30.03.1987

Getarntes Gähnen

Mit dem politischen Programm war die deutsche Nationalmannschaft auf ihrer Israel-Reise offensichtlich überfordert. *
Schon äußerlich bildeten die jungen Studenten aus Wiesbaden in Jeans und Turnschuhen einen Kontrast zu den durchgestylten deutschen Fußball-Poppern. Mehr noch unterschied sie am Montag voriger Woche beim zufälligen Zusammentreffen an der Holocaust-Gedenkstätte Jad Waschem das unverkrampfte Auftreten von ihren durchweg gleichaltrigen Landsleuten.
Als "lächerlich, peinlich" empfanden Mitglieder der kleinen Reisegruppe, für vier Wochen zu Besuch im Gelobten Land, die angestrengte Ernsthaftigkeit der meisten Nationalspieler bei der Konfrontation mit den Greuelbildern aus Treblinka oder dem Warschauer Getto.
Tags darauf urteilten die israelischen Zeitungen zwar bei weitem nicht so hart. Aber in einigen Kommentaren kam doch Skepsis durch, ob die Profis aus Deutschland wirklich so sehr betroffen waren, wie sie eifrig versicherten.
Mancher habe "versucht, gelangweiltes Gähnen zu tarnen", schrieb die Zeitung "Chadaschot". Im "Maariv" hieß es: "Während der 90 Minuten ihres Besuches waren die deutschen Fußballer kalt und zurückhaltend."
Sie waren wohl eher überfordert. Auch wenn Hermann Neuberger, der ehrgeizige Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), es gerne anders hätte und Bonns diplomatischer Vertreter Wilhelm Haas das "vorbildliche Auftreten unserer Jungs" pries: Politisch unbedarfte Fußballspieler sind schwerlich Botschafter für Völkerverständigung, erst recht nicht, wenn sie in doppelter Mannschaftsstärke ausschwärmen.
Nicht die Gastgeber, sondern die DFB-Bosse werteten das erste A-Länderspiel Israels gegen Deutschland am vorigen Mittwoch in Tel Aviv - die Olympia-Auswahl gastierte dort bereits 1983 - als "Politikum". Den Spielern war eingebleut worden, das "sich nicht gerade auf dem Höhepunkt befindende Verhältnis zwischen beiden Ländern" (O-Ton Beckenbauer) nur ja nicht durch "unbedachte Äußerungen" (Trainer Köppel) zu belasten.
Die Profis waren während des Israel-Aufenthalts von Sonntag bis Donnerstag irritiert, flüchteten sich in Sprachlosigkeit oder Phrasen die sie dem Ereignis für angemessen hielten. Wie Torwart Eike Immel, der resümierte: "Diese Reise war politisch, kulturell und sportlich ein Riesenerfolg."
Sie selbst waren die Spieler nur, wenn sie sich von den rund 60 mitgereisten deutschen Journalisten unbeobachtet fühlten. Da ließ sich dann Hans Pflügler darüber aufklären, daß er sich in Jad Waschem nicht an einer Gedenkstätte für gefallene israelische Soldaten befand. Oder sein Münchner Teamgefährte Andreas Brehme sorgte sich, während er an Photos von Juden-Massakern vorbeischlenderte: Ob das Spiel der Bayern am Samstag beim HSV wohl ausverkauft sein werde?
Die deutschen Spieler hätten keine Frage gestellt, wunderten sich israelische Reporter. Fragen stellte dafür "Maariv": "Wo war damals der Vater von Beckenbauer? Und wo war Neuberger?"
Der 67jährige DFB-Chef, berichtet das Blatt, habe dem die Gruppe begleitenden Jad-Waschem-Vertreter Benjamin Armon erklärt: "Ich war Soldat im Fronteinsatz und habe erst nach 1944 von Konzentrationslagern erfahren."
"Der Besuch brachte mir nichts Neues", sagte Teamchef Franz Beckenbauer in Jad Waschem. Das klang nur wenig anders als Helmut Kohls Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung drei Jahre zuvor an gleicher Stelle: "Kenn'' ich alles."
