02.11.1987

Schimmi im Tanga

Johannes Mario Simmel schreibt schon seit Monaten; Martin Walser denkt noch nach: Der „Tatort“ wird mit Literaten-Hilfe aufgefrischt. *
Es fängt an wie im richtigen Leben: Eine Leiche wird gefunden, ein Mann, prominent wie der Bundeskanzler. Es gibt keinen Abschiedsbrief, kaum Spuren, nur vage Hinweise auf Hintermänner. War es ein Racheakt, ein Eifersuchtsdrama oder eine Verzweiflungstat? Mord oder Selbstmord - die Polizei rätselt über einen mysteriösen Fall.
Klar ist derzeit nur der Name des Toten: Robert Hollander. Ob er Politiker, Gewerkschafter oder Industrieboß ist, steht noch nicht fest. Nur einer weiß alles über diesen Fall: Bestseller-Autor Johannes Mario Simmel, 63, der Robert Hollanders tragisches Ende für die ARD-Krimi-Serie "Tatort" erfunden hat.
Seit Anfang des Jahres arbeitet Simmel im Auftrag des Norddeutschen Rundfunks (NDR) an dem "Tatort"-Drehbuch. Ähnlichkeiten mit einem anderen Toten sind mithin rein zufällig: "Da kannte ich Barschel noch gar nicht." Jetzt hat die Wirklichkeit Simmel eingeholt, und nun will er "von Barschel wegschreiben. Ich bin doch kein Leichenfledderer".
Als "Tatort"-Autor wird Simmel, wie zwei andere Literaten, sich erstmals in diesem Fach üben: Auch von Martin Walser, 60, und dem DDR-Autor Erich Loest, 61, erhofft sich NDR-Dramaturg Matthias Esche, daß sie der Marathon-Serie des Ersten mit spannenden Geschichten zu neuem Schub verhelfen.
Dramaturg Esche hat das ewige Genörgel um den Krimi-Oldie satt. "Unklare Konzeption, dilettantische Regie und verworrene Handlungen" beklagte die "Welt am Sonntag"; andere Kritiker murrten über "konfuse" Storys: "Wer kurz Bier holen ging, hat den Faden verloren."
Aber vor allem "Tatort"-Macher selber attackierten ihr Produkt. Wegen "immer schlechterer Drehbücher" stieg Hansjörg Felmy, 56, der flotte Kommissar Haferkamp, nach 20 TV-Einsätzen 1980 aus der Serie aus - so oft wie er hat keiner in der ARD ermitteln dürfen.
Felmys Stuttgarter Kollege Werner Schumacher, 66, der schwäbisch-spießige Kommissar Lutz, quittierte nach 16 TV-Einsätzen seinen Dienst. Er wollte nicht endgültig "als Ganovenjäger abgestempelt" werden, übernahm am Theater "reizvollere Aufgaben" - als Hauptmann im "Woyzeck".
Enttäuscht gab auch das Münchner Kripo-Original Veigl alias Gustl Bayrhammer, 65, mit seinem Spürdackel Oswald die Dienstmarke ab: "Die Linie von einst ist verloren, die Stoffe sind ausgegangen."
"Tatort"-Autor Wolfgang Graetz kanzelte den Regisseur Dietrich Haugk nach gemeinsam produziertem "Tod auf Eis" als "Knallchargen-Dompteur" ab. Haugk: Ohne Nachbessern sei die Story "gar nicht zu verstehen" gewesen.
Vor zwei Wochen schlug Choleriker Schimanski, Götz George, 49, kräftig nach: Mit "Mittelmäßigkeit" und "miserablen Drehbüchern" müsse er sich herumplagen, die selbst er "nicht bis zur Gänze" kapiere.
Der "Tatort" hat inzwischen jene Patina angesetzt, die beim Start, im Jahre 1970, dem Vorgänger vom Konkurrenzkanal anhaftete.
Acht Schnüffler der verschiedenen ARD-Anstalten traten an, um ein TV-Monument vom Sockel zu stürzen: Erik Ode, den ZDF-, Kommissar". Hart aber gerecht hatte sich der kleine, joviale Mann - Inkarnation deutschen Biedersinns und Beamtentums - im tapferen Einsatz gegen Gewalt und Ganoven an die Spitze der Fernsehlieblinge gefahndet.
Wenn der brave Hutträger mit seinen dümmlichen Assistenten Fritz Wepper und Reinhard Glemnitz im blitzblank gewienerten Dienst-BMW der Spitzenklasse vorfuhr, wußten die Deutschen, daß Freitag war.
Gegen den Mainzer Biedermann setzten die Programmacher vom Ersten lebendigere und aktuellere Geschichten, viel Lokalkolorit und einen Tupfer Sozialkritik. Daß die "Tatort"-Polizisten den "Kommissar" vier Jahre nach dem Start abgehängt hatten, lag aber vor allem an knorrigen Krimi-Persönlichkeiten
wie dem Hamburger Muffelkopp Trimmel (Walter Richter), dem Kölner Zoll-Schlawiner Kressin (Sieghardt Rupp) und dem drögen Kieler Schlitzohr Finke - Klaus Schwarzkopf war einfach der bessere Ode.
Wenn im Dezember zum 200. Mal die "Tatort"-Erkennungsmelodie von Klaus Doldinger ertönt und der Komparse Horst Letten seine Augen im Fadenkreuz verbirgt, um dann davonzulaufen, haben insgesamt über drei Milliarden Zuschauer, rund 20 Millionen pro Folge, 46 verschiedene Kommissare und 135 Wiederholungen gesehen. Zum Jubiläum gibt's einen Luxus-"Tatort": den Kino-Schimanski "Zahn um Zahn".
Einschaltquoten wie aus den Gründerzeiten der Sendung- Rekordhalter ist die 1974 ausgestrahlte Folge "Nachtfrost" mit 76 Prozent - sind nicht mehr drin.
