05.10.1987

CIAHundert Gesichter

Er belauschte fremde Politiker, bestach sie, hielt sie an der Macht oder stürzte sie: Reagans CIA-Chef William Casey machte US-Außenpolitik. *
John Poindexter, stellvertretender Chef des Nationalen Sicherheitsrats, war erkennbar tief enttäuscht. "Alles ist vorbei", erklärte er niedergeschlagen den Terrorismusexperten, die im Weißen Haus seit Tagen die Entführung des Kreuzfahrtschiffes "Achille Lauro" im Mittelmeer verfolgt hatten.
Ägyptens Präsident Husni Mubarak, so hatte Poindexter gerade vom US-Botschafter in Kairo erfahren, habe öffentlich erklärt, die vier Entführer des italienischen Schiffes hätten Ägypten bereits verlassen. Damit schien die Chance vertan, arabischen Terroristen erstmals den Prozeß zu machen.
Das war noch nicht mal der schlimmste Schock. Wenige Minuten später wurde die Abschrift eines Telephongesprächs zwischen Mubarak und seinem Außenminister Ismat Abd el-Magid ins Zimmer gereicht. Verblüfft erkannte das Poindexter-Team, daß der vermeintliche Verbündete Mubarak in der Entführungsaffäre eine Doppelrolle spielte.
Natürlich seien die Entführer noch in Ägypten und würden auch nicht an die USA ausgeliefert, versicherte der Präsident laut Transkripttext seinem Außenminister. Schließlich sei Ägypten ein arabisches Land, das den Brüdern in der PLO nicht in den Rücken fallen könne.
Im Laufe der nächsten Stunden lieferte die National Security Agency (NSA), was die Krisenmanager in Washington dann wieder fröhlich stimmte. Aus elf weiteren Mitschnitten von Mubarak-Telephonaten erfuhren sie bis ins kleinste - so als hätten sie im Dienstzimmer des ägyptischen Präsidenten und nicht im 10000 Kilometer entfernten Washington getagt -, wann, wie und womit die Entführer dank Mubaraks Hilfe ausgeflogen würden. Diese Kenntnis bildete die Grundlage zur Ausführung jenes Piratenakts, bei dem amerikanische F-14-Jets die zivile Boeing 737 der Egyptair mit den "Achille Lauro"-Entführern an Bord abfingen und zur Landung auf dem Nato-Stützpunkt Sigonella zwangen.
Wütend forderte ein gedemütigter Mubarak ("Ich bin sehr gekränkt") vom Amtskollegen Reagan, sich für die Luftkaperung zu entschuldigen. Der jedoch dachte nicht daran, sondern machte anderntags eine "beinahe ehrfürchtige Verbeugung" vor dem Mann, der die Abfangaktion über dem Mittelmeer ermöglicht hatte - William Casey, im Mai dieses Jahres verstorbener Direktor des US-Geheimdienstes CIA.
Wanzen und Abhörschaltungen, gelegt durch Caseys CIA und überwacht durch die von Casey beaufsichtigte NSA, hatten Mubaraks Worte aus der Telephonanlage des Präsidenten in das Weiße Haus zu Washington befördert - ein beinahe einmaliger Coup.
Die brisanten Lauschdetails finden sich in einem Buch, das vergangene Woche in den USA und in der Bundesrepublik erschienen ist und vor allem Washington in Aufregung versetzt hat. Darin schildert Verfasser Bob Woodward, 44, Mit-Chefredakteur der Hauptstadtzeitung "Washington Post", wie Caseys CIA die Geschicke fremder Staaten beeinflußte, Attentate planen und ausführen ließ, wie sie Spione einschleuste, ausländische Staatsmänner belauschte und bestach.