Auch Beckenbauers Fazit nach dem 2:0-Sieg seiner Elf - die Olympia-Auswahl hatte 2:1 gewonnen - geriet zur Demonstration neudeutscher Selbstgefälligkeit. Sie würden, so der Teamchef, nur mit positiven Eindrücken nach Hause fahren, aber: "Wir haben im Gegenzug alles getan, um die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Völkern zu vertiefen."
Sie hatten sogar darauf verzichtet, gegen das drittklassige Israel etwa sieben Tore zu schießen wie im Vorjahr die hemmungslosen Argentinier. Eine Zurückhaltung, die ganz besonders Neuberger gefiel.
"Das 2:0", erklärte der Fußball-Weltbürger aus Bischmisheim, "paßt mir genau in den Rahmen rein." Die in Asien _(Nationalspieler Allofs, Matthäus, ) _(DFB-Chef Neuberger am Montag voriger ) _(Woche in Jad Waschem. )
boykottierten Israelis möchten in die Europäische Fußball-Union (Uefa) integriert werden. Voraussetzung ist eine Änderung der Uefa-Statuten, die von den 35 Mitgliedsländern nur mit Zweidrittel-Mehrheit beschlossen werden könnte. Eine vom Beckenbauer-Team deklassierte israelische Elf hätte - da waren sich Gast und Gastgeber einig - in Europa das Interesse an einem neuen Spielpartner kaum forciert.
Der Ostblock sträubt sich ohnehin. Neuberger soll vermitteln. "Er hat mir versprochen", so Israels früherer Nationaltrainer Emanuel ("Edy") Schaffer, einst enger Freund Hennes Weisweilers, "sich intensiv für unsere Wünsche einzusetzen."
Neuberger wurde von den Israelis, die nach eigenen Angaben dem DFB für das Gastspiel 100000 Dollar zahlten, hofiert als mächtiger Verbündeter im internationalen Fußball. Doch im Gegensatz zu den Deutschen spielten sie den politischen Aspekt herunter und trafen damit wohl die Stimmung im Land. Sie hätten zwar "die Pflicht, nicht zu vergessen", sagte Verbands-Präsident Schaul Swiri, doch zugleich auch "ein normales Verhältnis zum DFB".
So blieb Neuberger eine Audienz bei Staatspräsident Chaim Herzog verwehrt. Aus "protokollarischen Gründen", wie DFB-Sprecher Rainer Holzschuh erklärte. Bis auf den ehemaligen Bonn-Botschafter Asher Ben Natan und Dow Lewin, Vorsitzender des Richter-Kollegiums im Demjanjuk-Prozeß, fand kein prominenter Israeli den Anlaß wichtig genug, das Länderspiel im Ramat-Gan-Stadion zu besuchen.
Tatsächlich hat Neuberger das Besondere der deutsch-israelischen Sportbeziehungen ein bißchen spät entdeckt. Seit 1967 finden im Rahmen des Sportjugendaustauschs regelmäßig Kontakte statt, in diesem Jahr sind insgesamt 50 Begegnungen von 800 Sportlern vorgesehen.
Bundesligaklubs bestreiten schon jahrelang Gastspiele in Israel, bereits 1973 trat die deutsche Jugend-Nationalelf zu einem Fußball-Länderspiel in Tel Aviv an. Seinereit vor 19OOO Zuschauern, mehr als am Mittwoch, und die Hymnen wurden auch da schon gespielt.
Die Deutschen hätten sich womöglich ein paar bissige Bemerkungen in den israelischen Blättern erspart, wenn sie auf das kollektive Schaulaufen in Jad Waschem verzichtet und statt dessen eine kleine Delegation zur Kranzniederlegung entsandt hätten. So aber vermischte sich unter den Besuchern Erschütterung mit Desinteresse oder Small talk.
Gerade hatte Klaus Allofs, Kapitän der Nationalelf, mit seinem Stellvertreter Lothar Matthäus den Kranz niedergelegt und bekannt, er habe ein Gefühl tiefer Trauer empfunden "wie am Grab eines nahen Verwandten", da blaffte aus dem Hintergrund ein deutscher Journalist: "Und wat is mit deinem Knie?"
Nationalspieler Allofs, Matthäus, DFB-Chef Neuberger am Montag voriger Woche in Jad Waschem.

DER SPIEGEL 14/1987
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