23.03.1987

AUKTIONENKreuz zum Blinddarm

Eine Lovestory in Gold und Edelsteinen: Die Juwelen der Herzogin von Windsor werden versteigert *
Er konnte ihren Hals nicht voll genug kriegen, und auch an den Handgelenken, Fingern und Ohren der Verehrten war immer noch Platz für Geschmeide. "Wie besessen", so sah es ein Zeitgenosse, war der britische Thronfolger von dem Drang, der Dame seines Herzens möglichst "jeden Tag ein Schmuckstück zu schenken". Bald stöhnte deren bürgerlicher Gatte über die fälligen Versicherungsprämien.
Allein 1936 trug der Liebhaber 7000 Pfund Sterling zu Juwelieren. Es war das Jahr, in dem er als Edward VIII. den Thron bestieg - und wieder abdankte, um die mittlerweile geschiedene Mrs. Wallis Simpson zu heiraten. Doch auch in einem langen Privatleben als Herzog von Windsor hörte er nicht auf, seine Herzogin mit glitzernden Colliers, Broschen, Armbändern und Ringen zu schmücken. Unübersehbar trug sie die Beweise seiner Liebe und Zahlungskraft durch die internationale Hautevolee.
Wäre der Herzog Witwer geworden, er hätte, eifersüchtig, die Kleinodien einschmelzen und die Steine einzeln verkaufen lassen wollen. Doch tatsächlich überlebte Frau Wallis seinen Krebstod um volle 14 Jahre, bis zum vorigen April. So blieb der Schmuck erhalten und fiel ihrem Haupterben, dem Medizin-"Institut Pasteur" in Paris, zu - ein Dank an das französische Exilland des Paares. Und so kommt die Kollektion nun übernächste Woche in Genf zur Versteigerung. Für 208 Stücke erwartet das Auktionshaus Sotheby's, das dieses "Jahrhundertereignis" ausrichten darf, rund zwölf Millionen Schweizer Franken.
Nach Genf weichen die Londoner Versteigerungshäuser- neben Sotheby's auch die Konkurrenz Christie's - mit großen Juwelenauktionen aus, um eine 25prozentige Luxussteuer zu vermeiden. 1986 verzeichnete Christie's in Genf mit 50 Millionen Franken etwa die Hälfte seines weltweiten Juwelenumsatzes, Sotheby's macht eine entsprechende Statistik nicht publik. Doch auch der Vergleich mit einer Routineauktion von Juwelen wie am letzten Donnerstag bei Sotheby's in London (Erlös: rund 1,2 Millionen Pfund) macht den Rang der Windsor Versteigerung deutlich.
Und während sich in London meist nur ein Häuflein Professionals, ergänzt vielleicht durch ein paar private Sammler, einzufinden pflegt, wird in Genf - wie gegebenenfalls auch in New York - ein gesellschaftliches Ereignis inszeniert.
Bieter und Hauspersonal erscheinen in Abendkleidung. Hübsche Mädchen führen die Waren am eigenen Leibe vor und
geben dem Geschäftstermin einen Touch von Modenschau und Amüsement.
Auf diesem Markt versprechen die "Juwelen der Herzogin von Windsor" alle Rekorde zu brechen - keineswegs nur wegen des Materialwerts hochkarätiger Smaragde, Rubine und Diamanten. Zu veranschlagen sind auch die Goldschmiedekünste so berühmter Pariser Juwelierfirmen wie Cartier (87 Stücke) und Van Cleef & Arpels (23), außerdem, wie Sotheby konstatiert, viel "Geschichte und vor allem Romantik".
Das Design der Preziosen hat Edward, in ständigem Kontakt mit den Juwelieren, vielfach mitbestimmt. Doch auch der Geschmack der Beschenkten prägt die Kollektion. So kamen Schmuckstücke weniger von strengem Stil als von üppig-originellem Material- und Formenreichtum zustande. Sensation machten zum Beispiel vollplastische kleine Panther aus Gold, Email und Smaragd, als Armband oder Clips zu tragen. Das Haus Cartier, das 1948 das erste Stück dieser Art geliefert hat, möchte es nun gern zurückerwerben.
