18.05.1987

Der Schlächter von Lyon

Klaus Barbie und die französische Kollaboration (III) / Von SPIEGEL-Autor Heinz Höhne *
Er war der verhaßteste Mann in Lyon, obwohl ihn kaum einer in der Stadt richtig kannte. Wenn er das elegante Hotel "Terminus" verließ, meist in Zivil, ein weißes Tuch um den Hals geschlungen, und sich unter die Passanten auf dem Cours de Verdun mischte, fiel gar nicht auf, daß "der Schlächter" unter ihnen war: Klaus Barbie, der Gestapochef von Lyon.
Nur Insider erkannten ihn an dem Schäferhund, der nicht von seiner Seite wich, war doch die Bestie ebenso berüchtigt wie ihr Herr: Auf einen Wink des Mannes hin stürzte sich "Wolf" auf Verdächtige und Häftlinge, dabei fast regungslos von Barbie beobachtet.
Wer der Suite 68 im zweiten Stock des "Terminus", Barbies Büro, entronnen war, konnte nie die Horrorstunden vor dem Schreibtisch des Gestapochefs vergessen, diese Stunden sadistischer Vernehmungspraxis und Menschenmißhandlung, aber auch eines gespenstigen Katzund-Maus-Spiels.
Schon der Anblick des knurrendzähnefletschenden Schäferhundes und der vor Barbie liegenden Folterinstrumente sollte eintretende Häftlinge einschüchtern. "Auf seinem Schreibtisch", erinnert sich Ex-Häftling Raymond Aubrac, "lagen Totschläger, Knüppel und Peitschen, und er machte von ihnen reichlich Gebrauch."
Dabei schlug er keineswegs immer sofort zu, sobald ein Häftling die Aussage verweigerte. Britische und amerikanische Gefangene, Angehörige alliierter Geheimdienste, rührte Barbie nicht an. Auch französische Häftlinge wie der spätere Außenminister Christian Pineau kamen unangetastet davon, wenn sie sich eine stichhaltige, unwiderlegbare Geschichte ausgedacht hatten.
Wenn sich aber ein Verhafteter beharrlich ausschwieg, von dem Barbie wichtige Aufschlüsse über die Resistance erwartete, verlor der SD-Mann rasch die so gern zur Schau gestellte Bonhomie und Kumpelhaftigkeit. Dann schlug Barbie mit einer Wildheit ohnegleichen auf die Häftlinge ein, gleichgültig ob Mann, ob Frau, ob Kind.
Schauerliche Szenen, die sich da auf Nummer 68 abspielten: nackte Frauen, die bis zur Bewußtlosigkeit geprügelt und dann von Hunden sexuell mißbraucht wurden, katholische Pfarrer, die Barbie mit Elektroschocks quälte und an den Füßen aufhängen ließ, bis ihnen das Blut aus Mund, Nase und Ohren schoß, Kinder, die er Tag für Tag prügelte und hungern ließ.
Er drückte glühende Zigaretten auf den Leibern von Häftlingen aus, er steckte ihre Köpfe in Eimer mit heißem Seifenwasser, er trieb sie in Badewannen und drückte sie unter Wasser, bis sie fast erstickt waren. Weibliche Häftlinge ließ er gefesselt an die Zimmerdecke hängen, damit seine Schläger von allen Seiten auf sie eindreschen konnten.
Zuweilen legte Barbie eine Pause ein, die seinen "Orgien unsäglich scheußlicher Gemeinheiten", so der Barbie-Biograph Tom Bower", _(Tom Bower: "Klaus Barbie". Rotbuch ) _(Verlag, Berlin; 288 Seiten; 20 Mark )
noch einen Hauch von Dr. Mabuse hinzufügte.
Die gefolterte Resistance-Kurierin Lise Lesevre wachte einmal aus der Bewußtlosigkeit auf, neben sich eine Vase mit Rosen, während aus dem Nebenzimmer
Klaviermusik ertönte. Barbie spielte Chopin - zur Aufmunterung seines Opfers und als Auftakt zu einer neuen "Sitzung" mit den Folterknechten.
So hemmungslos kriminelle Aktivität bewog die Nachwelt, dem ..Schlächter von Lyon" eine Machtfülle zuzuschreiben die ihn zum unbeschränkten Herrn über Leben und Tod in Lyon und in den angrenzenden Departements stempelte. Er schien allgewaltig gewesen zu sein, Herrscher über ein Viertel des deutschbesetzten Südfrankreich.
"Der eigentliche Chef in Lyon war Barbie, ohne Zweifel", urteilt der französische Historiker Marcel Ruby, und sein Kollege Jacques Delarue wähnt, Barbie habe auch "die Befugnis gehabt, reguläre Einheiten der Wehrmacht im Rahmen von Polizeiunternehmen zu kommandieren". Barbie-Biograph Brendan Murphy assistiert: "Er durfte machen, was er wollte."
Das sind nun freilich Übertreibungen und Konstruktionen, die an der historischen Realität weit vorbeigehen. Denn: Klaus Barbie war nie Lyons unbeschränkter Herrscher.
Eine solche Rolle Barbies ließ die Macht- und Kompetenzverteilung im deutschen Besatzungsapparat gar nicht zu: Die militärische Bekämpfung der Resistance war allein Sache der Wehrmacht und ihrer Feldkommandanten in den Departements, wobei Sicherheitspolizei und SD nur eine assistierende Rolle spielten.
Selbst im Lyoner Kommando der Sicherheitspolizei und des SD (KdS) kam der Abteilungsleiter Barbie erst an dritter Stelle. Der Chef des KdS, SS-Obersturmbannführer Dr. Werner Knab, und sein intriganter Stellvertreter Heinz Hollert ließen den Gestapochef lange Zeit nicht hochkommen.
