23.03.1987

TOURISMUSLäuft Prima

Mit preisgünstigen Angeboten drängen ausländische Veranstalter in den Reisemarkt. Sind die deutschen Firmen zu teuer? *
Der Kaufhof weiß, was Kunden wünschen: "Oft billiger als im Vorjahr", wirbt der Konzern für die Pauschalreisen seiner Ferienfirma ITS (Kaufhof-, Hertie-, Glücksreisen). Hunderte von Programmen seien gegenüber dem Sommer '86 im Preis herabgesetzt worden, und obendrauf gäbe es oft noch einen kostenlosen Friseurbesuch am Urlaubsort oder eine Flasche Schnaps aufs Zimmer.
An der werbewirksamen Preisschraube dreht auch die Konkurrenz kräftig mit. "Viel Urlaub für wenig Geld", versprechen - unisono mit demselben Slogan - die Touristikunternehmen Transeuropa und Tjaereborg. Und Neckermann will nun ebenfalls, nach einem erfolglosen Ausflug in den Hochpreismarkt, wieder bei den billigen Jakobs der Branche mitmischen: "Wir wollen Ihnen sparen helfen", beteuert der Frankfurter Veranstalter, "wo wir nur können."
Offenbar können die westdeutschen Reisefirmen aber nicht immer so wie sie angeblich gern wollen. Im Vergleich zu den Preisen von Touristikunternehmen in England Skandinavien, Belgien oder Holland schneiden die deutschen Ferienproduzenten jedenfalls häufig sehr schlecht ab. "Die Kunden müssen sich doch über den Tisch gezogen fühlen", kritisiert der Touristikmanager Günter Poot, "wenn sie erfahren, um wieviel günstiger die Ausländer anbieten."
Experte Poot, Chef eines Reisebüros in Emmerich unweit der holländischen Grenze, möchte den Bundesbürgern "beweisen, daß es viel billiger geht". Neben den Programmen der TUI-Marken Touropa, Scharnow und Twen Tours läßt Poot seit einigen Monaten auch die Kataloge von Holland International, dem mit Abstand größten Veranstalter der Niederlande, über den Tresen reichen. Gewiefte Pauschaltouristen, die es gewohnt sind, komplizierte Preistabellen zu enträtseln, finden in den holländischen Farbprospekten zahlreiche Schnäppchen. Gegenüber vergleichbaren Angeboten deutscher Firmen (mit Start in Düsseldorf) lassen sich oft mehrere hundert Mark einsparen: *___Eine zweiwöchige Reise An fang April ins Hotel "Dolphin ____Bay" auf der griechischen Fe rieninsel Kreta kostet bei ____Hol land International 1141 Mark. Der deutsche ____Billigveranstal ter Alltours ("extrem preis günstig") ____verlangt für den Trip (Abflug einen Tag später) 1818 ____Mark. *___Für Badeurlaub auf der spani schen Insel Gran Canaria ____(zwei Wochen Aufenthalt im Hotel "Waikiki" an der Playa ____del Ingles) berechnen die Hol länder im August 1220 ____Mark. Die Frankfurter Gut-Reisen ("Für Preiswürdigkeit ____sind wir bekannt") fordern für die glei che Tour bis zu ____425 Mark mehr. *___Der Charterflug an die portu giesische Algarve mit 14 ____Tagen Aufenthalt im Hotel "Delfim" ist Anfang April bei ____der Kampf-Konkurrenz für 1333 Mark zu buchen. Bei ____Neckermann-Reisen steht die Tour mit 2069 Mark im ____Katalog. Mehrpreis: 736 Mark. *___Zwei Wochen Ferien im Hotel "Sa hara" im marokkanischen ____Agadir bieten die Holländer im August für 1599 Mark an, ____genau 500 Mark unter dem Preis der Kaufhof-Tochter ITS.
Die günstigen Offerten der Holländer gelten in der Vor- und Nachsaison ebenso wie im Juli und August. Den Umstand, nur von Amsterdam oder Maastricht aus abfliegen zu können statt von Düsseldorf, nehmen viele westdeutsche Reisende angesichts der Preisvorteile offenbar gern in Kauf. Für Touristen, die nicht direkt im Großraum Düsseldorf wohnen, ist die Anfahrt über die Niederlande ohnehin oft kaum ein Umweg.
