10.08.1987

„Wir haben uns blind auf die Ärzte verlassen“

Heidi Schüller über das Gutachten zum Fall Birgit Dressel und die deutsche Sportmedizin Die Ärztin und Journalistin Heidi Schüller war in den 70er Jahren eine erfolgreiche Weitspringerin und Hürdenläuferin. *
Mit der Einstellung des Ermittlungsverfahrens wegen fahrlässiger Tötung gegen Unbekannt durch die Mainzer Staatsanwaltschaft kann der Fall der unter mysteriösen Umständen am 10. April verstorbenen Siebenkämpferin Birgit Dressel nun wirklich nicht ausgestanden sein.
Angesichts der unter Medizinern und Juristen verbreiteten Kunst der vorsichtigen Formulierung ist das Urteil der Gutachter, der Professoren Rainer Mattern und Hans-Joachim Wagner, eine vernichtende Bestandsaufnahme der medizinischen Szenerie im Hochleistungssport.
Daß die Schuldfrage am Tod der 26jährigen Diplomsportlehrerin selbst in einem 120 Seiten umfassenden Gutachten nicht eindeutig zu klären war, kann wegen des Medikamenten- und Behandler-Wirrwarrs nicht überraschen. Doch allein die Presseerklärung des Leitenden Oberstaatsanwaltes Werner Hempler gibt ungeahnte Einblicke in den Morast der pharmakologischen Manipulationen von, mit und an Leistungssportlern.
Schieres Entsetzen, so einer der Gutachter im privaten Kreis, habe ihn gepackt über die Polypragmasie, das Nebeneinander von bis zu 20 Präparaten und die offenkundige Unkenntnis der Ärzte über die pharmakologischen Wirkungen und Interaktionen von großzügig verabreichten Medikamenten. Unverantwortlich in toto, aber dingfest zu machen ist niemand. Kein Wunder, wenn mehrere Ärzte unabhängig voneinander am Patienten herumwursteln.
Verstorben ist Birgit Dressel am zweiten Freitag im April um 22.35 Uhr nach unsäglichen Schmerzen an einem "komplexen toxisch allergischen Geschehen". Welches der der Sportlerin verabreichten Präparate die Schockwirkung auslöste oder ursächlich dafür verantwortlich war, bleibt bei dem Ineinandergreifen verschiedener Substanzen auch der hochtechnisierten Medizin und Biochemie ein Rätsel.
Laut Staatsanwaltschaft litt die Patientin nach Feststellung der Sachverständigen unter anderem an "therapieresistentem Blutdruckabfall, neurologischen Ausfallserscheinungen im Sinne einer aufsteigenden sensiblen Lähmung, an Haut- und Muskelblutungen der lumbalen Rumpfstrecker". Dieses Krankheitsbild läßt mehr vermuten als die Ursächlichkeit von zweimal 2,5 Gramm des krampflösenden Mittels Buscopan compositum, in der akuten Schmerzphase intravenös verabreicht.
- Mattern und Wagner kamen zu der Erkenntnis, das "toxisch allergische Geschehen" sei möglicherweise von anderen Substanzen und Faktoren "mitausgelöst, verstärkt beziehungsweise mitbestimmt worden.
Über eine lange Zeit, heißt es, "wurden Frau Dressel Wirksubstanzen in bedeutenden Mengen sowohl oral als auch durch Spritzen verabreicht. Dabei wurden auch Substanzen zugeführt, die erhebliche Nebenwirkungen und Allergien auslösen können".
Immerhin, das denn doch. Der steile Aufstieg der Leichtathletin vom Universitäts-Sportclub Mainz innerhalb eines Jahres von Platz 33 unter den weltbesten Siebenkämpferinnen auf Rang sechs war zumindest ungewöhnlich.
Die sportärztlich durchgeführte Therapie, urteilen die Gutachter, werde angesichts der "unterschiedlichsten Arten von Kombinationspräparaten und Fremdeiweiß-Applikationen als nicht mehr überschaubar" und in ihren Wirkungen auf den Organismus als "nicht abschätzbar angesehen".