Zudem untergruben Barbies Mißerfolge seine Stellung. Nach dem Schlag gegen die Widerstandsführung um Jean Moulin im Juni 1943 wollte dem SS-Obersturmführer Barbie nichts mehr gelingen.
Barbies Fehlschläge wurden allmählich so deutlich, daß die Oberen im Berliner Reichssicherheitshauptamt der SS (RSHA) ihr Mißfallen zu erkennen gaben. Ein von seiner Dortmunder Heimatdienststelle im Januar 1944 eingereichter Vorschlag, ihn zum SS-Hauptsturmführer zu befördern, wurde in Berlin monatelang verschleppt, derweil volksbiologische Eiferer des RSHA der aberwitzigen Frage nachspürten, ob der Obersturmführer Barbie überhaupt seine Nachwuchs-Pflichten erfülle.
Prompt fanden sie, daß Barbie in seiner dreijährigen Ehe erst ein Kind für Großdeutschland produziert hatte. Barbie setzte eine gewundene Erklärung auf: "Bisher war es nicht möglich, meine Wohnungsverhältnisse in einer erträglichen Form zu regeln. Es war der Wunsch meiner Frau, hierauf Rücksicht zu nehmen. Als weiteren Grund möchte ich angeben, daß ich nur einmal auf Urlaub war."
Da konnte Barbie auch kaum aufmuntern, daß ihn eine verspätete Himmler-Anerkennung "für besondere kriminalistische Leistungen und unermüdlichen Einsatz bei der Bekämpfung einer Widerstandsbewegung" erreichte.
Jedoch die Reihe seiner Mißerfolge setzte sich fort. Auch beim Zusammentreiben jüdischer Menschen für die Todestransporte nach Auschwitz, makaberster Dienst Barbies für den SS-Polizei-Apparat des Heinrich Himmler, konnte er wenig bieten.
Inzwischen nämlich war Barbie auch zu einem der skrupellosesten Handlanger des nationalsozialistischen Holocaust geworden. Seine wichtigste Order lautete zwar, die Lyoner Resistance zu zerschlagen, doch auch die Jagd auf Juden gehörte zu seinem Metier.
Bedenken? Der Antisemit Barbie hatte keine. Er kannte nichts anderes als jenes gewissenlose Funktionieren, das ihm in den Schulungskursen des SD beigebracht worden war und dessen wichtigster Lehrsatz hieß, jeden Befehl der Führung automatenhaft auszuführen. Der Schwarzweiß-Raster seines Weltbildes und seine aggressive Psyche drängten ihn ohnehin meist zu gewalttätigen Optionen.
So bemächtigte sich Barbie mit gewohnter Ruppigkeit seiner neuen Aufgabe, wobei er sich zunächst die Unterstützung der Polizei des kollaborationistischen Vichy-Regimes sicherte, mit deren Lyoner Amtsspitze er sich gut verstand. Im Januar 1943 schlug Barbies Einsatzkommando in Lyon los. Ergebnis: Verhaftung und Deportation von 150 Juden.
Beim nächsten Schlag war die französische Polizei nicht dabei. Am 9. Februar besetzten Gestapo-Männer unter Führung Barbies die Lyoner Zweigstelle der "Union generale des Israelites de France" (UGIF), des von
Vichy eingesetzten Judenrats, und verhafteten jeden, der in den nächsten Stunden die Geschäftsräume betrat - insgesamt 86 Juden, die später in den Vernichtungslagern von Auschwitz und Sobibor umkamen.
Barbie war freilich raffiniert genug, die wichtigeren UGIF-Funktionäre nicht zu verhaften. Die erpreßte er fortan zu Handlangerdiensten: zu Auskünften aus den UGIF-Karteien, zu Informationen über untergetauchte Juden.
Das UGIF-Material reichte ihm, mit Gestapo-Beamten und französischen Polizisten die jüdischen Opfer einzufangen, wobei die Führung dieser Menschenjagd in den Händen des SS-Untersturmführers Erich Bartelmus lag, der in Barbies Abteilung das "Judenreferat" leitete und sich als ein ebenso brutaler Exekutor erwies wie sein Chef.
Barbie und Bartelmus feuerten ihre deutschen und französischen Häscher unnachsichtig zu "Höchstleistungen" an, von Woche zu Woche wollten sie ihre Verhaftungszahlen steigern.
Am Anfang schien alles zu klappen: Überraschende Razzien in den Straßen Lyons und in den Kleinstädten der benachbarten Departements versetzten die Juden in Panik, Hunderte von ihnen liefen den Verfolgern ins Netz. Ein Attentat auf deutsche Soldaten genügte als Vorwand, um aus Bahnzügen, Kinos und Restaurants alle Franzosen mit jüdischen Namen herauszuholen.
Wenn aber eine jüdische Familie ihre Kinder versteckt hatte oder Festgenommene ihre untergetauchten Freunde nicht rasch genug verrieten, ließ sie Barbie in die Keller von Lyons düsterer Ecole de sante militaire, dem Sitz der Gestapo, treiben und dort von seinen Folterknechten so lange quälen, bis sie alles "gestanden".
Oft prügelte dabei Barbie mit, wie im Falle der 13jährigen Simone Kaddouche, die er tagelang schlug, weil sie nicht preisgeben wollte, wo ihre verschwundenen Geschwister waren. Simone erinnert sich: "Mein Gesicht war völlig entstellt. Meine Lippe war aufgeplatzt. Überall strömte mir das Blut herunter."
Immer häufiger richtete Barbie seine Verhaftungsaktionen und Erpressungsmanöver gegen jüdische Kinder. Schutzlos und verwirrt, von den Eltern irgendwo auf dem Land untergebracht, nicht selten von fremdenfeindlichen Nachbarn denunziert, gerieten sie nur allzu leicht in die Gewalt der Menschenjäger.
