23.03.1987

MEDIZINLeicht zerbrechlich

Kalziumtabletten schützen nicht vor Knochenschwund. Neue Studien zeigen hingegen, daß eine Hormontherapie bei Frauen den Knochenabbau bremsen kann. *
Als sei''s ein Jungbrunnen in Tablettenform, machte das Mittel in den letzten Jahren Karriere: In Apotheken, Gesundheitsläden und Supermärkten, so berichtete die "New York Times", tobten "wahre Kalzium-Schlachten".
Meist in Form von Brausetabletten wird die Substanz als Aufbaumittel und als Schutz gegen vielerlei Übel angepriesen und verschrieben. Die Nahrungsmittel-Industrie ging dazu über, alles mögliche Eßbare, vom Brot bis zur Diät-Cola, mit Kalzium anzureichern. Auf dem für Gesundheitsmoden besonders anfälligen US-Markt hat sich der Umsatz an Kalziumpräparaten
seit 1983 auf nahezu 200 Millionen Dollar vervierfacht.
Doch "die Werbung ist der Wissenschaft mal wieder weit voraus", schimpften Mediziner der Mayo-Klinik. Ein anderer US-Forscher nannte Kalzium das "Laetrile der Osteoporosis": Mit dem Wundermittel Laetrile, einer dubiosen Substanz aus Aprikosenkernen, wurden bei Krebskranken einst falsche Hoffnungen geweckt - ähnlich galt nun Kalzium als eine Art Wunderdroge gegen Osteoporose, einen meist altersbedingten Knochenschwund. Vor allem Frauen nach den Wechseljahren sind von diesem Leiden betroffen, die Folge sind vermehrte Knochenbrüche oder eine Verkrümmung der Wirbelsäule ("Witwenbuckel").
Gleich in mehreren wissenschaftlichen Untersuchungen wird nun das Versprechen der Kalziumhersteller angefochten: Brüchige Knochen, das belegten unabhängig voneinander zwei Studien aus Kopenhagen und San Francisco, werden durch Kalziumtabletten oder durch Anreicherung der Nahrung mit Kalzium nicht vor dem Verfall gerettet.
Die größte Masse erreicht das menschliche Knochengerüst im Alter von etwa 30 Jahren, danach beginnt der allmähliche Abbauprozeß. Bis zu diesem Zeitpunkt halten Zellen, die Knochensubstanz abtransportieren, mit denen ein Gleichgewicht, die sie wieder ersetzen - später überwiegen die Abbau-Zellen.
Gegen einen übermäßig starken, zum Teil genetisch bedingten Schwund, der die Knochen (bei rund 30 Prozent aller Frauen) porös und bruchanfällig macht, verschreiben auch die westdeutschen Ärzte meist nur Kalziumpräparate. Nur gelegentlich werden Frauen, die nach der Menopause über Knochenschmerzen klagen und buchstäblich in sich zusammensacken, auch Östrogene verordnet.
Daß die Osteoporose nicht, wie weithin angenommen, die Folge eines Kalziumdefizits ist, wiesen nun die dänischen und amerikanischen Forschergruppen in ihren Untersuchungen nach. Bente Riis und sein Team vom Glostrup Hospital der Universität Kopenhagen ermittelten anhand von Messungen der Knochenmasse und -dichte in Unterarm und Wirbelsäule, daß bei Patientinnen, die nach der Menopause zwei Jahre lang hochdosierte Kalziumtabletten eingenommen hatten, die Knochen genauso zerbrechlich waren wie die unbehandelter Frauen. Dagegen konnte eine Behandlung mit Östrogenen oder eine kombinierte Östrogen-Kalzium-Therapie den Knochenschwund bremsen.
Die gleichen Erfahrungen machten Bruce Ettinger und seine Mitarbeiter vom Kaiser Permanente Medical Center in San Francisco, die in einer Drei-Jahres-Studie 73 Frauen beobachtet hatten. Zusätzliche 1000 Milligramm Kalzium pro Tag (durchschnittlich 500 Milligramm werden ohnehin mit der Nahrung aufgenommen) konnten den Knochenverfall nicht aufhalten. Hingegen verzeichneten Frauen, die geringe Dosen von Östrogen, kombiniert mit Kalzium, erhielten, sogar eine (wenn auch geringfügige) Zunahme ihrer Knochensubstanz.
Bislang, so bedauerte ein Experte auf einer Tagung der amerikanischen National Institutes of Health, bekämen nur etwa zehn Prozent der betroffenen Frauen Östrogene gegen Knochenschwund verordnet. Die befürchteten Nebenwirkungen einer längeren Östrogen-Therapie - etwa Zunahme von Brustkrebs oder Embolien - seien "vermutlich überschätzt worden", meint der Oxforder Osteoporose-Spezialist Roger Smith.
Ursache dafür, daß in jüngster Zeit soviel Forschung auf dem Gebiet der Osteoporose getrieben werde, sei "die katastrophal hohe Rate" von Oberschenkelhalsbrüchen. Warum so viele?
"Im wirklichen Leben", so der Brite lakonisch, "beginnt der Arzt erst mit der Osteoporose-Behandlung, wenn ein Knochenbruch passiert ist." _(Gemälde von Frans Hals: "Malle Babbe, ) _(die Hexe von Haarlem". )
Gemälde von Frans Hals: "Malle Babbe, die Hexe von Haarlem".

DER SPIEGEL 13/1987
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 13/1987
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

MEDIZIN:
Leicht zerbrechlich

  • Drohkulisse in Shenzhen: Was bedeuten die Militärfahrzeuge an der Grenze zu Hongkong?
  • Trumps Interesse an Grönland: US-Präsident erntet Spott
  • Roboter im All: Russland schickt Humanoiden zur ISS
  • Kalbender Gletscher: Gefährliche Überraschung beim Kajak-Ausflug