Ob Birgit Dressels Tod zu verhindern gewesen wäre? "Für möglich, aber auch nicht für sicher" halten es die Professoren Mattern und Wagner, daß es den behandelnden Ärzten der Universitätskliniken Mainz hätte gelingen können, "den sich entwickelnden Schockzustand unter Kontrolle zu bringen und das Leben der Patientin zu retten".
Birgit Dressel hatte Pech, niemand muß an einem allergisch toxischen Schock zwangsläufig sterben. Daß sie ihr Schicksal mitverschuldete, weil sie die Mehrfachbehandlung durch verschiedene Ärzte zuließ, stimmt allerdings auch. Bei einer Multitherapie mit unüberschaubaren Wirkungen und Nebenwirkungen, wie sie die ehrgeizige Sportlerin in Kauf nahm, ticken im menschlichen
Körper eine Vielzahl von Zeitbomben.
Namentlich angesprochen wird in der Erklärung der Staatsanwaltschaft niemand, doch ein deutlicher Rüffel geht an die generellen Praktiken der sportmedizinischen Maßnahmen in diesem Fall.
Nur Unverhältnismäßigkeit der Mittel und maßlose Selbstüberschätzung konnten zu derart ausufernden therapeutischen Rundumschlägen verleiten. Die Spritzwut wird nur noch übertroffen von pharmakologischer und immunologischer Inkompetenz.
Hier wird ein Mißverhältnis deutlich zwischen dem idealisierten Bild des Sportmediziners und seiner wahren Qualifikation. Gerade in Zeiten der Doping- und Höchstleistungsdiskussionen im Spitzensport sollten die Athleten von den Ärzten spezielle Kenntnisse über die pharmakologischen Auswirkungen ihrer Therapien erwarten können.
An wen anders als an die Sportmediziner sollen sich die Athleten mit ihren Beschwerden und Wünschen wenden? Sie tun es in dem guten Glauben, Experten für ihre speziellen Fragestellungen vor sich zu haben. Das mag bei Verletzungen ja durchaus zutreffen, doch mit pharmakologischen Detailfragen sind die bundesdeutschen Sportmediziner offensichtlich hoffnungslos überfordert.
Rund 8000 Mitglieder hat der Deutsche Sportärztebund, überwiegend Orthopäden, Internisten und Allgemeinärzte, aber auch Augenärzte, Hautärzte und Gynäkologen. Die Zusatzbezeichnung Sportarzt auf dem Praxisschild darf führen, wer einen Kurs mit 120 Stunden Praxis (darunter Fußball, Skilaufen, Gymnastik) sowie weiteren 120 Stunden Theorie bewältigt hat und von seiner Landesärztekammer zugelassen ist. Qualitätskontrollen erfolgen nicht.
Anders als in der DDR gibt es in der Bundesrepublik keinen eigenständigen Facharzt für Sportmedizin. Den hält Professor Wildor Hollmann, Präsident des Weltverbandes für Sportmedizin und Leiter des Instituts für Kreislaufforschung in Köln, auch nicht für erforderlich. "Eindrittel-Fachärzte", nennt er die bundesdeutschen Sportmediziner, doch mehr Kompetenz mag er offensichtlich auch deren auf 800 limitierten Kollegen in der DDR nicht zugestehen. Die nähmen, so Hollmann, eher organisatorische und supervisionelle Aufgaben wahr als die Arbeit am Athleten und verstünden "von viel wenig".
Offenbar beherrschen sie die Materie aber doch so, daß ein vergleichbarer Fall bislang nicht bekannt wurde.
Als Sportmediziner gilt hierzulande auch, zumindest in einigen Bundesländern, wer gegen eine Gebühr von 3000 Mark beim pensionierten Orthopädie-Professor Hanns Schoberth im Ostseebad Damp 2000 einen vierwöchigen Kompakt-Kurs absolviert hat. Acht Stunden pro Tag wird den Teilnehmern eine ihnen fremde Materie vorgesetzt, am meisten profitiert wohl Veranstalter Schoberth, zu Zeiten des Bundestrainers Helmut Schön werbewirksam medizinischer Betreuer der Fußball-Nationalelf. Insider schätzen seinen jährlichen Reingewinn auf rund 100000 Mark.
