich das Handelsvolumen bei 15 Milliarden Mark. Im vorigen Jahr sackte das Geschäft um neun Prozent ab. Und auch in der ersten Hälfte dieses Jahres ging es weiter nach unten: Lieferungen und Bezüge blieben um fünf Prozent hinter dem vergleichbaren Vorjahresergebnis zurück (siehe Graphik).
Die Zurückhaltung geht von den Ostdeutschen aus. Anfang der achtziger Jahre, als alle Ostblockstaaten mit Milliarden-Einkäufen im Westen die eigenen Volkswirtschaften modernisieren und vorantreiben wollten, kaufte auch die DDR reichlich auf Pump. Ihre Verschuldung im Westen stieg auf über zehn Milliarden Dollar. Die DDR wurde bei den Banken zu einem zweifelhaften Kunden.
Ost-Berlin drosselte die Importe, forcierte den Export, sammelte Devisen. Heute gilt die DDR wieder als erste Adresse im Ostblock. Nicht nur Franz Josef Strauß, auch honorige Banker bieten freiwillig Kredite an.
Doch die DDR-Führer kaufen nicht so munter drauflos wie vor der Verschuldungs-Krise. Erkennbar ist die Tendenz, nicht mehr in der Bundesrepublik zu kaufen, als dort abzusetzen ist.
Die DDR-Verkäufe in die Bundesrepublik sind seit 1985 rückläufig. Seit Jahren klagen die westdeutschen Unternehmer darüber, daß sie viel mehr Produkte aus der DDR verkaufen könnten; die deutsche Planwirtschaft im Osten müßte sich nur schneller auf die Bedürfnisse des kapitalistischen Marktes einstellen.
Wenn etwa, so wird gern erzählt, in der Bundesrepublik Textilien in der Modefarbe Pink verlangt werden, dann liefert die DDR die ersten pinkfarbenen Bekleidungsstücke erst dann, wenn schon lange Pastell dran ist.
Die bundesdeutschen Abnehmer, vor allem die aus dem Textilgewerbe, streben daher eine engere Zusammenarbeit mit den Staatsbetrieben an. Marketing, Design, gemeinsame Planung bei neuen Produkten, schnelle Reaktion auf Modetrends - all das könnte die Produkte aus der DDR für den Westmarkt attraktiver machen.
Zwar wissen die Beamten des Bonner Wirtschaftsministeriums, daß die Führung der DDR durchaus bereit ist, den Kombinanten eine innigere Zusammenarbeit mit den Westkunden zu gestatten. Aber, so ein Mitarbeiter Martin Bangemanns: "Das kommt unten nicht an. Die haben Angst davor.
Doch enge Kontakte mit Firmen aus dem anderen Teil Deutschlands sind rar Zwar schließen Jahr für Jahr 6000 bis 7000 Westunternehmen rund 40000 Verträge mit DDR-Staatshändlern ab Aber das sind reine Liefergeschäfte. Kooperation findet kaum statt.
Zwei rühmliche Ausnahmen werden immer wieder angeführt. Mit Hilfe des Volkswagenwerks will die DDR von 1988 an Automotoren für ihre völlig veralteten Fahrzeuge produzieren. Und: Der Schuhhersteller Salamander hat schon vor zehn Jahren sein Know-how an den östlichen Nachbarn verkauft. Seither laufen Millionen DDR-Bürger in Salamander-Schuhen herum. Salamander-Chef Franz Josef Datzert erhält im Gegenzug Textilien und Meißner Porzellan.
"Gestattungsproduktion" nennen die DDR-Planer diese Art von Zusammenarbeit: Der westdeutsche Partner gibt eine Lizenz und hilft eventuell bei der Grundausstattung der Produktion. Die DDR bezahlt mit Produkten.
Auch wenn Honecker mit seinem Kölner Treffen einen neuen Anstoß gibt: Die Osthändler sind sich einig, daß der DDR-Chef nicht bereit ist, dem Beispiel der Sowjet-Union zu folgen und noch engere Arten der Zusammenarbeit mit Westfirmen zuzulassen. Seit Beginn des Jahres hat Moskau sogenannte Joint ventures erlaubt, Firmen mit deutschem und sowjetischem Kapital.
Die Gründe für Honeckers Zurückhaltung kennt niemand genau. Berührungsängste mit dem deutschen Nachbarn mögen eine Rolle spielen.
Wenn ihm auch Joint ventures zu weit gehen, an mehr Handel mit der Bundesrepublik muß der DDR-Staatsratsvorsitzende höchstes Interesse haben. Mit seiner Wirtschaft steckt Honecker in einem schwer lösbaren Dilemma.
Die DDR-Bevölkerung, mit Ost-Mark über- und Konsumprodukten unterversorgt, verlangt nach besseren Waren in den Läden. Gleichzeitig drängt Gorbatschow den technologisch leistungsfähigen Bruder im Westen, mit Qualitätsprodukten bei der Modernisierung der sowjetischen Wirtschaft zu helfen.
Modernisieren muß Honecker aber auch seine eigenen Fabriken, vorzugsweise mit westlicher Hilfe. Um die Investitionen bezahlen zu können, müßte er mehr exportieren - für die eigene Bevölkerung und für den großen Bruder, der ihn mit lebensnotwendigen Rohstoffen versorgt, bleibt dann nicht mehr viel.
Hilfe könnten da Lieferungen aus der Bundesrepublik bringen. "Der Kölner Treff", so beschreibt es ein DDR-Kenner der Regierung Kohl, "soll diesen Geschäften neuen Schub verleihen."
[Grafiktext]
ERMÜDUNGSERSCHEINUNGEN Daten zum innerdeutschen Handel Angaben in Milliarden Mark Warenlieferungen der Bundesrepublik in die DDR Warenbezüge der Bundesrepublik aus der DDR Schulden der DDR im innerdeutschen Handel Vereinbarter Swing in Anspruch genommener Swing Angaben in Millionen Mark
[GrafiktextEnde]
Am 17. März 1986 in Ost-Berlin.

DER SPIEGEL 37/1987
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