Daß Woodward, dessen "Watergate"-Enthüllungen 1974 mithalfen, den Präsidenten Richard Nixon zu Fall zu bringen, ein weiteres Mal ein journalistischer Scoop gelungen ist, scheint sicher. _(Bob Woodward: "Geheimcode. VEIL. ) _(Reagan und die geheimen Kriege der CIA". ) _(Droemer Knaur Verlag. München; 672 ) _(Seiten; 38 Mark. )
Denn ausgerechnet dem Enthüllungsreporter gelang es aus Gründen, "die mir nicht einsichtig sind" (Woodward), das Vertrauen des als pressefeindlich bekannten CIA-Chefs zu gewinnen. Durchschnittlich einmal im Monat empfing Casey den "Post"-Mann während dessen vierjähriger Buch-Recherche zum Informationsgespräch. Oft zeigte sich der Geheimdienstchef, der sich gern mit der Aura eines Meisterspions umhüllte, dabei durchaus freimütig: "Jeder sagt immer mehr, als er sagen dürfte."
Von Casey erfuhr Woodward dutzendweise Einzelheiten aus dem Projekt "Veil" (Schleier) - unter diesem Topsecret-Code liefen alle verdeckten Auslandsaktivitäten der Reagan-Regierung, etwa: *___Casey persönlich pflanzte eine Wanze im Büro eines ____ausländischen Regierungschefs. *___Die CIA hielt entgegen allen Beteuerungen der Regierung ____einen Plan zur militärischen Invasion gegen das ____Links-Regime in Nicaragua parat. *___Der gewählte libanesische Staatspräsident Beschir ____Gemayel wurde Anfang der 70er Jahre als ____Geheimdienstagent angeworben und stand bis zu seiner ____Ermordung auf der CIA-Gehaltsliste. *___In Kairo wurde eine der größten CIA-Außenstellen ____aufgebaut: "Die ägyptische Regierung war komplett ____verwanzt und von oben bis unten mit Agenten ____durchsetzt." *___Casey stockte das Budget für geheime Propaganda ____erheblich auf, um einflußreiche ausländische Zeitungen, ____Institutionen und Denkfabriken mit Geldzuwendungen ____amerikafreundlich zu stimmen. Aus der Propagandakasse ____wurden ebenfalls "einige europäische Journalisten ____bezahlt, um sie einsetzen zu können, wenn es die ____Umstände erfordern".
Die Glaubwürdigkeit der CIA schien fast unbegrenzt. Abgenommen wurde Caseys Dienst beispielsweise, daß der zum Erzterroristen stilisierte Muammar el-Gaddafi libysche Killerkommandos in die USA eingeschleust habe. Vergeltung gegen Gaddafi wurde geplant.
Die aufgeheizte "Hit and Kill"-Stimmung im Weißen Haus und im CIA-Hauptquartier zu Langley (Virginia) ebbte erst wieder ab, als die libyschen Kommandos nie auftauchten und die
CIA einräumen mußte, daß "die Glaubwürdigkeit" ihrer Informanten "fragwürdig" sei.
Wenigstens ein Land aus dem sowjetischen Einzugsbereich wollte Casey laut Woodward "zurückgewinnen" und setzte alles daran, dies Lebensziel zu verwirklichen - wenn schon nicht als Außenminister, der er hatte werden wollen, dann eben als Geheimdienstchef. Schnell hatte er nämlich erkannt, daß dieser Posten die Möglichkeit bot, eine "eigene Außenpolitik zu etablieren".
Gelegenheit dazu hatte Casey mehrmals, so auch im Frühjahr 1985. Immer noch gefangen in der Vorstellung einer "terroristischen Weltgefahr", faßte Casey damals den von Reagan autorisierten Plan, mutmaßliche Terroristen zu erledigen, bevor sie zuschlagen könnten. Die CIA selbst konnte nicht handeln, weil Mord in den CIA-Richtlinien ausdrücklich verboten ist.
Doch Casey fand einen Weg, die US-Gesetze zu umgehen. In Verhandlungen mit dem saudischen Botschafter in den USA, Prinz Bandar Ibn Sultan, und König Fahd (dessen CIA-Akte den Hinweis "Alkoholproblem" enthalten soll) gewann er das Öl-Königreich zum Komplicen.
