23.03.1987

HERRENMODEPotenter Beutel

Aus Paris kommt ein neues Mode-Utensil: die Designer-Unterhose. *
Höschen im Rio-Look mit hochausgeschnittenem Schenkel, Leibchen von plastikenem Liebreiz, die gerade über die Brustwarzen reichen, eigenartige Kreationen, die aussehen wie eine Mischung aus Bruchband und Suspensorium - das vorliegende Beweismaterial nährt den Verdacht, daß die Männer endgültig verrückt geworden sind.
Nicht genug damit, daß sie sich nunmehr schon seit Jahren den Kaprizen der Mode unterwerfen wie weiland nur die Frauen, jetzt machen sie auch noch deren Dessous-Fetischismus mit. Es herrscht "Bewegung im Slip", beschrieb das Fachblatt "Textil-Wirtschaft" den jüngsten Trend in der Herrenmode und jubilierte: "Drunter wird''s wieder herrlicher."
Diese "stilistisch-innovative" Entwicklung verdankt die Mannheit den Mode-Designern, die sich neuerdings eines Kleidungs-Utensils annehmen, das lange von ihrem gestalterischen Tun verschont geblieben ist: der Unterhose. Die erzielten Ergebnisse gehen bis an die Grenze der dieser Berufsgruppe zugestandenen Bübereien.
Da gibt es beispielsweise, omannomann, Höschen aus schwarzem Netz-Nylon; beinlange Liebestöter aus schwarzem Lack-Stretch, die den gesamten Unterkörper gleichsam kondomisieren; seitlich oder vorn dekolletierte Ringer-Trikotagen, die "Bodies" heißen und im Entsorgungsfall mittels Druccknopf im Schritt geöffnet werden; miederähnliche Hemdchen, die mit Spitzen, Börtchen und allerlei anderem Tüttelü besetzt sind - allesamt Kreationen, die auch an gutgewachsenen Männern den Tatbestand der optischen Nötigung erfüllen.
Besondere Hervorhebung erfährt bei diesen Bubikinis das Mannesteil, dem die neue U-Mode durch raffinierte Nahtspiele und besondere Schnitt-Techniken zu imperativer Präsenz verhilft. Der französische Designer Jean-Paul Gaultier band jüngst bei seiner Show in Paris den vorführenden Zierbengeln sogar silberglänzende Schamkapseln vor das Gemächte - wie immer in der Mode ist auch das schon mal dagewesen: Im Mittelalter machten die Männer auf diese Art das "membrum virile" zum Ausrufungszeichen ihres Geltungsbewußtseins. Urheber dieses Beitrags zur Kultur des Unterbeinkleides ist der Grieche Nikos Apostolopoulos, der bis vor kurzem ein wenig störendes Dasein als Rechtsanwalt fristete - bis er auf die Idee kam, homosensuell angehauchte Unterwäsche zu kreieren.
"Männer", so begründete der in Paris lebende Designer knapp und kraus sein schöpferisches Wirken, "brauchen wieder Schönes zum Anziehen, das gibt ihnen Selbstvertrauen in dieser schweren Zeit."
1985 stellte er seine erste Kollektion vor, ein Jahr später war er Millionär: In Europa, Amerika und Japan verkaufte er 70000 Slips, Hemdchen und Bodies, 1987 werden es 100000 Wäscheteile sein - an den Mann gebracht beileibe nicht nur an die Anhänger gleichgeschlechtlicher Liebe, wie eigentlich gedacht, als Hauptklientel entpuppte sich vielmehr die Gruppe der jungen Aufsteiger, im Vergleich zu deren Zugriffs-Reflexen der Pawlowsche Hund ein reaktionsträger Geselle ist. Sie erhoffen sich offenbar von der neumodischen Unterkleidung, was der "Playboy" sachkundig so formulierte: "Wenn Frauen ihn in solch einem bunten Spielhöschen sehen, verlieren sie sehr schnell ihre (Zurück-)Haltung."
Für Modelle von "Nikos" (so der Markenname) zahlt die Kundschaft mit dem potenten Geldbeutel zwischen 100 und 350 Mark - was die Frage aufwirft, ob an dem von neidischen Naturen gern kolportierten Satz tatsächlich etwas dran ist: Macht Geld wirklich dumm?
Zum Bestseller jedenfalls wurde beispielsweise das "Nikos"-Modell "Leonidas", ein nach dem spartanischen Heldenkönig benanntes, aus 14 Teilen zusammengenähtes Etwas aus Jersey, auch die Kreation "Ulysses", dessen dreieckiger Ausschnitt unter dem Bund den Nabel gleichsam als Zyklopenauge erscheinen läßt, wird immer wieder gern genommen - auch in der Bundesrepublik, wo zehn Prozent der "Nikos"-Produktion verkauft werden.
Eilfertig hängen sich jetzt andere Modeschöpfer an den Trend, allen voran der rührige Amerikaner Calvin Klein, dem vor Jahren schon das Kunststück _(In seinem Pariser Laden. )
gelang, die banalen Jeans zum teuren Designer-Objekt zu adeln; aber auch die alteingesessenen Hersteller von Herrentagwäsche wie "Hom" oder "Habella" zogen mit eigenen Kreationen nach, die sind zwar weniger extrem in der Form dafür ebenfalls häufig aus Materialien wie Lycra, Satin oder Seide, die - Pilz laß nach - nicht kochfest sind.
Beherrscht wird das Großsortiment der Kaufhäuser einstweilen noch von der herkömmlichen Norm-Acht-Fuffzehn-Unterhose (aus dem bewährten Doppelripp), daneben auch von dem kneifengen Mini-Slip "ohne Eingriff" (wie das Fehlen eines Hosentürls im Fachjargon genannt wird) und von den neuerdings in Deutschland populär gewordenen bequem-vernünftigen Boxer-Shorts (die als einzige dem vom englischen "Gentleman''s Guide" aus dem Jahre 1889 formulierten Anspruch genügen, nach dem eine Unterhose "weit entfernt geschnitten sein soll von allem Ärgerlichen").
Dagegen wird die exklusive Leibwäsche häufig in einer neuen Art von Spezialgeschäften verkauft, die ausschließlich U-Artikel für den Herrn führen - ganz nach dem Vorbild des 270 Quadratmeter großen Showrooms von Nikos Apostolopoulos in Paris, in dessen betont stilvoller Atelier-Atmosphäre den Träger stumpfer Bügelfalten Scham überkommt.
Der Grieche möchte demnächst auch die Frauen mit seinen Design-Ideen beglücken. Denn auch sie würden "heute von negativen Erlebnissen nur so überhäuft". "Ich möchte", so sinnstiftend sieht der Mann sein Tun, "diesem schlechten Weltbild Paroli bieten und das Gute, Ästhetische und Schöne in den Blickpunkt rücken."
In seinem Pariser Laden.

DER SPIEGEL 13/1987
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