30.03.1987

„Millions, Murder, Misery“

SPIEGEL-Redakteur Urs Jenny über einen legendären Mord in Hollywood und seine späte Aufklärung *
Um 1920 war der Sunset Boulevard eine staubige Landstraße, die in weitem Bogen die Ortschaften nördlich von Los Angeles verband, von den Hügeln bis hinab zum Meer. Die Stadt hatte keinen guten Ruf, die Vororte auch nicht, und am allerwenigsten Hollywood, denn dort hatten sich seit ein paar Jahren Filmleute von der Ostküste eingenistet.
Es war eine bunte Ansammlung von Schaustellern, Artisten und Abenteurern mit Goldgräberinstinkt. Vermögen wurden da schnell gemacht und schnell verjubelt, mit Vorliebe im Hotel Ambassador, dem Zentrum des Swinging Hollywood, wo trotz Prohibition der Alkohol in allen Färbungen floß. Auch an zwei weiteren Dingen habe es dort nie gefehlt, hat ein Pionier jener Jahre, der Regisseur Allan Dwan, später gesagt: an Nutten und an Kokain.
Damals, so eine Glamour-Blondine die ihre Nase immer vorneweg hatte, war die dezente Bezeichnung "powder room" für die Damentoilette genau zutreffend. Über Klatschpressenberichte daß die Paramount-Schönheit Mabel Normand wöchentlich 2000 Dollar für Kokain ausgebe, konnte sie nur lachen:
"Für 2000 Dollar hätte man das ganze Hotel Ambassador eine Woche lang mit Stoff versorgen können."
Allan Dwan, der robusteste aller Hollywood-Pioniere, der 96 Jahre alt wurde, hat über 300 Spielfilme und etwa 500 Kurzfilme gemacht - das ging, bei der Produktions-Hektik der frühen Jahre nur mit tatkräftigen Helfern. Unter denen, die er zu Regisseuren heranzog erwiesen sich zwei als besonders begabt, ein junger Naturbursche aus Texas namens King Vidor und ein Schauspieler namens William Desmond Taylor, der einen britischen Akzent und Gentleman-Manieren pflegte.
Mit 26 Jahren verfügte King Vidor, der seinen ersten Film, noch in Texas, mit Pokergewinnen finanziert hatte, in Hollywood über eine eigene Produktionsfirma, eigenes Studiogelände, genannt "Vidor Village", und einen eigenen Star, seine Ehefrau Florence. Kollege Taylor war zum Top-Regisseur der Paramount und zum Präsidenten der "Directors Guild of America" emporgestiegen, ein eleganter Alleskönner und Party-Liebling, gerühmt für seinen pfleglich-diskreten Umgang mit drogensüchtigen Stars und Leibregisseur von zwei Paramount-Schönen: der kessen Komödiantin Mabel Normand und der elfenhaften Mary Miles Minter, die das minderjährig-süß-kokette Kinoideal jener Jahre verkörperte.
Am 1. Februar 1922 traf sich William Desmond Taylor morgens zu einem Plausch mit Charlie Chaplin am Swimming-pool des "Athletic Club", einem Männer-Treff, wo auch Mädchen gern gesehen waren. Später diskutierte er bei Paramount mit Cecil B. DeMille über ein neues Projekt und kümmerte sich um den Schnitt seines letzten Films. Nachmittags hielt er, mit zweieinhalbtausend Dollar in der Tasche, Ausschau nach einem Präsent für die schöne Mabel Normand, fand aber nichts Passendes und trainierte anschließend in einer Tanzschule eine Stunde lang Tango. Als ihn Mabel Normand am frühen Abend auf ein Stündchen in seinem Junggesellen-Bungalow an der Alvarado Street besuchte, schenkte er ihr statt eines Juwels ein Buch von Sigmund Freud.
Am folgenden Morgen um halb acht wurde William Desmond Taylor von seinem schwarzen Hausboy tot aufgefunden, mitten im Wohnzimmer friedlich auf dem Rücken liegend. Als eine halbe
Stunde später die Polizei eintraf, war - so schildert es Kenneth Anger in seiner Skandalchronik "Hollywood Babylon" - schon gut ein Dutzend Leute im Haus zugange: "Im Kamin loderte ein fröhliches Feuer, das von den Spitzenmanagern der Paramount mit kompromittierenden Papieren gefüttert wurde, während Edna Purviance zuschaute. Mabel Normand durchsuchte alle Winkel und Ecken nach ihren verlorenen Briefen."
