23.03.1987

Sex wie bei Muttern gibt es nur am Spotmarkt

SPIEGEL-Reporter Erich Wiedemann über die Aids-Angst im Hamburger Prostituierten-Milieu *
Angst vor Aids? "Lächerlich", sagt Ludwig Scheidt. Die endlosen Geschichten über Aids und Prostitution in der Zeitung mit den großen Buchstaben sind für ihn nichts als Narretei. Wenn Sex wirklich so gefährlich wäre, dann müßten sich doch die Frauen, die ihn gewerbs- und berufsmäßig ausüben, so fühlen wie Meldegänger im Minenfeld.
Das aber tun sie nicht. Scheidts "Funny-Club" in Hamburg-Lokstedt ist laut Scheidt seuchentechnisch sauber, ebenso wie die zwei umsatzstärksten Konkurrenzunternehmen, das "Amphore" auf St. Pauli und die "Aphrodite" im Stadtteil Rahlstedt. Scheidt sagt: "Meine Mädchen brauchen keine Angst zu haben, weil wir aufpassen. Sie sind alle clean." Und das sei amtlich.
Am liebsten würde Scheidt die Unbedenklichkeitsatteste seiner Mädchen gerahmt über die Theke hängen, so wie die Bäcker ihren Meisterbrief. Doch beim Aids-Tüv gibt es keine Tüv-Plaketten. Damit Zuhälter und Puffbesitzer amtsärztliche Befunde nicht zur Werbung mißbrauchen können, verabreicht die Zentrale Beratungsstelle bei der Gesundheitsbehörde sie nur mündlich.
Die 150 Mädchen der drei Hamburger Nobelklubs lassen sich zweimal in der Woche auf normale Geschlechtskrankheiten untersuchen. Alle vier Wochen ist ein HIV-Test fällig, alle sechs Wochen ein Syphilis-Test. Bisher hat es in der Hamburger Salonprostitution noch keinen nachgewiesenen Aids-Fall gegeben.
Das "Funny"-Management führt das im wesentlichen auf die strengen Sitten der Branche zurück. Punkt eins bis drei der Hausordnung: "Hygiene, Hygiene, Hygiene". Eine Reinemachefrau wieselt die ganze Nacht mit Eimer, Schrubber und Fleckentferner durch die Boudoirs. Nein, hier findet das Gewerbeaufsichtsamt kein Haar im Pool. Nach jedem Durchgang wird frisches Badewasser eingelassen. Scheidt zahlt fast 5000 Mark Wassergeld im Monat.
Die höheren Kopulieranstalten haben viel Kundschaft an sich gezogen, die sich in den isabellfarbenen Liebeskasernen an der Reeperbahn und im Umfeld des Hauptbahnhofs nicht mehr sicher fühlt. Doch aprilfrische Whirlpools sind keine Garantie gegen die Aids-Gefahr.
Medizinaldirektor Arnold Backhaus, der Leiter der Zentralen Beratungsstelle bei der Gesundheitsbehörde, meint, die äußere Hygiene gehe oft zu Lasten der inneren.
"Im Türkenpuff auf St. Pauli, wo die Mädchen 25 Freier pro Nacht bedienen, ist das Infektionsrisiko vielleicht geringer als in einem Nobelklub." Denn Sauberkeit macht Freier leichtsinnig.
Der Pfanni-Klub, wie er wegen seines hausbackenen Ambientes im Zuhälterjargon heißt, ist kein profaner Puff. Er ist Preisträger des "Goldenen Apfels", der einmal jährlich an das feinste Spesenbordell des Nordens verliehen wird. Die Direktion lehnt sogar Inserate ab - "wegen des schmuddeligen Umfelds". Der Freier soll sich nicht als Freier fühlen, sondern als Galan.
An der Ausstattung der Zimmer kann man sehen, daß Ludwig Scheidt 18 Jahre lang Verkäufer bei Möbel-Brandes,
Hamburgs freundlichem Einrichtungshaus, war. Bürgerliche Kunden wollen Puffs, die nicht aussehen wie Puffs. Die Freizeitbetreuer der großen Konzerne wissen, warum sie ihre auswärtigen Geschäftsfreunde hierher zur Entspannung schicken.
