23.03.1987

POPMUSIKImmer Wollust

Neuer Trend: Alle wollen Alte sehen - die Rockröhre Tina Turner lockt Kleine und Große in Scharen. *
Zwei Seelen wohnen in ihrer, ach, so schönen Brust. Die eine schreit sie sich zum Halse heraus, röhrend, rockend, rabiat; die andere spielt Heimchen am Herde und blickt auf zum Manne.
Was ist Show bei Tina Turner, 48, der schwarzen Marika Rock aus Tennessee? "Auf der Bühne", sagt sie, "bin ich Schauspielerin." Aber nachher "werde ich wieder Tina". Rätsel Weib.
Mit ihren "Megatonnen Energie", ihren "Oberschenkeln, die ein Autochassis zermalmen könnten", ihrem Leder-Mini, "der die Wimpern des Publikums versengt" (US-Journalisten-Lyrik), zischt Tina Turner gegenwärtig durch die Republik; nach 32 ausverkauften Vorstellungen werden, Anfang Mai, an die 350000 Deutsche mehr von schwarzer Magie verstehen.
Und schon blüht auch hiesige Journalisten-Poesie. Eine "schaumgeborene schwarze Göttin mit dem verzückten Lächeln immerwährender Wollust... von den Stahlruten der Computermusik auf die Bühne gepeitscht" - so im Stil der "Zeit". Konkreter "Bravo": "Tinas atemberaubender Supermini ließ den vollen Blick auf ihr Wahnsinns-Fahrgestell frei."
Break Every Rule" (Brich jede Regel) heißt Tina Turners Tournee, und nach Ansicht des Veranstalters, "Mama Concerts", bricht sie noch mehr: "Alle bisherigen Rekorde." Und das spricht gegen alle Regeln des Show-Business.
Tatsächlich ist es nicht alltäglich, daß eine Künstlerin aus dem Mutterfach erotische Wunschträume und sexuelle Phantasien explodieren läßt und die Massen fasziniert. Womöglich hat der "Zeit"-Geistler recht: "Wir lernen erschaudernd wieder, woran wir längst nicht mehr glauben: daß ein Mensch so stark sein kann."
Die Tina-Legende kann da mitspielen. Nach dem Sturz vom ersten Gipfel Mitte der 70er Jahre und nach der Prügel-Ehe mit dem Show-Partner Ike, nach einer Tingel-Zeit rappelte sich das zähe Baumwollpflücker-Kind auf und setzte zum nächsten Gipfelsturm an - in einer Seilschaft mit Buddha, zu dem sie sich vor einigen Jahren bekehrte.
Für das Show-Geschäft jedenfalls signalisiert der Turner-Schall eine Wende. Der "Exklusivsponsor" der "Break Every Rule"-Tournee, Pepsi-Cola, läßt die neue Richtung durch den Geschäftsführer Wolfgang Blumberg in Worte fassen: "Tinas Musik spricht unsere Zielgruppe an: die colatrinkende Jugend und auch die erwachsene Generation."
Denn neuerdings drängen neben den Teenies auch immer mehr gestandene 40- bis 50jährige in Konzerte. Die haben die Parole "Trau keinem unter Vierzig" (Konzertveranstalter Fritz Rau) und wollen alte Bekannte sehen, Stars, die mit ihnen grau geworden sind. Rau: "Alte Leute sind heute gefragter denn je."
Auferstanden aus Ruinen, Versenkungen und Entziehungskuren, traben bewährte Veteranen wieder ins Rampenlicht, gelegentlich als Fitness-Fanatiker, denn, so sagt Rau: "Wie der Wein werden sie besser, wenn sie gesund leben.
Die Idole der 60er und frühen 70er Jahre, Leute wie Eric Clapton, Joe Cocker, Santana, Paul Simon, Rod Stewart oder Deep Purple sind wieder groß im Geschäft. Denn, so Musikverleger Willi Schlösser: "Die Musik tut keinem weh." Und so ist es auch für Rundfunk-Moderatoren, sagt Winfried Ebert von der EMI, "hip, alte Sachen zu spielen".
Die Branche, die jahrelang aufs Minderjährigen-Potential gesetzt hatte, denkt um, gemahnt von der "New York Times": "Der heutige Popmarkt hat nur dann Erfolg, wenn er eine Koalition von Erwachsenen- und Teenager-Fans schafft." Die einen werden weniger und die anderen haben mehr Geld.
Der Pillenknick wird das Jung-Publikum in den nächsten zehn Jahren erheblich schrumpfen lassen, die Älteren-Gruppe geht in die Breite und bekommt nun auch noch ein Spielzeug geliefert, auf dem auch viele alte Sachen in neuem Glanz erstrahlen: die CD-Platte.
"Die CD-Käufer", sagt Erwin Bach Marketing-Chef der EMI "sind zwischen 25 und 45 Jahre alt", und mit denen geht die Firma jetzt voll ins "Yesterday": "Für diese Generation war die Beatles-Musik von großer Bedeutung als Lebensgefühl und Stil einer ganzen Gesellschaft." 13 "Original-Beatles-Alben" werden auf CD veröffentlicht Umsatzerwartung: "jeweils über 150000 Stück".
Über 150000 Tina-Turner-CDs sind schon verkauft, auch da ist die Schaumgeborene Spitzenreiterin. Die Tournee wird die Glücksspirale höher treiben, um so mehr, als die Show die Künstlerin auch menschlich näherbringt.
Als Kumpel vom Kiez, gewissermaßen. Denn ehe Tina Turner in Fleisch und Leder vor die 45-Mark-Plätze tritt, erscheint sie überlebensgroß auf mächtiger Leinwand hoch über den Köpfen der Zuschauer. Ein Videofilm erzählt, was sie vor dem Auftritt treibt: Nach einer Nacht, die sie offenbar allein verbrachte, erhebt sie sich vom Großraumbett, legt hinterm Paravent das Leder an und stöckelt durch ein Haus, das streng nach Puff riecht: Auf der Treppe kriegt gerade ein Freier Tritte, während ein anderer zu Bett geschleppt wird.
Gut gelaunt entert sie einen Nachtklub, hebt an zu röhren und ist plötzlich leibhaftig auf der Bühne. Und da peitschen sie dann eben die Stahlruten zu immerwährender Wollust auf ihrem Wahnsinnsfahrgestell.
Der Sponsor sagt es wieder, wie es ist: "Das entspricht voll der Vitalität, mit der Pepsi-Cola identifiziert wird."

DER SPIEGEL 13/1987
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