Die ersten Reporter, die hereindrängten, kriegten noch mit, wie einiges an illegalem Alkohol in den Garten gekippt wurde, und erfuhren, daß ein zufällig vorbeigekommener Arzt als Todesursache ein durchgebrochenes Magengeschwür festgestellt habe.
Als aber Bedienstete einer Begräbnisfirma die Leiche hochhoben, kam eine Blutlache zum Vorschein - Taylor war rücklings erschossen worden. Die geschäftigen Paramount-Funktionäre erstarrten vor Schreck, die Polizei mußte ihre eben schon beendete Untersuchung neu beginnen und sehen, was noch an Spuren zu sichern war.
Vieles war offenbar weg, doch die Presse bekam in den folgenden Tagen hinreichend Futter, um den Taylor-Mord zum Skandal des Jahres zu machen: Ein mysteriöser Schlüsselbund sei aufgetaucht, dann eine Sammlung von Pornophotos, die den Regisseur mit diversen Hollywood-Diven zeigten, auch eine spezielle Trophäen-Schublade voller Damenhöschen, mit Initialen und Daten versehen, ferner Liebesbriefe von Mabel Normand, und schließlich ein rosaseidenes Nachthemd mit dem Monogramm "MMM", das offenbar Mary Miles Minter gehörte. Den Spekulationen ob ein eifersüchtiger Liebhaber der einen oder eher der anderen oder gar einer dritten Hollywood-Schönen als Mörder in Frage komme, waren keine Grenzen gesetzt.
Überzeugend klang allerdings nichts davon. An Mabel Normand verdächtig war allenfalls ihr für Hollywood-Begriffe besorgniserregendes Desinteresse an Geld - die meisten ihrer Gagen-Schecks löste sie überhaupt nie ein-, doch als Objekt eines blutigen Leidenschaftsdramas war sie schlecht vorstellbar, dafür hatte sie offenkundig zu viele Liebhaber.
Die andere in den Schlagzeilen eifrig verdächtigte Schöne wiederum, Mary Miles Minter, hatte vermutlich überhaupt keinen Liebhaber. Sie war das Geschöpf einer tyrannischen Show-Business-Mutter, die, selbst eine erfolglose Schauspielerin, ihr Kind rücksichtslos managte, wie einen Augapfel hütete und jeden Mann mit Gebrüll, wenn nicht mit Revolvergefuchtel in die Flucht schlug. Sogar einen Hund, hieß es, habe sie mit der Waffe bedroht, weil er allzu aufdringlich an Mary schnüffelte.
Doch selbst wenn die Mutter ein Drachen der übelsten Sorte war- manche Insider trauten noch eher ihr als der Tochter eine Affäre mit Taylor zu, und warum sollte sie eben jenen Regisseur umbringen, der ihr Goldstückchen zum Star gemacht hatte?
Dann entdeckten Reporter auf einem Friedhof in Louisiana einen Grabstein,
der den Namen "Mary Miles Minter" und ihr Geburtsdatum trug. Das neue Rätsel produzierte neue Schlagzeilen, und als es gelöst war, zeigte sich, daß Klein-Mary zu Beginn ihrer Karriere noch ein bißchen minderjähriger gewesen war, als man schon immer gedacht hatte. Die hemmungslos ehrgeizige Mutter, die sich Charlotte Shelby nannte, aber eigentlich Lily Pearl Miles hieß, hatte sich die Personalpapiere einer frühverstorbenen Nichte verschafft, damit ihre Tochter eine Arbeitsbewilligung bekam: Aus der Elfjährigen, die amtlich Juliet Reilly hieß, wurde über Nacht die sechzehnjährige Mary Miles Minter, der dann die Mama den Weg zum Starruhm freiboxte.
Mary war also noch nicht zwanzig, als Taylor starb, doch sie besaß einen der damals in Hollywood noch raren Millionen-Verträge (wovon die gierige Mutter als Managerin 30 Prozent einstrich), und sie ließ sich mit Großmutter, Mutter und älterer Schwester in einer Star-Villa mit 40 Zimmern hofieren wie eine Prinzessin. Dort hatten die vier, wie sie einträchtig versicherten, auch am Mordabend einträchtig am Kaminfeuer gesessen. Zur Abwehr dennoch fortwuchernder Verdächtigungen erklärte die Polizei schließlich in aller Form, daß weder gegen die Mutter noch gegen die Tochter das geringste vorliege.
