10.08.1987

USA/JAPANEin Sieb

Machen Japaner aus Profitgier die Waffen des Westens stumpf? Die Amerikaner glauben es, sie klagen die Firma Toshiba an. *
Um seinem Freund Ronald Reagan zu gefallen, schlug Japans Premier Yasuhiro Nakasone auf eines der stolzesten Unternehmen des Landes ein. "Toshiba", so der Japaner, "hat nicht nur die nationale Verteidigung geschädigt, sondern auch das Verbrechen eines Verrats am japanischen Volk begangen."
Wehrkraftzersetzung und Volksverrat sahen Nakasone und seine amerikanischen Freunde in einer Werkzeug-Lieferung des Elektronik-Konzerns (Fernsehgeräte, Video, Computer, Kopierapparate, Industrieausstattungen) an die Sowjet-Union. Mit den Toshiba-Maschinen, so Amerikas Vorwurf gegen die Japaner, habe die UdSSR ihre U-Boot-Schrauben so leise gestalten können, daß sie von den üblichen Spähgeräten der Amerikaner nicht mehr zu orten seien.
In der US-Bundeshauptstadt Washington trafen den Elektronik-Giganten Toshiba deshalb noch weit wildere Schläge als im eigenen Land.
Nach einem vom US-Senat mit 92 zu 5 Stimmen verabschiedeten Zusatz zum neuen Handelsgesetz, dessen protektionistischer Inhalt umstritten ist, soll Toshiba für die Dauer von zwei bis fünf Jahren mit seinen sämtlichen Produkten vom US-Markt verbannt werden.
Das japanische Industrie-Management, angewiesen auf den riesigen Binnenmarkt Nordamerikas, war entsetzt. Mit Ergebenheitsadressen versuchte es, den drohenden Flurschaden abzuwenden. Shoichi Saba, Chairman des 121000 Beschäftigte starken Toshiba-Konzerns, und Toshiba-Präsident Sugiichiro Watari traten zurück, obwohl sie sich nicht schuldig fühlten.
Hajime Tamura, Handelsminister Japans, brach in die Vereinigten Staaten auf, um sich für den "Vorfall" zu entschuldigen. Doch der US-Kongreß war nicht beeindruckt. "Ich glaube, er hat kaum einen davon überzeugt", urteilte der demokratische Abgeordnete Don Bonker, "daß Japan seine laxen Export-Kontrollen verschärft."-Amerikas
Verteidigungsplaner argwöhnen schon lange, daß japanische Unternehmen sich um das Technologie-Embargo des Westens, niedergelegt in der sogenannten Cocom-Liste (Coordinating Committee on Multilateral Export Controls), wenig scheren. "Tokio ist ein Sieb", so sagt man im Pentagon. "wenn es um den Schutz geheimer oder sensibler Informationen geht.'
Die Umgehung der Cocom-Liste durch japanische Konzerne ist ein bis in die feinsten Zirkel des Landes verbreitetes Kavaliersdelikt. "Japans Unternehmen", so Takashi Ishihara vom japanischen Komitee für wirtschaftliche Entwicklung, "sind absolut unsensibel gegenüber westlichen Sicherheitsbedingungen - obwohl sie Teil des westlichen Systems sind."
Offen wird in Japan über einen leitenden Angestellten der Tokyo Aircraft Instrument Company geredet, der angeblich 50000 Dollar damit verdiente, daß er Geheimnisse über Turboprop Triebwerke, Flugsteuerung und 16-Bit-Prozessoren an die Sowjet-Union weitergab.
Daß sich bei den Sowjet-U-Booten etwas geändert hat, fiel angeblich vergangenes Jahr einigen amerikanischen Marineleuten auf: Ihre bequeme Ortungsmethode, die laut surrenden sowjetischen Schiffsschrauben zu verfolgen, funktionierte nicht mehr perfekt.
So soll ein US-Unterseeboot von der sowjetischen Konkurrenz bereits geortet worden sein, noch bevor es selber das Sowjet-U-Boot ausgemacht hatte. Der sowjetische U-Boot-Kommandant ließ durch gezielte Unterwasser-Schallwellen grüßen .