Der "Tatort" hält gerade noch dem Schmalz made in Dallas oder Denver, oder den ZDF-Serien "Derrick" und "Der Alte" stand: Im Schnitt liegt die Fernsehbeteiligung bei 50 Prozent. Die Halbgötter aus dem Glottertal (bis zu 64 Prozent) hängen mit ihrer ZDF"Schwarzwaldklinik" die ARD-Fahnder ab.
Gegen die Routine-Tragödien aus der Vorstadt-Villa haben etwa klassische angelsächsische Krimi-Sujets, wie der Politthriller, bislang keine Chance. Anregungen des Hamburger Thalia-Theater-Chefs Jürgen Flimm, der gern "Allein gegen Flick" oder "Auf den Straßen der Neuen Heimat" sehen möchte, blieben unerhört - die öffentlich-rechtlichen Planer hielten den bundesdeutschen Alltagssumpf nicht für unterhaltsam genug.
In der "Tatort"-Inszenierung "Spuk aus der Eiszeit" wagt sich nun der ostwestdeutsche Autor Loest immerhin an deutsch-deutsche Vergangenheitsbewältigung heran. Sein Held Hartmut Menkhaus, während des kalten Krieges für elf Jahre ins DDR-Zuchthaus Bautzen verschleppt, trifft nach fast 30 Jahren seine einstigen Entführer an den Hamburger Landungsbrücken wieder.
"Ich mußte was schreiben, was mit meinen Erfahrungen zu tun hat", erklärt Loest, der selbst in Bautzen eingesessen hat. Ohne Mord wäre dem jetzigen Bundesbürger, der nach seiner Knastzeit zunächst Kriminalromane schrieb, die "Tatort"-Story "zwar lieber gewesen". Aber die geforderte Leiche am Anfang "war ein Zugeständnis, das ich dulden kann".
Darauf wird sich wohl auch Martin Walser einlassen, der in seinen Romanen sonst ungern morden läßt. Für seine Mitarbeit stellte der Schriftsteller eine Bedingung: Die Handlung müsse am Bodensee spielen, in Walsers Heimatort Überlingen. Vom Inhalt verrät Walser noch nichts, nur daß es "nicht die übliche Beziehungstat" wird und daß der Fall sich "im Kleinbürgermilieu" abspielt.
Als Held kam für Walser - wie auch für Simmel und Loest - nur ein bestimmter "Tatort"-Kommissar in Frage: Manfred Krug in der Rolle des Fahnders Stoever, der bislang nur im NDR-Revier tätig ist. Den Umschwärmten wundert die Zuneigung gar nicht. Krug: "Ich bin eben ein guter Schauspieler."
Der selbstbewußte Küsten-Columbo und sein Kollege Brockmüller (Charles Brauer), beide vom Typ gestandener Mann, ermitteln in der Elbe-Stadt seit drei Jahren. DDR-Aussiedler Krug hat in der Vorabendserie "Liebling, Kreuzberg" - Autor: Krug-Freund Jurek Becker - mit Literaten schon beste Drehbucherfahrungen gemacht. Für seinen Erfolg als "Tatort"-Bulle hat der Zwei-Zentner-Mann eine gute Erklärung: "Das Charakteristische am Stoever, das bin ich."
Daß auch Krug noch besser zur Geltung kommt, wenn die Handlung um ihn herum etwas hergibt, zeigt die "Tatort"-Folge am kommenden Sonntag: In "Voll auf Haß", von Bernd Schadewald nach einem authentischen Kriminalfall in Hamburg geschrieben, gerät der bedächtige Glatzkopf zwischen die Fronten von ausländerfeindlichen Skinheads und jungen Türken.
"Tatort"-Star Schimanski hingegen ist für Drehbuch-Experimente nach NDR-Vorbild zu festgelegt auf die Ran-Rauf-, Rüberrolle. Solange der Ruhr"Tatort" um so besser läuft, je größer Schimmis Bizeps und je kleiner seine Tanga-Höschen sind, sieht WDR-Fernsehspielleiter Gunther Witte nicht, "wie Walser oder Simmel an Schimanski was verbessern könnten".
Witte setzt auf Krimi-fremde Regisseure, wie den Münchner Theodor Kotulla, unter dessen Regie Götz George den Auschwitz-Kommandanten Höß spielte, bevor er 1981 als Schimanski antrat. Neuestes Gemeinschaftsprodukt: "Einzelhaft", geplant als "Tatort"-Folge im August 1988.
Konkurrenz bekommen die Machos aus Hamburg und Duisburg demnächst durch einen Saarbrücker Sanftling. Jochen Senf, Hörspieldramaturg, Kindertheater-Macher und ein Faktotum der Saarbrücker Kneipenszene, spielt unter dem einstigen Kino-Kritiker und jetzigen Regisseur Hans-Christoph Blumenberg ("Der Sommer des Samurai") seine erste Fernsehrolle als Kommissar Max Palu (sprich: Palü).
Der Sohn eines ehemaligen saarländischen Finanzministers stellt mehr einen Flaneur als einen Fahnder dar. Palu liest gern, kocht gern, lebt gern und läßt auch schon mal den Dienstausweis liegen. Von der Nutte bis zum Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine kennt er einfach jeden, und wenn es nach Regisseur Blumenberg geht, soll er dem Sozialdemokraten im Film auch mal begegnen. Der Dialog ist schon geschrieben: "Salü Oskar", "Salü Palu".

DER SPIEGEL 45/1987
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