Offenbar stocherte die Polizei überhaupt nur im Nebel. Die Entdeckung, daß Taylor am Tag nach seiner Ermordung vor Gericht hätte erscheinen sollen, führte nicht weiter, denn der Regisseur hatte dort nur ein gutes Wort für seinen Hausboy einlegen wollen, der in einem städtischen Park auf der Jagd nach Strichjungen erwischt worden war.
So wurde zum Hauptverdächtigen für die Polizei rasch ein ehemaliger Sekretär des Regisseurs namens Edward Sands, der ein paar Monate vor dem Mord mit Wertsachen, Taylors Scheckbuch und dessen Luxus-Kabriolett verschwunden war. Es klang zwar nicht logisch, daß der Dieb zurückgekehrt und zum Mörder geworden sein sollte, denn nichts an den Tatumständen sah nach Raub aus, aber Sands war jedenfalls eine schräge Figur, und überdies hielt sich in Hollywood seltsam hartnäckig das Gerücht, er sei in Wahrheit ein Bruder von Taylor.
Aber was hieß: ein Bruder? Wessen Bruder? Nicht nur die Identität des verdächtigen Sands und der vielleicht trotz allem verdächtigen Mary Miles Minter geriet bei dieser Affäre ins Zwielicht, auch die des Opfers. Der Mann, der sich in Hollywood William Desmond Taylor genannt und unter diesem Namen 1918 auch als Offizier in der britischen Armee gedient hatte, wurde zum nächsten Rätsel, dessen Lösung die Polizei einige Zeit kostete.
Der Mann, so zeigte sich, 1867 als William Deane Tanner in Irland geboren (und also zehn Jahre älter, als man in Hollywood glaubte), hatte ein abenteuerlich sprunghaftes, zerrissenes Leben geführt. Früh war er von zu Hause ausgerissen, weil er nicht, wie sein Vater, Berufsoffizier werden wollte, und in London als Schauspieler aufgetaucht. Der Vater schnappte ihn wieder und schickte ihn zu vormilitärischer Ertüchtigung auf eine Ranch in Kansas, doch etwa zwei Jahre später verschwand der junge Tanner abermals. In den neunziger Jahren kam er als Broadway-Komödiant in New York zu raschem Ruhm und genoß ihn drei Jahre lang, dann war er wieder weg und wurde als Goldgräber in Klondike gesichtet, vielleicht auch in kanadischer Armee-Uniform.
1901 war er zurück in New York, verheiratet mit der Tochter eines wohlhabenden Börsenmaklers und Geschäftsführer eines feinen "English Antique Shop" an der Fifth Avenue - bis er eines Tages im Jahr 1908 das Haus verließ, um sich ein Automobilrennen auf Long Island anzusehen, und nie zurückkam. Seine Frau und seine Tochter sollen ihn erst neun Jahre später wiedergesehen haben - als mexikanischen Banditen "Captain Alvarez" auf einer Kinoleinwand. Da war er längst William Desmond Taylor und ein Star.
Aus welchem Schwarzen Loch dieser Biographie mochte der Mörder aufgetaucht sein? Ein Killer aus Irland? Ein rachsüchtiger Goldrausch-Kumpan aus Alaska? Ein Intimfeind aus New Yorker _(Mit Mutter Charlotte Shelby, Großmutter ) _(und Schwester Margaret. )
Tagen? Die Polizei verfolgte vielerlei Spuren, doch am verdächtigsten blieb der diebische Sekretär Sands, der offenbar doch nicht Taylors Bruder war. Sands wurde bundesweit zur Fahndung ausgeschrieben - und im März 1922, sechs Wochen nach Taylor, in Connecticut tot aufgefunden. Er hatte sich selbst erschossen, vielleicht durch den Haftbefehl in Panik geraten.
Hätte die Polizei damals gewußt, daß Sands tatsächlich Taylor in Erpresserbriefen bedroht hatte, so wäre der Selbstmord wohl als Geständnis gedeutet und die Mordakte Taylor für immer geschlossen worden. Doch die Paramount-Leute hatten am Tatort gut aufgeräumt und hielten ihr Material, auch die Drohbriefe von Sands, eisern unter Verschluß: Nichts sollte das Image des großen toten Regisseurs beschmutzen.