Unermüdlich ließ Barbie nach Kindern fahnden, verbissen schickten er und Bartelmus die Fangtrupps aus, Wohnungen und Häuser zu durchsuchen - bis hin zu dem unauffälligen Bauernhaus am Rande des kleinen Dorfes Izieu östlich
von Lyon, in das am Morgen des 6. April 1944 ein Gestapo-Kommando einbrach, um alle Insassen zu verhaften: jüdische Kinder und ihre Betreuer.
Ob Barbie bei der Aktion selbst dabei war, läßt sich nicht mehr restlos klären. Er bestreitet es natürlich. Der Landarbeiter Julien Favet, Zeuge des Überfalls, will nach 43 Jahren Barbie wiedererkennen als den ihm damals unbekannten Zivilisten, der ihn vor der Verhaftung bewahrte; andere Indizien für Barbies Anwesenheit fehlen.
Eindeutig aber ist das Fernschreiben, das Barbie noch am selben Tag über die Verhaftung der Kinder, die später nahezu alle in den Gaskammern von Auschwitz starben, an den in Paris sitzenden Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD (BdS) absetzte: _____" In den heutigen Morgenstunden wurde das jüdische " _____" Kinderheim "Colonie Enfant" in Izieu-Ain ausgehoben. " _____" Insgesamt wurden 41 Kinder im Alter von drei bis 13 " _____" Jahren festgenommen. Ferner gelang die Festnahme des " _____" gesamten jüdischen Personals, bestehend aus zehn Köpfen, " _____" davon fünf Frauen. Bargeld oder sonstige Vermögenswerte " _____" konnten nicht sichergestellt werden. Der Abtransport nach " _____" Drancy erfolgt am 7. 4. 44. "
Solche "Erfolge" konnte Barbie freilich nicht häufig melden. Schon im Sommer 1943 hatte er begriffen, daß die "Judenaktionen" meist Mißerfolge waren. Die französische Gendarmerie, irritiert von dem wachsenden Widerstand der Öffentlichkeit gegen die Judendeportationen, spielte kaum noch mit, ja es gab sogar Fälle, in denen Gendarmen gefährdete Juden vor Gestapo-Razzien gewarnt hatten.
Das mußte auch dem BdS und seinen Berliner Auftraggebern auffallen: Wo sie Zehntausende verhafteter Juden erwartet hatten, konnten ihnen Barbie und die anderen örtlichen Gestapochefs in Südfrankreich nur Hunderte bieten.
Das erboste Reichssicherheitshauptamt griff ein und entsandte den Eichmann-Vertrauten Alois Brunner mit einem "Fliegenden Kommando" brutalster Judenverfolger, das nun systematisch ein Departement nach dem anderen durchkämmte - über den Kopf der zuständigen KdS hinweg, deren Funktionäre sich als Versager verhöhnt sahen.
Barbie wäre in ernsthafte Schwierigkeiten geraten, hätte sich ihm nicht eine französische Truppe angeboten, der die späten Skrupel der Gendarmerie fremd waren. Die Milice francaise, eine Art Prätorianergarde des Vichy-Regimes, auf Drängen Hitlers im Januar 1943 zur Bekämpfung der Resistance aufgestellt, galt nicht umsonst als eine Hochburg
rabiater Faschisten und Antisemiten. Sie waren bereit, die deutschen Herren bei der Jagd auf Juden und Widerstandskämpfer bedingungslos zu unterstützen.
Ihr Anführer in Lyon, ein Alkoholiker und ehemaliger Marineoffizier namens Joseph Lecussan, und sein Stellvertreter Paul Touvier hatten ehrgeizige Pläne, die sie ohne die Deutschen nicht verwirklichen konnten. Sie wollten die Miliz zur ersten Macht im Staat Petains erheben, zur Elite eines künftigen nationalistischen Frankreich.
So waren Lecussan und Touvier nicht abgeneigt, dem Gestapochef gefällig zu sein. Barbie benötigte ihre Hilfe, und das wollten sie nutzen, denn sie besaßen, was Barbie fehlte: die Ortskenntnis, die Vertrautheit mit der französischen Mentalität, den Einblick in die Resistance.
Touvier konnte Barbie am ehesten helfen. Er gehörte zu den Mitbegründern des Deuxieme Service, des geheimen Nachrichtendienstes der Miliz, und hatte sich schon als ND-Chef in Savoyen den Ruf erworben, ein ebenso einfallsreicher wie rücksichtsloser Aufspürer von Vichy-Gegnern zu sein.
Auch in Lyon unterhielt Touvier eine Gruppe schlagwütiger Milizionäre, die sich auf das konspirative Geschäft verstanden und mit Widerständlern Verbindung hielten. Sie versorgten Barbie mit oft treffsicheren Nachrichten über Stärken und Schwächen der Resistance.
Touvier und Lecussan fingen an, gemeinsam mit Barbie einen erbarmungslosen Ausrottungsfeldzug gegen die Resistance zu führen. An inhumaner Kampfführung und Gefangenenbehandlung standen die Milizionäre den "Kameraden" von Gestapo und SD nicht nach. Sie schossen ihre Opfer nach Art südfranzösischer Gangster gleich nieder, aus deren Reihen nicht wenige von ihnen stammten.
Jetzt konnte Barbie wieder Erfolge nach Paris und Berlin melden: Er fing Südostfrankreichs lange gesuchten Widerstandsführer Albert Chambonnet alias "Didier", brachte den wohl gefährlichsten Terroristen der südfranzösischen Resistance, den Automechaniker Mario Blardone, in seine Gewalt, dazu Hunderte von Widerstandskämpfern in der Provinz.
