10.08.1987

SKINHEADSRechte Armee Fraktion

Ein Mord aus Rache unter niedersächsischen Jugendlichen zeigt, wie gewalttätig es in der neonazistischen „Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei“ zugeht. *
Der leblose Körper lag verkrümmt am Zaun des Spielplatzes im Stadtwald von Hannover. Der festgetretene Schnee rundherum war rot von Blut.
Die Polizei identifizierte das Opfer rasch als den 17 Jahre alten hannoverschen Schüler Gerd-Roger Bornemann, auch die Täter waren schnell ermittelt: vier Freunde des Jungen, Skinheads wie er selbst, 17 und 18 Jahre alt, bis auf einen arbeitslos und aus zerrütteten Familien, der Polizei allesamt wegen anderer Straftaten bekannt.
Auch das Motiv schien nach ersten Vernehmungen schnell klar: Die Jugendlichen hatten bereits vor der Tatnacht zum 3. Februar wie so oft morgens gezecht, der schmächtige Bornemann war am Nachmittag schon mal verdroschen worden. Als er dann eine halbvolle Flasche Wodka mit dem Fuß umgestoßen hatte, beschlossen die anderen, ihn blutig zu bestrafen: Bornemann wurde gegen Mitternacht in die Eilenriede, Hannovers Stadtwald, geschleppt. Auf dem Weg gab Anführer Tom Kuss, 17, die Order aus: "Jetzt machen wir ihn richtig alle."
Die vier traten auf Bornemann ein, warfen ihn zu Boden, sprangen mit ihren Kampfstiefeln auf seinen Kopf. Als Bornemann röchelte, nachdem sie auch noch zwei Spraydosen CS-Gas in sein blutverschmiertes Gesicht gespritzt hatten, ließ sich Kuss eine schwere Holzlatte geben, die er dem Opfer zehnmal auf den Schädel hieb: "Du Schwein, bist du immer noch nicht tot?"
Nach der Tat tranken die vier noch Bier am Bahnhof, das Blut des Toten an Schuhen und Hosen.
Doch es war kein Mord im besinnungslosen Suff. Blutproben ergaben, daß die Skinheads zur Tatzeit nicht betrunken waren. Die Kripo vermutete schon bald, daß mehr hinter dem Fall steckte, zumal Kuss seinen Kumpel Bornemann zwei Tage zuvor als "Verräter" bezeichnet hatte, der nicht zu gebrauchen sei.
Alle fünf, so stellte sich heraus, waren Mitglieder und Sympathisanten der Neonazi-Sekte "Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei" (FAP).
Die FAP, die am 13. September auch bei den Bremer Bürgerschaftswahlen antritt, gehört zu den aktivsten und gewalttätigsten Neonazi-Gruppen der Republik. Die militante Splitterpartei mit rund 400 Mitgliedern in sechs Landesverbänden ist von Gefolgsleuten des inhaftierten Rechtsextremisten Michael Kühnen, 32, unterwandert. Sie sehen, seit Kühnens "Aktionsfront Nationaler Sozialisten/Nationale Aktivister." 1983 von Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann (CSU) verboten worden ist, in der FAP den neuen "legalen Arm der Bewegung".
FAP-Anhänger attackieren Antifaschisten und Ausländer mit Spaten Baseballschlägern, Reizstoffsprühgeräten und Kampfmessern. Sie terrorisieren politische Gegner mit Morddrohungen ("Volksverräter, Judenschweine, wir bringen euch alle um, Heil Hitler" ) und versammeln sich zu Nazi-Gedenkfeiern oder paramilitärischen Wehrsportübungen - die Polizei hebt immer wieder umfangreiche Waffenlager aus.
Die Truppe bekennt sich offen zum Terrorismus, nach einigen Verhaftungen drohte das nordrhein-westfälische FAP"Kampfblatt": Wer "politische Gefangene schafft", der dürfe "sich nicht wundern, wenn er eines Tages eine RAF (Rechte Armee Fraktion) sein eigen nennt". Nachwuchs sucht sich der Haufen gelegentlich bei jugendlichen Skinheads, die auf Randale und Provokation aus sind.