Die Hysterie, die nach dem Taylor-Mord nicht nur bei Paramount, sondern in ganz Hollywood ausbrach, hatte mächtige Gründe. Ein paar Monate zuvor war die Filmkolonie von einem Skandal ohnegleichen erschüttert worden: Der populäre Slapstick-Koloß Fatty Arbuckle, auch er ein Paramount-Star, hatte auf einer Party ein Starlet vergewaltigt und umgebracht, vermutlich mit einer Champagnerflasche. Fatty Arbuckle stand vor Gericht, noch immer Schlagzeilen liefernd, als der Fall Taylor in der Klatschpresse eine neue grelle Drogen-und-Laster-Show entfesselte.
Jene puritanischen Kräfte, die schon die Prohibition durchgesetzt hatten - "Frauenvereine, Kirchenorganisationen und Komitees zur Bekämpfung des Lasters" (Kenneth Anger) -, drohten mit Kino-Boykotts in ganzen Land und forderten, "Hollywood Babylon" ein für allemal auszuräuchern.
Die Filmbranche igelte sich ein und sann panisch auf Abwehr: In aller Eile, wenige Wochen nach Taylors Tod, wurde das "Hays Office" gegründet, jene heuchlerische Selbstzensurinstanz, die dann jahrzehntelang Hollywoods Sauberkeit überwachte, nicht nur auf der Leinwand, auch in den Betten. In den Studios wurde eilig eine schwarze Liste von etwa 120 Filmleuten aufgestellt, die als "Sittlichkeitsrisiko" in der Versenkung verschwinden sollten.
Am Ende hatte die Firma Paramount nicht nur den Verlust eines Regisseurs zu beklagen, auch zwei ihrer schönsten Stars waren durch die Taylor-Affäre für immer kompromittiert. Mabel Normand starb ein paar Jahre später, wohl durch Drogen entkräftet, an Tuberkulose, Mary Miles Minters Vertrag wurde gekündigt, und sie lebte noch bis 1984, ohne je wieder das Rampenlicht zu erblicken.
Der Regisseur King Vidor war am Mordtag nicht in Hollywood. Er hatte in den Schneegebirgen Nordkaliforniens die Schlußszenen eines Melodrams gedreht und saß danach, glücklich durch einen Blizzard eingeschneit, in einer Berghütte fest mit der Filmcrew und mit seiner geliebten Hauptdarstellerin Colleen Moore, einer anderen Inkarnation jenes großäugigen Kindfrau-Typs, der damals so begehrt war.
Als die beiden nach Hollywood zurückkamen, herrschte Skandal-Panik, und die neuen Tugendparolen erschreckten das heimliche Liebespaar: Colleen Moore und King Vidor beschlossen, einander nie wiederzusehen. Vidor wurde zum Hollywood-Patriarchen, den man jahrzehntelang mit allem Respekt "King" nannte; Colleen Moore schaffte durch eine Ehe den Sprung in die Geldwelt der Ostküste. Als die beiden einander doch wiedertrafen, nach mehr als 40 Jahren zufällig auf den Champs-Elysees in Paris, war aus der Stummfilm-Schönen eine erfolgreiche, schwerreiche Börsenexpertin geworden, Teilhaberin der New Yorker Traditionsfirma Merrill Lynch und Finanzberaterin der britischen Queen.
Die Liebe zwischen Colleen und King blühte noch einmal auf, so stark, daß seine (inzwischen dritte) Ehefrau ihm schließlich den Koffer vor die Tür stellte. Colleen und King träumten von der guten alten Zeit, gründeten eine Firma namens "Vid-Mor Productions" und beschlossen, den arroganten Jungs, die inzwischen in Hollywood den Ton angaben, noch einmal zu zeigen, was richtiges Kino ist - mit einem Film über die gute alte Zeit, einem Film über William Desmond Taylors Tod. Alles klang prächtig, nur eines fehlte auch nach 45 Jahren noch: der Mörder.