Oft waren es Spitzel der Miliz, die Barbie solche "Abschüsse" ermöglichten. Allerdings nicht immer bekämpfte die Miliz den Gegner, zuweilen verhandelte sie auch mit ihm, wenn sie auf der Gegenseite alte Freunde oder Antikommunisten wähnte, die nicht abgeneigt schienen, ins andere Lager überzuwechseln.
Zusehends verschafften die Milizionäre Barbie Zugang zu einer Gesellschaft, die sich bis dahin den Besatzern entzogen hatte. Die Miliz blieb nicht der einzige Helfer Barbies bei der Jagd auf Widerständler und Juden; mehr und mehr Franzosen verbanden sich mit dem "Schlächter von Lyon".
Am Ende standen viele in Barbies Dienst: ehemalige Polizisten, kollaborationistische Politiker, Beamte in den Präfekturen, Honoratioren in den Kleinstädten und Dörfern, Figuren aus der Unterwelt - bereit zu jeder Assistenz wie der Berüchtigtste unter ihnen, der Ex-Kommunist Francis Andre, wegen einer Kinnverletzung "Gueule tordue" (Schiefe Schnauze) genannt, Anführer einer 200 Mann starken Prügelgarde.
So dicht flossen jetzt die Informationen aus der Bevölkerung, daß Barbie in der Ecole de sante militaire ein Büro einrichten mußte, um die eingehenden Hinweise systematisch erfassen zu können. Die Bearbeiter waren Franzosen, ihr Chef der ehemalige Polizeiinspektor Andre Jaquin: Bis zu 150 Denunzianten meldeten sich täglich im "Büro Jaquin".
Die Hinweise waren nicht nur Dokumente menschlicher Niedertracht, sie enthüllten zugleich, wie empfänglich so mancher Franzose für die Anti-Resistance-Propaganda der Gestapo war. Nicht ohne Raffinesse beuteten Barbie und seine Helfer den Unmut breiter Bevölkerungsschichten über die Terroristen der Resistance aus, "die angebliche Kollaborateure mit einer Brutalität ermordeten, die den Abscheu angesehener Franzosen ebenso auf sich zog wie die Vergeltung der Gestapo" (so der britische Historiker Max Hastings).
Sosehr auch die Masse der Nation das schleunige Verschwinden der Deutschen ersehnte, ohne allerdings dazu aktiv beitragen zu wollen - blindwütigen Terror gegen Besatzer und Vichy-Funktionäre wünschte kaum einer, auch nicht das Gros der Widerständler. Dort waren es vor allem die ehemaligen Offiziere, die ihre "Geheimarmee" vor Ausfällen des Fanatismus zu bewahren versuchten. Jahrelang hatten die meisten "resistants" auf Zeit gespielt; sie hatten Waffen und Sprengstoffe sorgfältig versteckt, lebten weiterhin in ihrer bürgerlichen Umwelt und warteten auf die Stunde, in der Charles de Gaulle und die Alliierten sie rufen würden. Aktionen gegen die Besatzer unternahmen sie kaum, allenfalls wenn sie von ihnen angegriffen wurden.
Im Frühjahr 1943 aber drängten in der Resistance Aktivisten nach vorn, die nicht mehr warten wollten und den sofortigen, gnadenlosen Kampf gegen alle Bedrücker Frankreichs zu ihrer Parole gemacht hatten.
Sie mochten sich auch nicht damit begnügen, allein die fremden Besatzer zu bekämpfen. Ihr ganzer Haß galt dem "anderen", dem antirepublikanischen
Frankreich, dem Staat Petains mit seinen ultrakonservativen Bürgern und elitären Bürokraten, machtgierigen Klerikern und faschistischen Schlagetots, unentrinnbar verbunden mit dem Schicksal Hitler-Deutschlands.
Gegen dieses Frankreich entfesselten radikale Widerstandsgruppen eine Terrorkampagne, die den Gegner entscheidend lähmen, ja ihn auslöschen sollte. Ein Bürgerkrieg hob an, den der US-Historiker Milton Dank "einen der schrecklichsten in der Geschichte Frankreichs" nennt.
Kein Zweifel, daß auch die Kriminalisierung von Teilen des Widerstands letztlich auf das Schuldkonto der Deutschen ging, die diesen Krieg begonnen hatten und mit ihren Soldaten und Polizisten Frankreich drangsalierten. Gleichwohl mußte es französische Bürger bekümmern, daß die Sache der nationalen Befreiung jetzt auch mit Methoden vorangetrieben wurde, die nicht unähnlich jenen waren, die bisher als typisch für das barbarische Nazi-System galten.
Denn: Mord, physische Vernichtung des Gegners, gehörte nun auch zu den Kampfmitteln der Resistance. Jede größere Widerstandsgruppe legte sich ein Killer-Kommando zu, das auf Befehl liquidierte, wen die Gruppenführung ("Komitee") für einen gefährlichen Kollaborateur oder gar Verräter an der Resistance hielt.
"Ich habe weit mehr Franzosen als Deutsche getötet, und ich habe nie auch nur die kleinste Vorwarnung gegeben", erzählt der Terrorist Blardone, und sein Kollege, der sich "Tom Rodgers" nennen läßt, weiß noch: "Man nannte mir den Namen eines sadistischen Nazis oder eines französischen Verräters und sagte mir, das Komitee habe beschlossen, ihn zu töten. Und ich tötete."
Dabei wirkte auch eine Gruppe mit, die sich seit jeher aufs Morden und Totschlagen verstand: das organisierte Verbrechertum. Anfangs hatte es zwar so ausgesehen, als werde die Rekrutierung der Gangsterwelt allein der Gestapo und Miliz überlassen bleiben, doch die Resistance holte rasch auf.