Besonders in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen entfaltete die FAP bisher ihre Aktivitäten. In der niedersächsischen "FAP-Parteizentrale Sallstraße 28" mixten die Neonazis ihre Molotow-Cocktails, mit denen Büros von Türken "abgefackelt wurden". Die Neonazis provozierten durch öffentliches Aushängen der "Reichsfahne", aus den geöffneten Fenstern der Parteizentrale spielten sie phonstark Nazi-Lieder ab. Bei Demonstrationen linker Gruppen versuchten die militanten Schläger, die oft in schwarzer, uniformähnlicher Kluft auftreten, ihr "Kampfziel" zu erreichen: "Die roten Kommunistensäue niedermachen."
In dieser Truppe war Gerd-Roger Bornemann so schildern ihn Freunde, ein eher "hilfloser Mitläufer". Dennoch zeichnete er in Hannover verantwortlich für die FAP-"Propaganda, Materialverteilung und Flugblattaktionen". Der Schüler, der seinem Vater, einem sozialdemokratischen Gewerkschaftsfunktionär,
entglitten war, erging sich in schwülstigem Nazi-Pathos: In Briefen wurden "Kameraden" mit "Heil Dir" gegrüßt, Hymnen auf SA, SS und "den F." ausgebracht. Auf der väterlichen Schreibmaschine tippte er das "Horst-Wessel-Lied" und andere braune Lyrik: "Der Furcht so fern, dem Tod so nah".
Im September vergangenen Jahres reichte einer militanten Gruppe selbst das gewalttätige FAP-Programm nicht mehr aus. Zehn Mann verließen den "schlappen Haufen" und gründeten die "Gemeinschaft Eisernes Kreuz EK 1". Ziffer 6 der "Satzung": Verstöße gegen die "Kameradschaft haben die Ausscheidung zur Folge".
Anführer wurde Bernd Futter, 30, ein vorbestrafter Arbeitsloser, der mit dem Gesetz unter anderem wegen des Besitzes von Waffen in Konflikt geraten war. Zu seiner Gefolgschaft zählten auch Bornemann und seine späteren Mörder.
Von September bis Dezember sammelten sich auf dem "EK 1"-Strafkonto 15 Verbrechen: Waffendiebstahl, bewaffneter Raubüberfall, Brandanschläge auf ein Polizeirevier, auf Ausländerwohnheime und Geschäfte von Ausländern, Einbrüche in Schmuck- und Antiquitätenläden sowie in die Wohnungen des hannoverschen "FAP-Gruppenführers" Siegfried Müller und seines "Kameraden" Jörg-Gabriel Kiem, genannt "Hein" .
Kurz vor Weihnachten hob die Polizei die Gruppe aus, Chef Futter und andere landeten hinter Gittern. Bornemann blieb, wie seine Mörder, auf freiem Fuß und schloß sich wieder der FAP an. Sein Freund Kuss, der auch gerne wieder in der Müller-Truppe mitmischen wollte, wurde nicht aufgenommen. Er galt als unzuverlässig, gerade gut genug für befohlene Schläger-Einsätze.
In den ersten Wochen dieses Jahres ermittelte die Polizei gegen die "EK 1"-Leute, die, wie sich ein Kripo-Beamter wunderte, bei Vernehmungen "von großer Aussagebereitschaft" waren. Auch Bornemann packte, am 29. Januar, aus und belastete dabei Kuss, Müller und Kiem. Kuss ging unverzüglich auf die Suche nach "Verrätern", eines der ,Kameraden-Schweine" sollte "weggefegt" werden .
Bornemann wollte mitmachen, er sei ganz "Feuer und Flamme" gewesen, berichtete später einer der Verschwörer. Doch gerade sein eifriges Angebot brachte ihn in Verdacht, er wolle nur von sich selbst ablenken. Die Staatsanwaltschaft geht deshalb davon aus, daß Bornemann aus Rache umgebracht worden ist - ein Fememord.