So machte sich der Kino-Veteran Vidor, inzwischen 72, als Detektiv auf eigene Faust an die Arbeit. Er brauchte fast das ganze Jahr 1967 dazu, doch ein Film ist nie daraus geworden. King Vidor starb 1982, ohne je wieder in einem Hollywood-Atelier Regie geführt zu haben, und jetzt erst hat aus seinem Material - 1500 Manuskriptseiten, Dokumenten
und Notizbüchern - der Filmhistoriker Sidney D. Kirkpatrick ein Buch gemacht, _(Sidney D. Kirkpatrick: "A Cast of ) _(Killers" Verlag E. P. Dutton, New York; ) _(304 Seiten; 17,95 Dollar. )
das die Mord-Affäre von 1922 für die Öffentlichkeit löst.
Erst einmal ging Vidor die Sache an wie ein Detektiv bei Agatha Christie: Er versammelte eine Runde von Prominenten - Gloria Swanson und Groucho Marx, Jennifer Jones, Daniel Selznick, natürlich Colleen Moore und ein paar andere - um eine leckere Tafel und ließ Erinnerungen aufleben. Vidor erfuhr ein bißchen Klatsch - Gloria Swanson, die "Sunset Boulevard"-Heroine, vertraute ihm an, in wessen Bett sie jene Mord-Nacht verbracht hatte -, aber so wenig Greifbares über Taylor-Amouren, daß in ihm der Verdacht aufkam: Der große Frauenliebling hatte in Wahrheit weder mit Mabel noch mit Mary noch mit sonst einer notorischen Hollywood-Lady je eine Affäre gehabt.
Endlich fand Vidor einen Veteranen, der 1922 zum flinken Greifkommando der Paramount gehört hatte. Aus dem jungen Requisiteur von damals war inzwischen ein berühmter Hollywood-Ausstatter mit drei Oscars auf dem Kaminsims geworden, der nun mit der Ironie eines alten Schwulen auf die hektische Geheimniskrämerei zurückschaute. Von ihm erfuhr Vidor die halbe Lösung des Rätsels: Taylor hatte sehr gute Gründe, vor Gericht für seinen Hausboy aussagen zu wollen, denn der treue Diener war nicht aus eigener Lust, sondern für seinen Herrn auf der Jagd nach Strichjungen gewesen. Erstes Ziel der Filmleute im Mordhaus war also die Beseitigung aller Hinweise auf die Homosexualität des Regisseurs: Die Schlüssel zu seiner geheimen Absteige wurden nie gefunden. Doch man begnügte sich nicht mit dem Verwischen von Spuren, sondern produzierte eifrig irreführende neue.
"Arg übertrieben" fand der Star-Dekorateur im Rückblick selbstkritisch den Aufwand, den man mit Damenwäsche aus dem Kostümfundus - etwa dem "MMM"-Nachthemd - getrieben hatte. Aber auch darin steckte Methode: Da der Skandal schon mal am Dampfen war, benutzte ihn die Filmfirma gezielt, um zwei Objekte loszuwerden, die keine Rendite mehr versprachen. Die Skandalnudel Mabel Normand zog an der Kinokasse nicht mehr recht, und Mary Miles Minter hatte sich unter dem Psychoterror ihrer Mutter in ein Häufchen Elend verwandelt, dem vor der Kamera kein engelhaftes Strahlen mehr gelang. Also fütterte Paramount die Presse mit Klatsch über die beiden bis sie so kompromittiert waren, daß man ihre Verträge besten Gewissens aufkündigen konnte: Fort mit Schaden a la Hollywood.
Soviel Zynismus schockierte sogar den alten Profi Vidor. Doch dem Mörder war er damit keine Spur näher gekommen. Er verschaffte sich illegal Zugang zu den Polizeiakten, die noch immer geheim waren, weil der Fall nicht als erledigt galt, und konnte nur feststellen, daß dieses Material unbegreiflich lückenhaft war. Und bei den Kriminalisten von damals, die er noch aufspüren konnte, stieß Vidor auf eine Mauer des Schweigens. Der deutlichste Hinweis, den er einem störrischen alten Detektiv entlockte, hieß: Die Lösung des Falles sei offen zugänglich irgendwo in den Justizarchiven der Stadt zu finden.
Die Lösung war dann tatsächlich einfach: Mary Miles Minter, von der Mutter oft bedroht und eingesperrt, war an jenem Abend ausgerissen und hatte sich dem väterlichen Freund Taylor an den Hals geworfen, die Mutter Charlotte Shelby hatte sie dort überrascht und den vermeintlichen Verführer erschossen - sie wollte ihr Goldstückchen lieber vernichten als verlieren.
