25.05.1987

PETERSBERGAlles Schutt

Heimlich haben die Bauherren der Bundesregierung ganze Arbeit geleistet: Das Hotel Petersberg, künftiges Gästehaus, ist abgerissen. *
Jedesmal, wenn Franz Möller, der Vorsitzende des Bundestags-Bauausschusses, von Bonn aus auf den nahegelegenen Petersberg blickt, macht er sich Sorgen. Das berühmte "Hotel Petersberg", das zum Gästehaus der Regierung umgebaut werden soll, fällt nach und nach der Spitzhacke zum Opfer.
Jahrelang hatte Möller, christdemokratischer Landrat des Bonn umschließenden Rhein-Sieg-Kreises, seine Fraktionskollegen bekniet die ungenutzten Gebäude des Hotels auf dem Petersberg nicht verfallen zu lassen, es handele sich schließlich um ein "geschichtsträchtiges Haus" der Bundesrepublik.
Vom Petersberg aus hatten nach dem Kriege die Hohen Kommissare den westlichen Teil Deutschlands autoritär regiert. "Monte Veto" hieß der Petersberg damals im Volksmund. Konrad Adenauer war der erste Deutsche, der sich widersetzte. Als er im September 1949 sein Kabinett vorstellte und das Besatzungsstatut entgegennahm, betrat er gegen den ausdrücklichen Wunsch des alliierten Protokolls den Hotelteppich, um Gleichberechtigung zu demonstrieren.
Zwei Monate später wurde das "Petersberg-Abkommen" geschlossen; die
Alliierten beendeten die Demontage, der junge westdeutsche Staat sicherte sich erste Souveränitätsrechte.
Nach Gründung der Bundesrepublik logierten in dem Hotel berühmte Staatsgäste: Königin Elizabeth II. und Charles de Gaulle, der Schah von Persien und Kaiserin Soraya, das thailändische Königspaar Bhumibol und Sirikit sowie 1973 - als vorläufig letzter - der sowjetische Parteichef Leonid Breschnew.
1985 endlich erhörte der Haushaltsausschuß des Bundestages das Flehen des Landrats und stimmte mit strengen Auflagen den Bauplänen der Regierung zu. Doch die Freude der Bonner währte nicht lange. Die Bauarbeiter leisteten ganze Arbeit.
"Ich habe jetzt den Eindruck", schrieb Möller vor vier Wochen an Bundesbauminister Oscar Schneider (CSU), "daß nicht mehr viel vom Hotel Petersberg in seiner traditionellen Form übriggeblieben ist."
Schneider beruhigte den Koalitionsfreund. Zwar habe, wegen der "überaus schlechten Bausubstanz", weit mehr abgerissen werden müssen als geplant, doch seien die historischen Mauern mitnichten verloren. Die Bundesbaudirektion habe versichert, daß die "Mauerwerksteile abschnittsweise abgetragen und auf neuen Fundamenten wiedererrichtet" würden.
Am gleichen Tag jedoch fragte der Präsident der Bundesbaudirektion, Fritz Sitte, seinen Bauleiter Schlieper ganz nebenbei, was denn eigentlich "mit dem Zeug" geschehe. Schlieper schaute Sitte verständnislos an: "Das wird weggefahren. Das ist doch alles Schutt."
Es ist geschafft: Eine "historische Stätte" (Schneider) wird so lange mit Baggern und Spitzhacken saniert, bis sie still aus der Denkmalliste gestrichen werden muß.
1984 hatte die Bundesbauverwaltung noch versprochen: "Die vorhandene Gebäudegruppe wird im wesentlichen erhalten." Als erste Kritik am Abriß laut wurde, versicherte Schneider, "zwei Drittel der äußeren Bausubstanz" blieben stehen. Jetzt ist das "Symbol der Nachkriegszeit" (Möller) bis auf einige Fundamente verschwunden. Was an neuem Leben aus den Ruinen blühen soll, ist, so der rheinische Landeskonservator Udo Mainzer, die "mit einigen echten Versatzstücken versehene Kopie eines Denkmals".
