03.08.1987

FERNSEHENLeo am Zug

Ein europäisches Konsortium verfilmt, mit gigantischem Aufwand, Lenins historische Reise durchs feindliche Deutschland. Mit von der Millionenpartie: Medien-Multi Kirch. *
Die Massen wälzen sich über Perrons Schottersteine und Geleise. Kaltem Nieselregen trotzen sie und dem Schwefelgestank aus Räucherpfannen - Verdammte dieser Erde, gespielt von rund 500 Kleindarstellern aus vier europäischen Ländern.
Durch die Bahnhofsattrappen ("Petrograd" 1917) irren glutäugige Revoluzzer, tapernde Greise, Landfrauen mit Kopf- und Schultertuch. Matrosendarsteller tragen die Bluse des Zaren, wilde Gesellen die rote Fahne der Revolution. Mit gereckter Faust, eifrig wie Komsomolzen bei der Maifeier, peitscht Regisseur Damiano Damiani seine Komparsen zu dem Schrei: "Lenin, Lenin". Der wird alsbald einem Zug entsteigen - spektakulärste Szene und Finale des TV-Vierteilers "Der Zug", des bislang ehrgeizigsten Großprojekts der europäischen Fernsehindustrie.
"Der Zug", eine deutsch-italienischfranzösisch-österreichische Koproduktion, die im November ins Fernsehen kommen soll, behandelt Lenins Eisenbahnfahrt im April 1917 von Zürich nach Petrograd. Organisiert wurde die Reise, die den harten Kern der revolutionären Bolschewiki aus dem Schweizer Exil ins zerrüttete Rußland brachte und die Oktoberrevolution ermöglichte, vom deutschen Generalstab.
Die Mission war für alle Seiten heikel: Für die Deutschen, weil sie einem feindlichen Untertan freies Geleit durch ihr Reichsgebiet garantierten, der eben noch die Soldaten aller Länder zur Desertion aufgefordert hatte. Für Lenin, weil der Siebentagetrip als Kollaboration mit dem Feind (und Klassenfeind) hätte ausgelegt werden können.
Den mongolenäugigen Wladimir Iljitsch Uljanow verkörpert mit Bart, Denkerstirn, Halbglatze das britische Knopfauge Ben Kingsley, der die Weltgeschichte schon 1982 als "Gandhi" verändert hat. Nadeschda Krupskaja, Lenins Gattin, wird von der inzwischen 56jährigen "Gigi" Leslie Caron gespielt. Mit im Abteil ist Dominique Sanda als Lenins Ex-Geliebte, die zum guten Schluß in den Dampfschwaden verschwindet. Auch historisch ist diese Episode nebelhaft dubios.
Geht es nach dem Willen der Produzenten, dann wird "Der Zug", rund 20 Millionen Mark teuer, einen Wendepunkt der europäischen Film- und Fernsehindustrie markieren: Der "Zug", hergestellt in Koproduktion von Beta/ Taurus (München), dem österreichischen
Fernsehen ORF, dem italienischen zweiten Kanal Raidue und dem jüngst privatisierten französischen TF 1, soll beweisen, daß zumindest im europaweiten Verband Großproduktionen nach amerikanischem Vorbild jederzeit "durchzufinanzieren" und "auf dem Weltmarkt durchzusetzen" seien - inklusive USA.
Zumindest für Deutschland signalisiert der "Zug" eine neue Weichenstellung auf der Fahrt in die Medienzukunft. Denn die federführende und mit dem höchsten finanziellen Risiko am "Zug" behaftete Münchner Beta-Taurus-Gruppe ist die strategisch entscheidende Stütze im verschachtelten Imperium des Münchner Filmhändlers Leo Kirch.
Kirch, größter Programmunternehmer der Republik (Umsatz 600 Millionen Mark), hatte jahrelang als Filmgroßhändler ARD und ZDF mit seinen hauptsächlich in Hollywood aufgekauften Film- und Fernsehrechten eindecken und den Anstalten seine Bedingungen diktieren können. In Kirchs Magazinen stapeln sich an die 15000 Spielfilme (Taurus-Film), bei Kirch liegen Rechte für Fernsehspiele, Serien, Shows und Dokumentationen, die 50000 Fernsehstunden füllen können.
Kirchs Firma Beta-Film verbreitet außerdem mehr als 400 Konzert-, Opern- und Ballettaufzeichnungen, die von Kirchs Unitel produziert werden. Ihren Spitzenreiter Karajan hat die Firma mit einer "La Boheme"-Aufzeichnung in 24 Ländern an den Kunden bringen können.
