05.10.1987

Odyssee mit Zauberern und Amazonen

Martin Lüdke über Libuse Monikova: Die Fassade Libuse Monikova, 42, aus Prag gebürtig, lebt seit 1971 in der Bundesrepublik und arbeitet seit 1981 als freie Schriftstellerin. - Lüdke, 44, lebt als Literaturkritiker in Frankfurt. *
Zunächst: Gemunkel. Der Literaturbetrieb hört, bei günstiger Witterung, zuweilen das Gras wachsen. Durch einige Lesungen, von eher privatem Charakter, verstärkte sich das Raunen zum Gerücht. Noch längst nicht fertig, wurde das Buch bereits als heißer Tip gehandelt.
Für das (fast fertige) Manuskript bekam die Autorin im Frühjahr den von Günter Graß gestifteten "Döblin-Preis" verliehen. Kaum war das Buch da, stand es bereits auf dem ersten Platz der Kritiker-Bestenliste des Südwestfunks. So hat die Frankfurter Buchmesse, bevor sich ihre Tore öffnen, endlich wieder einmal eine literarische Entdeckung zu vermelden: den Roman einer deutsch schreibenden Tschechin, Libuse Monikova "Die Fassade".
Die Leseprobe, die der Hanser-Verlag im Sommer an Buchhändler verschickte, sprach noch von einem "kollektiven Schelmenroman". Der endgültige, bizarr anmutende und absichtsvoll rätselhafte Untertitel lautet "M. N. O. P. Q".
Vorsicht ist angeraten. Wir betreten nämlich eine Baustelle. Mit Behinderungen und erheblichen Schwierigkeiten muß gerechnet werden. Es handelt sich hier um ein ungewöhnliches und langwieriges Projekt, im wörtlichen Sinne: um überfällige Restaurationsarbeiten an unserem historischen Bewußtsein.
Ein Baudenkmal der ersten Kategorie: die Renaissance-Fassade eines bekannten Schlosses. Der Zustand ist verheerend; vieles zerstört, manches endgültig, nicht mehr rekonstruierbar. Allerdings sind Künstler hier am Werk, zwei Maler, zwei Bildhauer, um die berühmten Sgraffiti zu erneuern. Nur der Winter bleibt ihnen noch für ihre eigene künstlerische Arbeit. Sieben Monate im Jahr stehen oder liegen, knien oder hocken sie auf dem Gerüst, um dieses mühsame, vielleicht auch vergebliche Unternehmen voranzutreiben.
Sie arbeiten, wieder wörtlich genommen, an der Geschichte; an ihrer, der tschechischen, an unserer, der deutschen, ja, der europäischen Geschichte. Sie restaurieren die Bilder der Geschichte - ein monumentales Fresko mit lauter kleinen Kassetten, die hier mit dem gleichen Recht nebeneinander stehen. Die großen Weltentwürfe der Vergangenheit sind zu besichtigen, Allegorien etwa der Gerechtigkeit, eine blinde Justitia, mit der Waage und drei Augen ausgezeichnet; ein mächtiger, nackter Hintern mag die Allegorie der Gelegenheit darstellen.
Die Restauratoren ersetzen, wohlbedacht, die zerstörte Tradition durch neue, spätere Motive, etwa aussterbende Tier- und Pflanzenarten, durch Anspielungen auf die jüngere und jüngste Geschichte. Die Verwitterung, durch Klima und mehr noch durch die industriellen Abgase gefördert, hält mit ihrer Arbeit Schritt. Wenn sie vorne fertig geworden sind, müssen sie hinten wieder anfangen. Doch: "Sie freuen sich auf die Arbeit wie Sisyphos auf seinen herabgerollten Stein." Was sie tun, hat Sinn.
Der Ort ist gut ausgewählt, Golo Mann hat ihn in seiner Wallenstein-Biographie beschrieben: "Das feste Schloß liegt im nordöstlichen Böhmen, auf einem steilen, nur von der Nordseite zugänglichen, waldumzogenen Basaltberg, zwei Meilen vom sächsischen Zittau, auch Schlesien benachbart. Ein strategisch wichtiger Ort, durch seine Mauern ringsum Frieden sichernd; daher der Name": Friedland.
Die Gegend ist geschichtsträchtig. Hier haben einst die Hussiten gekämpft. Von hier aus ist Wallenstein in den Dreißigjährigen Krieg gezogen, bevor er Herzog von Friedland wurde.
Dort wurde auch Friedrich Smetana geboren, Komponist nicht nur der "Verkauften Braut", sondern auch der böhmischen Nationaloper "Libuse". Hier hat sich, noch später, ein Prager Versicherungsbeamter längere Zeit dienstlich aufgehalten: Franz Kafka. Sein "Schloß" ist unter anderem vom Schloß Friedland inspiriert. Dann die Gestapo. Dann die Okkupanten. Und alle haben Spuren hinterlassen, stehen jetzt gleichsam nebeneinander. "Böhmische Dörfer", so ist der erste Teil dieses Romans überschrieben.
"Wir schreiten kaum, doch kamen wir schon weit. Du siehst mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit" - heißt es, beziehungsreich (nach Richard Wagners "Parsifal"), in den "Potemkinschen Dörfern", dem zweiten Teil dieses großen, selbst Raum und Zeit umspannenden Entwurfs.