Die Saudis stellten 15 Millionen Dollar bereit. Damit wurden die Waffen für die Regierung des Tschad bezahlt, damit diese Gaddafis Invasion abwenden konnte, aber auch eine Spende, um die Wahlchancen der Kommunistischen Partei Italiens zu mindern.
Das dritte aus dem Saudi-Fonds angedrehte Ding war weit zu hören. Am 8. März 1985 explodierte in einem Vorort von Beirut eine Autobombe. 80 Menschen starben, 200 wurden verletzt. Heil davon kam das eigentliche Attentatsziel: der geistliche Führer der Schiiten-Truppe Hisb Allah im Libanon, Scheich Fadlallah, vor dessen Hauptquartier die Bombe explodiert war.
Nach dem mißglückten Versuch besannen sich die Saudis traditionell arabischer Mittel: Sie suchten mit Caseys Billigung Fadlallah zu bestechen. Er erhielt für seine Gefolgsleute Nahrungsmittel und Stipendien im Werte von zwei Millionen Dollar. Der CIA-Chef war "perplex", daß eine "so relativ geringe Summe ein so gewaltiges Problem lösen konnte", schreibt Woodward.
Wohl beeilten sich alle lebenden Beteiligten letzte Woche, Caseys saudiarabische Connection abzustreiten. Oder sie begnügten sich wie CIA und Weißes Haus mit lapidarem "no comment".
Verwundert reagierten allerdings Senatoren und Abgeordnete auf die Tatsache, daß ausgerechnet der einsilbige Casey, dem sie bei Kongreß-Befragungen praktisch jedes Wort aus dem Munde locken mußten, Woodward alle Fragen beantwortet hatte - und offensichtlich noch mehr.
Gerade der Mann, der halb Washington an Lügendetektoren anschließen wollte, um denjenigen auf die Spur zu kommen, die geheime und auch weniger geheime Dinge ausplauderten, war offenbar selbst der größte Plauderer gewesen, eben ein "Mann mit den hundert Gesichtern", so Woodward.
"Hätte einer von uns diese Dinge erzählt, sagte der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses im Repräsentantenhaus, der Demokrat Louis Stokes, "man hätte ihn wohl angeklagt."
Dem Autor Woodward und seiner Zeitung wie auch seinem New Yorker Verlag Simon & Schuster scheinen Caseys politische Enthüllungen, in erster Auflage in über 600000 Exemplaren gedruckt, gut zu bekommen. "Der Verkauf läuft wie erwartet", bekannte Verleger Charles Hayward Ende letzter Woche, "die Bücher fliegen aus den Regalen".
Daran änderte sich auch nichts, als der angesehene Journalist selbst ins Zwielicht geriet. Sein letztes Gespräch mit dem CIA-Chef hatte laut Woodward an dessen Bett im Georgetown University Hospital stattgefunden, wo Casey ein Gehirntumor entfernt worden war.
Ob Casey voll in die Iran-Contra-Affäre eingeweiht war, wollte der Interviewer wissen. Casey, so Woodward, "nickte ja" und stammelte auf die Frage nach den Beweggründen "Ich glaubte daran", dann sei er "eingeschlafen".
Das melodramatische Ende sei "eine glatte Lüge", klagte Caseys Witwe Sophia. Sie und ihre Tochter hätten Tag und Nacht am Krankenbett gewacht und hätten von einem etwaigen Besuch Woodwards in dem von Sicherheitsbeamten bewachten Raum wissen müssen.
Selbst die "Washington Post" rückte in diesem Punkt von ihrem Autor ab. Sie erklärte die Krankenhausszene für "erheblich doppelsinnig".
Bob Woodward: "Geheimcode. VEIL. Reagan und die geheimen Kriege der CIA". Droemer Knaur Verlag. München; 672 Seiten; 38 Mark.

DER SPIEGEL 41/1987
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