Und diese Kopie wird teuer. Statt 60 Millionen, wie Ende der 70er Jahre einmal gedacht, werden die Baukosten jetzt auf 103 bis 110 Millionen Mark geschätzt - selbst das wird nicht reichen. Die Kostenvoranschläge für die Inneneinrichtung (aktueller Stand: 10,5 Millionen Mark), für Ver- und Entsorgung (etwa 2,7 Millionen pro Jahr), die Bewirtung der Gäste (eine Million pro Jahr) werden Jahr für Jahr nach oben korrigiert.
Die Zusagen der Bauherren an den Bundestag dagegen gingen peu a peu verloren: Die Aufträge bekamen nicht kleine Betriebe aus der Umgebung, wie versprochen. Hauptunternehmer ist der Bau-Multi Philipp Holzmann. Außenminister Hans-Dietrich Genscher denkt entgegen früherer Zusagen nicht mehr daran, sein eigenes Gästehaus auf dem Bonner Venusberg aufzugeben, um das aufwendige Prunkstück am Petersberg besser auszulasten.
"Prinzipiell" steht das Auswärtige Amt zwar noch zu seiner Versicherung, an staatsbesuchsfreien Tagen könnten auch Privatleute die elf Suiten und 45 Zimmer des Gästehauses bewohnen, unterderhand aber ist die Angelegenheit längst anders entschieden. Ein internes Papier zur Bewirtschaftung des Prunkbaus geht vom "ausschließlichen Belegungsrecht des Bundes" aus.
Wohnungsbauminister Schneider dämmert inzwischen, daß das Gästehaus auf dem Petersberg wohl nicht das erhoffte Ruhmesmal seiner Amtszeit werden wird. Denn das meiste von dem, was er den Parlamentariern treuherzig vorgetragen hatte, gilt heute nicht mehr. Schneider hat deshalb schon einen Schuldigen ausgemacht: den Präsidenten der Bundesbaudirektion. Sitte aber versteht "das ganze Theater" nicht. Seine Leute hätten ein Haus abgerissen, das "zum Teil sehr billig, sehr mies gebaut" war - zur Restauration nicht geeignet. Das habe man erst während der Bauarbeiten gemerkt. Das berühmte Hotel sei 1912 "schwarz gebaut worden, ohne Baugenehmigung" und nachträglich "verpfuscht".
Glanzzeit des Hotels mit dem einzigartigen Weitblick über das Rheintal, das Ferdinand Mülhens zwischen 1912 und _(Bei der Vorstellung des ersten ) _(Bundeskabinetts am 21. September 1949. ) _(Andre Francois-Poncet gratuliert ) _(Adenauer, links John McCloy, Brian ) _(Robertson (4. v. l.), rechts die ) _(Minister Blücher. Schäffer, Erhard. )
1914 in neubarocker Form mit Jugendstilelementen errichten ließ, war die Zeit zwischen 1920 und 1940; hier wohnten und tafelten Reiche und Neureiche, später genossen Nazi-Größen wie Hermann Göring und Joseph Goebbels die Aussicht.
Erster Staatsgast war 1938 der britische Premierminister Neville Chamberlain, der mit Adolf Hitler in Bad Godesberg über die Sudetenkrise und die Zukunft der Tschechoslowakei verhandelte, Hitler selbst wohnte im gegenüberliegenden "Rhein-Hotel Dreesen", das Hotel auf dem Petersberg war ihm "zu französisch".
Sittes jüngste Ausreden über den Totalabriß des historischen Hotels überzeugen mittlerweile weder Minister noch Abgeordnete. Entweder wußten die Bundesbauleute von Anfang an um den Zustand des Hauses, mochten es aber nicht eingestehen. Schließlich hatte der nordrhein-westfälische Wohnungsbauminister Christoph Zöpel (SPD), der den Bau genehmigen muß, den Bonnern geschrieben, er könne "eine Erlaubnis zum Totalabbruch keinesfalls in Aussicht stellen".
