05.10.1987

MINISTERAuslaufendes Modell

Durch Vetternwirtschaft hat sich der Sozialdemokrat Hermann Heinemann, Gesundheitsminister im Kabinett Johannes Rau, ins Gerede gebracht. *
Beim Thema Aids packt deutsche Politiker der Spaß an der Aufklärung. Armin Clauss, bis vor kurzem Hessens Sozialminister, weihte in seinem Ministerium einen Kondom-Automaten ein. Bonns Gesundheitsministerin Rita Süssmuth posierte mit einer Aids-Broschüre und unter Klarsichthülle, ihr Kollege Ulf Fink aus Berlin schickte werbeträchtig ein Aids-Mobil durch die Stadt.
Lust an öffentlicher Seuchenbekämpfung verspürt auch NRW-Gesundheitsminister Hermann Heinemann. Neben Plakaten wie "Rettet die Liebe. Stoppt Aids" schaute er erwartungsvoll in die Kamera. Und als Höhepunkt einer Kampagne gegen die tödliche Immunschwäche kündigte Heinemann ein Theaterstück zur Aids-Aufklärung an. Titel: "Aids mich nicht an".
In einer Revue, die im Auftrag des SPD-Ministers für Schulen und Jugendzentren entwickelt wurde und vorige Woche auf Tournee ging, packt das Bühnenquartett "Die Fantastischen Vier" das "schwierige Thema musikalisch, schwungvoll und ohne Moraleinfärbung" an. Bei dem "auf den ersten Blick ungewöhnlichen Vorhaben" soll "der Ernst des Themas", wie der Minister erklärt, "nicht in den Hintergrund" geraten.
Mit forschen Sprüchen - "Ich lasse keinen Mann mehr dran, sagt die Frau von nebenan" oder "Volker C. aus D. will wissen, darf ich bei Zahnfleischbluten küssen" - locken die Theatermacher jugendliches Publikum.
Doch Heinemann, der sich sonst so gern nach vorn drängt, blieb diesmal auffällig reserviert. Als ihn ein enger Mitarbeiter aufforderte, zur Premiere des Stückes nach Krefeld zu fahren, winkte der Sozialdemokrat mürrisch ab. Auch der Hinweis "Hermann, da mußt du hin, vielleicht kommt die ''Tagesschau''", konnte ihn nicht umstimmen. "Das wäre", wiegelte er ab, "vielleicht anrüchig. Der Inhalt des Stückes störte den Minister nicht, nur die Hauptrolle war so problematisch besetzt.
Denn der im Mai abgeschlossene "Werkvertrag zwischen dem Land NRW, vertreten durch den Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales - im folgenden Mags genannt -", und der "Firma Brunos Bunte Bühne, vertreten durch Herrn Bruno Knust - im folgenden Unternehmer genannt -", offenbart ein Stück Filz im Revier, das dem prominenten Sozi schaden kann: Knust, 33, beweist nicht nur als Puppenspieler, Sänger und Schauspieler sein Talent, er gefällt dem Minister auch privat - als Ehemann seiner Tochter Gabi.
Für ein Honorar von 83000 Mark, Requisiten und Bühne inklusive, wurde Knust samt Spielschar vom Ministerium des Schwiegervaters engagiert. Weitere 10500 Mark hat der "Vollprofi" (Knust über Knust) inzwischen nachgefordert, und 500 Mark pro Aufführung zahlt das Ministerium sowieso.
Was da im Kohlenpott läuft, sind, wie das Informationsamt des Ministerpräsidenten _(Auf dem Bierabend einer Dortmunder ) _(Brauerei. )
Johannes Rau zum Auftakt versprach, Szenen aus dem "alltäglichen Leben mit seinen Schwächen, Launen, Ängsten und Versuchungen". Bruno Knust aus Dortmund, Olpketalstraße 90, könnte dazu das Vorbild sein.
Von Städtebauminister Christoph Zöpel, einem Kabinettskollegen Heinemanns, bekam er auf Antrag 102000 Mark (ein Ministeriumssprecher: "Ein normaler Fall"), weil er für den Verein "Entwicklungstheater" eine Kneipe in ein Theater umbauen wollte. Die Stadt Dortmund, SPD-regiert, gab 43000 Mark hinzu. Aus der Stadtkasse hatte der Künstler im Jahr zuvor schon einmal 5000 bekommen.
Auch bei Kultusminister Hans Schwier hatte Schwiegersohn Bruno Veranlassung, für eine "finanzielle Projektförderung" (Knust) Dank zu sagen. 10000 Mark flossen aus dem Kulturetat auf ein Knust-Konto bei der Volksbank in Dortmund. "Ich habe da", beteuert Heinemann, "überhaupt keinen Druck gemacht." Allenfalls habe er mal mit einem Kollegen am Kabinettstisch über seinen Schwiegersohn gesprochen: "Ich habe aber keine Erinnerung mehr daran."