Und Justizakten zur Sache gab es tatsächlich zuhauf: Unter ihren wirklichen Namen Juliet Reilly und Lily Pearl Miles - und deshalb von der Öffentlichkeit ganz unbeachtet - hatten die Mitglieder dieser Horror-Familie vom Mordjahr 1922 an 20 Jahre lang, bei annähernd 150 Gerichtsterminen, gegeneinander um Vermögensanteile prozessiert. 1931 etwa ging es um 750000 Dollar, die der Finanzberater und Liebhaber der Mutter veruntreut haben sollte. Doch der legte vor Gericht dar, daß die Mutter selbst das ganze Geld der Tochter verbraucht hatte, zu Bestechungszwecken: Zeugen, Detektive, Reporter waren zum Schweigen zu bringen und vor allem die beiden Polizeichefs, die nacheinander im Fall Taylor zuständig waren, hatten für die Unterdrückung von Aussagen und die Vernichtung von
Beweismaterial Hunderttausende kassiert.
1937 dann zog Marys ältere Schwester Margaret - nach der Befreiung aus einer Nervenklinik, wo die Mutter sie hatte einsperren lassen - gegen Charlotte Shelby vor Gericht: Sie verlangte ein Haus an der Laguna Beach plus 48000 Dollar als Belohnung für ihre Falschaussagen im Fall Taylor. Sie schilderte nicht nur den exakten Tathergang, sondern brachte auch Patronen aus dem Revolver ihrer schießfreudigen Mutter als Beweise bei. Die Klage wurde, nach dem plötzlichen Tod von Margarets Mann, außergerichtlich beigelegt, doch die Zivilkammer leitete das brisante Material an den inzwischen dritten für die Taylor-Affäre zuständigen Polizeichef weiter. Und der hielt es wie seine beiden Vorgänger, er kassierte bei Charlotte Shelby und ließ die Beweise verschwinden: Los Angeles war auch in den dreißiger Jahren eine korrupte Stadt.
Am Ende seiner Reise in Hollywoods dunkle Vergangenheit stand Vidor in einem Backsteinhäuschen in Santa Monica vor einer fetten kleinen Greisin, die da zwischen Souvenirs hauste, auf denen längst dicker Staub lag: Mary Miles Minter. Sie las ihm, offenbar geistesverwirrt, eigene Gedichte vor die sie mit "Charlotte Shelby" unterzeichnet hatte, und beantwortete Fragen nach Taylors Tod weinend nur mit dem Satz: "My mother killed everything I ever loved."
Jene Star-Reporterin der zwanziger Jahre hatte wohl recht, die im Gespräch mit Vidor das Monogramm "MMM" auf dem legendären Seidennachthemd als "Millions, Murder, Misery" deutete.
King Vidor war ein Detailfetischist, der jahrzehntelang alles aufhob, was seine Arbeit betraf, bis zu Wäschereizetteln und Parkhausquittungen. Sein penibel geordneter Nachlaß umfaßte über 75000 Seiten Manuskripte und Briefe, doch das Taylor-Material war nicht dabei. Der Biograph Kirkpatrick mußte systematisch drei weitläufige Vidor Anwesen durchsuchen, bis er nach 23 Tagen in der Garage eines Gästehauses fündig wurde. In einer Stahlkassette hatte Vidor seinen letzten, dunklen Traum von Hollywood begraben.
Beim Durchackern all dieser Dokumente entdeckte Kirkpatrick, daß Vidor vielleicht ganz nebenbei noch einen zweiten Hollywood-Mord aufgeklärt hatte. 1937 war der Regisseur Emmett J. Flynn, 45, in seiner Wohnung erschlagen aufgefunden worden. Ein paar Monate zuvor hatte er, Drohungen der Mutter zum Trotz, Charlotte Shelbys ältere Tochter Margaret geheiratet. Hatte die Furie noch einmal zugeschlagen, um einen Mitwisser wegzuräumen, und auch das Glück ihres anderen Kindes vernichtet? Vidor hielt es für möglich, doch dieser Fall bleibt wohl für immer offen: Laut Totenschein ist Flynn nicht an einem Schlag aufs Hirn, sondern an einer Hirnblutung gestorben.
Mit Mutter Charlotte Shelby, Großmutter und Schwester Margaret. Sidney D. Kirkpatrick: "A Cast of Killers" Verlag E. P. Dutton, New York; 304 Seiten; 17,95 Dollar.
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 14/1987
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