Daß eben jenes Genfer Hotel Beau-Rivage zum Auktionslokal erkoren worden ist, in dem das Paar 1937 seine Flitterwochen verbrachte, ist eine sinnige Marktstrategie. Denn seinen "romantischen" Wert hat das Angebot als Chronik einer skandalös-glamourösen Liebesverbindung: Zahlreiche Stücke tragen Widmungen aus speziellem Anlaß.
Viel Inniges und auch Verschlüsseltes ließ der noble Spender in die Geschenke gravieren, die er "meiner Wallis" gab - so ein Rubin- und Diamantcollier zum 40. Geburtstag der Empfängerin im Jahr 1936. "Für unseren Vertrag" bekam sie kurz vor der Eheschließung ein Saphir- und Diamantarmband; auf allen Hochzeitsphotos ist es leicht zu erkennen. Wesentlich diskreter am anderen Handgelenk der Braut: ein Kettchen mit (auch später noch vermehrten) Edelstein-Kreuzen, die jeweils an ein bestimmtes Datum erinnern.
"Unser Hochzeitskreuz" dokumentiert das festliche Ereignis selbst, "God Save the King for Wallis" ein fehlgeschlagenes Attentat auf den Kurzzeit-Monarchen. Auch einer Röntgenuntersuchung und (mit einem "Blinddarmkreuz") einer Operation Frau Simpsons wird gedacht. "WE are too" heißt es zum 25. November 1934 - ein Spiel mit den Initialen von Wallis und Edward sowie mit dem Gleichklang der englischen Wörter für "zwei" und "auch". Historischer Hintergrund: In jenen Tagen trat der Herzog von Kent, Bruder des Juwelen-Schenkers, mit seiner großen Liebe Marina von Griechenland vor den Altar der Westminster Abbey.
Dieses Ritual war für Edwards Mesalliance undenkbar. Nicht einmal den Titel "Königliche Hoheit" mochte Nachfolger George VI. der Schwägerin zugestehen. Doch immer neue Gaben aus der Hand des Ehemanns versüßten ihr die Unbill. Noch in schwereren Zeiten, während des Zweiten Weltkriegs und danach, fand er den Weg zum Juwelier.
Auch als es eine unversehens aufgerissene Lücke zu stopfen galt: 1946 war das Herzogspaar ausnahmsweise auf einem englischen Landsitz zu Gast, hinlänglich - nämlich für 25000 Pfund - Juwelen im Gepäck. Ein Dieb griff zu, die Untat wurde nie aufgeklärt, und der Herzog mußte bei Cartier vorsprechen.
Erst in den sechziger Jahren scheint das Juwelenfieber des Herzogspaares ein wenig nachgelassen zu haben. Und die Witwe sah dann auch Anlaß, einige Preziosen zu verkaufen.
Was blieb, berechtigt immer noch zu den schönsten Versteigerer-Erwartungen. Sotheby's ließ 20000 Kataloge, statt der bei Schmuck-Auktionen üblichen 4000, drucken und schickte die Ware zur Vorbesichtigung in die USA, wo besonders interessierte und potente Klientel vermutet wird. Ein prominenter Bieter dürfte außerdem der Ägypter Mohammed Al-Fayed sein, Mitbesitzer des Londoner Kaufhauses Harrods, der auch den Pariser Wohnsitz der Windsors erworben hat - mit dem Versprechen, die zuvor städtische (und für einen Spottpreis vermietete) Villa im Bois de Boulogne herzoglich zu renovieren.
Ein Auktionsnachtrag steht bei Sotheby's dann noch für den 21. Mai, diesmal in London, auf dem Programm: In einer Schmuck-Versteigerung wird unter anderem eine Brosche aus Elfenbein, Saphir und Diamant in Form einer Nelke angeboten, die einst der Herzogin von Windsor gehörte. Die Pflegerin des todkranken Herzogs hatte das Stück 1972 als Geschenk empfangen.

DER SPIEGEL 13/1987
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