Die "COMAC", ein Aktionsausschuß der Resistance, heuerte Gangster für die heikelsten Mordanschläge an, glaubte sie doch, ohne die "Spezialisten" nicht auskommen zu können. Und da die Resistance über genügend Geld verfügte, um die Gangster am Patriotismus zu interessieren, kamen die Berufskiller gern, darunter auch ehemalige Gestapo-Helfer.
Selbst "Monsieur Henri", den Ex-Dieb Henri Chamberlin, Anführer der wohl berüchtigtsten Verbrecherbande in Gestapo-Diensten, die in der Pariser Rue Lauriston ganze Folterwerkstätten unterhielt, wollte die Resistance anheuern. Im Herbst 1943 verhandelten ihre Vertreter mit Henri, doch der lehnte schließlich den Frontwechsel ab.
Mancher Gangster war dabei, als die Killer-Kommandos der Resistance ausschwärmten und ausgesuchte Funktionäre des Vichy-Regimes mit ihren Maschinenpistolen niedermähten. Nicht wenige ihrer Aktionen glichen Gangsterschlachten a la Chicago: Schlag um Schlag wurde der Gegner zusammengeschossen.
An der Spitze ihrer Todeslisten standen Milizionäre, gegen sie richteten sich die spektakulärsten Aktionen der Resistance-Kommandos. Mit der Ermordung des stellvertretenden Milizchefs des Departements Bouches-du-Rhone hatte im April 1943 der Terrorfeldzug begonnen, mit dem reihenweisen Abknallen hoher Milizfunktionäre in Barbies Machtbereich erreichte er Ende des Jahres seinen ersten Höhepunkt.
Umstritten war selbst in der Resistance das Abschlachten des Milizchefs von Voiron, eines Barbie-Konfidenten namens Jourdan, durch zwei Killer der Resistance: Sie schossen nicht nur Jourdan und seine beiden Leibwächter nieder, sie rotteten auch gleich die ganze Familie aus, einschließlich Ehefrau, Mutter, Sohn und einem 15monatigen Kleinkind.
Natürlich zahlte die Miliz solche Aktionen mit gleicher Grausamkeit zurück. Ihre Roll- und Mordkommandos walzten wahllos Juden, Gaullisten und tatsächliche oder vermeintliche Terroristen nieder, was nun vollends "den französischen Bürgerkrieg zu einer mörderischen Orgie verkommen ließ", wie Dank formuliert.
Meistens traf es Unbeteiligte wie den 70jährigen Juden Elie Dreyfus, in dessen Versteck in Annecy eines Tages Lecussan einbrach. Er zog seine Pistole und bedeutete dem alten Mann: "Monsieur, unser Kamerad Jacquemin wurde von Ihren Freunden feige ermordet. Die Miliz _(Mit Miliz-Chef Darnand und ) _(Ministerpräsident Laval. )
hat Sie zum Tode verurteilt. Sie haben drei Minuten, um sich auf den Tod vorzubereiten." Dann erschoß er ihn.
"Jeden Tag", so registriert Milton Dank, "wurden Leichen auf Straßen und Landwegen gefunden. Manchmal hatte man den Toten einen Zettel angeheftet, auf dem stand: ,Tod den Kollaborateuren!'' oder ,Terror gegen Terror! Dieser Jude hat für die Ermordung eines Patrioten bezahlt''."
In diesem Inferno von Gewalt und Fanatismus aber erschien Klaus Barbie als ein Verbrecher unter anderen. Das Morden in Südfrankreich decouvrierte ihn als das, was er war: einer von vielen, die Krieg und Nationalsozialismus enthemmt hatte, skrupelloser Vertreter des bürokratisierten Terrors, bar jedes sittlichen Halts und jeder Ratio.
Der Häftling Blardone, auf den die Peitschenhiebe Barbies niedersausten, war einer der ersten, der in dem Gestapochef einen Geistesverwandten der Polit-Kriminellen erkannte. Nicht ohne Profi-Interesse beobachtete er im Folterkeller der Ecole de sante militaire, wie Barbie seine Häftlinge hofierte, verhöhnte, mißhandelte oder sie kurzerhand umbrachte, wenn sie ihm nicht mehr nützlich schienen.
Eines Nachts sah Blardone, wie er sich erinnert, "Barbie die Treppe herunterkommen und jemand vor sich herstoßen". Er merkte sich die Szene: Barbie blieb immer drei Stufen hinter dem Mann und trieb ihn zum Weitergehen an.
Blardone: "Ich habe das mit den Augen des professionellen Killers beobachtet, und ich wußte genau, was passieren würde. Barbie schoß dem Mann in den Hinterkopf. Der Schädel flog auseinander, und der Mann schoß in Purzelbäumen die Treppe hinunter, wie ein Kaninchen. Um diese Wirkung zu erzielen, muß man genau drei Stufen hinter ihm abdrücken."
Außerhalb dieser Horrorwelt aber übte Barbie Zurückhaltung, gehörte es doch zu seiner Taktik, das Verfolgen und Exekutieren von Franzosen in erster Linie der Miliz zu überlassen.
Vichy hatte zudem ein Gesetz erlassen, das der Miliz erlaubte, Drei-Mann-Tribunale zu errichten mit der Aufgabe, jeden gewaltsamen Widerstandsakt gegen Besatzungsmacht und Vichy-Staat mit dem Tode zu bestrafen - ohne Anwaltsschutz für den Angeklagten, ohne Revisionsmöglichkeit.
Die Tribunale der Miliz verbreiteten Furcht und Panik, da sie im Stil des Ku-Klux-Klan arbeiteten: Die Richter traten maskiert auf, agierten nachts und waren verschwunden, ehe Milizionäre die meist gar nicht oder nur unleserlich unterschriebenen Todesurteile vollstreckten.