Sinnlichkeit lebt auch von der Abwechslung. Im "Funny" kann man es zweieinhalb Wochen lang jede Nacht mit einem anderen Mädchen in einem anderen Milieu treiben. Die meisten Kunden lieben den Kontrast. Der Eierbauer aus Schleswig, der einmal im Monat bei Scheidts "chicks" - deutsch: Hühnchen - Vergessen von seinen Hühnern sucht, bevorzugt das Astronautenzimmer. Nur die Handelsdelegationen aus China wollen immer bloß den Chinesischen Salon.
Während der Bootsmesse wird in Ludwig Scheidts Business-Puff nachts oft mehr Sozialprodukt umgeschichtet als tagsüber an einigen Ständen in der Messehalle. Im Pool neben der Bar haben der saudische Waffenmulti Adnan Kaschoggi und sein iranischer Partner Manutschehr Ghorbanifar, umschnurrt von sechs Schmusemädchen, den Tausch von 500 Panzerabwehrraketen gegen den entführten CIA-Mann William Buckley verhandelt. Damals war im "Funny" von Aids noch nicht die Rede.
Heute ist ständig von Aids die Rede - aber nur im Stil der Herrenwitze aus der Vor-Aids-Zeit. "Wir wissen, mit wem wir uns einlassen, da kann nichts passieren", sagt Carmencita, die Italienerin mit dem polnischen Akzent. Aber auch alte Kunden müssen sich im Wasserbett was überziehen: "Ohne Gummi läuft bei uns nichts mehr." Die Mädchen sind gehalten, im Dienst stets ein kleines Sortiment Präservative bei sich zu tragen.
Im übrigen gibt es ja auch noch andere Möglichkeiten der Befriedigung. Ein Freudenmädchen mit geschickten Fingern kann Freuden auch aus Illusionen zaubern - aus der hohlen Hand sozusagen. Nullnummer heißt so etwas im Strichdeutsch.
Mehr Verkehrssicherheitsbewußtsein auch bei den Modellen aus den Kontaktanzeigen in "Bild" und "Morgenpost". Gloria, "Californ. Mod." aus Hamburg-Winterhude, schaut sich die Kunden genau an, mit denen sie sich einläßt. Bei den ganz Dünnen, so sagt sie, sei sie neuerdings vorsichtig.
Sie arbeitet seit einem Jahr nicht mehr ohne Kondom. "Wenn einer auf Blankbumsen besteht, sag' ich ihm: Zeig erst deinen Bockschein. So etwas hat natürlich keiner." Es gibt auch Rückversicherer, die freiwillig zwei Pariser übereinanderziehen, weil sie Angst haben, daß einer platzen könnte.
Wer Sex pur will, muß sich am Spotmarkt bedienen, wie er in der Branche genannt wird. Die bunten Balzvögel rings ums Tierheim, in St. Georg, auf St. Pauli und an den hafennahen Autobahnabfahrten machen es für fünfzig Mark Risikozuschlag noch "wie bei Muttern". Sie verlassen sich darauf, daß "Aids für die nächsten paar Jahre gewissermaßen unterm Deckel bleibt", wie die brünette Petra vom Autostrich am Fischmarkt sagt.
In drei, vier Jahren will Petra sowieso raus aus dem Geschäft. Bis dahin, so meint sie, habe sie kein höheres Restrisiko zu tragen als die medizinisch-technische Assistentin bei dem Amtsarzt, der ihr regelmäßig Blut abzapft. Die wenigsten Mädchen haben so viel gespart, daß sie's sich leisten könnten aufzuhören. Angst? "Natürlich, alle haben Angst, aber die meisten sagen sich: Augen zu und durch. Soll ich vielleicht mit dreißig auf Diätassistentin umschulen?"
Der Straßenstrich und die kasernierte Prostitution haben unter dem Einfluß des Bewußtseinsschubs der letzten drei Monate die größten Umsatzeinbußen erlitten. Tendenz im Eros-Center an der Reeperbahn: tote Hose. Bis Ende letzten Jahres war hier schon zwischen sieben und neun Uhr früh, dann wieder gegen Mittag Hochbetrieb.