Der in Franken gebürtige 60jährige Kirch, Duzfreund von CSU-Innenminister Friedrich Zimmermann und über seinen Berater Gerd Bacher auch mit dem Bundeskanzler verbunden, hat sich in knapp drei Jahrzehnten eine beinahe unanfechtbare Vormachtstellung ausgebaut. Nun aber, da mit der Ausweitung des Privatfernsehens der Bedarf immer größer wird, muß Händler Kirch immer stärker selbst zum Produzenten werden.
Seit 1984 die ARD direkt und an Kirch vorbei die Abspielrechte für über 1500 Spielfilme der Hollywood-Giganten Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) und United Artists (UA) für 80 Millionen Dollar eingesackt hat, die von den Anstalten 15 Jahre lang abgenudelt werden dürfen, gilt der Markt für amerikanische Spielfilme als weitgehend leergefegt.
Gleichzeitig steigt der Bedarf an Ware aus Europa. Insbesondere von Serien und Mini-Serien versprechen sich die Anstalten die für Werbung und Einschaltquoten wichtige Gewöhnung der Fernseher an einen bestimmten Kanal. Und auch, weil sich die Sender gern mit Großproduktionen schmücken, die als Eigenproduktion durchgehen können, gibt sich die Kirch-Gruppe nach einer konzern-internen Neuordnung im Frühjahr immer mehr als Produzent allein in diesem Jahr von TV-Unterhaltung für rund 250 Stunden.
Kirch hat seine Produktionsabteilung von 8 auf 30 Mitarbeiter aufgestockt, deren Beitrag zum Gesamtumsatz von jetzt fast einem Fünftel weiter ansteigen soll. Als Mitfinanzierer trat die Kirch-Gruppe etwa bei dem melancholischen Familienstück "Good Morning Babilonia" der Brüder Taviani auf.
Kirch mischt bei "Anastasia" mit, einer vierteiligen TV-Serie aus der Welt der Hofschranzen, die der "Holocaust"-Regisseur Marvin Chomsky inszenierte. Konsequent verzichtet dabei die Kirch-Truppe auf den Aufbau und Unterhalt eigener Studios, damit kein Kapital gebunden wird.
Ohnehin ist bei den immens gestiegenen Kosten großer TV-Produktionen die risikomindernde Koproduktion üblich geworden. "Nur als Koproduktion", so
Kirch-Sprecherin Armgard von Burgsdorff, könne "aus vielen Ecken Kreativität und Know-how zusammengeholt" werden - kann freilich auch Druck auf entsprechend viele Ecken ausgeübt werden.
In Kirchs Imperium entstand für rund elf Millionen Mark der Ganghofer-Vierteiler "Der Ochsenkrieg", mit dem von Oktober an der Bayerische Rundfunk seine Landeskinder beglücken will. Fürs nächste Jahr "entwickeln" die Programmplaner Kirchs 49 Ein-Stunden-Episoden des Weltbestsellers "Die Bibel". Derzeit wird in Kanada (Rechte für den deutschsprachigen Raum bei Leo Kirch) das schwülstige Poem "Laden des Goldschmieds" verfilmt. Es ist die Story einer Ehekrise und 1960 vom jetzt amtierenden Papst verfaßt worden.
Für keines dieser Projekte aber haben die Kirch-Leute sich so heftig engagiert wie für den "Zug". Rund eine Million Mark hat es sich die Gruppe laut Programmdirektor Jan Mojto schon kosten lassen, bis Regisseur Damiani auch nur ein zugkräftiges Drehbuch erstellt hatte. "Voll ins Risiko" sei die Beta-Taurus-Gruppe auch dann gegangen, als weitere Millionen in das ursprünglich auf 15 Millionen Mark kalkulierte Projekt gesteckt werden mußten.
"Der Zug" soll nach einem ebenso simplen wie bewährten Rezept an die Fernsehkunden gebracht werden, nämlich in einem europaweiten Medienverbund. Schon jetzt senden das italienische Raidue und das französische TF 1 immer mal wieder Vorberichte über den neuesten Stand der Dreharbeiten. Zusätzlich zu den Filmkameras wuseln TV- und Videocrews der beteiligten Anstalten durch die Komparsenmenge, auch der ORF ist mit von der Partie.
Die Doppelstrategie paßt vorzüglich in die großen Pläne des Münchner Medien-Multis zur Schaffung eines europäischen Medienkonzerns. Kirch verfügt über ein 10-Prozent-Paket beim Springer-Verlag, das er auf 26,1 Prozent aufstocken will. Mit dieser Sperrminorität hätte Kirch nicht nur Zugang zu dem von Springer mitdominierten Fernsehsender Sat 1 (den er über die PKS, ein Tochterunternehmen seiner Hausbank, beliefert), sondern auch zu Zeitungen und Zeitschriften wie "Bild" und "Hör Zu".