Die "Potemkinschen" und die "böhmischen" Dörfer gehören zusammen. Im zweiten Teil des Romans macht sich eine Gruppe auf Reisen: Drei der vier Restauratoren, ein schwuler luxemburgischer Historiker, auf dem Schloß als Archivar angestellt, und, nur zeitweilig dabei, ein junger Biologe. Sie stranden, auf dem Weg nach Japan, in Sibirien, bedingt durch Zufälle und durch Eigenheiten des sowjetischen Verkehrswesens. Nahe Nowosibirsk, in einer Akademikersiedlung, werden sie von den Wissenschaftlern quasi in Gefangenschaft gehalten: "Sie fragen nicht mehr, ob sie wegkommen, sie wissen nicht, was sie falsch machen, es ist wahrscheinlich egal, alles kann gedeutet" und im Zweifel gegen sie verwendet werden.
Aus dieser politischen Einsicht zieht die Autorin wiederum ästhetische Konsequenzen: Alles kann gedeutet werden. Es beginnt eine wahre Odyssee, mit Zauberern und Amazonen, einer Kirke, die selbstbewußte russische Funktionäre in schmachtende Rentiere verwandelt; eine abenteuerliche Irrfahrt nimmt ihren Anfang, die durch Märchen und Mythen hindurch in die Vergangenheit
zurückführt und dabei doch immer in der Gegenwart bleibt, in der sich die Geschichte, um mit Ernst Bloch zu reden, als Ungleichzeitigkeit abgelagert hat.
"Die Tschechen", die so "sympathisch" sind, "eben weil sie nie gekämpft haben", demonstrieren plötzlich, etwa in einem tollkühnen Eishockeyspiel, kämpferische Qualitäten, sie verprügeln auch mal, nebenbei, einen Okkupanten und stimmen einem Hirten zu, der klagt: "Es sind zu viele Russen überall." Der Prager Frühling, die sowjetische Invasion vom August 1968 und Jan Palachs ohnmächtige Selbstverbrennung, all das bleibt unvergessen.
"Die Fassade" beschreibt, sozusagen synchron, mehrere weitausgreifende Bewegungen. Von der lokalen über die böhmische in die europäische Geschichte. Wie die Sgraffiti an der Fassade stehen die Episoden des Romans nebeneinander, mit dem gleichen, nämlich historischen Recht. Parataktisch heißt im Fachjargon diese Schreibweise, die Libuse Monikova schon in ihren ersten beiden Erzählungen "Eine Schädigung" (1981) und "Pavane für eine verstorbene Infantin" (1983) verwendet hatte: eben keine Hierarchie, sondern ein Nebeneinander, die Reihung von Bildern und Eindrücken.
In der "Fassade" ist die Autorin nun listig, auf schwejksche Weise, noch einen entscheidenden Schritt weitergegangen: das Nebeneinander von Bildern und Episoden, von Geschichte und Gegenwart, von Technik, Kunst und Wissenschaft, wird in der Konstruktion des Romans abgesichert. Dabei bringt die Monikova ganz nebenbei und unaufdringlich ihre umfassenden Kenntnisse in Kunstgeschichte und Ethnologie, Geologie und Lepidopterologie (vulgo Schmetterlingskunde) an Mann und Frau.
Das alles hat plausible Gründe. Die Fassade ist zwar historisch vorgegeben, doch muß sie, auf weite Strecken von der Geschichte zerstört, rekonstruiert und - wo das nicht möglich ist - neu konstruiert werden. Dieser Prozeß kann an kein Ende kommen; und doch läßt er sich wie der dritte Teil, "Ohn' Unterlaß" eine Anspielung auf den letzten Vers der "Internationale", zeigt, auf ein Ziel beziehen.
"Der Kampf der Menschen gegen die Macht ist der Kampf des Gedächtnisses gegen das Vergessen." Dieser Satz des tschechischen Schriftstellers Milan Kundera, der seit 1975 ebenfalls im Exil lebt, beschreibt das Motiv und die Energiequelle solcher ästhetischer Anstrengungen; mangels eigener Produktion kennen wir sie nur noch als Import aus Lateinamerika und den europäischen Randlagen.
Libuse Monikova ist mit der "Fassade" ein wunderbar reiches, kluges, komisches Buch gelungen, das viele Facetten hat und voller Anspielungen und Querverweise steckt. Freilich enthält es auch einige kleine, vor allem sprachliche Schnitzer. Seit sie schreibt, schreibt sie deutsch, zuweilen ein eigensinniges Deutsch. Sie verwendet gelegentlich falsche Personalpronomina (etwa "es" anstatt "sie") und läßt manchmal den Konjunktiv, die Möglichkeitsform, in unmöglicher Gestalt erscheinen. Aber wie schon in den beiden ersten Büchern besteht sie auf "ihrem" Deutsch und will es nicht glatt-lektorieren lassen.
Solche kleinen Mängel mindern nicht den Rang dieses großen Buches. "Die Fassade" sprengt, wie jeder bedeutende Roman, die Grenzen seiner Gattung;
müßig zu fragen, ob es sich um einen Reise- oder Gelehrtenroman, ein Gesellschaftspanorama oder gar um einen Künstlerroman handelt. Dies ist ein sehr ernstes und zugleich ein sehr komisches Buch. Vielleicht war der ursprüngliche Untertitel richtig: "Ein kollektiver Schelmenroman".
Von Martin Lüdke

DER SPIEGEL 41/1987
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