Heute kommt das Geschäft - wenn überhaupt - erst spätnachmittags auf Touren. Die Ehemänner, die sich früher hier vor Dienstantritt für den Tag antörnten
oder in der Mittagspause auf einen schnellen Verdauungs-Quicky hereinschauten, üben mehrheitlich wieder eheliche Treue. Dabei ist das Infektionsrisiko im Eros-Center nicht größer und nicht kleiner als in der "Amphore" gleich um die Ecke, die bis jetzt keinerlei Konjunktureinbußen gehabt hat.
Ein gewisser Optimismus wird durch die Erfahrungen der Hamburger Gesundheitsbehörde gedeckt, wenn man es streng statistisch sieht. Die Infizierten werden sozialamtlich nicht nach ihrem Paarungsverhalten sortiert. Aber soviel darf als gesichert gelten: Nicht drogenabhängige Heteros sind bis auf weiteres nur marginal betroffen. Und der Proporz verschiebt sich jährlich kaum merklich zu ihren Ungunsten. So steht es auch im Jahresbericht der Weltgesundheitsbehörde.
Die Hamburger Aids-Grobstatistik sieht so aus: Rund 80 Prozent der Infizierten sind Fixer und Homosexuelle. Weitere zehn Prozent haben sich bei Bluttransfusionen infiziert. Acht Prozent sind Intimpartner der drei Hauptrisikogruppen. Bei den restlichen zwei Prozent, sagt Arnold Backhaus von der Gesundheitsbehörde, "muß man damit rechnen, daß sie ihre Zugehörigkeit zu einer der Hauptinfektionsgruppen erfolgreich vertuscht haben".
Das gleiche - seit drei, vier Jahren fast konstante - Bild in anderen westdeutschen Großstädten. Die Gefahr für den Mann, sich beim konventionellen Begegnungsverkehr mit einer unbekannten Prostituierten anzustecken, ist nach Arnold Backhaus derzeit so groß wie die Gefahr, "auf der Taxifahrt dorthin tödlich zu verunglücken". Backhaus hält vorbeugende Angst im begrenzten Rahmen für durchaus wünschenswert. Doch die hypochondrische Massenpsychose droht den Gesundheitsbetrieb - wie in der Beratungsstelle St. Georg - langsam lahmzulegen. "Die wirklich Gefährdeten kommen nicht", sagt Backhaus, "weil Tausende von Patienten aus Nichtrisikogruppen nach Tests Schlange stehen." Von den Strichjungen, die wirklich in Gefahr sind, hat sich kaum einer testen lassen.
Frauen sind beim heterosexuellen Verkehr durch Körperbauweise und biologische Funktion zwar stärker gefährdet als Männer. Doch nicht mal Prostituierte gelten grundsätzlich als Risikogruppe - solange sie nicht fixen. Aids auf dem Kiez ist, wenn überhaupt, weniger ein Dirnen- als ein Freierproblem.
Die Aids-positiven Prostituierten werden amtsärztlich angehalten, ihren Beruf aufzugeben. Aber Berufsaufgabe ist gleichbedeutend mit sozialem Absturz ins Bodenlose. Und der Sozialhilfesatz ist keine lockende Ausstiegshilfe. Ehe sie Sozialhilfe beantragen, tauchen sie lieber unter.
Die Medizinalbürokratie, so sagt Direktor Backhaus, fühle sich von der Seuchenstatistik zu verantwortungsbewußter Gelassenheit legitimiert. Das Risiko ist nach sogenannten Slow-, Medium- und Fast-Track-Infektionen gestaffelt. Am schnellsten geht's per Transfusion, am zweitschnellsten per Injektion. Bis Anfang März hatten sich in Hamburg 1223 Prostituierte amtlich auf Aids untersuchen lassen. Elf der Untersuchten waren HIV-positiv, zehn davon drogenabhängig.
Nur eine einzige hatte sich im Bett angesteckt - beim Geschlechtsverkehr mit einem Fixer.
Von Erich Wiedemann

DER SPIEGEL 13/1987
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