Barbie blieb dabei im Hintergrund, zumal es zu den Ungereimtheiten der Resistance gehörte, ihren Feldzug eher gegen Franzosen denn gegen die Besatzer zu führen. Kaum ein Zehntel ihrer Aktionen galt deutschen Personen oder Einrichtungen (nur kleine aktivistische Gruppen und KP-Partisanen konzentrierten ihre Überfälle auf die Besatzer).
Erst als im Frühjahr 1944 die bevorstehende Landung der Alliierten ("D-Day") ihren Schatten auf Südostfrankreich warf, zeigte Barbie wieder seine eigene Handschrift. Ein Zufall wollte, daß die Invasionsplaner just die Departements ostlich von Lyon zu Zentren eines Maquis-Aufstandes am "D-Day" erkoren hatten.
Die Alliierten ließen Agenten, Waffen und Munition über den Lagern der in den "Maquis" (Dickicht) ausgewichenen Vichy-Gegner und Partisanen absetzen, vor allem in den Wald- und Berggebieten des Ain zwischen Lyon und der Schweizer Grenze und im Vercors, einem verkarsteten Kalkgebirge südlich von Grenoble - Domänen von Barbie.
Der erfuhr bald durch seine Spitzel was sich in den Departements Ain, Isere, Haute Savoie und Jura zusammenbraute. Immer dazu neigend, den Gegner zu überschätzen, drängte Barbie seinen Chef Knab zu einem sofortigen Gegenschlag, mit dem er die auf mehrere
tausend Mann geschätzten Maquis"Banden" vernichten wollte.
Doch der Sicherheitspolizei waren die Hände gebunden, denn die militärische Bekämpfung der Resistance war Aufgabe der Wehrmacht. Deren Offiziere aber mißtrauten nicht selten den Alarmmeldungen von Gestapo und SD und zögerten Aktionen gegen die "Banden" hinaus, obwohl sie grundsätzlich Befehl hatten bis zur Invasion alle Partisanengruppen zu zerschlagen.
Hinter solchem Zögern verbarg sich nicht nur die Abneigung der Soldaten gegen die Scharfmacher in der ungeliebten SS-Uniform, die als Vertreter der Polizeiexekutive an jeder Operation beteiligt werden mußten. Da war mehr im Spiel: der verzweifelte Versuch konventioneller Militärs, selbst im schmutzigsten aller Kriege einen Rest "anständiger" Kampfführung beizubehalten.
Sie wußten, daß bei der "Bandenbekämpfung" manchmal auch eine disziplinierte Truppe die Nerven verlor und Amok lief. "Von der Truppe", schimpfte Walther Lucht, der Kommandierende General des LXVI. Reserve-Korps nach einem Einsatz, "ist in unverantwortlicher Weise geplündert, geschändet und sinnlose Zerstörung angerichtet worden. Dieses schamlose Verhalten spricht dem alten, guten Ruf des ehrlich und sauber kämpfenden deutschen Soldaten Hohn."
So mußte Knab beim Kommandanten des Heeresgebietes Südfrankreich wochenlang antichambrieren, ehe der seine Zustimmung zu dem Schlag gegen den Maquis in Barbies Departements gab. Mitte März 1944 war es soweit: Die in Grenoble stationierte 157. Reserve-Infanterie-Division des Generalleutnants Karl Pflaum rückte aus zum "Unternehmen Korporal".
Pflaum hatte die Führung der Operation, der ihm beigegebene Knab sollte "sicherheitspolizeiliche Aufgaben" wahrnehmen. Für Barbie fiel nur eine kleine Rolle ab: Er leitete eines der vier Jagdkommandos des KdS, die die Truppe unterstützen sollten.
Doch Barbie war entschlossen, Tempo und Ausmaß des Unternehmens selbst _(Französische Widerständler an einer ) _(Sammelstelle für Nachschubgüter der ) _(Resistance. )
zu bestimmen, waren es doch seine V-Männer, von deren Informationen der Erfolg der Aktion abhing. Sie hatten wochenlang die Abwurfmanöver britischer Flugzeuge über der Hochebene von Glieres in der Nähe von Annecy beobachtet und die Nachschubwege in die Lager der Maquisards aufgespürt - Ziel von "Korporal".
Noch ehe aber Barbie zum Zuge kommen konnte, war das Unternehmen schon wieder beendet - dank der Torheit des örtlichen Maquis-Chefs Tom Morel, der im Vertrauen auf die neuen Waffen tat, was kein erfahrener Guerrillero riskiert hätte: sich den Soldaten der Wehrmacht im offenen Kampf zu stellen.
Am 25. März stürmten Pflaums Gebirgsjäger das von den Maquisards verteidigte Plateau des Glieres, binnen weniger Stunden war die ganze Partisanengruppe zerschlagen. Barbie kam zum Kampf zu spät. _(Französische Widerständler, die Barbie ) _(am 27. Juli 1944 vor seinem Stammlokal ) _("Moulin a Vent" erschießen ließ, in dem ) _(einen Tag zuvor eine Bombe detoniert ) _(war. )
Bei der nächsten Operation, dem am 7. April beginnenden ..Unternehmen Frühling", war er schneller zur Stelle. Diesmal richtete sich die "Säuberungsaktion" gegen die unwegsamen Gebiete im Nordosten Lyons, in denen starke Maquis-Gruppen operierten und in denen Barbies Späher bis zu 20 Partisanenlager gezählt haben wollten.
Die größte Kampfgruppe der Division geriet denn auch prompt in der schluchtenreichen Waldgegend von Vulvoz in einen Hinterhalt, aus dem sie sich nur mit Mühe befreien konnte - unterstützt von einer Entsatztruppe aus dem nahe gelegenen Bischofsstädtchen Saint-Claude, in dem sich auch Barbie mit seinem Jagdkommando einquartiert hatte.
