23.03.1987

Cocktail für drei Schnapsleichen

SPIEGEL-Redakteur Hellmuth Karasek über Philip Marlowe als Theaterheld *
Philip Marlowe, Beruf: Spürnase im Los Angeles der vierziger und fünfziger Jahre, ist Theaterheld geworden. Raymond Chandlers legendärer und lauterer Privatdetektiv, mit seiner Vorliebe für blonde Frauen, harte Drinks und komplizierte Schachpartien, ist zum Kollegen von Hamlet und Faust avanciert.
Mit seinem Hunger nach Stoffen und Mangel an Stücken hat das Theater jetzt nach Chandlers ehrgeizigstem Marlowe-Roman gegriffen. Der Dramaturg Gottfried Greiffenhagen hat für das Zürcher Schauspielhaus den "Langen Abschied" dramatisiert.
Auf der Bühne klärt Marlowe seinen kompliziertesten Fall, verliert seinen einzigen Freund. Zwei Morde geschehen. Ein Mann spielt den Mörder, um eine Frau zu schützen, die ihn liebt. So muß ein zweiter Mensch sterben. Das kann Marlowe seinem totgeglaubten Freund nicht nachsehen, für den er sich von der Polizei und den Mobstern mehrfach, ein fast masochistisches Stehaufmännchen, zusammenschlagen läßt.
Der Plot, spannend, sentimental und nostalgisch mit seiner Blondinen-Dämonisierung und Einsame-Männer-beim-Cocktail-Heroisierung, hält auch der Bühne stand. Der Dialog, der sich auf dem Theater ein bißchen prahlerisch ausnimmt, bestätigt Chandler als routinierten Wortwechsler. Manchmal kommt durch die sonst glänzende Übersetzung Hans Wollschlägers ein Hauch von Hinterwäldlertum, von Provinz in den gesprochenen Schlagabtausch: "Bitterbier" mischt man da in den Gimlet-Cocktail, wo doch das Original schlicht einen "Bitter", also Angostura, vorgesehen hat. Aber im großen und ganzen trägt die Geschichte einen fesselnden Boulevard-Theater-Abend lang. Und dagegen ist nichts einzuwenden.
Natürlich bringt der Gewinn auch Verluste. Chandlers Roman ist eine unnachahmliche Mischung von südkalifornischer Atmosphäre und rüdem Slang-Austausch, aus blitzenden Metaphern für das sonnengebräunte Lebensgefühl von Beverly Hills und erschreckenden Einblicken in Gewalt, Korruption, Verlogenheit. Die Atmosphäre bleibt im Stück fast zwangsläufig auf der Strecke.
Im Roman beginnt die Freundschaft zwischen Marlowe und Terry Lennox auf dem Parkplatz einer Luxuskneipe. Der livrierte Parkwächter, teils Unterwürfigkeit, teils Verachtung, traut sich nicht den Rolls-Royce zuzuschlagen, aus dem Lennox ganz besoffen halb raushängt. Eine Frau im Nerz kippt ihn aus dem Auto und surrt ab in den Sunset Boulevard. In Zürich (Regie: Gerd Heinz) schleift Marlowe einen Mann mit Gummibeinen von der kahlen Bühne - was soll er sonst tun?
Aber auch der Dialog und Philip Marlowe nehmen Schaden. Da auf dem Sprechtheater (schon laut Definition) pausenlos gesabbert wird, verwandelt _(Mit Dietmar Schönherr und Michael Rastl. )
sich der wortkarge Einzelgänger in einen etwas aufschneiderischen Schwätzer. Denn natürlich ist es etwas anderes, wenn man einen Roman in intimer Ich-Form erzählt, als wenn man sich von der Rampe herab seiner Erlebnisse brüstet.
Im "Langen Abschied" fährt Marlowe stundenlang fast ohne ein Wort seinen Freund über die Grenze nach Mexiko, er kocht, um Zeit zu gewinnen und die Lage zu überdenken, mit umständlichen Vorbereitungen Kaffee, stopft sich bedächtig die Pfeife, ehe er der Polizei eine abwägende Antwort gibt.
Auf der Bühne wird aus dem wortkargen Loner ein Plappermaul. Trotzdem ist der schlaksige und zerknautschte Kraftkerl Michael Rastl in Zürich eine Marlowe-Version, die sich sehen lassen kann - und das trotz solcher (Film-) Konkurrenten wie Elliot Gould, Robert Mitchum und Humphrey Bogart.
Auch Dietmar Schönherr als versoffener, selbstmitleidiger Bestseller-Autor und Peter Brogle als in Suff und Selbstmitleid abkippender Terry Lennox zeigen, daß Chandler schon im Roman auch pralle Theater-Rollen für ein alkoholisiertes Männer-Trio geschrieben hat. So, aus der zeitlichen Distanz gesehen, ist Chandlers Geschichte auch die Story einer verkorksten Männerwelt, die sich ihre Weibsbilder romantisch zurechtsäuft oder sie, als eiskalte Dämonen, mit dem Bourbon wegspült.
Als Chandler den "Langen Abschied" schrieb, war er über 60, seine Frau Cissy, an die er sich ein Leben lang moralisch gekettet fühlte, um die 80, und er mußte sich die Zeit zum Schreiben abquälen, da er seine kranke Frau zu versorgen hatte. Er war, vorübergehend und mit äußerster Willensanstrengung, trocken.
So sind die Frauen in seinem letzten großen Marlowe-Roman im wehmütigen Rausch verschwimmende Projektionen, blond, unnahbar, jung, mörderisch. Nicht zufällig sind die besten Passagen des Buchs Beschreibungen von Trinker-Ängsten, höhnische Skizzen über von skrupellosen Ärzten betriebene Entziehungskliniken.
Mit dem Trinken sei es wie mit der Liebe, räsoniert Chandlers Säufer Lennox. Das erste Glas sei der erste Kuß, und bald käme das scheußliche Ausziehen. Und Marlowe, der sich schließlich zu einer Liebesnacht aufrafft, zieht sich am nächsten Tag in sexueller Panik auf sich selbst zurück. Die Frau wiederum betont, sie sei kein Flittchen, obwohl sie mit ihm ins Bett wolle.
Solche Szenen, Belege für die pubertäre Verstörung eines Autors und seiner Zeit (der 50er Jahre), sind auf der Bühne pur schwer zu schlucken. Da sehnt man sich dann doch nach dem richtigen Kino, wo das gnädige Kameraauge schweifen kann und es die erlösende Abblende gibt. Philip Marlowe als Studie des scheinbar kräftigen, trink-, hieb- und rauchfesten Männerwracks der fuffziger - das hat auch das Theater nicht riskiert.
Mit Dietmar Schönherr und Michael Rastl.
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 13/1987
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