Schon haben weitere Reiseverkäufer Interesse an den Billigangeboten aus dem Nachbarland gezeigt. Poot vertreibt die Holland-Programme mittlerweile über rund 200 deutsche Reisebüros, vornehmlich in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. "Das läuft ganz prima", freut sich Poot, der auf Anhieb "bis zu 10000 Buchungen" erwartet und im nächsten Jahr noch kräftig zulegen will.
Die Reaktionen der deutschen Reiseveranstalter auf die Preisknüller der ausländischen Konkurrenz sind zwiespältig. "In Holland herrscht ein gnadenloser Preiskampf", schimpft der Kölner ITS-Manager Hans-Jürgen Kaul. Gewinne würden "in diesem Verdrängungswettbewerb" schon lange nicht mehr gemacht. Kaul: "Da werden sicher einige auf der Strecke bleiben." Daß auch die deutschen Reisemacher schärfer kalkulieren
können, wenn sie unter Druck geraten und um Marktanteile fürchten müssen, bewies Neckermann bereits zu Jahresbeginn. Um in Nordrhein-Westfalen konkurrenzfähig zu bleiben, mußten die Frankfurter ihre Preise revidieren. In einem eilig aufgelegten Sonderprospekt wurden für den Sommer nachträglich 25000 "Spar-Reisen" geschneidert, als Antwort auf die günstigen Holländer und die britische Billig-Marke Intasun.
Neckermann-Chef Rolf Pagnia räumt inzwischen kaufmännische Fehler bei der Programmplanung 1987 ein. Trotz gesunkener Dollarkurse und niedriger Kerosinpreise sei es nicht gelungen, die Flugsessel in den Charterjets günstiger einzukaufen. "Wir wissen", klagt Pagnia nun, "daß die deutschen Charterfluggesellschaften klotzig verdienen."
"Wir haben wohl nicht den allerletzten Tropfen rausgepreßt", erinnert sich auch TUI-Chef Paul Lepach an die Verhandlungen mit den Airlines. Dabei hatte Lepach schon im vergangenen Jahr vor den Billigimporten gewarnt und offen mit Gegenmaßnahmen gedroht, falls die ausländischen Veranstalter ihren "Appetit auf den deutschen Reisekuchen" nicht endlich zügelten.
Doch Kaufkraft und Reiselust der Bundesbürger ziehen immer mehr Firmen aus dem Ausland an. Programme des niederländischen Unternehmens Hotelplan werden bereits verkauft, weitere Veranstalter aus Belgien, England und den USA suchen derzeit noch Vertriebspartner in der Bundesrepublik.
Lockten ausländische Touristikunternehmen bislang vornehmlich mit gängiger Durchschnittsware in den Ferienländern rund ums Mittelmeer, so möchten sie den Deutschen nun auch die Delikatessen nachreichen. Englands Fernreisespezialist "Speedbird Holidays", eine Tochtergesellschaft der Fluglinie British Airways, will mit den "preisgünstigsten Fernflugreisen auf dem deutschen Reisemarkt" Kunden gewinnen.
Über das Kieler Reisebüro Pan Tours werden Discount Trips nach Thailand und Japan, Südamerika und China angeboten. Indien-Touren gibt es bei den billigen Briten schon für 2350 Mark (Abflug von allen deutschen Flughäfen), und eine zweiwöchige Reise nach Bali, beim Frankfurter Veranstalter Airtours für 3564 Mark zu buchen, kostet bei Speedbird 914 Mark weniger.
"Wir sind echt konkurrenzlos", behauptet Pan-Tours-Chef Günter Männel, der sich nur darüber ärgert, daß er in der Werbung keine Preisvergleiche mit den deutschen Reisefirmen anstellen darf. Sprächen Männels Billig-Offerten sich herum, so würde es nicht nur der preisbewußten Kundschaft nützen: "An den britischen Fernflügen", verrät der Kieler, "verdiene ich viel mehr, als wenn ich die deutschen TUI-Programme verkaufen würde."

DER SPIEGEL 13/1987
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