Oder aber die Bauexperten des Bundes haben tatsächlich erst während der Arbeiten gemerkt, daß Fundamente fehlten und Mauern nicht mehr trugen. Dann hätten sie allerdings schludrig geprüft. Der Bund hat 1979 immerhin 17,36 Millionen für das Hotel und eine Million Mark für Nebenkosten gezahlt - für eine Ruine im Wald wohl zuviel. Und wofür dann bis 1984 rund 3,4 Millionen Mark als "Planungskosten" an Architekten und Ingenieure gezahlt wurden, leuchtet Kritikern auch nicht ein.
Das Petersberg-Grundstück allein, ein Wald im Landschaftsschutzgebiet, taxierten Fachleute vor Jahren auf zwei Millionen Mark. Etwa soviel, erinnern sich Eingeweihte, wollten die Erben der Kölner Mülhens-Sippe ("4711") ursprünglich auch dafür haben, als der Unterhalt des Prunkbaus ihre Kräfte überstieg; sie fanden aber keinen Kaufinteressenten.
1969 schlossen die Besitzer die Türen ab und versuchten fortan, das teure Hotel loszuwerden; das Inventar wurde später versteigert. Nach dem Besuch Breschnews - das Hotel war noch einmal renoviert worden - ließ sich die Bundesregierung schließlich mit dem Argument ködern, die DDR und auch arabische Ölscheichs hätten weit mehr als 25 Millionen Mark geboten.
Der Haushaltsausschuß des Bundestages stimmte dem Erwerb schließlich zu, weil die Gebäude auch praktisch nutzbar schienen. Nur eine unbedeutende Remise und ein Ausbau würden abgerissen, so damals die Planung, ansonsten müsse das ehemalige Hotel nur "hergerichtet beziehungsweise ergänzt werden".
Seitdem ist der Prunkbau zur unbrauchbaren Bruchbude verkommen, und auch das Grundstück lief während der Jahre ein. Bis 1984 hieß es noch, der Bund habe 107 Hektar Umland gekauft. Nun stehen nur noch 103 Hektar in den Plänen.
Die fehlenden vier Hektar hatte - kurz vor Vertragsabschluß zwischen dem Bund und den Vorbesitzern - plötzlich ein Mitglied des Eigner-Clans als Preis für seine Zustimmung zum Handel verlangt und bekommen. Die Zahlen wurden erst später - klammheimlich - in den Plänen revidiert.
Daß auf dem Petersberg noch weit mehr als das vertuscht wird, argwöhnt die Gewerkschaft Bau-Steine-Erden. Sie wollte sich mit einem Info-Wagen den Arbeitern einmal pro Woche mit Rat und Rechtsauskünften präsentieren.
"Nötig wär''s", argumentierte der Bonner Bau-Gewerkschaftsmann Klaus Wiesehügel; er wisse von "windigen Subunternehmern", von "Arbeit auf Probe" und illegaler Leiharbeit. Doch das Schneider-Ministerium lehnte ab.
Auch der Chef der Bundesbaudirektion widersprach der Gewerkschaftsbitte. Illegale Leiharbeit auf dem Petersberg, so Sittes Argument, könne es gar nicht geben. Die Firma Philipp Holzmann habe ihm am 8. Mai schriftlich mitgeteilt, daß "alle Firmen, die als Nachunternehmer tätig sind, im Handelsregister oder in der Handwerksrolle eingetragen sind".
Auf dem Petersberg läuft alles nach Plan. _(Oben: nach ihren Gesprächen über die ) _(Tschechoslowakei am 23. September 1938; ) _(unten: Empfang des thailändischen ) _(Königspaares für den Bundespräsidenten ) _(am 28. Juli 1960. )
Bei der Vorstellung des ersten Bundeskabinetts am 21. September 1949. Andre Francois-Poncet gratuliert Adenauer, links John McCloy, Brian Robertson (4. v. l.), rechts die Minister Blücher. Schäffer, Erhard. Oben: nach ihren Gesprächen über die Tschechoslowakei am 23. September 1938; unten: Empfang des thailändischen Königspaares für den Bundespräsidenten am 28. Juli 1960.

DER SPIEGEL 22/1987
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