Vorerst stößt der Plan auf Widerstand. Springer-Großaktionär Frieder Burda, der zusammen mit seinem Bruder Franz 24,9 Prozent der Springer-Aktien hält, pflegt Kirch hartnäckig aufzufordern, erst mal eine "konsolidierte Bilanz" seiner Firmengruppe vorzulegen.
Tatsächlich ist es auch für Branchenkenner äußerst schwierig, die internen Finanzströme in dem weitverzweigten Netz von Kirchs Firmen lückenlos zu verfolgen. Möglicherweise aber bringt eine Hauptversammlung des Springer-Konzerns an diesem Donnerstag mehr Klarheit darüber, wie der umtriebige Händler seinen Einstieg in den Großverlag finanzieren will.
Vorbilder für seinen Traum-Moloch, den Kirch bieder als Resultat der "Zusammenarbeit zwischen der Monokultur Presse und der Monokultur Fernsehen" bezeichnet, gibt es in Frankreich und Italien wo die Verleger Robert Hersant und Silvio Berlusconi Presse- und Fernseherzeugnisse zugleich vertreiben (und in dem einen Medium jeweils für das andere werben können). Seit dem vorigen Jahr ist die Kirch-Gruppe bei der in Luxemburg ansässigen Produktionsfirma "Consortium Europeen pour la Television Commerciale" dabei, an der sich neben der Berlusconi-Gruppe und dem Franzosen Jerome Seydoux auch die englische Zeitungsgruppe Maxwell beteiligt hat.
Die lukrativen Auswirkungen der Kirchschen "Zusammenarbeit der Monokulturen" hat vor vier Jahren auch "Zug"-Regisseur Damiano Damiani erlebt, als seine sechsteilige, später auch vom ZDF ausgestrahlte Fernsehserie "Allein gegen die Mafia" in Italien zum Straßenfeger wurde.
Auch diesmal stehen die Chancen nicht schlecht. Wie in seinem "Mafia"-Mammutprojekt (50 Darsteller, 1500 Komparsen) setzt der 65jährige Damiani, der längst schon seine rigiden Mafia-Anklagen früherer Jahre ("Der Tag der Eule") aufgegeben hat, auf Massen- und Kriegsszenen und, vor allem, auf tiefe Griffe in die Beziehungskisten.
Tatsächlich nämlich hat sich auf der historischen Reise durch Kriegsdeutschland (die nicht einmal, wie häufig kolportiert, im versiegelten Waggon stattfand) herzlich wenig abgespielt. Weder hat Lenin, von Unruhe zerfressen, verzweifelt auf die Reisegelegenheit gewartet oder seine Einwilligung nur aus taktischen Gründen verzögert (Damianis Version), noch herrschten Hunger, Zorn und Zoff im Zug.
Um die Reise, von Stefan Zweig als eine der "Sternstunden der Menschheit" gefeiert, filmisch wirkungsvoll umzusetzen, baut Damiani seinen Kingsley-Lenin zu einem glutäugigen Sekten-Guru auf, vor dem selbst die Genossen Sinowjew und Radek, immerhin bedeutende Revolutionstheoretiker und Strategen der Kommunistischen Internationale (Komintern), zu quengelnden, eifersüchtig um den Übervater buhlenden Bengeln werden.
Hemmungslos idyllisch durften Schlittenfahrten auf Mütterchen Rußlands heiliger Erde ausfallen, gnadenlos herzzerreißend die unerfüllte Liebe zwischen Lenins Ex-Geliebter Inessa und dem jungen Revolutionär David (dargestellt von Jason Connery, einem Sohn des Bond-Darstellers). Skrupellos sentimental und nach amerikanischen Familienserien angelegt sind Szenen mit dem kleinen Jungen Stiopka: "Mutter, die Birken! ..." - "Ja, mein Täubchen." - "Dann sind wir in Rußland."
Zum effekthascherischen Thriller wird Damianis Psycho-Trip nach Petrograd durch die Spannung zwischen hart gegeneinandergestellten und kolportagehaft gezeichneten Charakteren: Den Transport durch Deutschland muß, wer sonst?, ein Offizier bewerkstelligen, der das revolutionäre Geschmeiß haßt und mit seiner Dienstpistole fuchtelt. Und immer wieder peitscht Damiani die Spannung hoch, indem er seine Figuren vor jeder Entscheidung in tiefes Seelenringen verfallen läßt.
Was das Werk des Bibel-Verfilmers Kirch aber am deutlichsten in die Nähe der Monumentalschinken rückt, sind Regieanweisungen wie die zur 50. Szene, außen, Tag, wenn Lenin seine Exilanten zum Bahnhof und ins gelobte Land führt: "In den Augen der friedlichen Bürger aus Zürich scheint der kleine vorbeiziehende Zug wie eine Wiederholung der Flucht aus Ägypten."

DER SPIEGEL 32/1987
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