Barbie sah seine Stunde gekommen: Die eigenen Verluste bei Vulvoz waren ihm Grund genug, in Saint-Claude zahlreiche Franzosen, die als Sympathisanten des Maquis verdächtigt wurden, verhaften und im "Hotel de France" verhören zu lassen, auf seine Art:
Einen Verhafteten namens Joseph Kemmler, den Barbie für einen der Führer des Maquis im Elsaß hielt, ließ er tagelang schlagen, bis Kemmler auf seinem Stuhl tot zusammensackte.
Je mehr sich erwies, daß die von seinen Spitzeln gemeldeten Partisanenlager verlassen waren, desto unbeherrschter wurden Barbies Aktionen. Mit den sechs Männern seines Jagdkommandos und einigen Soldaten der Division raste er durch die Umgebung von Saint-Claude, eine breite Spur blutiger Untaten zurücklassend.
In Les Moussieres ließ er vier Franzosen erschießen, die er im Verdacht hatte, mit den Maquisards zusammenzuarbeiten, das Dorf Larrivoire setzte er in Brand, weil in dessen Schulhaus eine Maquis-Gruppe getagt und "Verräter" gefoltert hatte, in Les Bouchoux wurden auf seinen Befehl Häuser geplündert und angezündet.
Das spielte sich wie "in einem unbändigen, rasenden Anfall von Tollwut" (so der Barbie-Biograph Bower) ab, daß selbst der phantasielose Pflaum begriff, warum Barbies Männer keine französischen Helfer mitgenommen hatten. "Die von mir angeregte Mitwirkung der franz. Miliz", so stand später im Bericht der Division, "wurde vom SD abgelehnt, weil die Miliz angeblich zu wenig Erschießungen vornimmt und zu wenig Häuser abbrennen läßt."
Als der arrogante Barbie auch noch auf die Führung des in Saint-Claude liegenden 99. Gebirgsjäger-Bataillons Einfluß nehmen wollte, verbat sich Pflaum jede Einmischung des SD und brach die Operation ab - mit der reichlich optimistischen Erklärung, es sei
längst "gelungen, die im südl. Jura festgestellte starke Terroristenorganisation völlig zu zerschlagen".
Schon marschierte die Division zu einem neuen Unternehmen auf, jetzt im Süden von Grenoble, wo auch die Militärs die größten Gefahren für ihre Verbindungs- und Versorgungsstraßen östlich der Rhone sahen: im Vercors, in dem Tausende von Maquisards seit 1942 eine Art weiträumige Felsenfestung ausgebaut hatten, ständiger Unruheherd im Rücken der Wehrmacht.
Doch das Unternehmen wurde Anfang Mai vertagt, der Kommandostab in Lyon befahl Pflaums Division nach Grenoble zurück. Jeden Tag konnte die Invasion der Alliierten beginnen. Auch die Resistance-Führer kamen kaum noch von ihren Funk- und Radiogeräten weg - in Erwartung des ersehnten Kodeworts aus London.
Da fing am späten Abend des 5. Juni 1944 der Abhördienst des Pariser BdS die ersten der auch von ihm erwarteten 70 "messages personnels" der BBC auf, die alle Resistance-Gruppen in Frankreich anwiesen, sofort loszuschlagen. Der BdS kannte den Sinn dieser Radiosprüche, umgehend alarmierte er seine Kommandos und Außenkommandos: Die Invasion war da.
Kaum stießen britische und amerikanische Landeverbände an die Küsten der Normandie vor, da waren Frankreichs Widerständler schon alarmiert. Sie sammelten sich rasch und rissen im Hinterland der Wehrmacht die Initiative an sich: Straßen wurden gesperrt, kleine Orte besetzt, Bahn- und Telephonverbindungen unterbrochen.
Sie brachten anfangs so viele Orte und Landstriche Südfrankreichs unter ihre Kontrolle, daß der Oberbefehlshaber West, Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt, schon am 16. Juni alle französischen Gebiete südlich der Loire aufgeben wollte. Vor allem im Zentralmassiv stand es schlecht für die Deutschen: die Departements Correze und Dordogne von der Resistance beherrscht, Teile des Departements Indre verloren, Tulle besetzt, Limoges belagert, Perigueux und Brive bedroht.
Desto mehr mußte auffallen, daß in Barbies Domäne nahezu alles ruhig blieb. In Lyon, der legendären Kapitale der Resistance, rührte sich kaum ein Widerständler. Barbie und seine Helfer hatten offenbar ganze Arbeit geleistet: Lyon spielte keine Rolle mehr in den Aufstandsplänen des Widerstands.
Barbie konnte von den zwiespältigen Gefühlen der französischen Öffentlichkeit profitieren, die eher Vichys beruhigenden Appellen zuneigte als den Kampfparolen der Resistance. In Lyon machte sich zudem aggressive Stimmung
gegen die Alliierten breit: Am 26. Mai hatten 700 US-Bomber die Stadt angegriffen, wobei auch Wohnviertel verwüstet und 717 Lyoner getötet worden waren.
Nie zuvor hatten die Informationsstellen von Gestapo und Miliz regeren Zulauf gehabt als in diesen ersten Wochen der Invasion. Noch schien nicht ausgemacht, daß die Deutschen die Schlacht in der Normandie verlieren würden: Die unverwüstliche Überlebenskunst mancher Franzosen feierte seltsame Triumphe.
Doch Barbie traute der Friedhofsruhe nicht. In seinem neuen, verbarrikadierten Quartier an der Place Bellecour (die Ecole war bei dem US-Luftangriff zerstört worden) belauerte der Obersturmführer den unsichtbaren Gegner, bereit, auf jede Regung des Widerstands erbarmungslos zu reagieren.
