23.03.1987

NEW YORKZiemliche Schande

Fliegende Händler, aus dem Senegal angereist, bevölkerten die Bürgersteige in Manhattan. Bürgermeister Koch schritt ein. *
Mamadou Kaye aus dem Senegal, 30, steht auf der noch immer winterlich-kalten New Yorker Madison Avenue und friert. Auf seinem improvisierten Ladentisch, zwei aufeinandergestapelten Pappkartons, liegen glitzernde Uhren, säuberlich arrangiert - allesamt
Fälschungen nach Designer-Vorbildern. Die "Santos"-Uhr von Cartier ist für nur 40 Dollar, die kleine "Rolex" schon für 20 Dollar zu haben.
Mamadou Kaye ist von New York tief enttäuscht: Nicht nur, daß hier kaum jemand Wolof, seine Muttersprache spricht, was Mamadou zu langen Perioden unfreiwilligen Schweigens verurteilt. Auch das Geschäft mit den Uhren läuft schlecht, seit gestern hat er nicht eine einzige Uhr verkauft.
Dabei hatte es in Mamadous Dorf im Senegal seinerzeit geheißen, in New York seien die Straßen mit Gold gepflastert. Ein "bana-bana" - ein Straßenhändler -, so ging dort die Mär, könne in New York ordentlich Kohle machen. Daraufhin hatte sich Mamadou Kaye von Verwandten und Freunden 4000 Franc zusammengeborgt und Eltern Frau und fünf Kindern die baldige Rückkehr versprochen. Zusammen mit ein paar anderen Bana-banas war Mamadou in Dakar in den Jumbo-Jet gestiegen und hoffnungsvoll ins Land der Verheißung abgereist.
Offenbar zu spät. Die Zeiten, da ein rühriger Bana-bana in New York zwischen 50 und 200 Dollar am Tag machen konnte, sind schon wieder vorbei. Das Gastland USA, von immer mehr Senegalesen mit Touristenvisa angesteuert, erwies sich als zunehmend ungastlich, als die "Touristen" anfingen, dem Broterwerb auf Manhattans Straßen nachzugehen. Als immer mehr Afrikaner dort ihre Waren ausbreiteten und damit auch andere Händler zu gleichem Tun animierten, erhob sich ein Sturm der Entrüstung.
New York sei "schließlich nicht Istanbul", schimpfte Ira Neimark, Chef des Luxus-Kaufhauses Bergdorf Goodman das monatelang von Händlern aller Art umlagert wurde. Auch der Baulöwe und Großunternehmer Donald Trump hatte nichts für die Freiluft-Gewerbetreibenden übrig: "Die Straßenhändlerpest infiziert ganz New York", klagte er aus dem nahe gelegenen "Trump Tower", dessen breiter Bürgersteig auf der Fifth Avenue ebenfalls von Händlern belegt war.
Zusammen mit einer Gruppe betroffener Geschäftsleute entlang der Fifth Avenue verlangten Trump und Neimark schließlich zu Beginn der Weihnachtssaison '86, die City solle endlich eine Lösung für das Problem der "peddler", der fliegenden Händler, finden. Als nicht umgehend was geschah, ließ Ira Neimark verlauten, Bürgermeister Ed Koch habe anscheinend keinen Mumm, hier zuzuschlagen - wohl weil Kochs Vater früher selber einmal "peddler" gewesen sei.
Dann reagierte auch noch der Bürgermeister des gescholtenen Istanbul. Er hatte von Neimarks unfreundlichen Worten gehört und ließ wissen, daß ein Vergleich mit New York seiner Stadt nicht eben zur Ehre gereiche. Letztlich entschuldigten sich alle - aber Mamadou Kaye und seine auf rund 300 geschätzten Landsleute hatten das Nachsehen.
Denn nun machte sich Bürgermeister Koch stark und ließ ein neu formiertes Sonderkommando, die sogenannte bürgermeisterliche Einsatzgruppe, ausschwärmen. Einhundert Polizeioffiziere durchkämmten die Straßen, stellten Strafzettel aus, konfiszierten Waren, nahmen fest. Zwar gelang es den Senegalesen häufig, ihre Verfolger durch Intelligenz und Charme zu bestechen - "besonders nette Leute", schwärmt Lieutenant Bob Lauttit, Chef der Peddler's Task Force von Süd-Manhattan -, doch konnte letzten Endes aller Charme nicht über fehlende Gewerbescheine und abgelaufene Visa hinweghelfen.
Anfang des neuen Jahres gab es auf der Fifth Avenue zwischen 59. und 42. Straße nur noch zwei Straßenhändler, und Donald Trump konnte erleichtert feststellen: "Ein Unterschied wie Tag und Nacht."
Die Händler aus Afrika gaben sich jedoch noch nicht geschlagen und gruppierten sich neu. "Dies ist das Land der Gleichheit für alle", sagt Boka Doye, 47, "warum nicht auch für uns?"
Neuerdings stehen die meisten Peddler auf der nicht minder eleganten Madison Avenue, etwa zwischen den Edel-Boutiquen von Giorgio Armani und Sonia Rykiel, und hoffen auf einen baldigen Sommer. Unruhig irren ihre Augen die Straße auf und ab. Sichtet der an der Straßenecke postierte Kumpel des Banabana einen Streifenwagen, gibt er ein Signal, dann fliegen die Waren blitzartig in bereitgestellte Reisetaschen, und die Händler posieren treuherzig als Touristen auf der Durchreise. Ihre Ladentische, die großen Pappkartons, bleiben einfach stehen, sie fallen im schmuddeligen New York ohnehin nicht auf.
Viele Straßenhändler sind dieser Treibjagd nicht länger gewachsen. "Ich verdiene nichts mehr", sagt Mamadou Kaye, "ich kann nichts mehr nach Hause schicken. Ich geh' zurück." Obwohl er mit vielen Landsleuten zusammen in einer winzigen Wohnung in Harlem wohnt, wo sich die Männer jeden Abend um einen Topf mit "Tiebu Dienne" (Reis mit Fisch und Gemüse) versammeln, und obwohl er mit jedem Cent knausert, ist dieser Aufenthalt für ihn und viele andere ein Verlustgeschäft. Ärmer, als er kam, wird er zur Familie nach Senegal zurückkehren müssen - "eine ziemliche Schande", wie er eingesteht.
Verhindern ließe sich die allenfalls, wenn es ihm gelänge, in die Klasse derer aufzurücken, die er und seine Kollegen respektvoll "les grands capitalistes" nennen: einer Gruppe kühner Männer, die jede Woche aus Dakar nach New York einfliegen, dort Fernseher und elektronische Geräte einkaufen und sie dann wenige Tage später im Heimatland mit tüchtigem Aufpreis wieder verkaufen.

DER SPIEGEL 13/1987
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