Im Pentagon wuchs die Aufregung. Denn seit dem Erscheinen des US-Atom-U-Bootes "Nautilus" vor 33 Jahren hatte sich Amerika auf die technische Überlegenheit seiner Unterwasserschiffe stets verlassen können. Sie wurden zur Grundlage der seegestützten Nuklearabschreckung.
Die neuesten U-Boote der Sowjets, recherchierte das Rüstungsunternehmen Lockheed, aber verbreiten nur noch ein Prozent des Geräusches ihrer zehn Jahre alten Vorgänger - unmöglich, sie mit den bislang gängigen Instrumenten zu orten. Dies, so das Pentagon, verdanke die Sowjet-Union vor allem Toshiba, allerdings auch der staatseigenen norwegischen Rüstungsfirma Kongsberg Vapenfabrikk.
Angeblich seit 1982, nach neuesten Geständnissen von Toshiba-Managern aber schon seit 1974, hatten die beiden Unternehmen Technologie-Embargos und Cocom-Listen vorsätzlich umgangen. Spätestens 1982 lieferte Toshibas 50,8-Prozent-Tochter Toshiba Machine Company die ersten Computergesteuerten Werkzeugmaschinen, mit deren Hilfe die Sowjets angeblich ihre extrem leisen Schiffsschrauben fertigen konnten.
Daß Toshiba dem die Sowjet-Geschäfte 23 Millionen Dollar Gewinn
brachten, schließlich aufflog, verdankt der Konzern dem Landsmann Hitori Kumigai, einem des Russischen mächtigen Angestellten der japanischen Handelsgesellschaft Wako Koeki in Moskau.
Kumigai hatte 1980 bei Gesprächen zwischen Toshiba und sowjetischen Unterhändlern über das Maschinengeschäft in Moskau mit am Tisch gesessen. Seine Firma fungierte als Vermittler solcher Gespräche. Kumigai sah sofort, was geschah, sein Adrenalinwert kletterte: "Ich hasse die Sowjet-Union und das KGB."
Aber erst 1985 faßte Kumigai Mut, dem Cocom in Paris einen Hinweis zu geben. Vorher habe er Angst gehabt: "Wegen meiner Familie und weil ich mein Haus noch abbezahlen mußte."
Der Toshiba-Skandal trifft die amerikanisch-japanischen Beziehungen in einem Tief. Japanische Elektronik- und Auto-Unternehmen sind zum Endkampf um den US-Markt angetreten. Amerikas Handelspolitiker schalten offen auf protektionistische Außenhandelsgesetze um.
Die schweigende Mehrheit im Lande mißbilligt das Einströmen japanischen Kapitals, den Bau japanischer Autofabriken, den Kauf von Wolkenkratzern, Banken und Firmenanteilen. Mißtrauisch beäugen Alteingesessene den zunehmenden Anteil von Asiaten in der Leistungsspitze an Universitäten und Colleges. Unternehmensberater John Diebold warnte vor einem Export amerikanischer Technologie-Bildung von Boston oder Palo Alto nach Tokio.
Manager-Rücktritte, Ministerreisen und Selbstbezichtigungen reichen in dem aufgewühlten Klima kaum noch, die Anti-Japan-Welle in den USA zu bremsen. Dutzende von Toshiba-Verträgen wurden gekündigt, in den Einzelhandelsläden wird Toshiba-Ware boykottiert. Japanische Manager fürchten, bald werde Toshiba für Japan stehen.
Japan, so heißt es im Kongreß, genieße seinen wirtschaftlichen Erfolg nicht zuletzt unter dem Schutz amerikanischer Waffen. Aus reiner Profitgier, so ein Abgeordneter, aber sei es bereit, diese Waffen stumpf zu machen.
Auf horrende Summen zwischen 8 und 60 Milliarden Dollar beziffern Offizielle im Pentagon inzwischen den Schaden, der den USA durch Toshiba zugefügt worden sei: Soviel müsse Amerika ausgeben, um bei der Ortung sowjetischer U-Boote wieder ähnlich erfolgreich zu sein wie bisher.
Auf einem Meeting mit konservativen Abgeordneten beider großer US-Parteien bekam Japans Handelsminister Tamura vor drei Wochen die Rechnung präsentiert: 30 Milliarden Dollar Schadensersatz.

DER SPIEGEL 33/1987
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