Als just in Barbies Stammlokal "Moulin a Vent" die Resistance in der Nacht zum 26. Juli eine Bombe hochgehen ließ, schlug Barbie binnen weniger Stunden zu: Am Mittag des nächsten Tages schleppten SS-Männer fünf verhaftete Widerstandsführer, unter ihnen Chambonnet, vor das Restaurant und erschossen sie dort - mitten im Großstadtverkehr Lyons.
Weit mehr beschäftigte den Gestapo-Chef allerdings die wachsende Unruhe in den benachbarten Departements, wo sich die Resistance neu formierte. Am ärgsten irritierte ihn die hektische Mobilmachung des Maquis im Vercors, wo sich inzwischen fast 4000 Mann zum Kampf gegen die Wehrmacht rüsteten.
Seine Spitzel brachten Barbie auch auf die Spur von 15 Fallschirmagenten, die am 28. Juni bei Vassieux abgesprungen waren und offenbar Order hatten, in den Kleinkrieg der Maquisards von Vercors etwas militärische Ordnung zu bringen - erster Fernkontakt Barbies mit seinem künftigen Arbeitgeber: dem US-Geheimdienst.
Was Barbie dabei über die Arbeit der Amerikaner erfuhr, veranlaßte ihn, sofort die Wehrmacht zu alarmieren. Die Luftwaffe der Alliierten versorgte laufend den Maquis im Vercors mit Waffen und Munition, allein am 14. Juli waren 85 Flugzeuge im Raum Vassieux beobachtet worden, die Tausende von Containern abgeworfen hatten.
Doch die Gegenaktion der Wehrmacht lief bereits. Ihre Führung hatte in aller Eile 22000 Mann zusammengekratzt, die das Rebellengebiet abriegelten und am 19. Juli zum Angriff antraten - Beginn eines erbitterten Kampfes, dessen Ausgang angesichts der Stärkeverhältnisse kaum zweifelhaft war.
Lange konnten sich freilich die Deutschen ihres Erfolges nicht erfreuen. Am 15. August 1944 landeten US-Verbände und gaullistische Truppen auch an der Mittelmeerküste bei Cannes, was die Lage der deutschen Armeen in Frankreich vollends unhaltbar machte. Der Norden war für die Deutschen schon verloren, der Süden nicht zu verteidigen.
Kaum einer aber zelebrierte das Ende der deutschen Herrschaft in Frankreich grausiger und blutgieriger als Barbie:
ein schon im April erlassener Befehl des BdS, in Lagern und Gefängnissen auch den letzten Juden "auszukehren", und die Zerstörungsorders von Knab gaben Barbie Anlaß, alle Spuren und Zeugen seiner Lyoner Aktivitäten zu beseitigen.
Ihm blieb nicht mehr viel Zeit. Schon rückten die alliierten Verbände nach Norden vor, ihre Vorhuten näherten sich bereits Grenoble.
Von Tag zu Tag gebärdete sich Barbie hysterischer, rabiater: Er ließ alle Aktenstücke seiner Dienststelle verbrennen, lästige Mitwisser unter seinen französischen Helfern verschwinden und das Montluc-Gefängnis "säubern", Zelle um Zelle.
Schon am 11. August hatte er Order gegeben, 650 verhaftete Juden und Widerstandskämpfer in die Waggons eines Zuges zu verfrachten, der für Auschwitz bestimmt war. Dann übernahmen er und seine Schergen das Liquidieren gleich selbst: Vom 17. August an holten Gestapo-Männer insgesamt 109 jüdische Häftlinge aus dem Gefängnis und brachten sie auf den Flugplatz Bron, wo sie ihre Opfer erschossen und in Bombenkratern verscharrten.
Vier Tage später folgte der nächste Schlag: 120 Männer und Frauen aus dem Montluc, meist Angehörige der Resistance, wurden von der Gestapo in das Fort de Cote-Lorette im nahe gelegenen Saint-Genis-Laval verschleppt und dort erschossen. "Am Schluß", so der Zeuge Max Payot, "lagen die Leichen anderthalb Meter hoch, und ab und zu stiegen die Deutschen auf die Körper ihrer Opfer, um diejenigen, die noch stöhnten, zum Schweigen zu bringen."
Da machte der Fall Grenobles am 23. August dem Blutrausch Barbies ein Ende. Knab und seine Männer flohen aus Lyon, mit ihnen Barbie, der zunächst bis Dijon kam. Dann scheint er noch einmal an seinen Tatort zurückgekehrt zu sein: Er nahm an Straßenkämpfen im Lyon-nahen Limonest teil, wobei er am 24. August verwundet wurde.
Bald darauf war Klaus Barbie verschwunden, untergetaucht im Chaos der Marsch- und Wagenkolonnen von Hitlers geschlagenen Armeen, die auf die deutschen Grenzen zurückfluteten.
Im nächsten Heft
Der gejagte Barbie im westdeutschen Nazi-Untergrund - Schizophrenie im US-Geheimdienst: Barbie wird als Kriegsverbrecher gesucht, als Agent angeworben - Washington schützt Barbie vor den französischen Strafverfolgern
Tom Bower: "Klaus Barbie". Rotbuch Verlag, Berlin; 288 Seiten; 20 Mark Mit Miliz-Chef Darnand und Ministerpräsident Laval. Französische Widerständler an einer Sammelstelle für Nachschubgüter der Resistance. Französische Widerständler, die Barbie am 27. Juli 1944 vor seinem Stammlokal "Moulin a Vent" erschießen ließ, in dem einen Tag zuvor eine Bombe detoniert war.
Von Heinz Höhne

DER SPIEGEL 21/1987
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