Von profunden pharmakologischen und immunologischen Kenntnissen bleiben die Kursteilnehmer weitgehend verschont. Dabei ist die Behandlung von Spitzensportlern längst ein medizinischpsychologischer Eiertanz. Unter Ärzten gelten die empfindsamen Cracks als Super-PPs, Superprivatpatienten, deren Schmerzen und Verletzungen möglichst sofort behoben werden müssen.
Die Präsenzpflicht des Arztes erstreckt sich über 24 Stunden, am besten auch auf Wettkampfreisen und im Trainingslager, die Psyche will gestreichelt und alle leistungsfördernden Mittel sollen eingesetzt werden - natürlich unter Berücksichtigung der offiziellen Doping-Bestimmungen, zumindest während der Kontrollzeiten wie bei nationalen oder internationalen Titelkämpfen.
Das ist das Umfeld, in dem ein Mann wie Professor Armin Klümper, Röntgenfacharzt aus Freiburg, zum erklärten Liebling seiner Sportlergemeinde aufsteigen konnte. Auch Birgit Dressel gehörte zu seinem Patientenkreis, der sich wie ein Gotha des bundesdeutschen Spitzensports liest.
Mit landärztlicher Aufopferungsbereitschaft und einer überaus großzügigen Therapie ist Klümper seinen Athleten stets zu Diensten.
"Wir haben uns bisher immer blind auf unsere Ärzte verlassen", sagt Ilse Bechthold, die Vizepräsidentin des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). Jetzt sei sie allerdings zu der Erkenntnis gekommen, daß "wir weniger Orthopäden und dafür mehr pharmakologisch ausgerichtete Internisten bei der Betreuung von Spitzensportlern brauchen" .
Auch Eberhard Munzert, DLV-Präsident und Staatssekretär im nordrheinwestfälischen Innenministerium, ist durch das Dressel-Gutachten aufgeschreckt worden. An einer offenen Diskussion, so Munzert, und einer klaren Begriffsdefinition der Substitution, dem Ersatz wesentlicher körpereigener Stoffe, gehe kein Weg vorbei. Zur Zeit würden "da ja wohl noch Orgien gefeiert".
Was keineswegs auf Spitzensportler beschränkt ist. Selbst bei Massenveranstaltungen wie Stadtmarathons wird geschluckt und gespritzt, vornehmlich von älteren Teilnehmern. "Je oller, je doller", hat Munzert beobachtet.
Das Ausmaß des Medikamentenmißbrauchs im Sport weist eindeutige Kriterien der Suchtszene auf: Mangel an Selbstvertrauen und Eigenverantwortung, Kurzsichtigkeit und Abhängigkeit, Sucht nach Erfolg, nicht unbedingt nach Drogen im klassischen Sinne.
Anders ist das gescheiterte Experiment nicht zu interpretieren, für Athleten einen Medikamentenpaß einzuführen. Darin sollte exakt aufgeführt werden, welche Medikamente dem jeweiligen Sportler verabreicht wurden.
Doch, so Ilse Bechthold, "die Pässe, die wir an die Athleten geschickt haben, kamen alle jungfräulich zurück".
Das deutet auf eine verhängnisvolle Kumpanei zwischen Arzt und Athlet hin, auch Trainer haben ein systemimmanentes Interesse an Höchstleistungen ihrer Stars. Siege, Titel, womöglich gar Rekorde bringen Prämien und hochdotierte Verträge. Daß die Praxis eines Arztes, der im Sog eines prominenten Patienten aus dem Bereich Spitzensport in die Medien gelangte, fortan schlechter lief als zuvor, ist bislang auch nicht bekannt.
Seit Birgit Dressels Tod, so der Dreispringer Peter Bouschen, tendierten zunehmend mehr Athleten zu Klümper, "um auf der sicheren Seite zu sein".
Da ist wohl noch einiges an Aufklärungsarbeit zu leisten. _(Mit Erste-Hilfe-Koffer. )
Mit Erste-Hilfe-Koffer.
Von Heidi Schüller

DER SPIEGEL 33/1987
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