Als Strippenzieher hat es der Genosse Heinemann, bei dem sich früher die SPD-Kanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt Rat holten, selber zu großer Fertigkeit gebracht. Seit zwölf Jahren führt er den mit 135000 Mitgliedern größten SPD-Bezirk Westliches Westfalen. Auch beruflich hat der Sozialdemokrat, ein gelernter Bankkaufmann, erstaunlich viel Erfolg gehabt. Erst war er Sparkassenangestellter, zuletzt Chef der Westfalenhalle GmbH in Dortmund mit 17000 Mark Monatsverdienst. Freunde in der Partei nennen ihn respektvoll den "Zirkusdirektor".
Die Gabe des Dompteurs kam ihm auch in der SPD zustatten. Jusos, die lästig wurden, weil sie radikalen Stamokap-Thesen nachhingen, warf er kurzerhand aus der Partei. Heinemann: "Der Schlange muß man den Kopf abhauen."
Zeitlebens hat "Hermann der Kungler" (Partei-Spitzname) gemauschelt, auf Parteitagen wahlweise mit Rechten und mit Linken. Als ZDF-Fernsehrat verquickte er schon mal das Ehrenamt mit seinem Job. Mit sanftem Druck holte er die "Lustigen Musikanten" und die Sendung "Musik ist Trumpf" in die Westfalenhalle. ZDF-Verwaltungsräte sprachen von einer "Lex Heinemann", Heinemann selber hatte "dem Sender nur Angebote gemacht".
Den Hallen-Dienst hat er nach 14 Jahren aufgegeben: "Das reichte mir." Er wechselte - Krönung der Biographie - in das Kabinett des Johannes Rau: "Das neiden mir manche."
Das Weltbild des konservativen Gefühlssozialisten paßt nicht mehr so recht zum aktuellen Erscheinungsbild der SPD. Beim Parteitag in Nürnberg, wo die Genossen 1986 den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen, verlor Heinemann zeitweise ein Stück Identifikation: "Das ist nicht mehr meine SPD. Noch Anfang des Jahres überlegte er, ob er "nach 13 Jahren im Bundesvorstand die Brocken hinwerfen" solle.
Auch im eigenen Parteibezirk, leicht nach links gerückt, formieren sich die Gegner. Die Dortmunder nehmen ihm übel, daß er nach Iserlohn gezogen ist. Die Linken wollen die Abrechnung für verlorene Schlachten. "Heinemann", sagt einer, "ist ein auslaufendes Politikermodell." Genosse Heinemann weiß, daß ihm "einige ans Leder wollen". Gegen ihn werde "offensichtlich Material gesammelt. Die wollen eine öffentliche Hinrichtung".
Da hat sich allerlei angesammelt. Als der Dortmunder "Haar-Experte" Folkert Klaassen, den er seit 25 Jahren kennt, vorigen Monat "im Beisein des Ministers für Gesundheit und Soziales" die Presse zur Eröffnung eines "Haar-Beratungs-Zentrums" lud, war der Minister persönlich da und machte PR für den guten Bekannten. Heinemann hatte, wie er sagt, "die Einladung zwar gelesen", sich "aber nichts dabei gedacht". Erst später sei ihm "manches klargeworden. Der hat mich gelinkt. Ich dachte, ich sei privat da".
Da nimmt sich das anrüchige Aids-Stück mit Schwiegersohn Bruno nicht ganz so haarig aus. Denn Knust hat in der Puppenspieler-Branche durchaus einen Namen. Die "Power vom Schwiegervater", sagt ein Branchenkenner, "schadet manchmal sogar".
Beim ZDF, wo Heinemann seit 13 Jahren mitentscheidet, tauchte Bruno Knust im vergangenen Jahr gleich mehrfach auf: im Kinder-Ferienprogramm und beim Ratespiel "1, 2 oder 3". Heinemann: "Ich habe damit nichts zu tun." Knust: "Was kann ich dafür, daß mein Schwiegervater Heinemann ist? Ich war vorher schon im ZDF."
Auch beim Aids-Theater mag sich Heinemann "wirklich nichts vorwerfen". Er habe davon, sagt der Sozialdemokrat, der im Ministerium selten gesichtet wird, "nur durch einen Zufall erfahren". Auch Knust legt "Wert darauf", schon früher für ein Institut des Gesundheitsministeriums auf der Bühne gewesen zu sein.
Eine Ausschreibung hat es allerdings nicht gegeben. Der einzige ernsthafte Mitbewerber für die Aids-Revue, die Kölner Gruppe "Ömmes & Oimel", gilt zwar auch im Ministerium als "gestandener", hat aber den Zuschlag nicht bekommen. Die Kölner Profi-Truppe lag mit ihrem Angebot 30000 Mark über Knusts Offerte und wäre mit den Texten "auch längst nicht so schnell fertig geworden" (Ministeriumssprecher).
Heinemann: "Ich habe in die Akten keinen Blick geworfen, ich will''s auch nicht wissen." Der Schwiegersohn kann den "ganzen Kiki nicht verstehen": Soll "ich denn Berufsverbot bekommen, weil mein Schwiegervater Heinemann ist?"
Auf dem Bierabend einer Dortmunder Brauerei.

DER SPIEGEL 41/1987
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