Das muß aber nicht das einzige Motiv gewesen sein. Kurz vor seinem Tod hatte der jugendliche Skin den einsitzenden Futter wissen lassen, er habe Angst: Man wolle ihm "die Kassette und das rote Buch" wegnehmen. Futter wußte sofort, worum es ging. Eine Video-Kassette und ein Buch hatten er und Bornemann beim Einbruch in die Wohnung des FAP-Chefs Müller erbeutet - zwei heiße Gegenstände.
Das "rote Buch" soll präzise Angaben über "Aktionen" der FAP enthalten, ein Kompendium der Neonazi-Verbrechen. Darunter, so behauptet Futter, auch Notizen über den Mord an dem Skinhead Niels Krückeberg, der vor gut einem Jahr in Hannovers Südstadt erschossen wurde. Die Täter wurden nie ermittelt. Szenekenner vermuteten schon damals einen Racheakt, weil sich Krückeberg von den Skins lösen wollte.
Die Video-Kassette soll makabre Szenen zeigen: die Vergewaltigung des betrunkenen Bornemann, der angeblich "Hein" Kiem oral befriedigen mußte - Kiem muß sich demnächst verantworten, weil er auch Bornemanns 16jährige Freundin vergewaltigt haben soll. Im Hintergrund der Video-Szene: FAP-Chef Müller im Hemd. Mit diesem "Porno", behauptet nun Futter, hätten die FAP-Leute Bornemann dazu erpreßt, Straftaten zu begehen.
Das Landgericht Hannover muß während des Prozesses, der am 20. August beginnt, klären, ob Bornemann vielleicht sogar im Auftrag getötet wurde, weil er die belastenden FAP-Dokumente nicht herausrücken wollte. Die Polizei hat Buch und Kassette nie gefunden.
Die Angeklagten schweigen sich mittlerweile zum Motiv aus oder wollen nun angeblich gar nicht mehr begreifen, wie es zu der Tat gekommen ist. Die Anklage lautet auf Mord: Die vier hätten Bornemann "aus niedrigen Beweggründen (nichtiger Anlaß und Rache) sowie grausam" getötet.
Der Vater des ermordeten Skinhead, Gerd Bornemann, 40, hat sich zu einer Nebenklage entschlossen. Er fürchtet, daß der Fall lediglich als "kriminelles Delikt" behandelt wird. Ihm gehe es aber, so Bornemann, vor allem um den "politischen Hintergrund". Der Tod seines Sohnes solle "allen zeigen, wozu Fascho-Skins in der Lage sind".
Die Nebenklage vertritt Gerhard Schröder (SPD), Oppositionsführer in Niedersachsen und als Rechtsanwalt Sozius einer hannoverschen Kanzlei. Die Tat, sagt Schröder, könne "nicht allein aus dem Individuum erklärt" werden, der "ganze Neonazi-Sumpf" gehöre "auf die Anklagebank". Schröder sieht "endlich mal eine Möglichkeit", die Öffentlichkeit und "den Innenminister" von einem "dringend notwendigen Verbot der FAP" zu überzeugen.
Vor allem SPD, Grüne und Bürgerinitiativen fordern seit langem von Bundesinnenminister Zimmermann ein Verbot der FAP. Der aber zögert: Anhand des Programms der FAP, so eine interne Analyse seines Ressorts, könne nicht "mit gerichtsverwertbaren Beweismitteln" festgestellt werden, daß die "Tätigkeit der Gesamtorganisation" gegen "die verfassungsmäßige Ordnung" gerichtet sei. Dies sei zu wenig, um gegen die Partei einen Verbotsantrag beim Bundesverfassungsgericht zu stellen.
Die "EK 1"-Truppe, in einem gesonderten Verfahren angeklagt, wird von der Staatsanwaltschaft noch nicht einmal als kriminelle Vereinigung nach Paragraph 129 des Strafgesetzbuches behandelt, obwohl sonst, wie Schröder kritisiert, gegen "jede linksradikale Skatrunde nach 129" ermittelt werde.
Der Antrag der Polizei, Ermittlungen wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung zu führen, wurde jedoch von der politischen Staatsanwaltschaft abgelehnt: "Für das Vorliegen" einer kriminellen Vereinigung gebe es "zur Zeit keine ausreichenden tatsächlichen Anhaltspunkte".

DER SPIEGEL 33/1987
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